Die soziologische Dimension der Sinneswahrnehmung. Eine Perspektive für die Pädagogik


Seminararbeit, 2014
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

I. Einleitung ...3

II. Die Soziologie im Reich der Sinne. Vom Sinn zur Sinnlichkeit sozialer Handlung (Staubmann, 2008) ...6

III. Exkurs über die Soziologie der Sinne (Simmel, 1908) ... 8

IV. Bewertung der sinnessoziologischen Aussagen in pädagogischen Diskursen ...13
IV.1. Die pädagogische Beziehung ...13
IV.2. Lernumgebungen ...18

V. Literaturverzeichnis ...22

I. Einleitung

Die Pädagogik und Erziehungswissenschaft, hier synonym verwendet, nutzen von Nachbardisziplinen wie Philosophie, Psychologie, Soziologie und Neurowissenschaften Erkenntnisse, um ihre eigenen, auf ihren Kernbereich bezogenen Theorien und Praktiken effektiv zu gestalten. Sie sind somit in ständiger Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaften (vgl. Faulstich und Wieland, 2008, S. 12).

Insbesondere erhalten auch soziologische Theorien einen besonderen Stellenwert innerhalb der Pädagogik. Seit Anfang des 20igsten Jahrhunderts wird vorrangig eine gegenseitige Dependenz der beiden Disziplinen hervorgehoben (vgl. Durkheim 1858-1917, Ward 1841-1913). Geiger (1930) definiert in Durkheims Begrifflichkeit Erziehung als „gesellschaftlichen Tatbestand“, indem er bemerkt „Gesellschaft ist ohne Erziehung nicht denkbar, wie andererseits Erziehung nur in der sozialen Sphäre möglich ist“ (ebd. S. 85). Einerseits kommt der Pädagogik innerhalb der Soziologie eine wesentliche Funktion für die Umsetzung gesellschaftlicher Normen, Werte und im weiteren Sinne für den gesellschaftlichen Fortschritt zu. Andererseits können spätestens seit den Studien in den 1960iger Jahren bezüglich der Ungleichheiten im Bildungssystem Sozialisationstheorien innerhalb der Pädagogik nicht unberücksichtigt bleiben (vgl. Faulstich, 2008, S. 58ff).

Von jüngerem Interesse ist eine mikrosoziologische Betrachtung der eigentlichen pädagogischen Praxis als Feld sozialen Handelns. Besonders in den Blickpunkt rücken körperliche Praktiken, durch welche sich die soziale Wirklichkeit in Bildungseinrichtungen her- und darstellt. Alkemeyer (2006) betont diesbezüglich, dass die Prägung des Körpers durch gesellschaftliche Normen und Werte, Wissens- und Ideensysteme, Strukturen und Technologien eine in der Pädagogik vernachlässigte Dimension ist. Als zentraler Punkt wird hierfür eine generelle, den Körper missachtende Pädagogik artikuliert, welche sich auf einen von religiösen Vorstellungen und philosophischen Theorien entstandenen Geist-Körper-Dualismus in der westlichen Welt der letzten 2000 Jahren gründet (vgl. Bresler, 2004). Das dualistische Verständnis betrifft einerseits die Trennung von Körper und Geist sowie andererseits eine hierarchische Beziehung von Geist und Körper.

Kognitionswissenschaftliche Theorien wie Embodiment und Enaction (Varela et al, 1991), welche die Verbindung von Geist und Körper sowie die Notwendigkeit der physikalischen Interaktion mit der Umwelt für die Kognition hervorheben, haben einen Paradigmenwechsel in der Pädagogik bewirkt. Es wird von einer „Wiederentdeckung des Körpers in der zeitgenössischen Bildungarbeit“ gesprochen (vgl. Gröschner und Sandbothe 2010, S. 1). Der Körper wird dabei in Bezug zu Lernprozessen in einer elementaren Weise in den Mittelpunkt gerückt, in dem dieser „[…] in einer durch Face-to-face-Kommunikation geprägten Lehr- und Lernkultur das multidimensionale Instrument der Vermittlung und Integration von erziehungsrelevanten Werten und Wissensbeständen “ ist (Gröschner und Sandbothe 2010, S. 7). Nicht trennbar vom Körper wird die Sinneswahrnehmung fokussiert, da diese als zentraler Vermittler in der Auseinandersetzung mit der Umwelt gilt: „There are many ways to characterize the human experience. We can consider the psychological, physical, and cognitive aspects of being human. Regardless of which perspective we take, sensation is the fuel that feeds all of these experiences” (Dunn, 2009, S. 777). Ein erweitertes Verständnis, welches die Wahrnehmung nicht auf biologische und psychologische Vorgänge reduziert, bietet Merleau-Pontys (1945, 1974) Leibphänomenologie. Hierin wird ein wahrnehmender Körper betont, der die unmittelbare Einbindung in die Welt in einer präfunktionalen und -reflektierten Weise erlebt, erfährt und ist.

Der Sinneswahrnehmung und –verarbeitung wird bei pädagogischen Themenstellungen wie Lernen und Entwicklung Beachtung geschenkt. In der Literatur finden die Sinne diesbezüglich in mehrfacher Weise Erwähnung[1]:

- Sinneswahrnehmung – und verarbeitung als Entwicklungsgrundlage (vgl. kognitives Entwicklungsmodell Piaget und Inhelder, 1972, Prozess der sensorischen Integration nach Ayres 1979, Fisher, und Bundy 1991, Bundy, Lane, und Murray 2002)

- Sinneswahrnehmung – und verarbeitung als Ursache oder Teil von Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten (vgl. Sensory Processing Dysfunction: Ayres, 1972, 1979, 1985; Roley, Blanche und Schaaf, 2001, Bundy, Lane, und Murray 2002;, Sensory Processing Sensitivity: Aron, und Aron 1997, Aron, Aron, und Davies, 2005; Sensation Seeking: Zuckerman, 1978, 1994, O’Connor und Jackson, 2008).

- Sinnesmodalitäten als präferierte Lernzugänge ( vgl. James, und Gardner, 1995, Zapalska, und Dabb, 2002, Harrison, Andrews, und Saklofske, 2003)

Die Bedeutung der Wahrnehmung für das Lernen findet in indirekter Weise auch in anderen Theorien und Konzepten Erwähnung:

- Erfahrungsbetonung in Lernprozessen (vgl. „Experiental Learning Theory“ und den daraus entwickelten Lernstilen: Kolb, 1984),

- Unbewusstes und körperliches Wissen (vgl. Implizites Wissen: Polanyi 1966; „knowing-in-action“: Schön, 1983, „knowing how“: Ryle 1969; Expertenwissen: Dreyfus, und Dreyfus, 1986)

- Imitationslernen und Mimesis (Spiegelneurone: Rizzolatti, und Sinigaglia 2008, 2010; Einverleibung und Habitus: Bourdieu, 1979).

Ziel dieser Arbeit ist eine Annäherung an die soziologische Dimension der Sinneswahrnehmung zur Erweiterung der Perspektive zu einem Dissertationsthema, welches die Bedeutung der Sinnesverarbeitung im Lernprozess fokussiert. Ausgangslage der Autorin ist einerseits eine biologische und wahrnehmungspsychologische Sichtweise der Sinneswahrnehmung, insbesondere der auf Jean Ayres begründeten Theorie der Sinnesverarbeitung (Ayres, 1972, 1979, 1985) sowie dem auf „Occupational Science“ begründetem Verständnis über die Bedeutung des Körpers in menschlichen Betätigungsfeldern in Verbindung mit Gesundheit und Krankheit (vgl. Zemke, und Clark 1996; Wilcock, 2005)

Es werden zwei Beiträge aus der Sinnessoziologie in wesentlichen Grundzügen rezipiert und im Bezugsrahmen ausgewählter pädagogischer Themen bewertet. Als Erstes wurde ein Einführungsartikel von Helmut Staubmann für einen primären Zugang zu den Grundbegriffen der Ästhetik sowie für eine Annäherung an den Stellenwert der Sinne in der Soziologie genutzt. Der Beitrag von Georg Simmel verhalf darauf folgend die soziologische Funktion der einzelnen Sinnessysteme und deren Zusammenspiel zugänglich zu machen.

II. Die Soziologie im Reich der Sinne. Vom Sinn zur Sinnlichkeit sozialer Handlung (Staubmann, 2008)

Helmut Staubmann stellt in seinem Einleitungstext im Buch „Ästhetik – Aisthetik – Emotionen“ eine Positionierung der Sinne in der Soziologie dar und unternimmt eine Einordnung von Perspektiven und Begrifflichkeiten. Er betont die Orientierung seines Verständnisses der Sinne am Grundlagenwerk Georg Simmels (1908) „Exkurs über die Soziologie der Sinne“.

Die Auseinandersetzung beginnt mit der Abgrenzung des Begriffes „Ästhetik“, an welchem sich nach Staubmann eine „verwirrende Vieldeutigkeit“ (ebd. S. 9) zeigt.

Ursprünglich als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis und des Gefühls“ definiert, wurde der Begriff der Ästhetik vorrangig in Bezug zu Kunst abgehandelt. Staubmann sieht zwei Stränge, die sich aus der Ästhetik herauskristallisiert haben, die Kunstwissenschaft auf der einen Seite und die Wahrnehmungspsychologie auf der anderen (ebd. S. 10). Das Naheverhältnis der Sinne zur Kunst führt zu einer Beschränkung des eigentlichen Gehalts dieses Begriffes, da sich weder die Kunst noch die Sinnlichkeit jeweils auf das andere reduzieren lässt. Staubmann versucht durch eine Rückbeziehung auf die „aisthetike episteme“, der Aisthetik, den Begriffsinn der Ästhetik umfassender zu rekonstruieren. Eine Gleichsetzung der Begriffe führt zu einer zur Unverständlichkeit führenden Verschmelzung wesentlicher Aspekte, „der Wahrnehmung“ und der spezifischen Art der „Verarbeitung“ (ebd. S.11). Wenngleich die Differenzierung von zwei elementaren Prozessen der Wahrnehmung nicht vollständig vollzogen werden kann, handelt es sich um die „ Synthese eines sinnlich Gegebenen mit dem Schema des Verstehens“ (ebd. S. 11). Das Verstehen wird durch Schemata des Denkens, Bewertens und Empfindens möglich. Der Begriff Aisthetik soll nach Staubmann daher „ alles umfassen was die Sinne unmittelbar sowie auch die Möglichkeiten der Weiterverarbeitung“ (ebd. S. 11) betrifft, und ist daher von der eingeschränkteren Begrifflichkeit der Ästhetik, welche sich auf die jeweilige „spezifische Form der Kulturalisierung des sinnlich unmittelbar Gegebenen“ (ebd. S.11) beschränkt, abzugrenzen. Durch ein Zitat von J. M. Guyau (Pionier der soziologischen Ästhetik) wird die Notwendigkeit der differenzierten, dualen Betrachtung veranschaulicht: […] der ästhetische Charakter des Sinneseindrucks“ hängt „viel weniger von ihrer Herkunft, sozusagen von ihrem Stoff ab, […] als von der Form und der Entwicklung, die sie im Bewusstsein annehmen, und von Assoziationen und Kombinationen, zu denen sie Veranlassung geben. Es ist eher das Milieu des Bewusstseins als der unbehauene Sinneseindruck, das die ästhetische Emotion ins Leben ruft und erklärt“ (1987, S. 36–37). Staubmann präzisiert den Aspekt der Ästhetik, indem er auf die „spezifische Art der Kulturalisierung“ als „ein Subsystem des Milieus des Seelischen, wovon das begriffliche Bewusstsein ebenfalls eine Unterkategorie darstellt“, verweist.

Es wird in seiner Einleitung kritisiert, dass die Sinne ihren ästhetischen Wert erst durch die Verbindung mit der begrifflich-kognitiven odermoralisch-evaluativen Bewertung erhalten und damit die Sinne als eine Vorstufe, etwas Ursprüngliches, Animalisches, Unzivilisiertes betrachtet werden. Dies führt Staubmann zu folgender Position bezüglich der Ästhektik:„[…], dass es eine Kulturform ihrer als solche gibt und diese Qualität von Sinnlichkeit soll in der Folge als ästhetische bezeichnet werden“ (S. 13).

Damit ist jedoch die Stellung der Sinne innerhalb der Soziologie noch nicht geklärt. Bei der Auseinandersetzung mit der Ästhetik und Aisthetik behauptet Staubmann, dass innerhalb der Soziologie die Sinne als individuell und als keine sozialen Phänomene bezeichnet werden, also der biologischen und psychologischen Untersuchung zugehörig gesehen werden. Sie werden als störend, primitiv, teuflisch und manipulierbar eingestuft, was sich in sozialen Phänomenen der Politik zeige. Von einer Abwehrhaltung in den Sozialwissenschaften weist jedoch Staubman auf ein zeitgenössisches Wiedererwachen des Interesses bis hin zu einer Überschätzung der Bedeutung der Sinne und der Körperlichkeit hin, welches als postmoderne ästhetische Gesellschaft bezeichnet wird. Die Diskussion erstreckt sich zwischen subjektiven und objektiven Theorien. Staubmann sieht in diesem Diskurs vor allem den Mangel einer Definitionsschwäche der Soziologie und des Sozial-Begriffes, welcher sich unter anderem an dieser Thematik der Ästhetik und Aisthetik ausdrückt, jedoch nicht darüber klären lässt. Die Frage nach der „Henne und dem Ei“ jeglicher Interaktionsgeschehnisse von Individuum und Gesellschaft sowie nach den Prozessen, die als „soziale Tatsachen“ bezeichnet werden können, wird in unterschiedlichen soziologischen Orientierungen unterschiedlich nachgegangen.

Staubmann wendet sich somit ab von einer ungleichwertigen Darstellung von Sinnlichkeit und Intellektualität in der jeglichen sinnlichen Prävorgängen gegenüber kognitiv-sprachlichen Vorgängen eine mindere Wichtigkeit zukommt bzw. in der Beziehungen und Handlungen auf einfache Reiz-Reaktionsmuster reduziert werden. In seiner Reformulierung soziologischer Grundbegriffe im Kontext von Schönheit, Sinnlichkeit und Emotionalität (ebd. S. 18) erfahren in Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Theorien[2] die Emotionalität, Sinnlichkeit und jegliche Vorgänge, die nicht mit rationalen, begrifflichen Schemata erfasst werden, eine gleichwertige Bedeutung. Es wird die Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit des sinnlich Erfassbaren hervorgehoben.

Diese Qualitäten sieht Staubmann auch als Ausgangspunkt für das Verstehen von Handlungs- und Kommunikationsprozessen und für jegliche sozialwissenschaftliche Methodologie, da sich diese Phänomen nur schwer auf Daten, Tabellen und Statistiken reduzieren lassen: „ Man muss damit Verstehen als einen Vorgang begreifen, der quasi quer zu den Sinnen und zu den Verarbeitungsmodi des Geistes liegt, damit aber einerseits gerade eine unmittelbare Synthese erzeugt, andererseits aber auch ein jeweiliges Primat eines seelischen Inhaltes ermöglicht wird „ (ebd. S. 18.).

Zusammenfassend wird nach Staubmann in der Auseinandersetzung mit den Begriffen der Aisthetik und Ästhetik sichtbar, dass eine Verengung der Inhalte der Sozialität durch Definitionen nicht anzustreben sei, auch wenn sich die Soziologie durch die Differenzierungstendenz aller Lebensbereiche dazu herausgefordert fühlt. In Aussicht stellt Helmut Staubmann auch die Selbsterkenntnismöglichkeiten, die dieses erweiterte Verständnis von Sinnlichkeit bereit zu halten vermag.

Nachfolgend werden die elementaren Grundaussagen von Georg Simmels Verständnis der Sinne im Bezug zur Sozialität herausgearbeitet, welche auch das in diesem Kapitel angeführte Werk von Helmut Staubmann stark prägte.

III. Exkurs über die Soziologie der Sinne (Simmel, 1908)

Das Werk „Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ des deutschen Philosophen und Soziologen Georg Simmels (1858 – 1918) behandelt im IX. Kapitel „Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft“ die soziologische Wirkung der Sinneswahrnehmung (Simmel, 1908, S. 483-493). Nach Fischer (2000) kann der „Exkurs über die Soziologie der Sinne“ „ als Zentraltext aller Projekte einer Soziologie der Sinne oder allgemein einer Soziologie des Körpers“ angesehen werden (ebd. S.6).

[...]


[1] Eine Vollständigkeit der Auflistung der Kategorien kann zu diesem Zeitpunkt nicht gewährt werden, da dies den Untersuchungsschwerpunkt des Dissertationsvorhabens betrifft.

[2] Siegfried Kracauer, Theodor W. Adorno, Pierre Bourdieu, Thorstein Veblen, Clifford Geertz, Georg Simmel, Talcot Parson, Niklas Luhmann

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die soziologische Dimension der Sinneswahrnehmung. Eine Perspektive für die Pädagogik
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V308432
ISBN (eBook)
9783668071667
ISBN (Buch)
9783668071674
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dimension, sinneswahrnehmung, eine, perspektive, pädagogik
Arbeit zitieren
Elisabeth Hartig (Autor), 2014, Die soziologische Dimension der Sinneswahrnehmung. Eine Perspektive für die Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308432

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die soziologische Dimension der Sinneswahrnehmung. Eine Perspektive für die Pädagogik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden