Die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Ressourcen, Beobachtungen aus der Somatik und spirituelle Bedürfnisse von Patienten


Hausarbeit, 2012

11 Seiten


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Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Ein Versuch, die Ressource zu erklären:
2.1 Die Ressource als erneuerbare Energie:
2.2 Der Ressource auf der Spur:
2.3 Die soziale Komponente der Ressource:
2.4 Der seelsorgerliche Aspekt in der Ressource:
2.5 Die Wirksamkeit im Geben und Nehmen:
2.6 Ressourcen des Lernens und Lehrens:
2.7 Ressourcen teilen trotz Einschränkungen:
2.8 Die private Ressource, eine seelsorgerliche Auslegung:
2.9 Haushalten mit Ressourcen aus seelsorgerlicher Sicht:

3. Die ausgebeutete Ressource- ein Merkmal der modernen Zeit?
3.1 Gene- und ihre Rolle in der Übermittlung von Ressourcen:
3.2 Gereifte Ressourcen- ein Prozess:
3.3 Die individuelle Ressource:
3.4 Zur Motivation, Ressourcen zu aktivieren:
3.5 Die Ressource in der Gemeinschaft:
3.6 Und vor dem Abschluss einer Therapie:

Literatur:

1. Einleitung

Eine Erörterung über Ressourcen in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen unter Berücksichtigung von Beobachtungen aus der Somatikundspirituellen Bedürfnissen.

Zur Wahl meines Themas:

Im therapeutischen Kontext sind Ressourcen Grundlagen zur Erhaltung der Compliance zu einer therapeutischen Massnahme, zum Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Therapeut, dem Öffnen gemeinsam entdeckter Kommunikationskanäle zum Dialog, zur Planung einer nachhaltigen Nachsorgeplanung und dem Stabilisieren im persönlichen Umfeld der Betroffenen(Benenzon 1983).

Ziel jeder Behandlung ist die Erhaltung einergrösstmöglichen Autonomie und Kommunikationsfähigkeit. Der Mensch soll erleben, dass er selbstständig in der Lage ist, seine im Lauf einer Therapie erworbenen Lösungsansätze in seiner Lebensgestaltung in Beruf, Alltag und Krisenerfolgreich umzusetzen . Hilfreich ist es, zu Beginn einer Therapie jeweils den Entwicklungsstand der Bindungs – und Beziehungskompetenz des Betroffenen zu entdecken, um das therapeutische Übungsfeld und zu trainierende Verhaltensweisen entsprechend aufzubauen und planen zu können (Brisch und Hellbrügge 2008). Nur wenn sichergestellt ist, das Betroffene ihre Sensibilität für ihre individuellen Fähigkeiten zur Regeneration und zum Aufbau einer für sie hilfreichen inneren und äusseren Struktur wieder erlangen und nachhaltig umsetzen können, ist die Basis zu einem erfolgreichen Therapieabschluss gelegt.

Jedes Lebewesen hat und benötigt Ressourcen, um in seinem Lebensalltag zu bestehen und für dessen Herausforderungen in Arbeit und Beziehungen die ausreichenden Energien freisetzen zu können. Aus der Bewältigung der Herausforderungenresultieren Lernerlebnisse. Diese werden als Erfahrungen gemeinsam mit den jeweils empfundenen oder mit einer Aktivität verbundenen Emotionen neurobiologisch gespeichert und verknüpft (Annunciato 2011). So ist gesichert, dass bei weiteren Aufgaben das Erlernte abgerufen werden kann und ausreichend Motivation zum Lösen der Herausforderung mobilisiert wird. Dem Individuum steht so ein stetig wachsendes Repertoire an Verhaltensmustern zur Verfügung ( Largo und Benz 2008). Je nach Entwicklungsstand reift die Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit, eingebunden im fortlaufenden Prozess von Geburt, frühkindlicher Entwicklung, Adoleszenz, Erwachsensein, Familienzugehörigkeit, Altern, Sterben und Abschied nehmen.

Lernprozesse verbrauchen Energie, ebenso unser tägliches Engagement in Hausarbeit, Erwerbstätigkeit, Erziehung, Übernahme von Verantwortung in Beziehungen, in der Planung und Gestaltung des Selbstkonzeptes. Erfolgreicher Umgang mit Herausforderungen, mit Scheitern und dem Bewältigen von Bedrohungen wie Krankheit lassen eigene und soziale Kompetenz reifen.

Diese Energie steht uns zur Verfügung in unseren Ressourcen, Kraftquellen, die sich individuell erschliessen und von der frühkindlichen Entwicklung bis ins Alter in ausreichendem Mass zur Verfügung stehen. Ressourcen werden in unterschiedlicher Bandbreite als angenehme und herausfordernde Aktivierung empfunden, wie beispielsweise das Geniessen eines Musikstückes, einer guten Mahlzeit, ein beruhigender Anblick eines Gemäldes, die empfundene Zufriedenheit nach erfolgreich zurückgelegter Wegstrecke mit dem Fahrrad, das gemeinsame Singen im Chor, lesen eines Buches oder eine als korrigierend erlebte Kritik eines guten Freundes (Spaemann 1983).

2. Ein Versuch, die Ressource zu erklären

Ihrem Wesen nach sind Ressourcen nicht versiegende Energiequellen, eine sorgsame Inanspruchnahme lassen sie stetig zur Verfügung stehen.Die Sorgsamkeit umfasst eine ausgewogene, abwechselnde Aktivierung von geistiger und körperlicher Aktivität im sozialen Verbund, eine Balance in An- und Entspannung, ausreichend Schlafhygiene in einem ausgeglichenen Tag- und Nachtrhythmus undgesunde Ernährung. Verschiedene neurobiologische Abläufe wie Erinnern, Lernen, Kommunizieren, Umgang mit Stress und Entspannung finden nacheinander oder parallel statt in einem abgestimmten Mass. Um die Energiequellen entsprechend dieser Entwicklung zu fördern, profitieren wir als zum Dialog und zur Beziehung ausgelegte Menschen durch adäquate Zuwendung, gesunde Bindung und soziale Aktivität. Als Folge entsteht erlebte Regeneration der physisch und psychisch verbrauchten Kräfte.

Hier klingt an, dass uns Ressourcen offenbar nicht eigenmächtig beherrschbar zur Verfügung stehen und hemmungslos verbraucht werden können.

Bei unsachgemässer Nutzung kann die Quelle versiegen, psychisch erlebt der Betroffene Symptome des Nachlassens seiner Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit, der Verarmung seiner Beziehungsfähigkeit und Gefühlswahrnehmung, es folgt sozialer Rückzug bis zur Isolation, zum Stagnieren in persönlicher Entwicklung und geistiger Aufnahmefähigkeit.

Hierzu ein Beispiel aus der Praxis:

Ein unausgewogenes Beanspruchen geistiger und physischer Energien führt generell zu einer Krise und Leistungseinbrüchen als Warnsignale, später zur ernsthaften psychosomatischen Erkrankung.

Menschen, welche sich aufgrund verschiedener Risikofaktoren einer Operation am Herzen unterziehen müssen, erleben, dass sich in ihrem Körper- unterbewusst- die Erfahrung der Todesnähe speichert. Später kann diese Erfahrung in einer depressiven Verstimmung hervortreten. Diese will als Folge der Vorerkrankung verstanden und entsprechend gewürdigt und behandelt werden. Eine Neuentdeckung der geschenkten Lebensmöglichkeit nach erfolgreich überstandener Operation führt im achtsamen Umgang in mit den eigenen Ressourcen und einem angepassten Lebensstil aus der Erkrankung heraus.

2.1 Die Ressource als erneuerbare Energie

Eine erloschene Ressource ist keine RE- Source mehr. Das bedeutet einen Zustand in Ausbeutung, die Kraft reicht nicht mehr, um wichtige Beziehungen zu pflegen oder neu aufzubauen. Es herrscht eine Instabilität im Wahrnehmen von Emotionen, der Betroffene kann Aggression, Scham und Schuld nicht realitätsnah adäquat einordnen und bearbeiten (Briendl 2007), die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung und das Reifen seiner Selbstkompetenz ist zunehmend eingeschränkt.

Im therapeutischen Umfeld einer Begleitung von somatisch und psychisch erkrankten Menschen sind Quellen des Rückzuges zur Erholung essentiell in einem Heilungsprozess, der dem Grad der Entwicklung in Beziehungs- und Bindungsfähigkeit des Erkrankten angepasst ist und die Förderung seiner Autonomie und Kommunikationsfähigkeit in seinem sozialen Umfeld zum Ziel hat.

In folgenden Ausführungen möchte ich weitere Charakteristiken der Ressourcen, Grundlagen für deren gesunde Nutzung, Zusammenhänge ihrer Erschliessung und Erhaltung anhand von Beispielen aus Natur und Praxis beschreiben. Zusätzlich nehme ich Bezug auf biblische Berichte über unsere Herkunft, Bestimmung und dem Bedarf nach der Beziehung dem Schöpfergott gegenüber, welche in der praktischen seelsorgerlichen Arbeit mit Patienten hilfreich sind.

2.2 Der Ressource auf der Spur

Im Tierreich vor unserer Haustür erleben wir Beispiele von Selbstwirksamkeit, Nutzen von Ressourcen und Überlebensstrategien am Beispiel von roten und grauen Eichhörnchen. Durch Migration und Verbreitung durch den Menschen stehen sich zwei sonst nicht miteinander auftretende Gattungen im Wettstreit um Nahrung, Lebensraum und Fortpflanzungsmöglichkeiten gegenüber. Die Bedeutung ihrer unterschiedlichen Ressourcen wird so deutlich gemacht. Graue Eichhörnchen sind im gemeinsam genutzten Lebensraum den roten gegenüber im Vorteil. Sie können sowohl die selbst versteckte Nahrung als auch die der roten Konkurrenz finden im Gegensatz zu diesen, die sich meistens nicht an eigene Nahrungsverstecke erinnern können. Auch in Grösse und Durchsetzungskraft in der direkten Auseinandersetzung im Kampf um Lebensraum sind die Grauen überlegen, dies führt zur erwarteten Vermehrung der Grauhörnchen auf Kosten der Zahl der roten Eichhörnchen.

2.3 Die soziale Komponente der Ressource

Als soziale Geschöpfe sind wir Menschen normalerweise in der Lage, durch reifende Bandbreite an Kommunikationskanälen mit unseren Mitmenschen adäquate Bindungen aufzubauen, Beziehungen zu pflegen und in nonverbalen oder verbalen Dialog zu reagieren (Renz- Polster 2009).Unsere soziale Kompetenz wird gestaltet durch unser interpersonelles Inventar, die erlebten Bindungen in der frühkindlichen Entwicklung, die Erfahrungen in erfolgreich aufgebauten Beziehungen oder in der Bearbeitung gescheiterter Versuche, in der Teilhabe an sinnvoller beruflicher Tätigkeit und Eingebundensein im privaten Umfeld.

Durch wohlwollende Unterstützung und Korrektur in unserer Entwicklung können wir persönlich in unserem Selbstkonzept reifen und wir finden in unserer Selbstwahrnehmung einen gesunden Zugang und achtsamen Umgang mit den uns geschenkten Lebenskräften. Wir lernen, die Abhängigkeit von Gott und Angewiesensein auf unsere Mitmenschen als Zuwendung und Weg zur persönlichen Gestaltung unseres Lebens begreifen (Spaemann 1983).

Die eben beschriebene Eigenschaft von Ressourcen. Wahrgenommen werden durch achtsame würdigende Selbstbeobachung- wird in verschiedenen Berichten in der Bibel beschrieben.

Eine Auswahl davon, beginnend mit dem Alten Testament, sind folgende:

Verschiedene Menschen werden durch Gottes Eingreifen in isolierte Situationen gebracht, in denen sie individuelle Zuwendung und Geborgenheit in der Nähe Gottes erleben. So ist Mose mit Gott im brennenden Dornbusch konfrontiert, der Prophet Elia wird nach erschöpfender Flucht in die Wüste von Raben versorgt, und erkennt Gottes Anwesenheit in einem Lufthauch, Jesus erfährt Gottes Zurüstung in der 40 tägigen Abgeschiedenheit in der Wüste, Paulus erhält nach Dunkelheit und Alleinsein eine neue, sinngebende Aufgabe.

2.4 Der seelsorgerliche Aspekt in der Ressource

Im isolierten Dasein vor Gott in der Einsamkeit erfahren Menschen Angenommensein, sie werden in ihrer Introspektionsfähigkeit reifer. Sie lernen, sich und ihre Leistungsfähigkeit nicht mit überfordernden Lebensentwürfen zu vergleichen, sie entdecken in einfachen Hilfen Gottes persönliche Zuwendung und schätzen diese wieder neu und dankbar ein. Die Jünger, welche Jesus auf den Berg begleiten und Mose, Elia und Gott erfahren, werden in ihrer begrenzten Erwartung statisch an diesem Ort bleiben zu dürfen, wieder in eine ihnen sinngebende, im Leben stehende Aufgabe verwiesen und hinunter geschickt ins Leben.

Beispiele für sinngebende Interventionen werden in den Heilungsgeschichten von Jesus überliefert. Der blinde erhält den Auftrag, sich die Augen zu waschen, der Gelähmte hört de Ruf:Steh auf, nimm dein Bett und geh! Diese persönlich angesprochenen Menschen empfinden die Einschätzung ihrer Situation- wie die Frau am Brunnen, nicht als Kränkung, sondern hilfreich und orientierend zu einem erfüllten Leben. Mönche mögen hier ihre individuelle Aufgabe als Lernende und Gemeinschaft ermöglichende Organisation gefunden haben (Hell, Wüstenväter 2002).

2.5 Die Wirksamkeit im Geben und Nehmen

Im Buch der Richter im Alten Testament beschreibt das Gleichnis vom König der Bäume eine weitereVorraussetzung, um erfolgreiche Lebensgestaltung und Erhaltung eigener Ressourcen zu sichern.

Sowohl Ölbaum wie Feigenbaum werden angefragt, ob sie als König über die Bäume herrschen wollen. Beide wissen um ihre Ressourcen, ihre Fruchtbarkeit, um ihr Umfeld zu bereichern und zu nähren, die Fettigkeit des Ölbaums und die Frucht des Feigenbaums. Beide reagieren aber ablehnend, sind nicht bereit, ihre Frucht zu teilen, andere mit ihren Energien zu beschenken- teilhaben zu lassen.

Alle Menschen- auch mit körperlichen Einschränkungenoder in Not und Bedrohung lebend- sind zum Teilen ihrer Befindlichkeiten und Vermitteln ihrer emotionalen Kompetenzen in der Lage. Dazu gehört auch gemeinsames Erfahren von Kreativität, Anteilnahme an gemeinsamer sozialer Aktivität und Gemeinschaft, das Teilen von Glaubensinhalten.

Da offenbar Geben und Nehmen obligatorischer Teil einer Ressource sind, ist es in der Medizin problematisch, im Fall einer Organspende vom Nutzen einer Ressource zu reden. Es kann hier kein gegenseitiger Fluss an Beziehung, Dialog und Würdigen der Hilfe und folgende Korrektur von Lebensweisen statt.

Einer der beteiligten Menschen muss sprichwörtlich auf der Strecke bleiben, die unbewussten Folgen für den- nicht sicher Überlebenden Empfänger eines Spenderorganes sind oft nicht absehbar und therapeutisch behandlungswürdig.

2.6 Ressourcen des Lernens und Lehrens

In der schulischen Bildung steht hier das Montessori- Konzept für das Nutzen der Fähigkeit, adäquat zur sozialen und geistigen Entwicklung einander in den unterschiedlichen Altersgruppen Lerninhalte erfolgreich zu vermitteln. In den Klassen werden jeweils Kinder von drei Jahrgangsstufen gemeinsam unterrichtet, die Kinder unterstützen sich gegenseitig (Montessori 1907).

In der Berufsausbildung sind gegenüber den Auszubildenden die Erfahrung und Kompetenz des Lehrers gefragt, aber- genauso entscheidend für eine erfolgreiche Vermittlung der Inhalte sind der Aufbau einer guten Beziehung zwischen Ausbildner und Schüler und umgekehrt. Dem Ausbildner kommt aufgrund seiner Führungsrolle die Aufgabe des Bahnens erfolgreicher Kommunikationskanäle und somit die Aufrechterhaltung des Dialoges in der Vermittlung des Wissens zu.

2.7 Ressourcen teilen trotz Einschränkungen

Menschen mit physischen Einschränkungen werden oft als ermutigend und herausfordernd erlebt im Erhalten ihrer grösstmöglichen Autonomie in ihrem Alltag und Beruf. Dazu stehen ihnen sowohl Unterstützung zur Verfügung im Sinn von Menschen, die selbst mit Einschränkungen leben als Peer- Group, wie gesunde Menschen aus ihrem Umfeld. Gemeinsam fördern sie ihnen verbliebene Fähigkeiten. Beispielsweise gibt es Erblindete, die sich ihren umgebenden Raum unter bestimmten Gegebenheiten mit dem Gehör erschliessen können, um sich zurecht zu finden.

Aus der Bewunderung und Neugier über diese aus Krisen und Einschränkungen erworbenen Fähigkeiten nährt sich auch das Interesse an den oft behinderten Motivational Speakers, die öffentlich auf der Grenze zwischen Show- Objekt und echtem Interesse an ihren Botschaften über ihre eigenen Möglichkeiten referieren.

Anlässlich der gerade stattgefundenen Paralympics in London werden die hohe Bedeutung des positiven Erlebens in einer Peer- Group für die Betroffenen im Sinn des Teilens an Motivation und Sinngebung ihrer individuell zu messenden Leistung für die einzelnen als Ressource deutlich sichtbar. Eigene Würde bleibt so erhalten, in ihrem Bewusstsein ist sowohl die Freude über den eigenen Erfolg als auch die Kenntnis der Begrenztheit integriert.

2.8 Die private Ressource, eine seelsorgerliche Auslegung

Die selbstentdeckte Kraftquelle ausschliesslich für sich zu nutzen ist Thema im Gleichnis der fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen im Neuen Testament. Als der Zeitpunkt kommt, dem Bräutigam entgegenzugehen, stellen fünf Frauen fest, dass ihr Ölvorrat nicht mehr reicht und sie bitten die anderen gut versorgten Fünf, ihnen auszuhelfen. Diese können aber nichts von ihrem offenbar individuellen Brennstoff abgeben. Dieses Handeln ist nicht zwingend als egoistisch unterlassene Hilfeleistung zu betrachten, sondern zeigt die Notwendigkeit, mit denindividuell vom Schöpfergott dem Geschöpf geschenkten Gaben, Kräften, Quellen der Kreativität selbst achtsam umzugehen (Spaemann 1983).

2.9 Haushalten mit Ressourcen aus seelsorgerlicher Sicht

Im Alten Testament wird beschrieben, wie das Volk Israel während seiner Wanderung in der Wüste mit Nahrung versorgt wird, sowohl geistlich durch Anwesenheit einer vermittelnden Führungsperson und praktisch mit Wasser und Manna. Dieses Manna hatte die Eigenschaft, nicht länger als einen Tag haltbar zu sein, dann wurde es ungeniessbar. Es ist also nicht möglich, Ressourcen über das nötige Mass hinaus in Anspruch zu nehmen, unausgewogen zu verbrauchen und anderen vorwegzunehmen.

3. Die ausgebeutete Ressource- ein Merkmal der modernen Zeit?

Im Neuen Testament im Timotheusbrieferinnert Paulus den jungen Timotheus, mit seinen Lebensenergien gut zu haushalten und sich Gutes zu tun, achtsam mit sich und den zur verfügung stehenden Kräften umzugehen.

Zur Zeit des Mittelalters im 12. Jahrhundert wird Bernhard von Clairvaux in einem seelsorgerlichen Brief zitiert, in welchem er dem vor Erschöpfung bedrohten Adressaten empfiehlt, achtsam mit sich umzugehen,Signale wie Affektarmut- kaltes Herz , und Überforderung zu meiden.

Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen- sei es um Verfolgung, Strafe oder Bedrohung zu entgehen oder um bewusst in der Entfernung zur Zivilisation in der Wüste als Einsiedler lebten, haben übergreifend die psychisch und physisch schmerzliche Einschränkungeiner Depression erlebt.

Sofern sie für sich individuell einen hilfreichen Umgang damit finden konnten, waren sie nun selbst in der Lage, anderen bedürftigen Menschen von den entdeckten Ressourcen zu erzählen, welche sie sich selbst erarbeiten mussten.

Die so entwickelte sogenannte Weisheit ist also Grundlage eines Überlebens in extremer, oft nicht selbst herbeigeführter Situation geworden. Es gibt keine pauschalen Strategien, sie bedürfen der Aktivierung ihres Potentials die Anpassung an die Entwicklung und Lebensgeschichte der Betroffenen und einen authentischen Träger und Vermittler dieser Informationen.

3.1 Gene- und ihre Rolle in der Übermittlung von Ressourcen

In einem neu veröffentlichten Buch wird eindrücklich die Geschichte eines Menschen erzählt, der- geboren und aufgewachsen in einem nordkoreanischen Hochsicherheitslager- über den Verrat an seiner eigenen Familie und lebensbedrohliche Umstände schliesslich eigenverantwortlich die Entscheidung zur Flucht treffen konnte. Die Motivation, seine Kräfte zu mobilisieren, wurde ihm offenbar durch den Kontakt zu einem Mithäftling im behutsamen Teilen einer freundschaftichen Beziehung ermöglicht, eine entscheidende beide verbliebene Ressource (Hardens 2012).

Es gibt Hinweise aus der aktuellen Forschung, das epigenetische Faktoren einen generationsübergreifenden determinierenden Einfluss auf unser verhalten ausüben können. Daraus resultieren Überlegungen, Menschen wie prophylaktisch aufgrund ihrer Herkunftsgeschichte und Einflussfaktoren bereits beispielsweise als potentiell gewalttätig zu stigmatisieren. Sicher gibt es bei traumatisierten Menschen aus finanziell schwachen Familien beobachtbare Verhaltensweisen, die eine Verbindung erlebter Geschichte im defizitären Umfeld und ihrem Verhalten nahelegen (Spector 2012). Die oft rein finanzielle Unterstützung der gängigen Hilfsmaschinerie lenkt bei Spendern und Betroffenen den Fokus auf die finanzielle Hilfe, sie lässt die entscheidende Tastsache ausser Acht: Wir Menschen sind als Beziehungswesen auf gegenseitigen Dialog und Bindung geschaffen. Vom Stadium des Embryos an profitieren wir von adäquater Zuwendung und Bindung. Es kann so nicht sein, das ein vorbestimmbares Leben gläsern und kontrollierbar wie in einer Matrix ablaufen wird.

3.2 Gereifte Ressourcen- ein Prozess

Ein eigenverantwortlich geförderter Reifungsprozess wird im Neuen Testament im Gleichnis des verlorenen Sohnes beschrieben. Jesus beschreibt den Reifungs- und Ablösungsprozess des verlorenen Sohnes, der trotz extremer Erlebnisse in seinem Selbstbewusstsein Schritte zur Eigenverantwortlichkeit unternimmt, seine Lage reflektiert und trotz der Schatten in seiner persönlichen Geschichte die Entscheidung zur Rückkehr zum Vater trifft. Er bleibt nicht in einer abhängigen, inadäquaten Entwicklungsstufe gefangen, sein Entschluss zur Rückkehr wird belohnt mit der Hilfe zur Selbstannahme durch einen ihm offen und wohlwollend begegnenden Vater. Dies ermöglicht die Neugestaltung seines Lebensentwurfes (Bittlinger 1993).

3.3 Die individuelle Ressource

Die Ressource ist individuell, sie kann nicht pauschal durch eine automatisierte Motivation vorhersehbar ausgelöst und verplant werden. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Person, welche körperlichen oder seelischen Missbrauch erlebt hat, kann im therapeutischen Rahmen abgegrenzt undabweisend wirken, dies auf einer unangepassten Altersprävalenz bedingt durch ihre Problematik. Ihre Aktionen wirken pubertär, dieses Verhalten verhilft ihr zu Schutz und Distanz, sie wird wahrgenommen. Wo sie allerdings altersentsprechend wahrgenommen wird, wirkt ihr Auftreten eher peinlich, wertet sie ab, schadet ihr da sie wieder überangepasst wirken will und lässt sie wieder Opfer werden. Stärkung des Selbstwertes, stabilisierendes Wahrnehmen des eigenen Körpers sind besonders in regressiven Therapien Grundlagen, um adäquate Ausdrucksweisen zu erlernen.

Trotz schwierigster persönlicher Situationen finden Menschen in allen Zeiten zu persönlicher Motivation, ihren Einsatz sinnvoll für eine Lebensaufgabe (nicht Aufgabe) einzubringen und empfinden im Teilen ihre eigene Bereicherung und Grund zu Regeneration. Wo Teilen und Weitergabe zur eigenen Bereicherung praktiziert wird, verarmt die Fähigkeit, Freude im Kontakt, an der Arbeit und in Beziehung zu finden. Energiequellen trocknen so aus, der Betroffene fällt in eine Krise.

Jesus beschreibt im Neuen Testament im Gleichnis vom Senfkorn, im Gleichnis vom Weizenkorn, in der Geschichte des reichen Jünglings, der durch seinen Reichtum in die Not fällt, unglücklich- nicht im Verbund mit seinem Schöpfer leben zu können.

Förderliches:

Zu den unterstützenden Faktoren gehören die Fähigkeit zum Teilen, zum Aufbau gesunder Beziehungen, ein entwicklungsgerechter Umgang mit Bindung, ein persönlicher Reifungsprozess, eine Einbindung in eine soziale Gruppe.

Hinderliches:

Negativ wirken sich das Fehlen einer Peer- Group, einseitige Inanspruchnahme von Ausdrucks- und Verhaltensweisen und fehlende sinngebende Herausforderung aus.

3.4 Zur Motivation, Ressourcen zu aktivieren

Das Ziel in eine Therapie muss so gewählt werden, das sich der Betroffene in seinem Kontext vorstellen kann, es unbedingt erreichen zu wollen und er bereit ist, ein gewisses Mass an Anstrengung und ein Zulassen von Korrektur eigenverantwortlich einzubringen. Um Überforderung zu vermeiden, können einzelne Teilschritte geplant werden, um erfolgreiche Bewältigung und positive emotionale Verknüpfung des Lerninhalts zu fördern, beispielweise nach einer gelungenen Umsetzung einer Gegenkonditionierung.

3.5 Die Ressource in der Gemeinschaft

Eine funktionierende Dorfgemeinschaft ist beispielsweise recht lange in der Lage, einen an Demenz Erkrankten in dem für ihn hilfreichen bekannten Umfeld unter Berücksichtigung eines möglichst geringen Risikos der Selbst- und Fremdgefährdung einzubinden und zu tragen. Vielen sensibilisierten, dem Betroffenen positiv zugewandte Personen fraktionieren sich so die vielen und für wenige nicht leistbare Unterstützung.

Im gemeindlichen seelsorgerlichen Kontext entsteht Überforderung der Helfer wie der Hilfsbedürftigen durch oft unangepasstes, nicht individuell den Schweregrad einer Erkrankung erfassendes Eingreifen. Somit wird die Gemeinschaft geschädigt, kann kein Ort des Auftankens für die Seel mehr sein. Der Betroffene ist sowohl Opfer wie Täter- für die negative Entwicklung verantwortlich gemacht, missbraucht für unzureichende Hilfe, oft bereits resistent gegenüber manchen therapeutischen Massnahmen, mit bereits eingeschränkten Ressourcen.

Eine Auswahl von Herausforderungen, Ressourcen zu entdecken und zu fördern:

Bei Perzeptionsstörungen physischer Art, somatische Entwicklungsproblemen, Störungen neurologischer Art wie cerebrale Paresen, hirnorganische Schädigungen bei Geburt oder Unfall, Genetischer Prädisposition wie AD(H)S, schizophrene Erkrankungen, Bestehende psychische Erkrankung mit folgendem Versorgungs- und Entwicklungsdefizit der Eltern, beispielsweise einer Wochenbettdepression. Das Kind erleidet einen Mangel an Kompetenz, Bindung aufzubauen durch Fehlen ausreichend erhaltener kontinuierlicher Handlungen und Defizit in Beziehungsbahnung durch die Elternperson (Pikler 2011).

Einschränkende Verhaltensweisen aufgrund falsch attributierter Schuld- oder Schamerfahrungen (Briendl 2007)

3.6 Und vor dem Abschluss einer Therapie

Hier steht die Installierung eines funktionierenden Frühwarnsystems beim Betroffenen und seinem interpersonellen Inventar an. Es sollte in der Lage sein, ihm einfache, hilfreiche Interventionen, selbstwirksame Verhaltensweisen zu vermitteln und seine Motivation zur weitgehenden Autonomie zu erhalten.

Literatur:

Annunciato, Nelson: formatio reticularis, VortragFellbach 2011

Bibel, 1. Mose 1, 26 , 1. Mose 2, 7,

Bittlinger, Arnold: Heimweh nach der Ewigkeit. Kösel Verlag, München, 1993, vrgl. S. 14 Soziales Selbst,S. 50 erfülltes Leben durch Begegnung mit gnädigem Gott, Befähigung zum Aufbruch.

Benenzon, Rolando O.: Einführung in die Musiktherapie. Kösel Verlag München, 1983, vrgl. S.80 soziale Entwicklung, S. 116 Fördern des Lernens, S. 123 therapeutische Beziehung, S. 133 Regression und Kommunikationskanäle.

Briendl, Linda, vrgl. Vortrag „Die überschattende Emotion“, Lindauer Psychotherapiewoche 2007.

Clairvaux, Bernhard von, 12. Jahrhundert.

Das Magazin, Nr 36, Baseler Zeitung , September 2012, vrgl. S. 36, Interview mit Tim Spector.

Gerhard, Paul: Geh aus mein Herz, ev. Kirchengesangbuch 371.

Harden, Blaine, Flucht aus Lager 14, DVA Verlag, 2012.

Hell, Daniel: Die Wüstenväter als Therapeuten, Herder Freiburg 2002.

Renz-Polster, Herbert, „Kinder verstehen“, Kösel Verlag München, 2009.

Robert Spämann, Phylosophische Essays, Reclam Verlag Stuttgart, 2012, vrgl. S. 44 zu Hingabe und Genuss, S. 78 Freiheit zum Leben mit Einschränkung.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Ressourcen, Beobachtungen aus der Somatik und spirituelle Bedürfnisse von Patienten
Hochschule
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V307861
ISBN (Buch)
9783668065932
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeit, menschen, ressourcen, beobachtungen, somatik, bedürfnisse, patienten
Arbeit zitieren
Gert Klettke-Stehmeier (Autor), 2012, Die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Ressourcen, Beobachtungen aus der Somatik und spirituelle Bedürfnisse von Patienten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307861

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