Reflexionen zum Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht

"Niemand von uns ist mündig"


Essay, 2015
8 Seiten

Leseprobe

„NIEMAND VON UNS IST MÜNDIG.“

REFLEXIONEN ZU SINN UND ZWECK DER ANWESENHEITSPFLICHT

Dem Phänomen der Anwesenheitsliste im akademischen Lehrbetrieb kann in seiner inneren Struktur nur beikommen, wer es in übergreifenden begrifflichen und sachlichen Ordnungen lokalisiert und aus diesen seine Spezifik bestimmt. Hintergründigen Kontexten keine Rechnung zu tragen, würde die angemessene Erkenntnis des anvisierten Phänomens a priori vereiteln, bezieht dieses von jenen doch erst seinen Sinn. Auch die kurzsichtige Insistenz auf alltäglichen Meinungen kann in einer polarisierenden Diskussion wie dieser kaum zielführend sein, droht durch sie doch der Atavismus in die starre Position. Konträr dazu steht die Aufgabe einer philosophischen Reflexion: „nicht einen Standpunkt einzunehmen, sondern die Standpunkte zu liquidieren.“1 Dem Verharren auf einer bestimmten Sichtweise verschwistert, stellt sich auch deren abstrakte Abfertigung als dem Gegenstand unangemessen dar. Statt „mit der Sache sich zu befassen ist solches Tun immer über sie hinaus; statt in ihr zu verweilen (…) greift solches Wissen immer nach einem Andern, und bleibt vielmehr bei sich selbst, als dass es bei der Sache ist und sich hingibt.“2 Differenziert und produktiv über das Sujet der Anwesenheitsliste nachdenken, kann also nur, wer sich weder einfachen und vermeintlich kohärenten Positionen überlässt, noch diese auseinandersetzungslos übergeht. Vorausgeschickt sei, dass solch eine Auseinandersetzung im gegebenen Rahmen lediglich holzschnittartig und keinesfalls erschöpfend geleistet werden kann.

Diejenigen Fragen, mit denen ich mich im folgenden beschäftigen möchte, können in etwa wie folgt zusammengefasst werden: Wie verhalten sich Anwesenheits liste und Anwesenheits pflicht zueinander? Was hat es eigentlich mit dem vorgängigen und vieldeutigen Begriff der Anwesenheit auf sich? Auf welche Zwecke zielen Listen und Pflichten als Mittel und inwiefern lassen sich jene durch diese realisieren? Vor welchem bildungstheoretischen Hintergrund kommt es überhaupt zu einer solchen Zwecksetzung? Und zuletzt: Gibt es gangbare Alternativen zu den bestehenden Positionen und Vorschlägen?

Eine Anwesenheitsliste ist zunächst nichts weiter als ein papierförmiges Dokument, das zur Kontrolle des regelmäßigen Besuchs der an universitären Veranstaltungen (Seminaren, Vorlesungen) teilnehmenden Studierenden eingesetzt wird. Dieses Schriftstück stellt lediglich das gegenständliche Mittel zur Durchsetzung der Anwesenheitspflicht dar. Ob Studierende ihrer Pflicht zur Anwesenheit durch ausreichende aktive Teilnahmehäufigkeit nachgekommen sind und einen schriftlichen Nachweis über diese („Teilnahmeschein“) erwerben können, hängt also im Wesentlichen von ihrer Eintragung auf diesem Dokument ab. Es gibt hinsichtlich der praktisch- technischen Kontrolle der Anwesenheitspflicht qua Anwesenheitsliste verschiedenartige Modus Operandi: Einige Dozierende führen überhaupt keine Anwesenheitslisten, andere führen sie selbständig, wieder andere überlassen es den Studierenden, sich für die jeweilige Sitzung einzutragen; manche Anwesenheitslisten werden zu jedem Termin herumgereicht, andere tauchen nur selektiv auf, während wieder andere nach einigen Sitzungen konstanter Anwesenheit dann unbemerkt verschwinden (i.e. nicht mehr anwesend sind); manche Listen gestatten es, sich auch noch nach schon stattgefundenen Sitzungen für diese einzutragen, andere nicht.3

Nicht nur existiert eine Pluralität von Umgangs- und Praxisformen im Hinblick auf Anwesenheitslisten, es besteht auch eine Mehrzahl von Bedeutungsdimensionen des Begriffs Anwesenheit. Der Duden definiert ihn als Zugegensein oder Vorhandensein.4 Beide Synonyme bezeichnen ebenso wie der eigentliche Begriff einen rein formalen Sachverhalt, nämlich dass eine Entität in einem bestimmten raum-zeitlichen Kontext d a ist. Im Alltagsverständnis treffen wir häufig auf die Unterscheidung zwischen physischer und mentaler Anwesenheit, die sich z.B. in der Frage „Bist du/Sind Sie anwesend?“ äußert, die wir stellen, wenn wir das Gefühl haben, die betreffende Person sei unaufmerksam oder abgelenkt. Wir fragen aber z.B. auch danach, ob bestimmte Menschen zu diesem oder jenem Ereignis anwesend seien und beziehen uns damit im wesentlichen auf ihre physische Anwesenheit, wobei wir in der Regel annehmen, dass die gemeinte Person dann auch „als Ganze“ zugegen sei, das heißt sowohl physisch als auch mental. Aus all dem folgt zunächst nichts weiter, als dass Anwesenheit weder einen selbsterklärlichen Begriff oder Sachverhalt anzeigt, noch dass von physischer auf geistige Anwesenheit geschlossen werden kann.

Was meint Anwesenheit nun im Kontext der Anwesenheitspflicht ? Folgen wir dem oben erwähnten Schema, würde die niederschwelligste Bedeutung und Erfüllung der Anwesenheitspflicht in der Tatsache bestehen, dass Dozierende und Studierende sich zeitgleich in ein und demselben Raum befinden. Damit hätten die Studierenden, freilich in einem sehr allgemeinen Sinne, ihre Pflicht anwesend zu sein, erfüllt. Dieser formale Tatbestand mag zwar unterbestimmt oder merkwürdig erscheinen, nichtsdestotrotz stellt er die erste und grundlegendste Bedingung der Möglichkeit eines Seminars dar: das gemeinsame Da-Sein von Lehrenden und Studierenden. Seminare ohne Teilnehmende sind schlichtweg nicht möglich. An diesem Beispiel wird zweierlei ersichtlich: erstens, dass der Figuration eines Seminars nur durch diese Form von Anwesenheit potentielle Funktionalität zukommt, und zweitens, dass unsere Vorstellung eines Seminars andere Formen von Anwesenheit implizieren muss, die einen stärker inhaltlichen Charakter aufweisen.

[...]


1 Adorno, Theodor W.: Zum Studium der Philosophie, S. 325.

2 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, S. 5.

3 Rein logisch kann eine Anwesenheitsliste ihre Kontrollfunktion eigentlich nur zuverlässig erfüllen, wenn die Teilnahme an Sitzungen nicht post festum eingetragen werden kann. Wenn diese Möglichkeit besteht, müsste das Dokument als Nachweis über die Teilnahmehäufigkeit der Studierenden seine Belastbarkeit verlieren. Mit anderen Worten: Wenn in einer Anwesenheitsliste nicht nach jeder Sitzung das jeweilige Fehlen vermerkt und so ein späteres Eintragen verhindert wird, kann diese nicht ernsthaft als stichhaltiges Dokument dienen.

4 http://www.duden.de/rechtschreibung/Anwesenheit.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Reflexionen zum Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht
Untertitel
"Niemand von uns ist mündig"
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V308665
ISBN (eBook)
9783668073494
ISBN (Buch)
9783668073500
Dateigröße
919 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reflexionen, sinn, zweck, anwesenheitspflicht, niemand
Arbeit zitieren
Steffen Andrae (Autor), 2015, Reflexionen zum Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308665

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