Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges. Der Aufstand als Ausgangspunkt eines verbesserten Rechtssystems


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vertragliche Lösungsversuche

2. Der Reichstag von Speyer 1526

3. Die Reichskammergerichtsordnung von 1555 als Grundlage der Untertanenprozesse

4. Der Deputationsabschied von 1600 und die Vorgehensweise der ständischen Versammlungen

5. Die Constitutio Criminalis Carolina

6. Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wann ein Herr allzusehr kegen und wieder seine Unterthane Tyrannisiret / wütet und tobet / und dieselbenüber die massen beschweret / und zu ungewöhnlichen Hoff und andern ungebreuchlichen Diensten / als Botschafften / Schildwachten und andern mit gewalt zwinget / in solchem fall mügen die Unterthane wol der hohen Obrigkeit hüllf und Schutz anruffen und begeren / daßdem Herren bey höher Straffe aufferleget werde / sieüber gebühr nicht zu beschweren [ ... ] 1

In diesem Auschnitt des Handbuches der Reichskammergerichtspraxis über „die Tyranney der Herren kegen ihre Unterthane“ betont der Autor Andreas Gail, dass den Untertanten im Falle einer ungerechten Behandlung durch ihre grund- oder landesherrlichen Obrigkeiten „die mandata [auch] ohne eine iustificatori Clausul am Keyserlichen Cammer Gerichte zuerkennet werden“2. Diese Verankerung des „Tatbestand[es] der ‚saevitia dominorum’“3 stellt allerdings nur eine von vielen Neuerungen des Rechtssystems dar, die seit dem Ende des Bauernkrieges 1525 eingeführt worden waren.

Ausgehend von der von Historiker Winfried Schulze in seiner Arbeit Dieveränderte Bedeutung sozialer Konflikte im 16. und 17. Jahrhundert aufgestellte These, dass historische Konflikte im Verlauf der frühen Neuzeit immer mehr verrechtlicht worden waren, wird mit dieser Hausarbeit angestrebt, die durch den Bauernkrieg in Gang gesetzten rechtlichen Entwicklungsprozesse aufzuzeigen und diese in einen kausalen Zusammenhang zu bringen.4

Hierbei werden zunächst die vertraglichen Lösungsversuche der Erhebung aufgegriffen. Daraufhin wird der thematische Fokus auf dem Reichstag von Speyer von 1526 liegen, welcher als Grundstein für die Bewältigung der Folgen des Bauernkrieges auf rechtlicher Ebene gesehen werden kann. Zudem werden die durch die Reichskammergerichtsordnung von 1555 ermöglichten Untertanenprozesse, der Deputationsabschied des Jahres 1600 und die Reaktionen der ständischen Versammlungen im Laufe dieser Hausarbeit thematisiert. Im letzten Gliederungspunkt wird schließlich die Constitutio Criminalis Carolina, die Peinliche Gerichtsordnung Karls V. behandelt werden.

1. Vertragliche Lösungsversuche

Die schlechten Lebensbedingungen der Bauern, welche maßgeblich zum Ausbruch des Bauernkrieges beitrugen, sollten in einigen Territorien durch vertragliche Lösungen verbessert werden. Diese zielten darauf ab, die Forderungen der Bauernschaft zu berücksichtigen und demzufolge die Auswirkungen der Leibeigenschaft abzuschwächen. Derartige Ansätze gab es nicht nur innerhalb der Kleinstaaten im Bereich des Oberrheins und Oberschwabens, wo man diese auf den Einfluss des Schwäbischen Bundes zurückführen könnte. Auch in Tirol und Salzburg, welche landständisch geprägt waren, kam es ebenfalls nachweislich zu erfolgreichen Verhandlungen. So sind beispielsweise die Festlegung besserer Besitzrechte, die Begleichung der Zehntrechte und die Genehmigung von Jagd und Fischerei als Resultate der Tiroler Landesordnung von 1526 zu nennen. Bemerkenswert ist auch der Beitrag des Salzburger Landtagsabschiedes vom 30. Oktober 1525 und des Mandates vom 20. November 1526 zu einer verstärkten Interessenverfolgung der Bauern auch auf Ebene des Reiches. Wenngleich der Erzbischof insgesamt als Gewinner dieser Neuerungen der Justiz hervorging, wurde das Klagerecht der Bauern ausdrücklich bestätigt und gefördert. 5

Auch in anderen Landesordnungen wird deutlich, dass sich die Herrschaftsträger ihrer Macht versichern wollten und sich gleichzeitig bemühten, auf die bäuerlichen Klagen einzugehen. Exemplarisch sei an dieser Stelle Landgraf Phillip von Hessen genannt, welcher alle 42 Städte seines Herrschaftsgebietes erneut zu seiner Huldigung einschließlich des Schuldbekenntnisses, der Bestätigung seiner Macht und des Aufruhrverbotes anhielt. Simultan veranlasste er jedoch auch die Besichtigung seines Herrschaftsbereiches, welche viele Missstände offenlegte und den Adel zu mehr Disziplin aufrief.6 Diese Vorgehensweise wird von Gabel und Schulze treffend als „charakteristische Mischung von Beseitigung gemeindlicher Rechte, Verstärkung landesfürstlicher Kontrolle und Eingehen auf die Forderungen von 1525“7 bezeichnet.

2. Der Reichstag von Speyer 1526

Da es für die Reichsinstanzen während des Bauernkrieges, als nahezu 50 Prozent des Reiches von Unruhen betroffen war, kaum die Möglichkeit eines Eingriffs in die Verhältnisse gab, konnten diese erst sehr zeitverzögert reagieren. Zur ersten Zusammenkunft einzelner Reichsstände kam es zwar schon Ende des Jahres 1525 in Augsburg, jedoch musste dieser Reichstag aufgrund von unzureichender Partizipation auf den 1. Mai 1526 verschoben werden. Obwohl bereits in Augsburg einige Angelegenheiten bezüglich des Aufstandes geklärt werden konnten, wurden die wichtigsten und entscheidenden Beschlüsse erst in Speyer ab Mai 1526 gefasst. Dieser ist der Reichstag, welcher sich am umfassendsten mit dem Bauernkrieg auseinandersetzte.8

Die zu Beginn verlesene Proposition des Kaisers gab vor, dass die Beschwerden der Untertanen im Zuge des Reichstages besprochen werden sollten. Als Hauptziel wurde zweifellos die Vermeidung eines erneuten Bauernaufstandes verfolgt, jedoch sollte dieses nicht nur durch repressive Elemente umgesetzt werden. Unter Berücksichtigung der 12 Artikel wurden die Forderungen der Bauern analysiert.9

Die in diesem Kontext getroffenen Bestimmungen weisen eine große Kompromissbereitschaft des Ausschusses auf. So sollte zwar der Großzehnt weiterhin, jedoch der Kleinzehnt nur dort eingefordert werden, wo sich dieser „auf altem Herkommen“10 begründen ließ. Zudem sollten die Bestimmungen der Leibeigenschaft gelockert werden, Allmendeschulden dort beglichen werden, wo sie unrechtmäßig eingenommen worden waren und die Senkung der Lehnabgaben erfolgen. Die für diese Arbeit jedoch entscheidendste Bestimmung forderte die Einhaltung des Rechtsweges und das Absehen von unverhältnismäßigen Strafen.11 Im Zuge dieser Beratung wurde also implizit eingeräumt, dass die meisten Forderungen der Bauern berechtigterweise gestellt worden waren. Die schlussendlich zusammengestellten Bestimmungen des großen Ausschusses wurden zwar sehr allgemein gefasst, jedoch ist bemerkenswert, mit welcher starken Tendenz die Interessen der Bauern mit einbezogen wurden.12

Darüber hinaus gab es in der Bestimmung, die sich auf den Schadensersatz bezog, eine Formulierung, welche Streitigkeiten zwischen dem landsässigen Adel und seinen Holden der Kompetenz der territorialen Hofgerichte zuwies [ ... ] [ und ] für Konflikte zwischen unmittelbaren Fürsten und ihren Untertanen die Reichsgerichte als zuständig erachtete.13

Bezüglich des Reichstages von Speyer 1526 ist abschließend zu bemerken, dass die anwesenden Fürsten vorwiegend Maßnahmen einleiteten, welche zwar die Auswirkungen des Bauernkrieges verringerten, jedoch nicht die diesem zugrunde liegenden Ursachen behoben.14

3. Die Reichskammergerichtsordnung von 1555 als Grundlage der Untertanenprozesse

Bereits vor und im Verlauf des Bauernkrieges war vor allem im Gebiet Oberdeutschlands die Option deutlich geworden, Konflikte zwischen den Obrigkeiten und ihren Untertanen mit Hilfe der Gerichte oder Schiedsgerichte lösen zu lassen. Die Fürsten hatten im Reichstag zu Speyer an diese angeknüpft und damit den Weg für eine Weiterentwicklung des Rechtssystems geebnet. Daraufhin folgten viele Neuerungen in diesem Bereich.15 In der Reichskammergerichtsordnung von 1555 lautete es beispielsweise:

[...]


1 Andreas Gail: Deß kaiserlichen Kammergerichts sonderliche Gerichtsbreuche und Rechtsregeln“, in: Neuzeit im Aufbau. Darstellung und Dokumentation, hg. von Richard van Dülmen / Jörn Rüsen /Winfried Schulze, S. 200-203, hier S. 200.

2 Gail: Deß kaiserlichen Kammergerichts sonderliche Gerichtsbreuche und Rechtsregeln, S. 200.

3 Wörtlich übersetzt „die Wut der Herren“; bezieht sich sinngemäß also auf Fälle, in denen Obrigkeiten ihren Zuständigkeitsbereich überschritten und ihre Macht willkürlich ausnutzten.

4 Vgl. Winfried Schulze: Die veränderte Bedeutung sozialer Konflikte im 16. Und 17. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 1, 1975, S. 277-302.

5 Vgl. Helmut Gabel / Winfried Schulze: Folgen und Wirkungen, in: Der deutsche Bauernkrieg, hg. von Peter Blickle / Horst Buszello / Rudolf Endres, Paderborn 1984, S. 322- 349, hier S. 336f.

6 Vgl. Gabel / Schulze: Ebd., S. 322-349, hier S. 337.

7 Gabel / Schulze: Folgen und Wirkungen, S. 322-349, hier S. 337.

8 Vgl. Malte Hohn: Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges von 1525. Sanktionen, Ersatzleistungen und Normsetzung nach dem Aufstand, Berlin 2004, S. 331ff.

9 Vgl. Gabel / Schulze: Folgen und Wirkungen, S. 322-349, hier S. 338.

10 Hohn: Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges von 1525, S. 336.

11 Vgl. Hohn: Ebd., S. 336f.

12 Vgl. Gabel / Schulze: Folgen und Wirkungen, S. 322-349, hier S. 339.

13 Gabel / Schulze: Ebd., S. 322-349, hier S. 339.

14 Vgl. Gabel / Schulze: Ebd..

15 Vgl. Gabel / Schulze: Ebd., S. 322-349 hier S. 339f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges. Der Aufstand als Ausgangspunkt eines verbesserten Rechtssystems
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Reformation
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V307710
ISBN (eBook)
9783668061668
ISBN (Buch)
9783668061675
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
folgen, bauernkrieges, aufstand, ausgangspunkt, rechtssystems
Arbeit zitieren
Juliane Amthor (Autor), 2010, Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges. Der Aufstand als Ausgangspunkt eines verbesserten Rechtssystems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307710

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