Von der Politik zur Religion? Die Kreuzzüge der Könige im Hochmittelalter


Essay, 2013
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Von der Politik zur Religion? Die Kreuzzüge der Könige im Hochmittelalter

Laut der Säkularisierungsthese ist die Religion im Zuge fortschreitender Modernisierung über die Jahre einem zwangsläufigen Bedeutungsschwund unterworfen, der religiöse Motive im Handeln und Denken der Menschen durch solche „rationaler“, also politischer und individualisierter Natur ablöst. Jedoch scheint es bei oberflächlicher Betrachtung in der Geschichte wiederholt der Fall gewesen zu sein, dass sich eine verstärkte Hinwendung zur Religion ergibt, obschon zuvor die Politik als einflussreichere Entität aufgetreten ist. So soll sich König Ludwig IX. von Frankreich aus reiner Gottesliebe und religiösem Pflichtbewusstsein auf die Kreuzfahrten ins Heilige Land begeben haben, wohingegen die anderen großen Herrscher seiner Epoche, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa über König Richard I. Löwenherz bis zu Kaiser Friedrich II., in ihrem Kreuzzugsengagement angeblich von rein politischen Überlegungen geleitet agierten. Diese Arbeit wird aufzeigen, dass eine solch grobe Einteilung der Motivlagen nicht zutrifft und anhand des zu untersuchenden Themas weder eine Be- noch eine Widerlegung der Säkularisierungsthese erfolgen kann. Bereits am Beispiel Kaiser Friedrich Barbarossas wird die Ambivalenz der Beweggründe zur Teilnahme an Kreuzzügen sichtbar. Erst nachdem er sich vergewissert hatte, mit dem Aufbruch in die Levante das Gefallen seiner Untertanen zu erregen, verpflichtete er sich im Jahr 1188 öffentlich zur Befreiung Jerusalems (Asbridge 2010, S. 412). Dieser Umstand, der den Kaiser als geübten Taktierer kennzeichnet, lässt auf zumindest nicht rein religiöse Intentionen schließen. Tatsächlich hätten ihn ein erfolgreicher Kreuzzug und die Befreiung des Heiligen Landes von den Muslimen zur dominierenden politischen Figur Europas gemacht (Mayer 1995, S. 128). Zudem hätte ein solcher militärischer Sieg gewiss die Besänftigung des Papsttums in Fragen heimischer Politik zur Folge gehabt (Wolff/Hazard 1969, S. 88); zuvor war der Heilige Vater den imperialen Plänen Barbarossas wiederholt in die Quere gekommen. Es ist sogar anzunehmen, dass Barbarossa, als er dem Aufruf des Papstes nachkam, einzig einen „heroischen Höhepunkt“ zu seinem langen Leben als Herrscher vor Augen hatte; dass er möglicherweise nicht mehr lebend heimkehren würde war ihm durchaus bewusst (Wolff/Hazard 1969, S. 90). Politische Opponenten wusste der Kaiser unschädlich zu machen, indem er sie entweder zur Kreuzzugsteilnahme aufforderte oder mit Exil für die Dauer seines eigenen Aufenthalts drohte, wie er es 1189 mit Heinrich dem Löwen tat (Hechelhammer 2004, S. 41). All dieses pragmatischen Kalküls zum Trotz muss zumindest die Möglichkeit berücksichtigt werden, dass auch ein Machtmensch wie Barbarossa als Kind einer zutiefst religiösen Epoche ebenfalls fromme Regungen empfand und um sein Seelenheil besorgt war; so könnte es sich beim Antritt zur Kreuzfahrt um eine Art „bewusster Jenseitsvorsorge“ gehandelt haben (Laudage 2009, S. 319). Tatsächlich wird ein solcher religiöser Impetus in der aktuellen Forschung teilweise sogar als zentrales Handlungsmotiv bewertet (ebd., S. 320). Barbarossa habe sich als einen Kämpfer für die Herrschaft Gottes gesehen, „dem der Heidenkampf und der Gewinn des persönlichen Seelenheils wichtiger sein mussten als das politische Tagesgeschäft“ (ebd., S. 331). Wahrscheinlicher ist jedoch eine Amalgamierung unterschiedlicher Beweggründe. Der Kreuzzug diente Barbarossa durchaus als Mittel, seinen Pflichten als höchster Herrscher der christlichen Welt und Schutzherr Jerusalems nachzukommen sowie sein Seelenheil zu schützen, jedoch gleichfalls als Mittel des Prestiges und der Befriedung des Reichs (Görich 2011, S. 547f.). Barbarossas Ertrinkungstod auf seinem Zug ins Heilige Land trug wohl erheblich zur Verschmelzung der Kaiseridee mit dem Kreuzzugsgedanken bei (Hechelhammer 2004, S. 34), ein Erbe, dem sich Jahrzehnte später sein Enkel Friedrich II. stellen würde. In der Forschung herrscht weitgehend Konsens darüber, dass das Kreuzzugsgelübde Friedrichs II. von politischen Überlegungen getragen war. Insbesondere unter älteren Historikern überwog noch die Ansicht, Friedrich habe dieser Schritt als Machtdemonstration gegenüber Papst Innozenz III. gedient, dem er sich auf diesem Weg als oberster Führer der Christenheit darstellen wollte. Inzwischen gilt ein derartiges Gegeneinander von Papst und Kaiser jedoch als widerlegt (vgl. Hechelhammer 2004, S. 26f.). Mit seiner Kreuznahme trat Friedrich II. in die Tradition nicht nur seines Großvaters Barbarossa, sondern auch seiner deutsch-römischen Amtsvorgänger, insbesondere Karls des Großen ein. Somit ist Friedrichs II. Kreuznahme als Memorialhandlung zu verstehen; mehr noch, da seit seinem Großvater die Gelübde weiterer in die Levante gezogenen Verwandten unerfüllt blieben. Die Interessen, die er mit seinem Orientzug anstrebte, waren also auch persönlicher Natur. Obschon das Papsttum ihn als unchristlich verachtete und er aufgrund seiner Verhandlungen mit den Muslimen im Heiligen Land als Verräter galt, war er dennoch kein gänzlich unreligiöser Herrscher. So mag sein Gelöbnis zur Teilnahme am Kreuzzug aus Dankbarkeit an Gott für die Gewinnung der deutschen Krone abgelegt worden sein (Wolff/Hazard 1969, S. 431). Ein gewisser religiöser Eifer drückte sich zudem in Friedrichs II. bevorzugten Behandlung aus, die er dem Heiligen Kreuz geweihten Kirchen und Klöstern zuteil werden ließ. Überdies ließ er das Heilige Grab im italienischen Foggia nachbilden (Hechelhammer 2004, S. 38). Andererseits dürfte ihm seine Pflicht gegenüber Gott und der Kirche auch nicht allzu schwer auf dem Herzen gelastet haben; immerhin schob er den Antritt zum Kreuzzug mehrere Jahre vor sich her, was Papst Honorius, der trotz oder gerade wegen seiner Rivalität mit dem Staufer an dessen Aufbruch in den Orient interessiert war, nur mit wachsendem Widerwillen hinnahm (Deschner 2002, S. 230). Dass Friedrich II. das Papsttum als höchstens ebenbürtige Macht, jedoch keinesfalls überlegene Instanz wertete, wird allein durch die Tatsache ersichtlich, dass er sich über päpstliches Gebot hinwegsetzte, indem er trotz Exkommunikation auf Kreuzfahrt ging. Dieser Schritt war politisch unausweichlich, um seine Herrschaft im Okzident aufrechterhalten und stärken zu können (Mayer 1995, S. 206). Dynastische und territoriale Bestrebungen führten 1225 zur Hochzeit des Kaisers mit der jungen Königin Isabella, durch welche er das Königreich Jerusalem für sich beanspruchen konnte. Dank Friedrichs diplomatischer Fähigkeiten und seiner Kenntnisse über die arabische Kultur verlief die Eroberung der Heiligen Stadt, seines neuen Herrschaftsgebietes, weitgehend unblutig.

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Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Von der Politik zur Religion? Die Kreuzzüge der Könige im Hochmittelalter
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Kirche und Krieg im Mittelalter
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V307638
ISBN (eBook)
9783668058989
ISBN (Buch)
9783668058996
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
säkulisierung, kreuzzüge, politik, religion, modernisierung, trennung, geschichte
Arbeit zitieren
Nejla Demirkaya (Autor), 2013, Von der Politik zur Religion? Die Kreuzzüge der Könige im Hochmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307638

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