Bedingungen für ein erfolgreiches Friedensabkommen. Das Fallbeispiel Belfast Agreement


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
30 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeptionelle Überlegungen
2.1 Theoretische Gedanken und Grundannahmen von Carsten Giersch
2.2 Vorstellung der Risikofaktoren und des Modells von Giersch
2.3 Methodische Vorgehensweise

3. Empirische Analyse
3.1 Historische Einordnung des Belfast Agreements
3.2 Modellanwendung am Fallbeispiel
3.2.1 Identifizierung strategisch-rationaler Risikofaktoren
3.2.2 Identifizierung sozial-psychologischer Risikofaktoren
3.2.3 Identifizierung kognitiv-psychologischer Risikofaktoren

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die „Friedensmauern“, die im Jahre 1969 errichten wurden, sind bis heute fest im Stadtbild Belfasts verankert. Zwar sind einige von ihnen mittlerweile künstlerisch verziert, jedoch stellen sie nach einer Umfrage aus dem Jahr 2012 in den Augen von 69 Prozent der Bewohner immer noch einen aktiven Schutz vor Gewalt dar (vgl. Abb. 1; Byrne/Gormley-Heenan 2012). Die „Friedensmauern“ spiegeln zugleich einen Konflikt wider, der zu einem der langandauerndsten Auseinandersetzungen auf dem europäischen Kontinent zählt: der Nordirland-Konflikt.

Bis heute lassen sich verschiedene Konfliktlinien in der Gesellschaft der irischen Insel erkennen: Protestanten gegen Katholiken, Unionisten/Loyalisten gegen Nationalisten/Republikaner oder schlicht Nordiren gegen Iren.[1] Trotz bestehender Differenzen ist die Anzahl der Gewalttaten und Morde im Vergleich zum Niveau der 1960er bis 1990er Jahre drastisch zurückgegangen.

Eine entscheidende Rolle spielte hierbei das historische Belfast Agreement[2] vom 10. April 1998. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein völkerrechtlich bindender Vertrag zwischen der Republik Irland und Großbritannien geschlossen. Trotz der Prognose von geringen Erfolgsaussichten und vielen Widerständen ist es den damaligen handelnden politischen Akteuren gelungen, einen Friedensvertrag abzuschließen. Von besonderem Interesse ist dabei, ob das Abkommen doch nicht so unwahrscheinlich war wie allgemein angenommen wurde. Daher soll folgender Frage nachgegangen werden: Unter welchen Bedingungen ist der Abschluss eines Friedensabkommens zwischen (ehemaligen) Konfliktparteien wahrscheinlich?

Eine hohe Zahl an Arbeiten zu den Friedensverhandlungen stellen dabei Top-Down- und Bottom-Up-Ansätze dar (vgl. Hancock 2008: 204f.). Für die Arbeit werden beide Perspektiven wegen ihrer Berücksichtigung von Eliten und Führungspersönlichkeiten (Top-Down) sowie von zivilgesellschaftlichen Initiativen (Bottom-Up) relevant sein. Auch psychologische Betrachtungen bieten Anknüpfungspunkte (vgl. Hancock 2008: 214, 217). Innerhalb der Top-Down-Disziplin nehmen strukturelle Analysten, welche die Bedeutung von Individuen vernachlässigen, mit ihren Vertretern McGarry (2004, 2006a, 2006b), O’Leary (1999, 2004a, 2004b, 2006a, 2006b) und Wolff (2001, 2002) eine Vorreiterrolle ein. Auf der Gegenseite positionieren sich Bottom-Up-Forscher wie Lederach (1997, 2002, 2005), Saunders (1999) und Kelman (1970, 1999, 2001). Das innovative Element der vorliegenden Arbeit besteht in der Kombination von strategisch-rationalen und individual-psychologischen Prozessen, die ergänzend zu der zahlreich vorliegenden Literatur eine neue Perspektive erschließen soll.

Einen theoretischen und methodischen Zugang liefert hierfür die Dissertation von Carsten Giersch (2009), die sich intensiv mit rational-strategischen, sozial-psychologischen und kognitiv-psychologischen Risikofaktoren für das Gelingen von Friedensverhandlungen auseinandersetzt. Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind die Verhandlungen zum Belfast Agreement im Untersuchungszeitraum vom 15.11.1985 bis zum 10.04.1994, an der die britische und irische Regierung sowie zehn nordirische Parteien beteiligt waren. Als Methode wird eine Kombination aus strukturiertem, fokussierten Vergleich und Kongruenzmethode angewendet.

Basierend auf dem Konzept von Giersch und dem Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit wird die Hypothese aufgestellt, dass je weniger rational-strategische, sozial-psychologische und kognitiv-psychologische Risikofaktoren in Friedensverhandlungen zwischen (ehemaligen) Konfliktparteien existieren, desto wahrscheinlicher ist der Abschluss eines Friedensabkommens.

Zu Beginn werden konzeptionelle Überlegungen zur Arbeit angestellt. Dies beinhaltet theoretische Gedanken und die Explikation der Grundannahmen Gierschs. Darüber hinaus werden die verschiedenen Risikofaktoren und das Modell Gierschs genauer herausgearbeitet. Ebenso wird die methodische Vorgehensweise deutlich gemacht und die Entscheidung für die Kombination des strukturierten, fokussierten Vergleiches mit der Kongruenzmethode begründet.

Im nächsten Abschnitt folgt die empirische Analyse, die mit einer historischen Einordnung beginnt. Anschließend wird das Modell Gierschs auf das Fallbeispiel angewendet und das (Nicht-)Vorliegen der jeweiligen Risikofaktoren herausgearbeitet.

2. Konzeptionelle Überlegungen

Im folgenden Kapitel werden die oben erwähnten konzeptionellen Überlegungen angestellt, die beispielsweise die Grundannahmen von Carsten Giersch (2009), die Erklärung der Risikofaktoren oder die methodische Vorgehensweise beinhalten.

2.1 Theoretische Gedanken und Grundannahmen von Carsten Giersch

Theoretisches Vorwissen nimmt laut Wrona (2005: 19) „immer eine Rolle in der Definition der Problemstellung und ihrer Bearbeitung [ein], indem es das Denken strukturiert!“ Ferner erfüllt die Theorie im Rahmen der qualitativen Untersuchung eine besondere Funktion, indem sie den Forscher sensibilisiert und ihm quasi eine Brille aufsetzt, durch die die empirischen Daten analysierbar werden (vgl. Wrona 2005: 20).

Wie bereits erwähnt, existieren in der Forschung Top-Down- und Bottom-Up-Ansätze zur Analyse der Friedensverhandlungen zum Belfast Abkommen (vgl. Hancock 2008: 204f.). Innerhalb des Top-Down-Feldes bieten partei-politische und Verhandlungsprozess-fokussierte Ansätze gute Möglichkeiten zur weitergehenden Untersuchung. Sie betrachten Individuen und Parteien, die für die folgende Analyse von hohem Wert sind und die Ebene der Elite repräsentieren (vgl. Hancock 2008: 205, 214).

Im Gegensatz dazu fokussieren sich Bottom-Up-Zugänge auf Initiativen aus der Mitte der Gesellschaft (vgl. Hancock 2008: 217). Diese sind ebenfalls wichtig, um neben der Eliten- die Gesellschafts-Ebene in den Mittelpunkt zu rücken.[3] Zudem sind beide Blickrichtungen für psychologische Herangehensweisen offen (vgl. Kelman 1999; Hancock 2008: 215, 217). Auch Guelke (2003: 68f.) betont die Bedeutung der Zivilgesellschaft im Nordirland-Konflikt. Hancock (2008: 232) erkennt nicht zu Unrecht, dass die Verbindung von beiden Ebenen „may hold the key to the sustainability and measure of success of the Good Friday process“. Exakt an dieser Stelle hält Giersch mit seinem risikotheoretischen Ansatz den Schlüssel für Hancock in der Hand. Giersch (2009: 221) verbindet in seiner Untersuchung strategisch-rationale mit sozial- und kognitiv-psychologischen Faktoren und macht es dadurch möglich den (Nicht-)Erfolg von Friedensabkommen zu verstehen.

Um die spätere empirische Analyse nachzuvollziehen, ist es essentiell, Gierschs Grundannahmen nachzuvollziehen. Laut Giersch (2009: 240) sind Friedensprozesse nach Bürgerkriegen[4] mit großer Unsicherheit verbunden. Dadurch sehen die Konfliktakteure eine Entscheidung für ein Friedensabkommen als äußerst riskant an[5] (vgl. Giersch 2009: 221). Dies ist durch die folgenden Kriterien bedingt (vgl. Giersch 2009: 226-230):

- Die (ehemaligen) Kriegsparteien müssten ein friedliches Neuarrangement innerhalb eines gemeinsamen Staates finden. Ferner seien langfristige Folgen einer politischen Lösung für die Beziehungen der Konfliktparteien ungewiss.
- Die Omnipräsenz von Gewalt, Hunger und Tod sowie der teilweise Zusammenbruch von sozialen Normen erschwere das Zusammenleben in einem gemeinsamen Staat enorm.
- Die Abkehr der Gegenpartei von der militärischen Strategie sei ungewiss.
- Es bestünde keine Sicherheit über die zukünftige Einhaltung der Zusagen, zum Beispiel bei einem Führungswechsel von einer moderaten zu einer radikaleren Führungspersönlichkeit bei einem der Akteure.
- Die Verteilung von Gewinnen und Verlusten in Verhandlungen sei ungewiss.

Aufgrund dieser und weiterer strategisch-rationaler und psychologischer Aspekte kommt Giersch (2009: 230f.) zu folgendem Schluss:

„Die mit [...] einer Verhandlungsstrategie verbundenen unsicheren Konsequenzen entsprechen einer politischen Lotterie, die zu wählen Risikobereitschaft der Konfliktakteure erfordert. Ein Festhalten am militärischen Status quo und das Zögern, sich für den Friedensprozess zu entscheiden, lässt sich umgekehrt auf Risikoaversion der Konfliktparteien zurückführen.“

Somit gäbe es in Bürgerkriegen eine ausgeprägte Risikoaversion gegenüber der politischen Strategie. Dabei können strategisch-rationale sowie sozial- und kognitiv-psychologische Risikofaktoren zu einem Verzögern bzw. Nicht-Eintreten von Verhandlungen führen, wodurch die Akteure eher zur Fortsetzung des Konfliktes statt zur politischen Lösung tendieren (vgl. Giersch 2009: 231). Trotzdem wurde im Nordirland-Konflikt das Belfast Agreement am 10. April 1998 unterzeichnet. Ob Gierschs Risikofaktoren (nicht) vorlagen und welchen Einfluss sie hatten, wird in Kapitel 3 näher skizziert.

2.2 Vorstellung der Risikofaktoren und des Modells von Giersch

Bisher war lediglich von strategisch-rationalen, sozial- und kognitiv-psychologischen Risikofaktoren die Rede, ohne deren tiefere Bedeutung genauer zu entschlüsseln. Giersch (2009: 231) gibt in seiner Dissertation zunächst eine allgemeine Beschreibung der jeweiligen Risikofaktoren. Strategisch-rationale Risikofaktoren seien häufig durch persönliche Schicksale der Führungspersonen, Verhandlungsdilemmata und die schwierige Transition von Null- zu Positivsummenspielen gekennzeichnet (ebd.). Sozial-psychologische Risikofaktoren rücken vor allem negative Attributionen der Gegenseite in den Fokus, während kognitiv-psychologische sich auf negative Framing-Effekte im Sinne der Prospect Theory [6] konzentrieren. Giersch (ebd.) nimmt an, dass die Faktoren gleich zu gewichten seien, aber eine Überzeichnung von rational durch psychologische Risikofaktoren als besonders problematisch einzustufen sei.

Neben den (nicht) existierenden Risikofaktoren ist Gierschs (2009: 248) Identifizierung von vier Phasen von Friedensprozessen wichtig: Vorgespräche, Verhandlungen, Einigung und Umsetzung.[7] Für jede existieren strategisch-rationale, sozial- und kognitiv-psychologische Risikofaktoren (vgl. Abb. 2).

Folgend sollen die jeweiligen Risikofaktoren erläutert werden, um eine Analyse im empirischen Teil zu erleichtern. Der strategisch-rationale Risikofaktor Persönliche Risiken berge die Gefahr der Wahrnehmung einer Friedensinitiative als Schwäche bzw. Verlust durch die eigene Bevölkerung (vgl. Giersch 2009: 247). Dadurch bestünde das Problem, dass der Friedensvertrag zur Zielscheibe von Extremisten werde, was ein hohes persönliches Risiko für den handelnden Akteur sei, vor allem da auch Unsicherheit über die tatsächliche Bereitschaft zu Verhandlungen beim Gegner herrsche (vgl. Giersch 2009: 248). In der Verhandlungsphase führe das Verhandlungsdilemma dazu, dass eine frühe Kooperationsbereitschaft Nachteile mit sich bringe, die eine Beharrung auf Maximalpositionen zur Folge habe (vgl. Giersch 2009: 251). Im Abschnitt Einigung enthalte die Unsichere Effizienz und Gerechtigkeit des Abkommens Risikopotential. Die Akteure wüssten nicht, wie die eigene Bevölkerung oder die Gegenseite den Vertrag bewerte (vgl. Giersch 2009: 253). Bei der Umsetzung könnten Vertragliche Ambivalenzen zum Tragen kommen. Trotz einer Einigung sei es unklar, die Folgen einzelner Vertragsbestimmungen abzuschätzen (vgl. Giersch 2009: 255f.).

Auf Seiten der sozial-psychologischen Risikofaktoren spielen Attributions-Effekte in den Vorgesprächen eine große Rolle. Diese Zuschreibungen seien durch die Konstruktion eines Feindbildes des Gegners in Abgrenzung zur eigenen Legitimität und Identität sowie der Annahme der eigenen defensiven und aggressiven Veranlagung des Gegners bedingt (vgl. Giersch 2009: 249). In der nächsten Phase könne eine Reaktive Abwertung auftreten, die dem Gegenüber böswillige Motive und reines Eigeninteresse bei der Unterbreitung von Angeboten unterstelle (vgl. Giersch 2009: 252). Der Extremisten-Effekt sei für die Einigung besonders gefährdend. Entscheidend sei hierbei, ob es extremistische Spoiler gäbe und ob diese mit dem Verhandlungspartner gleichgesetzt würden bzw. ihm unterstellt werde, dass er die Störer zur Sabotage einer Einigung nutze (vgl. Giersch 2009: 254). Eine unterstützende Wirkung könnten die undurchsichtigen Beziehungen zwischen der politischen und militärischen Fraktion eines Akteurs haben (ebd.). Die Unsichere Festlegung könne in der Umsetzungsphase erscheinen. Vor allem der Führungswechsel bei einem Akteur könne folgenreich sein, weshalb selbst Wahlen trotz des demokratischen Charakters einen negativen Effekt haben könnten (vgl. Giersch 2009: 255).

In den Vorgesprächen könnten Framing-Effekte bei den kognitiv-psychologischen Risikofaktoren auftreten (vgl. Giersch 2009: 249-251). Diese gehen laut Giersch (2009: 249) zum einen „auf die Überzeichnung der erlittenen eigenen Opfer und Verluste zurück[...]“ ein, was den sogenannten „Sunk-Cost-Effekt“ darstellt. Zum anderen könne sich der „Endowment-Effekt“ entwickeln, der mit dem Eintritt in Friedensverhandlungen eine ungleiche Verteilung von Gewinnen und Verlusten verbinde (ebd.). Mit dem Eintritt in Verhandlungen könne es zu einer Konzessions-Aversion kommen. Diese entstünde durch die Wahrnehmung der eigenen Konzessionen als Verluste bei gleichzeitiger Unterbewertung der relativen Gewinne durch Konzessionen der Gegenpartei (vgl. Giersch 2009: 251). Der Sicherheits-Effekt könne in der Einigungsphase auftreten. Hierbei würden sichere[8] Ergebnisse im Vergleich zu unsicheren überbewertet (vgl. Giersch 2009: 253). Beispielsweise könne eine unsichere Übergangsregelung zur Demobilisierung nachhaltige Vorteile gegenüber einem konfrontativen Beharren auf Abrüstung der paramilitärischen Verbände mit sich bringen (vgl. Giersch 2009: 254). Die Umsetzung bringt die Gefahr der Ambiguitäts-Aversion mit sich. Dieses Problem bezieht sich in den Worten Gierschs (2009: 256) „auf die kognitiv-psychologische Unsicherheit über die Prozesse zur Verwirklichung eines Friedensabkommens, insbesondere über den Eintritt ambivalenter Paragraphen.“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass je mehr Risikofaktoren vorliegen, desto unwahrscheinlicher das Erreichen eines Friedensabkommens ist. Im Umkehrschluss stützt dies unsere Hypothese, die auf der entgegengesetzt gerichteten Annahme beruht.

2.3 Methodische Vorgehensweise

Zur Nachvollziehbarkeit des Analyseverfahrens werden nachfolgend einige methodische Schritte offengelegt. Die empirische Analyse konzentriert sich auf die zentralen Akteure, die an den Verhandlungen beteiligt waren. Den USA mit ihrem als Mediator eingesetzten Senatsführer George J. Mitchell wird von zahlreichen Autoren eine wichtige oft gar entscheidende Rolle zugeschrieben (vgl. Boyle/Hadden 1995: 272; Lloyd 1998: 121f.; Beggan/Indurthy 1999: 13f.; Reynolds 2000: 627; Byrne 2001: 337f., Maney et al. 2006: 192; Mitchell 2010: 105f.). In der empirischen Analyse wird die USA als Akteur aber nicht untersucht, da Mitchell und Clinton weder direkt an den Verhandlungen beteiligt waren noch das Abkommen unterzeichnet haben. Aus diesem Grund wird sich auf die Unterzeichnerstaaten[9] und die am Friedensprozess beteiligten nordirischen Parteien konzentriert. Nach den Wahlen vom 30. Mai 1996 kristallisierten sich zehn Parteien[10] heraus, die an den Verhandlungen beteiligt sein sollten: die Alliance Party of Northern Ireland (APNI), die Democratic Unionist Party (DUP), die Labour Party, die Northern Ireland Women’s Coalition (NIWC), die Progressive Unionist Party (PUP), die Social Democratic and Labour Party (SDLP), Sinn Féin (SF), die Ulster Democratic Party (UDP), die Ulster Unionist Party (UUP) und die United Kingdom Unionist Party (UKUP) (vgl. Grote 1998: 647; Guelke 2003: 77).[11]

Da, wie Hancock (2008: 207f.) richtig anerkennt, Individuen eine entscheidende Rolle spielten, wird sich auf Elitenebene auf die verantwortlichen Regierungschefs sowie die Führungspersönlichkeiten der vier wichtigsten nordirischen Parteien fokussiert. Die Konzentration auf die vier Parteien UUP, SDLP, DUP und SF erfolgt, da diese fast 80 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinten und mit ihren Vertretern David Trimble (UUP), John Hume (SDLP), Ian Paisley (DUP) und Gerry Adams (SF) Schlüsselpersönlichkeiten in ihren Reihen hatten (vgl. Guelke 2003: 77; Hancock 2008: 207f.; Mitchell 2010: 95-99). Als britische Premierminister*Innen rücken Margaret Thatcher, John Major und Tony Blair in das Blickfeld. Auf irischer Seite waren die Persönlichkeiten der Taoiseach[12] Albert Reynolds, John Bruton und Bertie Ahern zentral. Falls keine Aussagen der genannten Personen aus Primärquellen vorliegen, werden für die Datenauswertung Erkenntnisse aus der Sekundärliteratur herangezogen.

Die Entscheidung für das Belfast Agreement zur Beantwortung der Fragestellung erfolgte auch in Hinblick auf die sehr gute Datengrundlage, die essentiell für das alternative Forschungsinteresse war. Darüber hinaus verweisen George und Bennett (2005: 23) darauf, dass „cases selected on the dependent variable, including single-case studies, can help identify which variables are not necessary or sufficient conditions for the selected outcome.“[13] Somit kann das Belfast Agreement als most-likely case für die forschungsleitende Hypothese gelten und bietet sich weitergehend für einen Plausibilitätstest gegenüber Fallstudien an, die beispielsweise ein gescheitertes Abkommen als Ergebnis haben (vgl. George/Bennett 2005: 23; Blatter et al. 2007: 149).

Die Beschränkung auf den Einzelfall erfolgte vor allem, um die Verhandlungen zum Belfast Agreement in ihrer Tiefe begreifen zu können. Eine besondere Stärke von small-n-Studies [14] besteht darin, eine differenzierte und komplexe Beschreibung und Interpretation für den ausgewählten Fall liefern zu können, was ein präziseres Bild des Friedensprozesses ermöglicht, das zur Beantwortung der Fragestellung von enormer Wichtigkeit ist (vgl. Wrona 2005: 10; Blatter et al. 2007: 127). Zudem bietet die qualitative Forschung die Möglichkeit neue Perspektiven einzubringen und unbekannte Variablen zu identifizieren (vgl. Locke 2001: 97; George/Bennett 2005: 21).

Die Kritik an der mangelnden externen Validität der Ergebnisse ist uns bewusst (vgl. Blatter et al. 2007: 136). Aber wie Wrona (2005: 12) richtig anmerkt, sei Repräsentativität auch nicht die Zielsetzung einer Einzelfallstudie.[15]

Zudem betont Wrona (2005: 39), dass es in Bezug auf qualitative Analysen geteilte Meinungen über die Anwendbarkeit der wissenschaftlichen Gütekriterien (Reliabilität, Objektivität und Validität) gebe, da diese stark an ein positivistisches Wissenschaftsverständnis geknüpft seien.[16] Auch hier ist zu entgegnen, dass dem qualitativen Verständnis der situative Kontext und eine Interpretation der Wahrnehmungen inhärent sind (vgl. George/Bennett 2005: 19; Wrona 2005: 4).

Um den Vorwürfen von Beliebigkeit und Subjektivität zu entgehen, merken Blatter et al. (2007: 36f.) an, dass sich auch eine Einzelfallstudie auf intersubjektive Nachvollziehbarkeit gründen müsse. Auch Wrona (2005: 43f.) betont die Notwendigkeit guter Dokumentation und Regelgeleitetheit des Forschungsprozesses. Sind diese Bedingungen erfüllt, sei wissenschaftliches Vorgehen garantiert. Um den Anforderungen gerecht zu werden, kombiniert die Arbeit die Methoden des strukturierten, fokussierten Vergleiches und der Kongruenzmethode. Die Voraussetzungen des strukturieren, fokussierten Vergleiches beschreiben George und Bennett (2005: 67) treffend:

„The method is ‘structured’ in that the researcher writes general questions that reflect the research objective and that the questions are asked of each case under study to guide and standardize data collection, thereby making systematic comparison and cumulation of the findings of the cases possible. The method is ‘focused’ in that it deals only with certain aspects of the historical cases examined. The requirements for structure and focus apply equally to individual cases since they may be later joined by additional cases.”

Die Leitfragen, die eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Sekundärliteratur-Analyse ermöglichen, sind eng an das Forschungsinteresse und die in Kapitel 2.2 vorgestellten Risikofaktoren geknüpft (vgl. Abb. 3). Die Fokussierung erfolgt durch die Konzentration auf die Aspekte des Belfast Agreements, die durch die jeweiligen unabhängigen Variablen und die Leitfragen vorgegeben wurden.

Eine Kombinationsmöglichkeit bietet die Kongruenzmethode, die eine Regelgeleitetheit und ordentliche Dokumentation des Forschungsprozesses unterstützt. Die Grundeigenschaft erläutern George und Bennett (2005: 181): „The essential characteristic of the congruence method is that the investigator begins with a theory and then attempts to assess its ability to explain or predict the outcome of a particular case.“

Hierbei ist die Offenlegung der theoretischen Annahmen, wie in den Kapiteln 2.2 und 2.3 geschehen, von zentraler Bedeutung (vgl. Blatter et al. 2007: 151). Die Überprüfung an der Empirie ist im Falle der abgeleiteten Hypothese möglich (vgl. George/Bennett 2005: 182). Deshalb wird in Kapitel 3.2 analysiert, inwieweit eine Kongruenz zwischen theoretischen Erwartungen und tatsächlicher Evidenz existiert.[17] Durch die Methoden-Kombination sind die Anforderungen einer Regelgeleitetheit, guten Dokumentation, intersubjektiven Nachvollziehbarkeit sowie Anknüpfungspunkte für weitere Fälle im Rahmen der qualitativen Forschung gewährleistet.

[...]


[1] Eine Einordnung in der Literatur in ein Protestantisch-Unionistisches und ein Katholisch-Nationalistisches Lager ist gängig (vgl. Reynolds 2000: 613; MacGinty/Du Toit 2007: 13). Dieser Gleichsetzung soll aufgrund der Akzeptanz in der Wissenschaftsgemeinschaft gefolgt werden, wenngleich es Kritik gibt (vgl. Ruohomäki 2010: 165). Auch der Unterscheidung zwischen Unionisten/Loyalisten und Nationalisten/Republikanern kann nicht nachgegangen werden (siehe hierfür Ruane/Todd 1996: 88-106). Den Anspruch dieser Arbeit formulieren Ruane/Todd (1996: XV) sehr präzise: „But general tendencies are present and have to be grasped if the conflict is to be explained […]. At the same time we were always conscious of variation […].”

[2] In der Öffentlichkeit auch als Good Friday Agreement bekannt. Es wird aber aufgrund der Kontinuität in der vorliegenden Arbeit in der offiziellen Bezeichnung als Belfast Agreement verwendet.

[3] Im Rahmen der Arbeit können aufgrund der wissenschaftlichen Einschränkungen bezüglich der Analysemöglichkeiten nicht immer beide Ebenen detailliert dargestellt werden. Es wird versucht beide angemessen zu würdigen. Selbstverständlich gibt es dabei Wechselwirkungen zwischen der Eliten- und der Gesellschafts-Ebene, zum Beispiel beim Faktor „Persönliche Risiken“ (vgl. Giersch 2009: 248f.).

[4] Nach der Definition von Fearon (2007: 4) ist ein Bürgerkrieg „a violent conflict within a country fought by organized groups that aim to take power at the center or in a region, or to change government policies.” Onuf/Onuf (2006) ergänzen mit ihrem Beispiel des American Civil War, dass auch zwischen zwei Staaten, die aus einem gemeinsamen Einheitsstaat entstanden sind, ein Bürgerkrieg bestand. Nach diesen beiden Verständnissen ist der Nordirland-Konflikt eindeutig als Bürgerkrieg einzuordnen.

[5] Diese Einschätzung mag kontraintuitiv erscheinen, da ein Friedensschluss als geeignetste Lösung erachtet wird. Diesem Umstand ist sich auch Giersch (2009: 227) bewusst, aber zeigt das Gegenteil auf.

[6] Zentral bei der Prospect Theory sind die Abhängigkeit gegenüber einem Referenzpunkt und die daraus resultierende Verortung in einer Gewinn- bzw. Verlustdomäne. Ebenso spielt die Verlustaversion, die davon ausgeht, dass Menschen Verluste schwerwiegender als Gewinne einschätzen, eine wichtige Rolle. Eine sehr gute Einführung zur Prospect Theory bieten Brummer/Oppermann (2014: 139-155).

[7] Vorgespräche umfassen laut Giersch (2009: 247) „informelle Gespräche zur Sondierung von Friedensverhandlungen“. Während die Verhandlungsphase mit der Transformation zu formellen Gesprächen beginnt, setzt die Einigung nach Giersch (2009: 253) „mindestens eine gemeinsame Agenda voraus, also ein Einverständnis darüber, welche Streitfragen tatsächlich zu regeln sind.“ Die Umsetzungsphase setzt mit dem Abschluss eines Abkommens ein (vgl. Giersch 2009: 255). Diese steht allerdings nicht im Fokus der vorliegenden Arbeit, wird aber zur Vollständigkeit des Modells ebenfalls vorgestellt.

[8] Giersch (2009: 253) klassifiziert sichere Lösungen als „Ergebnisse, die unmittelbar und mit größter Wahrscheinlichkeit aus einer Vereinbarung folgen würden. Unsichere Ergebnisse sind all jene, die in weiterer Zukunft und nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten werden.“

[9] Die Unterzeichner waren die britische und irische Regierung vertreten durch Ministerpräsident Tony Blair und Außenministerin Marjorie Mowlam auf der britischen sowie dem Regierungschef Bertie Ahern und Außenminister David Andrews auf der irischen Seite (vgl. Albert 2009: 49).

[10] Aufgrund der Berücksichtigung der korrekten Translation der Kürzel der Parteien, werden die englischen Namen verwendet.

[11] Die UKUP verließ die Verhandlungen im Herbst 1996 und die DUP endgültig im September 1997 (vgl. Grote 1998: 647; Albert 2009: 57). Im politischen Spektrum ist die DUP als radikalste unionistische Partei dicht gefolgt von der UKUP zu verorten (vgl. Hancock 2008: 207). Eine etwas gemäßigtere Einstellung hatte die UUP zusammen mit der PUP und UDP (ebd.). Überkonfessionell orientiert waren die APNI, NIWC und Labour (vgl. Grote 1998: 647). Während die SDLP eine gewaltlose nationalistische Agenda hatte, war Sinn Féin die deutlich extremere nationalistische Partei, die als politischer Arm der Irish Republican Army (IRA) ihre Gewaltbereitschaft unter Beweis stellte (vgl. Hancock 2008: 206).

[12] Taoiseach ist der offizielle Term für den irischen Regierungschef (vgl. Boyle/Hadden 1995: 273).

[13] Die jeweiligen Risikofaktoren lassen sich als unabhängige und das Zustandekommen eines Friedensabkommens als abhängige Variable deklarieren.

[14] Eine vielbeachtete Kritik an small-n-Studies bringen King et al. (1994) an. George und Bennett (2005: 22-34) entgegnen vielen der eingebrachten Kritikpunkte.

[15] Wrona (2005: 6,12) merkt an, dass Ergebnisse bei genauer Begründung im Einzelfall generalisierbar seien, aber eine geringe Reichweite aufweisen. Ohnehin geht es im Einzelfall mehr um das Verstehen von Zusammenhängen als um deren positivistischen Nachweis (vgl. Wrona 2005: 42).

[16] Folglich formuliert Wrona (2005: 40-44) Kriterien, die eine Anwendung der Gütekriterien auf die qualitative Forschung erlauben.

[17] Blatter et al. (2007: 151) warnen vor einer zu schnellen Akzeptanz von Kovarianz zwischen UV und AV und verweisen auf eine mögliche Oberflächlichkeit der Ergebnisse.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Bedingungen für ein erfolgreiches Friedensabkommen. Das Fallbeispiel Belfast Agreement
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Politische Psychologie in der Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V308580
ISBN (eBook)
9783668068766
ISBN (Buch)
9783668068773
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Belfast Agreement, 10. April 1998, Republik Irland, Irland, Großbritannien, IRA, Hume, Blair, Good Friday Agreement, Nordirland, Belfast, Dublin, London, Reynolds, McGuinness, Adams, Derry, Londonderry, Psychologie, Giersch, Friedensabkommen, Friedensverhandlungen, Konfliktursachen
Arbeit zitieren
M.A. Christian Wölfelschneider (Autor), 2014, Bedingungen für ein erfolgreiches Friedensabkommen. Das Fallbeispiel Belfast Agreement, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308580

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Bedingungen für ein erfolgreiches Friedensabkommen. Das Fallbeispiel Belfast Agreement


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden