Einleitung – Hegels »Ästhetik« im Aufriß
Hegels Vorlesungen über die Ästhetik, zumindest so, wie sie durch Hothos Mitschriften und Bearbeitungen überliefert wurden, liegt eingangs die Fragestellung zugrunde, „[...] was das Schöne überhaupt ist und wie es sich im Vorhandenen, in Kunstwerken [...]“ gezeigt hat. Als Antwort auf diese Frage begründet Hegel im Entfaltungsgang seiner systematischen Theorie, warum die Kunst neben der Religion und der Philosophie zu jenen Formen zu zählen sei, die es dem Geist des Menschen ermöglichten, zu einem Erkennen und Bewußtsein seiner selbst zu gelangen. Denn, um Hegels Auffassung vom Wesen der Kunst und ihre Deduktion aus dem Begriff des Geistes mit den Worten Hans-Georg Gadamers in nuce zusammenzufassen, in „[...] der Kunst begegnet sich der Mensch selbst, Geist dem Geiste“. In der Entäußerung des Geistes zum sinnlich Konkreten, zum Kunstwerk hin, wird sich der Geist nämlich nicht etwa selber untreu, so Hegel sinngemäß, sondern der Geist geht vollkommen in den entgegengesetzten Zustand seiner selbst, in das Kunstwerk, über und wird in und an ihm für sich selber gegenständlich. Er kann sich demnach in der von ihm geschaffenen Entgegensetzung seiner selbst betrachten und sich dergestalt auch in der Entäußerung zur Empfindung und Sinnlichkeit hin (wieder-)erkennen und begreifen, wodurch er schließlich eine neue und mithin höhere Stufe seines Bewußtseins erlangt. Insofern manifestiert sich für Hegel im Kunstwerk „[...] nichts bloß Sinnliches, sondern der Geist als im Sinnlichen erscheinend“. Und die Kunst hat deshalb keine geringere Aufgabe, als die Idee, das heißt, den abstrakten Begriff des Geistes in ungeschiedener Einheit mit seinen Besonderungen als verwirklicht und in die Realität hineingestellt, für die unmittelbare Anschauung in sinnlich konkreter und der Idee gemäßer Gestalt darzustellen.
Durch diese aus dem Begriff des Geistes hergeleitete Auffassung vom Wesen der Kunst und des Schönen ist es Hegel in seiner »Ästhetik« gelungen, den Wahrheitsanspruch der Kunst grundsätzlich zu legitimieren. Und im Gegensatz zu Kant, beispielsweise, der das Gefühl des Schönen als „interessenloses Wohlgefallen“ definiert und den Gegenstand eines solchen Interesses schön heißt, ohne daß etwas von ihm erkannt wird, ist die Kunst für Hegel ein Medium, in dem sich menschliche Selbsterkenntnis vollzieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Hegels »Ästhetik« im Aufriß
2. Begrenzung des Untersuchungsgegenstandes – Ziele dieser Arbeit
3. Philosophiegeschichtliche Voraussetzungen
3.1. Platon stellt die zentrale Frage: Was ist das Schöne an sich?
3.2. Warum ist Platon bemüht, die Vielgestaltigkeit und Vielheit der Dinge in abstrakter Einheit zusammenzufassen?
3.3. Das Dilemma der Metaphysik: Die Ideen existieren losgelöst von dem, wovon sie Ideen sind
3.4. Die ‚Lösung’ der Frage, wie sich das Einzelne zur Idee verhält
3.5. Die besondere Stellung der Idee des Schönen – sie schlägt eine Brücke zwischen der Ideenwelt und dem Erfahr- und sinnlich Wahrnehmbaren
3.6. Widersprüchlichkeiten lassen erkennen, daß es zum Sein des Schönen gehört, sich als Schein zu zeigen
3.7. Platons Verständnis vom Wesen der Kunst – sie verharrt im bloßen Schein und kann deshalb nicht Organon der Wahrheit sein
3.8. Die Unzulänglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung als Grund, weshalb es die Kunst vermag, mit Trugbildern zu täuschen
3.9. Von der Dichtung geht eine psychologische Wirkung aus, die wider Vernunft und Sitte gerichtet ist
3.10. Platons Erbe für die spätere philosophische Ästhetik
4. Kunst im Systemzusammenhang bei Hegel – als Antwort auf die Frage, wie der menschliche Geist zu einem Erkennen seiner selbst gelangt
4.1. Der Begriff des Geistes bei Hegel
4.1.1. Die Idee als Einheit von Begriff und Realität
4.1.2. Der Begriff wird zur Idee, wenn er die in abstrakter Einheit ihm innewohnenden Besonderungen in die Realität stellt
4.1.3. Was menschlicher Geist seinem Begriffe nach ist, bildet der Mensch im Kunstwerk für sich und sein Bewußtsein aus
4.1.4. Die Kunst – nach Religion und Philosophie als eine Möglichkeit, wie der Mensch in den Hervorbringungen seiner selbst zur Erkenntnis gelangt
4.2. Das Ideal und der verwirklichte Begriff der Schönheit – die der Idee angemessene Verwirklichung in Form und Gestalt
4.2.1. Die Kunstformen als die besonderen Momente der Idee
4.2.2. Die symbolische Kunstform
4.2.3. Die klassische Kunstform
4.2.4. Die romantische Kunstform – mit der christlichen Offenbarung geht das Ende der Kunst einher
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Hegels Philosophie der Kunst, insbesondere die These vom „Ende der Kunst“, und bettet diese in den Kontext seiner Systemphilosophie ein. Das primäre Ziel ist es, den erkenntnistheoretischen Stellenwert der Kunst bei Hegel durch eine Rekonstruktion seiner Argumentation über das Verhältnis von Geist, Idee und sinnlicher Gestaltung zu verdeutlichen und dabei kritisch auf die philosophiegeschichtlichen Voraussetzungen bei Platon zu verweisen.
- Hegels systematische Herleitung der Kunst aus dem Begriff des Geistes.
- Die Auseinandersetzung mit Platons Ideenlehre als notwendige Voraussetzung.
- Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung des menschlichen Geistes und den Kunstformen.
- Die Analyse der „These vom Ende der Kunst“ im Kontext der Moderne.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung – Hegels »Ästhetik« im Aufriß
Hegels Vorlesungen über die Ästhetik, zumindest so, wie sie durch Hothos Mitschriften und Bearbeitungen überliefert wurden, liegt eingangs die Fragestellung zugrunde, „[...] was das Schöne überhaupt ist und wie es sich im Vorhandenen, in Kunstwerken [...]“ gezeigt hat. Als Antwort auf diese Frage begründet Hegel im Entfaltungsgang seiner systematischen Theorie, warum die Kunst neben der Religion und der Philosophie zu jenen Formen zu zählen sei, die es dem Geist des Menschen ermöglichten, zu einem Erkennen und Bewußtsein seiner selbst zu gelangen. Denn, um Hegels Auffassung vom Wesen der Kunst und ihre Deduktion aus dem Begriff des Geistes mit den Worten Hans-Georg Gadamers in nuce zusammenzufassen, in „[...] der Kunst begegnet sich der Mensch selbst, Geist dem Geiste“.
In der Entäußerung des Geistes zum sinnlich Konkreten, zum Kunstwerk hin, wird sich der Geist nämlich nicht etwa selber untreu, so Hegel sinngemäß, sondern der Geist geht vollkommen in den entgegengesetzten Zustand seiner selbst, in das Kunstwerk, über und wird in und an ihm für sich selber gegenständlich. Er kann sich demnach in der von ihm geschaffenen Entgegensetzung seiner selbst betrachten und sich dergestalt auch in der Entäußerung zur Empfindung und Sinnlichkeit hin (wieder-)erkennen und begreifen, wodurch er schließlich eine neue und mithin höhere Stufe seines Bewußtseins erlangt. Insofern manifestiert sich für Hegel im Kunstwerk „[...] nichts bloß Sinnliches, sondern der Geist als im Sinnlichen erscheinend“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Hegels »Ästhetik« im Aufriß: Einführung in die Fragestellung der Ästhetik bei Hegel und die Verankerung der Kunst als Medium menschlicher Selbsterkenntnis.
2. Begrenzung des Untersuchungsgegenstandes – Ziele dieser Arbeit: Darlegung der methodischen Vorgehensweise und der Zielsetzung, Hegels Thesen historisch und systematisch zu rekonstruieren.
3. Philosophiegeschichtliche Voraussetzungen: Analyse der platonischen Ideenlehre und des Schönen als theoretischer Kontrastpunkt zur hegelschen Philosophie.
4. Kunst im Systemzusammenhang bei Hegel – als Antwort auf die Frage, wie der menschliche Geist zu einem Erkennen seiner selbst gelangt: Untersuchung, wie die Kunst als geschichtliche Manifestation des Geistes in Hegels System integriert ist und welche Rolle die verschiedenen Kunstformen dabei spielen.
Schlüsselwörter
Hegel, Ästhetik, Kunst, Geist, Idee, Schönes, Klassische Kunstform, Romantische Kunstform, Platon, Selbsterkenntnis, Systemphilosophie, Idealismus, Sinnlichkeit, Endlichkeit, Ende der Kunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Ästhetik von G.W.F. Hegel, speziell mit seiner systematischen Begründung der Kunst und deren Bedeutung für die Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Begriff des Geistes bei Hegel, die Rolle der Idee im Kontext der Schönheit, die Unterscheidung zwischen symbolischer, klassischer und romantischer Kunst sowie die historische Herleitung der „These vom Ende der Kunst“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, wie Hegel die Kunst aus seinem System der Philosophie des Geistes deduziert und warum er ihr eine spezifische historische Funktion und ein „Ende“ in der modernen Welt zuschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einem hermeneutisch geprägten Verfahren, das darauf abzielt, die Positionen Hegels in der „Ästhetik“ zu rekonstruieren und durch kritische Auseinandersetzung mit philosophiegeschichtlichen Voraussetzungen (insbesondere Platon) einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die philosophiegeschichtlichen Voraussetzungen, die Deduktion der Kunst aus dem Geistesbegriff, die Einteilung der Kunstformen und deren jeweilige Stellung zur Idee sowie das Ende der klassischen und den Übergang zur romantischen Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geist, Idee, Ästhetik, Kunstformen (symbolisch, klassisch, romantisch), Selbsterkenntnis, Systemzusammenhang und die Dialektik von Form und Inhalt.
Wie begründet Hegel die Sonderstellung der klassischen Kunst?
Hegel sieht in der klassischen Kunst die historisch einmalige Verwirklichung des Ideals, in der die Idee und die sinnliche menschliche Gestalt in vollkommenem Einklang stehen, was eine ideale Integrationsleistung darstellt.
Warum spricht Hegel vom „Ende der Kunst“?
Hegel meint damit nicht das historische Absterben von Kunst, sondern dass sie aufgrund der fortschreitenden Reflexion und Abstraktion des Geistes nicht mehr die höchste Weise darstellt, in der die Wahrheit ihre adäquate Existenz verschafft.
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- Malte Oetjen (Author), 2003, Das Ende der Kunst bei Hegel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30768