Entscheidungen unter Unsicherheit mit Schwerpunkt auf jetzt-für-dann Entscheidungen. Altersvorsorge in Deutschland


Masterarbeit, 2015

81 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis.

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Entscheidung unter Sicherheit vs. Entscheidung unter Unsicherheit
2.2 Varianten von Unsicherheit
2.3 Kognitive Heuristiken
2.3.1 Repräsentativität
2.3.1.1Basisraten-Fehler
2.3.1.2Konjunktions-Fehler
2.3.1.3Des Spielers Trugschluss
2.3.2 Verfügbarkeitsheuristik
2.3.2.1Illusorische Korrelation
2.3.2.2Medienberichterstattung
2.4 Allgemeine Heuristiken
2.4.1 Ambiguitätsaversion
2.4.2 Overconfidence
2.4.3 Framing-Effekt
2.4.4 Verankerung und Anpassung
2.4.5 Rückschau-Fehler
2.5 Finanzielles Wissen
2.6 Entscheidungstypen mit Schwerpunkt auf „jetzt-für-dann Entscheidungen“

3 Altersvorsorge in Deutschland
3.1 Demographischer Wandel in Deutschland
3.2 Definition und Aufbau der Altersvorsorge
3.3 Vom Staat geförderte Altersvorsorgeprodukte
3.3.1 Umlageverfahren
3.3.2 Rürup-Rente als Zusatz zur Basisversorgung
3.3.3 Riester-Rente
3.3.4 Betriebliche Altersvorsorge
3.4 Vom Staat nicht geförderte Altersvorsorgeprodukte
3.4.1 Private Rentenversicherung
3.4.2 Private Lebensversicherung
3.4.3 Fondssparpläne
3.4.4 Immobilien
3.5 Einschätzung der Altersvorsorgekonzepte

4 Empirie
4.1 Vorstellung der Studien
4.2 Auswertung der Studien

5 Fazit und Ausblick für weitere Forschung

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aufteilung von Unsicherheit

Abbildung 2: Spannbreiten von Entscheidungen

Abbildung 3: Arten der Unsicherheit

Abbildung 4: Illusorische Korrelation

Abbildung 5: Schematische Darstellung des Altersaufbau der Bevölkerung

Abbildung 6: Das „Drei-Säulen-Modell“ der Altersvorsorge

Abbildung 7: Das „Drei-Schichten-Modell“ der Altersvorsorge

Abbildung 8: Aufteilung der Vorsorgeprodukte bei unter 30-jährigen

Abbildung 9: Aufteilung der Vorsorgeprodukte bei 30- bis 44-jährigen

Abbildung 10: Aufteilung der Vorsorgeprodukte bei 45- bis 59-jährigen

Abbildung 11: Aufteilung der Vorsorgeprodukte bei über 60-jährigen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Überblick über die Rürup-Rente

Tabelle 2: Überblick über die Riester-Rente

Tabelle 3: Überblick über die betriebliche Altersvorsorge

Tabelle 4: Überblick über die private Rentenversicherung

Tabelle 5: Überblick über die Lebensversicherung

Tabelle 6: Überblick über Fondssparpläne

Tabelle 7: Vorstellung der Studie „Arbeit, Familie, Rente - Was den Deutschen Sicherheit gibt“

Tabelle 8: Vorstellung der Studie „Private Altersvorsorge ist sehr wichtig“

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Jeden Tag ist der Mensch gezwungen, Entscheidungsmöglichkeiten zu eruieren, die Konsequenzen aus den möglichen Entscheidungen abzuwägen und im schlimmsten Fall sich falsch zu entscheiden. Entscheidungen können ganz banaler Natur sein, bspw. wenn es darum geht, auf welche Uhrzeit der Wecker gestellt werden muss, damit der Mensch pünktlich bei der Arbeit ist. In diesem Fall lässt sich das Resultat der Entscheidung sehr schnell bemerken, denn entweder erscheint er pünktlich o- der nicht. Hierbei spricht man von einer jetzt-für-jetzt Entscheidung,1 d.h. von einer Entscheidung, die in der Gegenwart für einen Zeitpunkt in naher Zukunft getroffen wird.

Anders sieht es aus, wenn sich der Mensch mit der Altersvorsorge beschäftigt, einem Thema, das für die meisten in weiter Ferne liegt. Hierbei spricht man von einer jetzt-für-dann Entscheidung.2

Entscheidet sich der Mensch für die Bereitstellung von finanziellen Ressourcen für die Altersabsi- cherung, so entzieht er auf der einen Seite seiner derzeitigen Situation Geld und zum anderen muss dieser sich hierbei für Vorsorgeprodukte entscheiden, die nach außen hin zwar meist einfach aufge- baut sind, in denen aber oft unübersichtliche Abschluss- und Vertriebskosten enthalten sind. Diese müssen zunächst abbezahlt werden und erst dann wird das Geld ausschließlich für die eigentliche Altersvorsorge verwendet.

Weiterhin ist die derzeitige Entwicklung am Markt als kritisch einzuschätzen, bedenkt man bspw. die Abschaffung des Garantiezinses durch die Allianz und ERGO Versicherungsgesellschaften.3 Ebenfalls ist die zunehmende Entwicklung, Altersvorsorgeprodukte zu großen Teilen in fondsbasierten Ausführungen anzubieten und das Risiko somit von der Versicherungsgesellschaft auf den Kunden zu übertragen, als bedenklich anzusehen. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Versicherungsgesellschaften keinerlei Garantien für die Höhe der Rente geben können, da diese in hohem Maß von der Wertentwicklung der Fonds abhängt, in die investiert wurde.4

Noch komplexer ist es für den Menschen, wenn dieser eigenständig Maßnahmen für die Altersvor- sorge trifft und somit Banken und Versicherungsgesellschaften aus dieser Entscheidungsfindung ausgeklammert. Damit dies gelingt, benötigt die Person einen gewissen Grad an finanziellem Ge- schick und Wissen. Weiterhin muss die Person sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen eines je- den Vorsorgeproduktes auseinandersetzen, um im Anschluss die für sich beste und effektivste Wahl bzgl. eines Vorsorgeproduktes für die derzeitige, aber auch die zukünftige Lebenssituation, treffen zu können. Gerade für junge Menschen scheint es mühevoll, Geld für die Altersvorsorge bereitzustellen, da diese zum einen weniger davon haben und das, was sie besitzen, eher für andere, kurzfristige, scheinbar wichtigere Dinge ausgeben wollen oder müssen.

In der bisherigen Forschung ist eine intensive Auseinandersetzung mit Entscheidungsproblemen, insbesondere auch mit Entscheidungen unter Unsicherheit, gegeben. Dies zeigt sich besonders in der Arbeit von JUNGERMANN et al. (2005), die in ihrem Werk „Die Psychologie der Entscheidung“ die theoretischen Grundlagen für dieses Problem liefern.5 Ebenfalls wird dieses Thema von MÜLLER- CHRIST (2008) im Werk „Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit“ behandelt.

Entscheidungen unter Unsicherheit sind auch im Alltäglichen von großer Wichtigkeit, bspw. in der Medizin. Hier muss durch die Ärzte entschieden werden, welche diagnostischen und/oder therapeutischen Maßnahmen getroffen werden müssen, um einen Patienten mit einem bestimmten Symptomkomplex ordnungsgemäß behandeln zu können. Zum Zeitpunkt der Entscheidung können Aspekte der Krankheit nicht mit vollständiger Sicherheit vorhergesagt werden.6

Auch gibt es Arbeiten zum Thema „jetzt-für-dann Entscheidungen“. Diesem Thema widmeten sich unter anderem LIEBSCHER (2013) oder MÜLLER-CHRIST (2012) im Aufsatz „Nachhaltiges Manage- ment aus der Entscheidungsperspektive: Restitutionskosten, Jetzt-für-dann-Entscheidungen und Trade-Offs.“7

Ebenfalls gibt es verschiedene Studien zum Anlageverhalten der Sparer. Diese behandeln unter anderem die Investitionen der Anleger in Altersvorsorgeprodukte, wie bspw. in einer von CosmosDirekt in Auftrag gegebenen Studie aus 2014.

Es gibt eine große Anzahl von Arbeiten, die diese Themenkomplexe behandeln, ebenso finden sich diese Problematiken im alltäglichen Leben. Dennoch gibt es trotz der stetig steigenden Aktualität bislang keine Untersuchungen bzgl. Entscheidungen unter Unsicherheit und dem Thema Altersvor- sorge.

Hieraus leitet sich folgende Forschungsfrage ab:

Welche Faktoren von Entscheidungen unter Unsicherheit sind für die Anlageentscheidung bei der Altersvorsorge maßgeblich und wie sind die Anlageentscheidungen hierdurch zu erklären.

Die Forschungslücke soll mit Hilfe der vorliegenden Arbeit geschlossen werden und somit möglicherweise auf neue, sich ergebene potentielle Forschungsschwerpunkte hinweisen.

1.2 Zielsetzung

Zusammenfassend soll die Anfertigung dieser Masterarbeit eine ausreichende Betrachtung von Treibern bei der Entscheidungsfindung unter Unsicherheit mit dem Schwerpunkt auf jetzt-für-dann Entscheidungen verfolgen und herausstellen, welche Altersvorsorgeprodukte durch verschiedene Altersgruppen verwendet werden. Weiterhin soll untersucht werden, welche Treiber ursächlich für die Anlageentscheidungen in sind.

1.3 Vorgehensweise

Zur Beantwortung der Forschungsfrage soll in einem ersten Schritt das deskriptive Ziel, die Her- ausarbeitung der theoretischen Grundlagen sein. Dies geschieht durch Sichtung und Auswertung der gängigen Literatur. Im darauffolgenden Schritt soll das analytische Ziel erarbeitet werden. Hierbei soll eine Auswertung von verschiedenen Studien im Mittelpunkt stehen. Dabei sollen diese kurz vorgestellt und deren jeweilige Ergebnisse herausgearbeitet werden. Im Anschluss daran be- steht die Aufgabe, die ausgewählten Studien bzgl. der Forschungsfrage insgesamt auszuwerten und anschließend die Ergebnisse, also die Verteilung der Altersvorsorgeprodukte, in verschiedene Al- tersstufen zu clustern. Die Aufteilung der Altersgruppen soll hierbei in vier verschiedene Gruppen erfolgen. Durch diese Clusterung soll die Möglichkeit gegeben werden, die Anlagesituation der ver- schiedenen Altersstufen einzusehen und diese im Anschluss zu bewerten. Die Aufschlüsselung der Anlagesituation soll hierbei durch die Bildung eines Mittelwertes aus den einzelnen Studien erfol- gen. Anschließend kann eine Bewertung anhand einer Einschätzung der vorgestellten Altersvorsor- gekonzepte unter Rückbezug der Erkenntnisse aus dem Theorieteil erfolgen. Ebenso soll dann ver- sucht werden, die Frage zu klären, aus welchen Gründen Menschen in den jeweiligen Altersklassen sich für ihre Form der Vorsorge entschieden haben. Das pragmatische Ziel dieser Arbeit besteht da- rin, die oben aufgestellte Forschungsfrage entsprechend zu beantworten. Dies schließt sowohl das Aufzeigen der Faktoren mit ein, die ursächlich für Entscheidungen unter Unsicherheit in Bezug auf die Altersvorsorge sind, als auch die Beantwortung der Frage, wie die Anlageentscheidungen hier- durch zu erklären sind.

In der vorliegenden Arbeit bietet das erste Kapitel einen Überblick über die allgemeine Problemstellung von Entscheidungen unter Unsicherheit mit dem Schwerpunkt auf jetzt-für-dann Entscheidungen, unter Bezugnahme am Beispiel der Altersvorsorge. Zu Beginn soll diese näher erläutert und im Anschluss auf die Vorgehensweise innerhalb der Arbeit eingegangen werden.

Im zweiten Kapitel wird das deskriptive Ziel mit Hilfe der gängigen Literatur herausgearbeitet, indem zunächst die theoretischen Grundlagen zur Bearbeitung der Fragestellung gelegt werden. An dieser Stelle sollen bspw. Begriffe wie Sicherheit, Unsicherheit und Risiko voneinander abgegrenzt und unterschieden werden.8 Im darauffolgenden Schritt werden Varianten von Unsicherheit dargestellt und es wird untersucht, welche Faktoren in die Entscheidungsfindung einfließen.

Ebenso soll an dieser Stelle auf die finanzielle Allgemeinbildung9 der Menschen eingegangen werden, bevor in einem nächsten Schritt verschiedene Entscheidungstypen, namentlich jetzt-für-jetzt, jetzt-für-dann und jetzt-für-dann-für-andere Entscheidungen, dargestellt und diese dann abschließend unterschieden werden.

Das dritte Kapitel behandelt das Thema „Altersvorsorge in Deutschland“. Innerhalb dieses Kapitels wird zunächst auf den demographischen Wandel eingegangen und im Anschluss daran der Aufbau der Altersvorsorge dargestellt. Nach einer kurzen Erläuterung der Struktur, der Bedeutung und des Zwecks der Altersvorsorge in Deutschland werden die unterschiedlichen Säulen innerhalb der Altersvorsorge in Form von gesetzlicher, ergänzend erwerbsbasierter Rente und der privaten Altersvorsorge aufgezeigt und bewertet.

Außerdem sollen die Möglichkeiten der Altersvorsorge in Form von Umlageverfahren, der betrieblichen Altersvorsorge, der Riester-Rente, der Rürüp-Rente, der privaten Renten- und Lebensversicherung, der Fondssparplänen und Immobilien dargestellt werden. Dabei kommt es zu einem kurzen Vergleich, welche Vor- und Nachteile jedes einzelne Vorsorgeprodukt für den Sparer bietet und in welche Risikoklassen das jeweilige Produkt einzuordnen ist. 10

Im vierten Kapitel wird das analytische Ziel der Arbeit behandelt und die aufgestellte These der Entscheidung unter Unsicherheit bei jetzt-für-dann-Entscheidungen in der Altersvorsorge belegt. Hierfür werden verschiedene Studien zum Anlegeverhalten der Deutschen vorgestellt und nach Altersklassen geclustert, untersucht sowie ausgewertet. Dadurch soll gezeigt werden, wie in den jeweiligen Altersklassen für das Alter vorgesorgt wird und anschließend soll versucht werden, dieses Verhalten unter dem Aspekt der Unsicherheit zu erklären.

Im fünften und letzten Kapitel soll das pragmatische Ziel beantwortet werden. Hierbei werden die Ergebnisse dieser Arbeit aufgegriffen und zusammengefasst. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick des Themas.

Zusammenfassend soll die Masterarbeit eine ausreichende Betrachtung der Entscheidungsfindung, der Gründe und Treiber für eine Entscheidungsfindung unter Unsicherheit im Hinblick auf das Thema Altersvorsorge verfolgen. Die Basis für die gewonnenen Erkenntnisse bildet eine empirische Untersuchung in Form von ausgewerteten Studien, die eine umfassende Aussage über das gewählte Themengebiet erlaubt.

2 Theoretische Grundlagen

Das zweite Kapitel dient der Darstellung der theoretischen Grundlagen, die für die Bearbeitung der Fragestellung aus Kapitel eins notwendig sind. Innerhalb dieses Kapitels werden die Begriffe Sicherheit, Unsicherheit und Risiko voneinander abgegrenzt und im Anschluss daran werden Varianten von Unsicherheit, die ursächlich für die Entscheidungsfindung sind, genauer untersucht. Des Weiteren wird auf den Begriff Finanzielles Wissen bzw. Finanzielle Unwissenheit eingegangen und dargestellt, wie es um dieses Wissen in der Deutschen Bevölkerung bestellt ist.

Zum Abschluss dieses Kapitels werden die verschiedenen Entscheidungstypen, in Form von jetzt- für-jetzt-, jetzt-für-dann- und jetzt-für-dann-für-andere Entscheidungen, erläutert. Dabei wird zu- nächst der Ursprung der Begrifflichkeiten aufgezeigt und weiterhin werden diese vorgestellt und definiert. Ebenso soll auf die Schwierigkeiten, die sich daraus in der Entscheidungsfindung ergeben, eingegangen werden.

2.1 Entscheidung unter Sicherheit vs. Entscheidung unter Unsicherheit

In der Literatur findet sich häufig der Begriff „Entscheidung unter Sicherheit“. Das Eintreten einer solchen Entscheidung ist allerdings nur möglich, sofern das Individuum alle möglichen Ausgänge, die durch das Treffen einer Entscheidung bestehen, kennt.11 In der Realität ist dies allerdings nur bedingt möglich, so dass man bei jeder Entscheidung, die getroffen wird, von einer Entscheidung unter Unsicherheit sprechen kann.

Eine Entscheidung unter Unsicherheit ist demnach eine Entscheidungssituation, in der das Indivi- duum alle möglichen Umweltzustände kennt, aber nicht absehen kann, welcher eintreten wird.12 Das bedeutet, dass aufgrund mangelnder bzw. fehlender Informationen des Entscheiders hinsichtlich des möglichen Eintritts zukünftiger Umweltzustände, Abweichungen von einem gewünschten bzw. er- warteten Ziel entstehen können. Diese Abweichung kann sowohl negativ als auch positiv sein. Bei einer negativen Abweichung kann es zu einem Eintritt eines Schadens bzw. eines Nutzenentzugs beim Entscheider kommen. Ist die Abweichung hingegen positiv, so ist die Zielverfehlung als Chance zu sehen.13 Als mögliches Beispiel lässt sich hier der Ausgang eines Fußballspiels anführen. Hierbei fehlen dem Entscheider genaue Informationen über den Ausgang des Spiels, obwohl alle möglichen Umweltzustände bekannt sind. Das Spiel kann gewonnen oder verloren werden, unent- schieden ausgehen oder abgebrochen werden.

Entscheidungen unter Unsicherheit lassen sich des Weiteren in Entscheidungen unter Ungewissheit und Entscheidungen unter Risiko aufgliedern. Diese beiden Begriffe sollen hier ebenfalls aufgezeigt und voneinander abgegrenzt werden (vgl. Abbildung 1).14

Abbildung 1: Aufteilung von Unsicherheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Gondring (2007), S.6

Von einer Entscheidung unter Risiko spricht man immer dann, wenn der Entscheidung verschiedene Ergebnisse zugeordnet und für den Eintritt eines möglichen Umweltzustandes Wahrscheinlichkeiten angeben werden können. Diese Wahrscheinlichkeiten können entweder objektiv (mathematisch) bekannt sein, wie bspw. beim Lotto oder bei einem Münzwurf, oder auf subjektiven Schätzungen (Intuitiv und Erfahrung), wie bspw. aufgrund von Erfahrungswerten, beruhen.15

Als eine Entscheidung unter Ungewissheit bezeichnet man hingegen eine Entscheidungssituation, in der das Individuum die Alternativen, die Umweltzustände und auch die verschiedenen Ergebnisse, die durch die Wahl eintreten können, kennt. Allerdings sind in diesem Fall die Eintrittswahrscheinlichkeiten (sowohl objektiv als auch subjektiv) für jegliche Umweltzustände unbekannt.16

Sämtliche Entscheidungen lassen sich auf eine Spannbreite zwischen den Extremen „völliger Sicherheit“ und „völliger Unsicherheit“ begrenzen. Abbildung 2 verdeutlicht dies.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Spannbreiten von Entscheidungen

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Staehle, Conrad & Sydow (2014), S.533

Zur Vereinfachung soll in dieser Arbeit lediglich von Entscheidungen unter Unsicherheit gesprochen werden.

2.2 Varianten von Unsicherheit

Zu Beginn dieses Unterkapitels soll geklärt werden, welche Ausprägungen die Unsicherheit, denen ein Mensch bei seinen Entscheidungen unterworfen ist, aufweisen kann. Wie in Abbildung 3 gezeigt wird, lassen sich interne und externe Ursachen von Unsicherheiten unterscheiden.17

Abbildung 3: Arten der Unsicherheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S.143

Interne Unsicherheiten lassen sich auf Ursachen, die in „uns selbst“ liegen, zurückführen. Dieser Fall der Unsicherheit ist somit durch den Menschen selbst beeinflussbar. Weiterhin kann dies in „Glauben“ und „Gründe“ aufgegliedert werden. Ein gängiges Beispiel für den Fall „Glauben“ ist die Verknüpfung von zwei Gedächtnisinhalten, z.B. das Gesicht eines Bekannten mit dem Namen „Markus“. Im Fall „Gründe“ beschäftigt sich das Individuum hingegen mit einer Fragestellung, die nicht selbst beantworten kann, sondern die aus dem eigenen Wissen selbst erschlossen werden muss. Das bedeutet wiederum, dass die Sicherheit des getroffenen Urteils zum einen von der Quali- tät der Informationen, welche im Gedächtnis verankert sind, abhängt und zum anderen von der Fol- gerichtigkeit des Denkens des Individuums. Wenn ein Mensch bspw. die Aussage tätigt „Bremen liege vermutlich nördlich von Hamburg“, dann liegt dies an dem mangelnden geographischen Wis- sen des Individuums.18

Externe Ursachen hingegen lassen sich durch den Menschen nicht ändern oder beeinflussen, diese sind also unumgänglich. Diese Ursachen lassen sich weiterhin in „Häufigkeit“ und „Tendenz“ un- tergliedern. Ein Beispiel für den Fall „Häufigkeit“ ist die Annahme beim Würfeln eine Sechs zu er- zielen. Die Wahrscheinlichkeit tatsächlich eine Sechs zu würfeln hängt von der zufallsmäßigen Ver- teilung des Würfels ab und liegt bei einer Wahrscheinlichkeit von 1/6. Im anderen Fall, der „Ten- denz“, beachtet man lediglich ein Ereignis. An dieser Stelle kann z.B. die Frage gestellt werden, „Wie sicher sind Sie, dass Deutschland im Jahre 2016 Europameister wird.“ Die Beantwortung die- ser Frage ist dann nicht vom Zufall oder dem Wissen abhängig, sondern von dem Potential der DFB-Auswahl bzw. der Leistung von anderen Auswahlmannschaften bei der Europameisterschaft.19

2.3 Kognitive Heuristiken

Entscheidungen, die von Menschen getroffen werden, sind stets weniger eindeutig, als man vermu- ten würde. Allerdings sind nicht nur diese externen Voraussetzungen, sondern vielmehr auch die in- ternen Regeln, welche jeder Mensch bei der Entscheidungsfindung anwendet, anfällig für Verzer- rungen. Der Mensch beurteilt mit Hilfe von unterschiedlichen Heuristiken die Wahrscheinlichkeiten von bestimmten Ereignissen. Dadurch werden Entscheidungssituationen nicht zu mathematischen Problemen gemacht, sondern zu mentalen Abkürzungen (sogenannten Daumenregeln).20 Heuristi- ken haben sowohl eine positive als auch eine negative Seite, die betrachtet werden kann. Dadurch, dass sie effiziente Problemlösungstechniken darstellen, sind sie als positiv zu sehen. Da sie aber auch zu Fehleinschätzungen bzw. Fehlentscheidungen führen können, sind sie auch als negativ wahrzunehmen.21 Zu diesen Heuristiken zählen die Repräsentativitäts-, die Verfügbarkeits- und die Verankerungsheuristik.22 Obwohl diese dem Modell des vollkommen rational handelenden Menschen (dem sog. Homo oeconomicus) widersprechen, sind diese keineswegs als unvernünftig anzusehen. Betrachtet man eine Entscheidung, die unter Zeitdruck getroffen werden muss, ist es oftmals sinnig, sich auf seine Erfahrungen zu verlassen. Allerdings können diese Strategien aufgrund von mangelnder Erfahrung etc. auch in die Irre führen.23

Im Folgenden sollen diese Heuristiken erläutert und mit Hilfe von Beispielen veranschaulicht wer- den.

2.3.1 Repräsentativität

Menschen greifen auf diese Art der Heuristik zurück, wenn Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden müssen, um herauszufinden, ob ein Objekt in einer bestimmten Klasse angesiedelt ist oder von einem bestimmten Prozess ausgelöst wird. Dabei ist die subjektive Wahrscheinlichkeit umso größer, je repräsentativer ein Ereignis für die Gruppe erscheint, aus der es stammt.24

Sieht ein Mensch bspw. Jemanden, der in Jeans und T-Shirt durch die Stadt läuft, so wird der Mensch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen Investmentbanker handelt, als gering einschätzen, da dieser für einen Investmentbanker nicht repräsentativ ist. Beobachtet ein Mensch hingegen eine Person die im Anzug durch die Frankfurter Innenstadt spaziert, so wird diese vom Beobachter eher als Bankangestellter betrachtet. Die Begründung hierfür liegt darin, dass er für diese Gruppe als repräsentativ gesehen wird.

In der Literatur finden sich folgende Fehler, die mit der Repräsentativität einhergehen:

- Basisraten-Fehler
- Des Spielers-Trugschluss
- Konjunktions-Fehler25

2.3.1.1 Basisraten-Fehler

Eine Entscheidung, die auf Basis von Repräsentativität (vgl. Kapitel 2.3) getroffen wurde, ist anfällig für den Basisraten-Fehler. Im Folgenden soll dieser näher beschrieben und zum besseren Verständnis anhand eines Beispiels erklärt werden.

Der Basisraten-Fehler zeigt sich dann, wenn Menschen bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten die Verteilung in der Grundgesamtheit als Information nicht berücksichtigen oder diese zu großen Teilen vernachlässigen. Je wichtiger Menschen die fallspezifische Information erscheint, desto eher sind diese geneigt die Basisrate unberücksichtigt zu lassen.26

Das nachstehende Beispiel zeigt diesen Sachverhalt: Es kommt in der Nacht zu einem Verkehrsunfall mit einem Taxi. Dabei begeht der Fahrer Fahrerflucht.

Allgemeine Angaben:

1) 85% aller Taxen in der Stadt sind grün, die restlichen 15% sind blau.
2) Ein Zeuge, der den Unfall beobachtet hat, sagt aus, dass das Taxi blau gewesen sei.
3) In 80% der Fälle identifizierte der Zeuge das Taxi richtig.

Nun stellt sich die Frage wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich tatsächlich um ein blaues Taxi handelte ist.

Das Ergebnis dieses Versuches ist Folgendes:

1) Die meisten Versuchspersonen schätzten die Wahrscheinlichkeit auf 80%.
2) Tatsächlich liegt diese aber nur bei 41%, was auf den ersten Blick nicht plausibel erscheint.
3) Intuitiv wird hier die Basisrate zu großen Teilen zugunsten der fallspezifischen Information ignoriert.
4) Je größer die Auffälligkeit der fallspezifischen Information, desto eher wird die Basisrate von den Menschen ignoriert.27

2.3.1.2 Konjunktions-Fehler

Ein weiterer systematischer Fehler wird als Konjunktions-Fehler bezeichnet. Wird hierbei nach der Wahrscheinlichkeit gefragt, dass sich ein Mensch a) für ein bestimmtes Altersvorsorgeprodukt ent- scheidet, b) mit dieser Entscheidung schnell unglücklich ist und c) zu einem anderen „besseren“ Produkt wechselt, wird für dieses Beispiel aus den gegebenen drei Einzelwahrscheinlichkeiten eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit angenommen, als für jedes Einzelereignis allein. Der Mensch nimmt also, aufgrund eines scheinbaren kausalen Zusammenhangs, das gemeinsame Auftreten der Ereignisse für wahrscheinlicher an. Dabei kann die Wahrscheinlichkeit eines gemeinsamen Auftre- tens, einer Konjunktion, von Ereignissen nicht höher sein, als die der Einzelereignisse.28

2.3.1.3 Des Spielers Trugschluss

Das Phänomen des Spielers Trugschluss beruht darauf, dass Menschen „falsch“ mit den statistischen Wahrscheinlichkeiten umgehen.

Beispiel: Am Roulette-Tisch im Casino fällt bei zehn aufeinanderfolgenden Malen die Kugel auf „Rot.“ Der Mensch hat nun in der elften Runde die Möglichkeit sein Geld entweder auf „Schwarz“ oder „Rot“ zu setzen.

Die meisten Menschen würden in diesem Fall ihr Geld auf „Schwarz“ setzen, da es sehr unwahrscheinlich wirkt, wenn ein elftes Mal die Kugel auf der Farbe „Rot“ liegen bliebe. Weiterhin geht der Mensch davon aus, dass eine gleiche Verteilung, also eine Verteilung von 50/50, schon in sehr kleinen Stichproben der Fall sein muss. Dem ist allerdings nicht so. Vielmehr kann dies nur für große Stichproben angenommen werden. Allerdings besteht bei jedem Wurf der Kugel eine 50%ige Wahrscheinlichkeit die Farbe „Rot“ zu treffen. Analog gilt dies für die Farbe „Schwarz“. In diesem Beispiel wird die Null, die es beim Roulette ebenfalls gibt, ausgeklammert.

Ein weiteres Beispiel ist das Werfen einer fehlerfreien Münze. Hierbei besteht genau wie beim Roulettte eine 50/50 Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen von Kopf bzw. Zahl.

Das bedeutet ebenfalls, dass der Mensch an dieser Stelle wiederum durch das Repräsentativitätsprinzip, vorgestellt in Kapitel 2.3.1, in die Irre geführt wird, denn es scheint weder repräsentativ noch typisch für das Roulette, wenn elf Mal in Folge dieselbe Farbe fällt.29

2.3.2 Verfügbarkeitsheuristik

Bei dieser Art von Heuristik schätzen Menschen die Häufigkeit einer Klasse oder die Eintrittswahr- scheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses anhand der geistigen oder gedanklichen Verfügbarkeit von Geschehnissen. Ursächlich ist folglich die Frage wie leicht sich der Mensch an Beispiele für ei- ne Klasse oder bestimmte Ereignisse erinnern kann. Das bedeutet, dass die geistige Verfügbarkeit von Beispielen über die Einschätzungen von Häufigkeiten oder Ereignissen entscheidet und somit zudem schlecht verfügbare Informationen vernachlässigt werden.30 Diese Verfügbarkeit von Bei- spielen richtet sich nach Häufigkeit, Auffälligkeit, Aktualität oder Anschaulichkeit eines Ereignis- ses.31 So ist es bspw. zu erklären, dass Menschen, die noch nie einen Knochenbruch erlitten haben, die Wahrscheinlichkeit einen Bruch zu erleiden geringer einschätzen, als Menschen, die sich gerade erst einen Knochen gebrochen haben.32

Ein Experiment hierzu wurde von TWERSKY und KAHNEMAN (1973) durchgeführt. Innerhalb dieses Versuchs wurden Menschen befragt ob es im Englischen mehr Wörter, die mit dem Buchstaben „R“ beginnen, gibt als Wörter die den Buchstaben „R“ an dritter Stelle haben. Ein Großteil der Befrag- ten gab an, dass es mehr Wörter beginnend mit „R“ gebe, als diesen Buchstaben an dritter Stelle zu haben. Zur Beantwortung der Frage ziehen die Teilnehmer des Experiments die Einfachheit der er- folgreichen Suche heran. Dabei können Wörter beginnend mit „R“ schneller im Gedächtnis abgeru- fen werden, so dass durch diese erhöhte Verfügbarkeit darauf geschlossen wird, dass es auch mehr dieser Wörter gibt.33

Da die Verfügbarkeitsheuristik nicht nur von der Verfügbarkeit von Beispielen und deren Wahrscheinlichkeit des Eintritts abhängt, sondern auch von anderen Faktoren, kann auch diese Heuristik zu Verzerrungen und Fehlern bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten führen.

Wichtige Faktoren für diese Heuristik sind:

- Die Illusorische Korrelation
- Die Medienberichterstattung

2.3.2.1 Illusorische Korrelation

Die Illusorische Korrelation wurde von CHAPMAN und CHAPMAN (1969) dargestellt und beschreibt die Neigung von Menschen Beziehungen bzw. Korrelationen zwischen Ereignissen oder Gegebenheiten zu sehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.34 Erwartet ein Mensch eine Beziehung zwischen zwei Dingen, so wird diese auch gefunden, selbst wenn es keine Korrelation gibt.35

Betrachtet man das Beispiel zwischen Straffälligkeit und Drogenkonsum, so ist der Mensch dazu geneigt in seiner Vorstellung nach Menschen zu suchen, auf die beide Eigenschaften zutreffen.

Um diese Frage ernsthaft beantworten zu können, müsste sich der Mensch eigentlich vier Gruppen vorstellen, nämlich für jede der beiden Eigenschaften eine, auf die diese Eigenschaft zutreffend ist und jeweils eine, auf die dieses dementsprechend nicht zutrifft (vgl. hierzu Abbildung 4). Erst im Anschluss daran kann sich der Mensch an eine realistische Antwort annähern. Geht das Individuum so vor, wird erst deutlich, ob ein Zusammenhang so plausibel ist, wie es im ersten Moment den An- schein macht.36

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Illusorische Korrelation

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Meyers & Grosser (2005), S.36

Ein weiteres Beispiel hierzu ist der sogenannte „Super-Bowl-Indikator“. Es wird angenommen, dass es einen Zusammenhang zwischen den Börsenkursen und dem Ausgang des Super-Bowls gibt. Weiterhin wird davon ausgegangen, dass der Dow-Jones-Index immer steigt, sofern ein Team aus der National Football Conference gewinnt, also das gegnerische Team aus der American Football Conference verliert.

Glaubt der Mensch an eine solche Vermutung, so wird er überall Hinweise für die Richtigkeit dieser Annahme finden. 37

2.3.2.2 Medienberichterstattung

Die Medienberichterstattung kann die Verfügbarkeit von Informationen stark beeinflussen, so dass sich aus dieser eine starke Korrelation ergeben kann. So findet sich bspw. eine Korrelation zwi- schen der Einschätzung von Probanden bzgl. der Häufigkeit von verschiedenen Todesursachen und der Berichterstattung der Medien. Berichten Medien über bestimmte Todesursachen häufiger, bspw. über Verkehrsunfälle mit Todesfolge, so hat dieses eine höhere Risikowahrnehmung bei den Men- schen.38

Allerdings kann es auch passieren, dass sich beide Seiten, also die Öffentlichkeit und die Berichterstattung in den Medien, gegenseitig beeinflussen. Stellt z.B. die Öffentlichkeit eine gewisse Gefahr fest und wird diese von den Medien aufgegriffen, kann es zu einer erhöhten Berichterstattung durch die Medien kommen, was wiederum die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verstärkt. So kann es zu einer fehlerhaften Einschätzung der Öffentlichkeit bzgl. Risiken kommen.39

2.4 Allgemeine Heuristiken

An dieser Stelle der Arbeit sollen nun weitere Phänomene, welche bei Entscheidungen unter Unsicherheit auftreten und nicht mathematisch oder logisch erklärt werden können, erläutert werden. Zudem werden die nachfolgenden Phänomene mit Beispielen aus der Praxis versehen, um ein besseres Verständnis der Problematiken etc. zu gewährleisten.

2.4.1 Ambiguitätsaversion

Ambiguitätsaversion beschreibt den Zustand, dass Menschen ein Risiko ablehnen, sofern diese die derzeitige Situation nicht einschätzen können bzw. die für diese Situation verantwortlichen Fakto- ren nicht kennen.40 Dabei geht die Ambiguitätsaversion der Menschen auf das Kontrollbedürfnis, welches jeder Mensch in sich trägt, zurück. Die Kontrolle über Situationen wirkt sich auf das Wohlbefinden aus. So ist es zu erklären, dass sich Menschen unwohl fühlen, wenn sie die Kontrolle in bzw. über Situationen verlieren. Das Resultat ist, dass solche Situationen gemieden werden.41

ELLSBERG (1961) zeigt in einer Studie, dass Menschen, sofern diese sich in einer Situation befin- den, die durch Unsicherheit gekennzeichnet ist, eher auf bekannte Wahrscheinlichkeiten setzen. In diesem Experiment wurden zwei Urnen mit roten und schwarzen Kugeln bereitgestellt. In der ersten Urne lagen 100 rote und schwarze Kugeln. Das Verhältnis zwischen beiden war nicht bekannt. Die zweite Urne beinhaltete genau 50 rote und 50 schwarze Kugeln. Innerhalb dieses „Spiels“ konnten 100 Dollar gewonnen werden, wenn eine der roten Kugeln gezogen wurde. Wurde hingegen eine schwarze Kugel gezogen, so gab es kein Geld. Die Probanden mussten vor dem Ziehen der Kugel entscheiden, aus welcher der beiden Urnen die Kugel gezogen werden sollte. Das Ergebnis dieses Experiments zeigt, dass Menschen sich eher auf eine Wette auf Rot und die Ziehung aus der zwei- ten Urne einlassen.42 Grund hierfür ist, dass die Menschen in diesem Fall die Wahrscheinlichkeit, eine der roten Kugeln zu ziehen und somit zu gewinnen, kennen. In diesem Fall beträgt die Wahr- scheinlichkeit genau 50%. Folglich besteht eine Ambiguität gegenüber der Verteilung der schwar- zen und roten Kugeln innerhalb der ersten Urne.

Betrachtet man als Beispiel den Finanzmarkt, so wird deutlich, dass Menschen eher dazu geneigt sind, in den heimischen Finanzmarkt zu investieren. Dies ist damit zu erklären, dass Personen die Situation vermeintlich besser einschätzen und somit eher kontrollieren können. Dieses Gefühl kann bspw. durch eine ausgiebigere Berichterstattung der Medien über inländische Firmen hervorgerufen werden. Dadurch kann ein zu hohes Kompetenzgefühl bei den Entscheidern hervorgerufen wer- den.43

Nach CETTIER (2005) kann Ambiguität allerdings nicht nur entstehen, wenn Menschen zu wenige Informationen haben, sondern auch wenn zu viele, zu viele undifferenzierte oder sehr widersprüchliche Informationen vorliegen. Ein Beispiel kann hier eine ausgiebige oder eine zu undifferenzierte Berichterstattung sein.44

2.4.2 Overconfidence

Das Phänomen Overconfidence besagt, dass die meisten Menschen ein zu großes Vertrauen, gemessen an den statistischen Wahrscheinlichkeiten, in ihrem eigenen Urteilsvermögen sehen. Dies ist ursächlich für das Irren vieler Menschen bei der Schätzung von quantitativen Größen.45 Das folgende Beispiel soll dies verdeutlichen.

Befragt man Menschen heute wie sie den Stand des Dax-Index in einem Jahr schätzen, so kann davon ausgegangen werden, dass sie das Konfidenzintervall, also das Intervall, welches das richtige Intervall des Parameters angibt, als zu gering einschätzen. Bei diesem Beispiel wird häufig ein Intervall von einigen hundert Punkten angegeben. Betrachtet man allerdings die tatsächliche Schwankung, so wird deutlich, dass diese bei ca. 1800 Punkten liegt.46

Ebenso scheinen Menschen Probleme zu haben Wahrscheinlichkeiten zu schätzen. So werden Ereignisse, deren Eintritt als absolut sicher gelten, nur in etwa 80% der Fälle erreicht. Ereignisse hingegen, deren Eintritt für absolut unmöglich gehalten wird, treten zu gut 20% ein.47

2.4.3 Framing-Effekt

Der Framing-Effekt wurde erstmals in den 80er Jahren von TVERSKY und KAHNEMANN beschrieben. Bei diesem Phänomen wird der Effekt hervorgerufen, dass allein die Formulierung eines Problems Einfluss auf die Entscheidung eines Menschen nehmen kann. Dies soll am Bespiel eines Experiments von TVERSKY und KAHNEMANN aus dem Jahre 1981 dargestellt werden.48 In diesem Experiment wird einer Probandengruppe folgendes Problem vorgelegt:

- Eine seltene asiatische Krankheit steht bevor. Diese kostet 600 Menschen das Leben, sofern diese keine medizinische Hilfe erhalten. Es gibt zur Bekämpfung dieser Epidemie zwei un- terschiedliche Programme über die Sie entscheiden sollen.

a) Programm A: 200 Menschen werden gerettet.

b) Programm B: 1/3-Wahrscheinlichkeit, dass 600 Menschen gerettet werden. 2/3-

Wahrscheinlichkeit, dass niemand gerettet wird.

Die Probanden entschieden sich in diesem Falle mehrheitlich für das Programm A.

In einem nächsten Versuch wurden einer zweiten Probandengruppe folgende Programme vorge- stellt:

a) Programm C: 400 Menschen werden sterben.

b) Programm D: 1/3-Wahrscheinlichkeit, dass niemand stirbt. 2/3-Wahrscheinlichkeit, dass 600 Menschen sterben.49

Hier entschieden sich die meisten Probanden für das Programm D. Dabei sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Szenarien absolut identisch sind.

Erklärt wurde dieses Ergebnis von TVERSKY und KAHNEMAN dadurch, dass Menschen in den jeweiligen Situationen verschiedene Referenzpunkte bilden (hier: im ersten Fall 600 Tote, im zweiten Fall keine Toten), welche dann unterschiedliche Entscheidungstendenzen auslösen. Die gewählte Formulierung, dass Menschenleben gerettet werden können, dass also das Resultat der getroffenen Entscheidung als Gewinn dargestellt wird, scheint eine eher risiko-averse Entscheidung zu bewirken. Dahingegen bewirkt die Aussicht das Sterben von Menschen verhindern zu können das Gegenteil, nämlich eine risiko-affine Entscheidung.

2.4.4 Verankerung und Anpassung

Die Verankerung und Anpassung in Entscheidungssituationen wurde von TWERSKY und KAHNEMAN (1974) aufgezeigt und kann sinnvoll sein um Entscheidungen zu treffen. Hierbei gehen Menschen von einem Ausgangspunkt, einem Anker, aus. Dieser ist dann Grundlage der Schätzung für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses. Dabei lassen Menschen allerdings außer Acht, dass diese Schätzung durch die Eigenschaft bzw. durch die Einführung eines solchen Ankers in eine be- stimmte Richtung gelenkt wird. Dies geschieht auch, wenn die Ausgangswerte nichts mit dem zu schätzenden Problem zu tun haben.50 Ebenso wird dieser Anker nicht ausreichend an neu erworbene Informationen angepasst. Hierdurch wird ebenfalls der Konservatismus-Effekt verstärkt. Dieser be- sagt, dass bestehende Erwartungen oder auch Ansichten durch neue Informationen nicht angepasst werden. Diese neuen Informationen werden im Allgemeinen zu wenig oder zu spät beachtet und verwertet.51

Ein Beispiel hierzu:

Man gab zwei unterschiedlichen Probandengruppen eine einfache Rechenaufgabe, von der sie das Ergebnis schätzen mussten. Die erste Gruppe bekam die Aufgabe das Produkt aus den Zahlen 1x2x3x4x5x6x7x8x9x10 zu schätzen. Bei der zweiten Gruppe wurde diese Aufgabe umgekehrt, so dass sie das Ergebnis aus 10x9x8x7x6x5x4x3x2x1 schätzen mussten.

Zur Beantwortung der Aufgabe wurden den Teilnehmern ein Zeitlimit von fünf Sekunden gesetzt, so dass es diesen nicht möglich war die komplette Aufgabe zu lösen. Aus diesem Grund berechneten die Teilnehmer nur einen Teil und schätzten den Rest der Aufgabe.

Die Schätzungen der ersten Gruppe lagen deutlich unter denen der zweiten Gruppe. Der Grund hierfür ist, dass in der ersten Gruppe die Schätzungen von niedrigen Zahlenwerten ausgehen und in der zweiten von hohen. Grundlage für die Schätzung war folglich ein Ankerwert, der in beiden Gruppen unterschiedlich hoch war.52

2.4.5 Rückschau-Fehler

Der Rückschau-Fehler ist ähnlich der Verankerung und Anpassung. Dieser beschreibt das Phänomen, dass sich Menschen, nachdem selbige die richtige Antwort auf eine bestimmte Fragestellung wissen, falsch an die eigene vorangegangene Schätzung erinnern. Menschen überschätzen also ihr eigenes Wissen und verzerren folglich zurückschauend ihre ursprüngliche Schätzung in Richtung des tatsächlichen Ausgangs. So ist es unter anderem zu begründen, dass Menschen nach dem Eintritt eines wichtigen Ereignisses nicht mehr fähig sind, die Ursachen und Umstände, die maßgeblich für dieses Ereignis verantwortlich sind, zu beurteilen.53

Betrachtet man einen Börsencrash, so werden im Nachhinein die Informationen und Ursachen in ein stimmiges Bild gebracht. Daraus ergibt sich dann eine zwangsläufige Kausalkette. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Platzen der Dotcom- oder der Immobilien-Blase.

Ebenso kann bei Wirtschaftskrisen, Konjunkturflauten oder Börsenzusammenbrüchen das Phänomen der sozialen Bewährtheit betrachtet werden. Einen Fehler mit einer Masse begangen zu haben fällt Menschen deutlich leichter, als alleine dafür verantwortlich zu sein.54

[...]


1 Vgl. Liebscher (2013), S.248

2 Vgl. Roth (2012), S.60

3 Vgl. Fichtner & Storn (2013), o.S.

4 Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung (2007), o.S.

5 Vgl. Jungermann et al. (2005), S.141 ff.

6 Vgl. Schöffski & Schulenburg (2011), S.275

7 Vgl. Liebscher (2013), S.46 ff. ; Vgl. Roth, S. (2012), S.51

8 Vgl. Jungermann, Pfister, & Fischer (2005), S.142 ff.

9 Vgl. OECD (2005), S.26

10 Vgl. Scharlau (2009), S.182 ff. ; Vgl. Rohde & Küsters (2014), S.o.S; Vgl. Pehl (2007), S.35 ff.

11 Vgl. Jacob (2012), S.100

12 Vgl. Hutzschenreuther (2009), S.16

13 Vgl. Gondring & Wagner (2011), S.241 f. ; Vgl. Tiberius (2011), S.143

14 Vgl. Gondring (2007), S.6

15 Vgl. Staehle, Conrad, & Sydow (2014), S.533

16 Vgl. Perridon, Steiner, & Rathgeber (2014), S.110 f.

17 Vgl. Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S. 142

18 Vgl. Jungermann, Pfister, & Fischer (2005), S.143f.

19 Vgl. Deutscher Manager-Verband (2004), S.164

20 Vgl. Beck (2011), S.277

21 Vgl. Dieckmann & Kraus (2005), S.189

22 Vgl. Beck (2014), S.25

23 Vgl. Kirchler (2011), S.75 ff.

24 Vgl. Riesenhuber (2006), S.89 ; Vgl. Kohnz (2014), S.10

25 Vgl. Beck (2014), S.29

26 Vgl. Weis (2014), S.34 f.

27 Vgl. Kahneman & Tversky (1980), S.62

28 Vgl. Weis (2014), S.35

29 Vgl. Beck (2014), S.32

30 Vgl. Nevid (2012), S.259

31 Vgl. Böhme (2009), S.60

32 Vgl. Beck (2014), S.39 ; Vgl. Weßels (2014), S.158

33 Vgl. Twersky & Kahneman (1973), S.211 f.

34 Vgl. Chapman & Chapman (1969), S.275 f.

35 Vgl. Aronson, Akert, & Wilson (2008), S.500

36 Vgl. Betsch, Funke, & Plessner (2011), S.37 f.

37 Vgl. Petersdorff & Baranu (2013), o.S

38 Vgl. Goldberg & von Nitzsch (2004), S.57

39 Vgl. Beck (2014), S.43 f.

40 Vgl. Goldberg & Nitzsch (2004), S.140 f.

41 Vgl. ebd. (2004), S.149

42 Vgl. Ellsberg (1961), S. 643-669

43 Vgl. Nitzsch & Stotz (2006), S.109

44 Vgl. Cettier (2005), S.199 ff.

45 Vgl. Pieroth (2013), S.148

46 Vgl. Perridon, Steiner, & Rathgeber (2014), S.315

47 Vgl. Fischoff, Slovic, & Lichtenstein (1977), S.553 ff.

48 Vgl. Tversky & Kahneman (1981), S.453 ff.

49 Vgl. Kopp (1995), S.109 f.

50 Vgl. Twersky & Kahneman (1990), S.184

51 Vgl. Daxhammer & Facsar (2012), S.224

52 Vgl. Kahneman, (2012), o.S

53 Vgl. Weis (2014), S.36

54 Vgl. Walz (2013), S.106

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Entscheidungen unter Unsicherheit mit Schwerpunkt auf jetzt-für-dann Entscheidungen. Altersvorsorge in Deutschland
Hochschule
Universität Bremen  (Nachhaltiges Management)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
81
Katalognummer
V308543
ISBN (eBook)
9783668070592
ISBN (Buch)
9783668070608
Dateigröße
964 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jetzt-für-dann Entscheidungen, Rente, Altersvorsorge, Heuristiken, Kognitive Heuristiken, Altersvorsorge in Deutschland
Arbeit zitieren
Alexander Mahnken (Autor:in), 2015, Entscheidungen unter Unsicherheit mit Schwerpunkt auf jetzt-für-dann Entscheidungen. Altersvorsorge in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308543

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