Mit dem Bau der Ringstraße suchte Wien Anschluss an die großen und bekannten Boulevards, wie zum Beispiel denen in Paris und Berlin. An der Ringstraße waren wichtige öffentliche Gebäude angesiedelt worden, die sowohl durch ihre Architektur als auch durch ihre Funktion ein Symbol für das moderne Wien darstellen sollten. Beschäftigt man sich mit der Ringstraße, ihren Palais und Bauten, so stellt sich die Frage: „Wer waren die Menschen hinter den Mauern?“ Gerade 2015, zum 150. Jubiläum der Ringstraßeneröffnung, wurde diese Frage sowohl in den Medien als auch in der Forschung vermehrt wieder gestellt.
In der Forschung ist diese Tatsache bisher nur am Rande behandelt worden, was verwunderlich ist. Über das Projekt der Ringstraße selbst gibt es eine Reihe von Arbeiten. Der Katalog zur Ausstellung des jüdischen Museums Wien stellt einen hohen Anteil der jüdischen Bevölkerung an der neuen Straße Wiens fest. Da das Verhältnis zwischen Juden und der restlichen Wiener Bevölkerung zum einen durch die Emanzipation 1867 und zum anderen durch eine Wirtschaftskrise belastet war, stellt sich die Frage, inwiefern die Wiener Ringstraße als Projektionsfläche für den Antisemitismus betrachtet werden kann.
Dies soll die Fragestellung der Arbeit sein. Zum besseren Verständnis werden zuvor die politische Situation der Juden in Österreich nach der Emanzipation und die Bedeutung des Ringstraßenbaus erläutert.
Die Quellen die hierzu zur Verfügung stehen, sind vornehmlich Tageszeitungen aus der Zeit zwischen 1870 und 1873. Diese Zeit wurde bewusst gewählt, da die Wirtschaftskrise in diesen Zeitraum fällt. Es soll auch geprüft werden, ob es eine Veränderung in der Wahrnehmung der jüdischen Hausbesitzer auf der Ringstraße durch die Wiener Presse, zu verzeichnen gibt.
In einem anschließenden Fazit werden die gesammelten Ergebnisse resümiert und die Ausgangsfrage beantwortet.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Das Bauprojekt Ringstraße
2.1 Planung, Durchführung und Zielsetzung
2.2 Die Sozialstruktur der Wiener Ringstraße
3. Rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in Österreich unter Kaiser Franz Joseph
3.1 Die Dezemberverfassung von 1867
3.2 Der Börsenkrach 1873
4. Die Wahrnehmung jüdischer Ringstraßenbewohner
4.1 Tageszeitungen
4.1.1 Die Neuzeit vom 1. Juli 1870
4.1.2 Linzer Volksblatt für Stadt und Land vom 27. Juni bis zum 1. Juli 1870
4.1.3 Volksblatt für Stadt und Land vom 18. Mai 1873
4.2 Die „humoristische“ Presse
4.2.1 Figaro vom 25. März 1871
4.2.2 Figaro vom 28. Dezember 1872
4.2.3 Figaro vom 17. Mai 1873
4.2.4 Kikeriki vom 18. Mai 1873
5. Fazit
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Wiener Ringstraße zwischen 1870 und 1873 als Projektionsfläche für den Antisemitismus diente und wie die öffentliche Wahrnehmung der dort ansässigen jüdischen Bewohner durch zeitgenössische Printmedien geprägt wurde.
- Analyse des Bauprojekts Ringstraße und der damit verbundenen gesellschaftlichen Transformationen.
- Untersuchung der rechtlichen Stellung der Juden in Österreich unter Kaiser Franz Joseph.
- Analyse der Wirkung wirtschaftlicher Krisen (Börsenkrach 1873) auf das Verhältnis zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung.
- Vergleichende Untersuchung der Berichterstattung in Tageszeitungen und der sogenannten "humoristischen" Presse.
- Herausarbeitung der Konstruktion von Feindbildern und der Stigmatisierung jüdischer Hauseigentümer.
Auszug aus dem Buch
Die Wahrnehmung jüdischer Ringstraßenbewohner
In diesem Teil der Arbeit sollen die Quellen in den Blick genommen werden, die uns zur Verfügung stehen, um die öffentliche Wahrnehmung, beziehungsweise das öffentlich präsentierte Bild der Juden zu untersuchen.
Zu jeder der einzelnen Gattungen werden jeweils im ersten Schritt Veröffentlichungen vor und in einem zweiten Schritt nach dem Zusammenbruch der Wiener Börse untersucht.
4.1 Tageszeitungen
Tageszeitungen stellen im Zusammenhang mit der öffentlichen Meinung einen wesentlichen Einflussfaktor dar. Dies tun sie aus zwei Gründen: Zum einen können sie durch ihr tägliches Erscheinen stärker Einfluss nehmen, als Blätter, die nur monatlich erscheinen. Zum anderen haben sie eine breitere Leserschaft als zum Beispiel ein Parteiblatt oder eine wissenschaftliche Publikation. Aber auch Wochenzeitungen sind in diesem Zusammenhang wichtig, wie noch zu zeigen sein wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung der Wiener Ringstraße ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Wahrnehmung jüdischer Bewohner im Kontext des wachsenden Antisemitismus und der Wirtschaftskrise.
2. Das Bauprojekt Ringstraße: Dieses Kapitel erläutert die planerischen Hintergründe und die sozioökonomische Struktur des Ringstraßenbaus sowie die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge.
3. Rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in Österreich unter Kaiser Franz Joseph: Hier werden die Emanzipation durch die Dezemberverfassung 1867 sowie die Folgen des Börsenkrachs 1873 für die jüdische Bevölkerung analysiert.
4. Die Wahrnehmung jüdischer Ringstraßenbewohner: Der Hauptteil untersucht anhand von Tageszeitungen und humoristischen Publikationen, wie jüdische Bewohner medial stigmatisiert und als Sündenböcke konstruiert wurden.
5. Fazit: Das Fazit resümiert die Ergebnisse und bestätigt, dass die Ringstraße als gesellschaftliche Bühne für die Projektion antisemitischer Ressentiments fungierte.
Schlüsselwörter
Wiener Ringstraße, Antisemitismus, Emanzipation, Börsenkrach 1873, Pressegeschichte, Jüdisches Bürgertum, Sozialstruktur, Stadtentwicklung, Feindbildkonstruktion, Österreich-Ungarn, 19. Jahrhundert, Tageszeitungen, Humoristische Presse, Gesellschaftskritik, Projektionsfläche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die öffentliche Wahrnehmung jüdischer Bewohner der Wiener Ringstraße in den Jahren 1870 bis 1873 und deren Funktion als Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments in einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Modernisierung Wiens durch den Ringstraßenbau, die rechtliche Stellung der Juden nach der Emanzipation sowie der Einfluss der Wirtschaftskrise von 1873 auf die öffentliche Meinung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern die Wiener Ringstraße als Symbol der Modernisierung und als Ort der jüdischen Präsenz als Projektionsfläche für den Antisemitismus betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse historischer Printmedien, insbesondere Tageszeitungen und humoristischer Zeitschriften, um die öffentliche Wahrnehmung jüdischer Mitbürger in der Zeit des Umbruchs zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse spezifischer Zeitungsartikel vor und nach dem Börsenkrach 1873, um die Entwicklung der medialen Berichterstattung und die zunehmende Aggressivität gegenüber jüdischen Ringstraßenbewohnern aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselwörter sind unter anderem Wiener Ringstraße, Antisemitismus, Emanzipation, Börsenkrach 1873 und Pressegeschichte.
Welche Rolle spielte der Börsenkrach von 1873 für die Argumentation des Autors?
Der Börsenkrach dient als entscheidende Zäsur, da er laut Autor dazu führte, dass sich die Anfeindungen gegen die jüdische Bevölkerung verschärften und der Antisemitismus eine neue, radikalere Dimension erreichte.
Wie unterscheidet sich die "humoristische" Presse von den Tageszeitungen in der Analyse?
Während Tageszeitungen oft tagespolitische Probleme und wirtschaftliche Zusammenhänge thematisierten, nutzte die humoristische Presse vermehrt Karikaturen und satirische Erzählformen, um jüdische Bürger als "Emporkömmlinge" zu stigmatisieren.
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- Malte Wittmaack (Autor), 2015, Im Blickfeld der öffentlichen Meinung. Rezeption jüdischer Ringstraßenbewohner zwischen 1870 und 1873 in Wien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308634