Die Harry Potter-Bücher von Joanne K. Rowling als modernes Märchen

Vom Zauberlehrling, der auszog, das Böse zu besiegen


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichni

1.Einleitung

2.Abgrenzung und Definitionen von Volksmärchen und Kunstmärchen
2.1 Das Volksmärchen
2.2 Das Kunstmärchen

3.Die Harry Potter- Reihe als Märchenbuchreihe
3.1 Analyse der Harry Potter -Reihe in Hinblick auf allgemeine Merkmale von Volks- und Kunstmärchen
3.2 Märchenmotive in der Harry Potter -Reihe.

4.Fazit

Literaturverzeichnis.

1.Einleitung

Es war einmal ein Junge, dessen Eltern waren gestorben. Deshalb lebte er bei seiner Tante und seinem Onkel. Der Junge wurde von den beiden schlecht behandelt und er wohnte in einem Schrank. Seine Tante und sein Onkel hatten auch einen eigenen Sohn und auch der behandelte den Jungen schlecht und verfolgte ihn zusammen mit seiner Bande. Eines Tages jedoch kam ein Halbriese zu dem Jungen und verkündete ihm, dass er ein Zauberer sei…

Dies klingt wie der Anfang eines Märchens, ist jedoch der Anfang der Harry Potter –Reihe von Joanne K. Rowling nacherzählt im Stile eines Märchens. Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich untersuchen, ob und inwieweit die Bücher dieser Reihe der Gattung der Märchen zugeordnet werden können. Zudem werde ich genauer betrachten, was unter dem Ausdruck „im Stile eines Märchens“ zu verstehen ist und warum diese Nacherzählung an ein Märchen erinnert.

Dazu möchte ich zunächst den Begriff „Märchen“ näher untersuchen. Für diesen Zweck werde ich eine Definition der Märchenformen Volksmärchen und Kunstmärchen vornehmen, die als Grundlage für die Untersuchung der Harry Potter –Reihe dienen wird. Im Folgenden werde ich dann die Buchreihe Rowlings auf Merkmale von Volks- und Kunstmärchen untersuchen und anschließend daraufhin analysieren, ob diese bekannte Motive aus Märchen enthält. Hierzu werde ich als Vergleichsmaterial die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm hinzuziehen. Abschließend werde ich ein Fazit ziehen, in dem ich versuche, die Frage zu klären, ob die Bücher zu der Gattung der Märchen gehören.

Zunächst möchte ich aber zwei Anmerkungen zu der Hausarbeit machen. Ich beziehe mich im Rahmen dieser Hausarbeit auf die deutsche Übersetzung der Harry Potter -Bücher und werde nicht die Originaltexte zitieren, da ich eine inhaltliche Analyse der Bücher durchführen werde, in der sprachliche Feinheiten keine große Rolle spielen. Zudem verwende ich die Märchenformen Volksmärchen und Kunstmärchen als Vergleichsgrundlage für Rowlings Buchreihe und werde nicht auf andere Märchenformen eingehen, um den Begriff „Märchen“ im Rahmen dieser Arbeit einzugrenzen, da eine weitere Definition den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2. Abgrenzung und Definition von Volksmärchen und Kunstmärchen

Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich die Harry Potter- Reihe daraufhin zu untersuchen, ob diese der Gattung der Märchen zuzuordnen ist. Dies definiere ich so, dass sie Merkmale von Volksmärchen oder Kunstmärchen aufweisen muss, um zu dieser Gattung zu gehören. Dazu möchte ich im Folgenden die beiden genannten Märchenformen und ihre Merkmale zunächst definieren.

2.1 Das Volksmärchen

Das Volksmärchen weist verschiedene typische Merkmale auf, die vor allem die Handlung, die Figuren und die Sprache des Märchens betreffen. Ein Merkmal ist die einsträngige Handlung, in der es keine Nebenhandlungen gibt (vgl. Lüthi 1968, S. 74) und die schnell voranschreitet (vgl. Lüthi 2004, S. 29). Das Geschehen im Märchen ist sowohl ortlos als auch zeitlos, es werden also keine Ort- oder Zeitangaben gemacht (vgl. Neuhaus 2005, S. 5), und das Volksmärchen hat typischerweise ein Happy End (vgl. Lüthi 2004, S. 25). Im Allgemeinen geht es um die Bewältigung von Schwierigkeiten (ebd.). Dabei wird meist der Held zu Beginn des Märchens mit einem Problem oder einer Mangelsituation konfrontiert, die er im Verlauf des Märchens bewältigen muss (vgl. Neuhaus 2005, S. 5). Der Held des Märchens und seine Gegner sind dabei die hauptsächlichen Handlungsträger (vgl. Lüthi 2004, S. 27). Häufig treten Figuren wie Könige oder Prinzessinnen auf, die eine bestimmte gesellschaftliche Position repräsentieren, aber auch Figuren wie Vater und Mutter, die die familiären Verhältnisse darstellen sollen (ebd.).

Zusätzlich zeichnet sich das Volksmärchen laut Max Lüthi (2004) dadurch aus, dass es über längere Zeit mündlich weitergegeben und dadurch verändert wurde und deshalb keinen Verfasser habe (vgl. S. 5). Stefan Neuhaus (2005) sieht diese Definition dagegen als nicht richtig an, da jedes Werk einen Autor habe, auch wenn dieser nicht mehr bekannt sei (vgl. Neuhaus 2005, S. 3). Im Rahmen dieser Hausarbeit bleibe ich in diesem Punkt bei der Definition Lüthis. Die Sprache im Volksmärchen ist einfach gehalten. Es werden vor allem Hauptsätze benutzt, das Vokabular beinhaltet keine schwierigen Wörter und auch die Symbolik ist sehr einprägsam (vgl. Neuhaus 2005, S. 5). Als Beispiel hierfür können die Symbolzahlen 3, 4, 7, 12 und 13 genannt werden, die oft im Volksmärchen auftauchen (ebd.).

Max Lüthi beschreibt die fantastischen Figuren des Märchens als „Jenseitige“ (Lüthi 1968, S. 9). Die Figuren im Märchen agieren mit diesen Jenseitigen, als wären sie jemand wie sie und sehen sie nicht als etwas Besonderes an (ebd.). Dieses Phänomen wird als Eindimensionalität bezeichnet, da keine Unterscheidung zwischen der realen Welt und der Fantasiewelt vorgenommen wird. Die Jenseitigen treten als Helfer oder Schädiger des Helden auf (ebd.) und begegnen ihm, wenn er von seinem Zuhause fortgeht (Lüthi 1968, S. 10f.). Er erwirbt oft durch sie übermenschliche Fähigkeiten, die er im Verlauf des Märchens einsetzt (Lüthi 1968, S. 12).

Ein weiteres Merkmal eines Volksmärchens ist die Flächenhaftigkeit. Nach Lüthi (1968) bedeutet dies, dass es keine „räumliche, zeitliche, geistige und seelische Tiefengliederung“ (S. 23) gebe. Dies zeige sich darin, dass die Figuren keine Innenwelt oder Gefühlswelt haben (vgl. Lüthi 1968, S.13), sondern ihre Gefühle nur durch Handlungen deutlich werden (Lüthi 1968, S. 15). Sie sind reine Handlungsträger (vgl. Lüthi 1968, S. 68) und weisen keine Merkmale von Körperlichkeit auf, was sich bspw. darin zeigt, dass sie keinen Schmerz empfinden (vgl. Lüthi 1968, S. 14f.). Zudem haben die Figuren keine emotionalen Beziehungen zueinander, was sich z.B. darin äußert, dass der Held des Märchens keine emotionale Bindung an seine Familie hat (vgl. Lüthi 1968, S. 18). Ein weiterer Punkt ist, dass die Zeit keine Rolle spielt. Es wird keine zeitliche Dimension eingeführt, der Held altert nicht während des Märchens (vgl. Lüthi 1968, S. 20f.).

Neben den bereits genannten Merkmalen, ist auch der abstrakte Stil typisch für ein Volksmärchen. Es gibt nur sehr wenige Beschreibungen, selbst die Figuren werden nicht genau beschrieben (vgl. Lüthi 1968, S. 25f.). Außerdem werden viele Wiederholungen benutzt, so dass bspw. in ähnlichen Situationen im Märchen die gleiche Wortwahl verwendet wird (vgl. Lüthi 1968, S. 33). Dies wird auch deutlich durch starre Formeln, die immer wieder in einem Märchen vorkommen, und die Zahlen 1,2,3,7 und 12, die in vielen Märchen eine wichtige Rolle spielen und somit häufig verwendet werden (ebd.). Zusätzlich wird der abstrakte Stil im formelhaften Anfang und Schluss („Es war einmal“) deutlich und auch in gereimten oder metrischen Sprüchen, die oft in Volksmärchen zu finden sind (vgl. Lüthi 1968, S. 34). Die Handlung in einem Volksmärchen ist einsträngig, es gibt keine Nebenhandlungen, und es gibt klar abgrenzbare Episoden, was Lüthi als „Mehrgliedrigkeit“ (ebd.) bezeichnet. Es werden viele Extreme verwendet, wie bspw. die Unterscheidung zwischen gut und böse oder schön und hässlich (ebd.).

Weiterhin ist es typisch für ein Volksmärchen, dass die Figuren voneinander und von ihrer Umwelt isoliert sind (vgl. Lüthi 1968, S. 37). Durch diese Isolation der Figuren ist es dann möglich, dass alle Figuren Bündnisse miteinander eingehen können, die auch wieder getrennt werden können. Diese Besonderheit des Volksmärchens beschreibt Lüthi (1968) als „Allverbundenheit“ (vgl. S. 49). Auch die Episoden eines Märchens sind voneinander unabhängig. So kommt es, dass der Held des Märchens immer wieder dieselben Fehler begeht und nicht aus diesen lernt (vgl. Lüthi 1968, S. 38). Der Fokus des Märchens wird alleine auf den Helden gesetzt, Nebenfiguren treten lediglich als Handlungspartner oder Kontrastfiguren auf (vgl. Lüthi 1968, S. 60).

Zusätzlich zu den Merkmalen Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, abstrakter Stil, Isolation und Allverbundenheit kommen noch die Sublimation und Welthaltigkeit. Mit diesen Begriffen wird beschrieben, dass ein Volksmärchen jedes beliebige weltliche Element aufnehmen kann und somit ein Spiegel für jedes Element der menschlichen Erfahrungswelt sein kann (vgl. Lüthi 1968, S. 72).

2.2 Das Kunstmärchen

Die Gattung der Kunstmärchen entstand etwa ab dem 16. oder 17. Jahrhundert (vgl. Klotz 2002, S. 21). Sie zählen, im Gegensatz zu den Volksmärchen, zur Individualliteratur, was bedeutet, dass ihre Autoren bekannt sind (vgl. Lüthi 2004, S. 5). Oftmals halten sich Kunstmärchen teilweise an das Schema der Volksmärchen (ebd.) und sie gehen auf verschiedene Art und in verschiedenem Maße auf diese zurück (vgl. Klotz 2002, S. 8). Dabei wird aber kein individuelles Volksmärchen als Modell genommen, sondern die Gattung der Volksmärchen im Allgemeinen (vgl. Klotz 2002, S. 9). Sie können aber nicht nur auf Volksmärchen, sondern auch auf andere Kunstmärchen Bezug nehmen (vgl. Klotz 2002, S. 356).

Allgemein gesprochen unterscheidet sich das Kunstmärchen von einem Volksmärchen durch eine komplexere Gestaltung des Ortes, der Zeit, der Figurenkonstellation, der Handlung, der Sprache, der Symbolik und der Metaphorik (vgl. Neuhaus 2005, S. 372). Viele Merkmale des Kunstmärchens sind zudem denen des Volksmärchens entgegengesetzt. Beispielsweise ist das Ende eines Kunstmärchens meist zumindest in Teilen unglücklich, es gibt kein absolutes Happy End und der Schluss ist zumeist relativ offen gehalten (vgl. Neuhaus 2005, S. 8). Die Handlung ist nicht linear, sondern enthält Nebenhandlungen und Rückblenden (ebd.). Das Kunstmärchen enthält außerdem im Gegensatz zum Volksmärchen Ort- und Zeitangaben (ebd.) sowie Schauplätze, die spezifische Eigenschaften haben und nicht stereotyp sind (vgl. Neuhaus 2005, S. 9), was bspw. im Gegensatz zu dem „Dunklen Wald“ im Volksmärchen steht. Das Weltbild im Kunstmärchen ist komplex (ebd.) und es gibt meist keine Eindimensionalität (vgl. Neuhaus 2005, S. 8). Die Figuren sehen fantastische Figuren und Gegenstände oft nicht als üblich an, sondern es hängt von der einzelnen Figur ab, wie sie diese Dinge bewertet (ebd.). Kunstmärchen sind zudem abstrakt und bieten verschiedene Interpretationsmöglichkeiten (vgl. Klotz 2002, S. 24).

Die Figuren im Kunstmärchen haben eine Gefühls- und Gedankenwelt und nehmen ihre Umwelt bewusst wahr (vgl. Pöge-Alder 2011, S. 53). Auch dies steht im Kontrast zu der Gattung der Volksmärchen. Die wichtigsten Figuren im Märchen haben sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften, wobei zumeist eine der beiden Seiten dominierend ist (vgl. Neuhaus 2005, S. 8). Der Held des Märchens entwickelt sich zudem während des Märchens (ebd.). Durch das differenzierte Innenleben des Helden kommt es auch zu Unsicherheiten, die im Volksmärchen nicht vorkommen (vgl. Klotz 2002, S. 361). Die Figuren des Kunstmärchens werden meist in Alltagssituationen und mit konkret benannten anderen Figuren dargestellt (vgl. Neuhaus 2005, S. 8).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Harry Potter-Bücher von Joanne K. Rowling als modernes Märchen
Untertitel
Vom Zauberlehrling, der auszog, das Böse zu besiegen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Phantastische Kinderliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V308050
ISBN (eBook)
9783668061620
ISBN (Buch)
9783668061637
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
harry, potter-bücher, joanne, rowling, märchen, zauberlehrling, böse
Arbeit zitieren
Nina Schütze (Autor), 2015, Die Harry Potter-Bücher von Joanne K. Rowling als modernes Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308050

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Harry Potter-Bücher von Joanne K. Rowling als modernes Märchen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden