Diejenigen Fragen, mit denen ich mich im folgenden beschäftigen möchte, können in etwa wie folgt zusammengefasst werden:
Wie verhalten sich Anwesenheitsliste und Anwesenheitspflicht zueinander?
Was hat es eigentlich mit dem vorgängigen und vieldeutigen Begriff der Anwesenheit auf sich?
Auf welche Zwecke zielen Listen und Pflichten als Mittel und inwiefern lassen sich jene durch diese realisieren?
Vor welchem bildungstheoretischen Hintergrund kommt es überhaupt zu einer solchen Zwecksetzung?
Und zuletzt: Gibt es gangbare Alternativen zu den bestehenden Positionen und Vorschlägen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Anwesenheitsliste und Anwesenheitspflicht
1.2 Bedeutungsdimensionen von Anwesenheit
1.3 Positionen in der Debatte: Wagschal und Pfähler
1.4 Kritische Reflexion der Bildungsbegriffe
1.5 Verhältnis von Mitteln und Zwecken
1.6 Alternativer Bildungsbegriff: Erfahrung
1.7 Gesellschaftstheoretische Deutung und Ausblick
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht im akademischen Lehrbetrieb. Ziel ist es, das Phänomen der Anwesenheitsliste über eine rein administrative Kontrolle hinausgehend bildungs- und gesellschaftstheoretisch zu hinterfragen, bestehende Argumentationsmuster (Wagschal vs. Pfähler) zu analysieren und alternative Perspektiven, insbesondere im Hinblick auf Mündigkeit und Erfahrung, zu entwickeln.
- Phänomenologische und administrative Analyse der Anwesenheitspflicht
- Kritische Auseinandersetzung mit den Bildungsbegriffen der Debatte
- Untersuchung des Verhältnisses von Bildungszielen und deren organisatorischen Mitteln
- Rekurs auf bildungstheoretische Konzepte (Adorno, Horkheimer)
- Reflexion institutioneller Strukturen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen
Auszug aus dem Buch
Die Dialektik von Anwesenheit und Bildung
Der Duden definiert ihn als Zugegensein oder Vorhandensein. Beide Synonyme bezeichnen ebenso wie der eigentliche Begriff einen rein formalen Sachverhalt, nämlich dass eine Entität in einem bestimmten raum-zeitlichen Kontext da ist. Im Alltagsverständnis treffen wir häufig auf die Unterscheidung zwischen physischer und mentaler Anwesenheit, die sich z.B. in der Frage „Bist du/Sind Sie anwesend?“ äußert, die wir stellen, wenn wir das Gefühl haben, die betreffende Person sei unaufmerksam oder abgelenkt. Wir fragen aber z.B. auch danach, ob bestimmte Menschen zu diesem oder jenem Ereignis anwesend seien und beziehen uns damit im wesentlichen auf ihre physische Anwesenheit, wobei wir in der Regel annehmen, dass die gemeinte Person dann auch „als Ganze“ zugegen sei, das heißt sowohl physisch als auch mental. Aus all dem folgt zunächst nichts weiter, als dass Anwesenheit weder einen selbsterklärlichen Begriff oder Sachverhalt anzeigt, noch dass von physischer auf geistige Anwesenheit geschlossen werden kann.
Was meint Anwesenheit nun im Kontext der Anwesenheitspflicht? Folgen wir dem oben erwähnten Schema, würde die niederschwelligste Bedeutung und Erfüllung der Anwesenheitspflicht in der Tatsache bestehen, dass Dozierende und Studierende sich zeitgleich in ein und demselben Raum befinden. Damit hätten die Studierenden, freilich in einem sehr allgemeinen Sinne, ihre Pflicht anwesend zu sein, erfüllt. Dieser formale Tatbestand mag zwar unterbestimmt oder merkwürdig erscheinen, nichtsdestotrotz stellt er die erste und grundlegendste Bedingung der Möglichkeit eines Seminars dar: das gemeinsame Da-Sein von Lehrenden und Studierenden. Seminare ohne Teilnehmende sind schlichtweg nicht möglich. An diesem Beispiel wird zweierlei ersichtlich: erstens, dass der Figuration eines Seminars nur durch diese Form von Anwesenheit potentielle Funktionalität zukommt, und zweitens, dass unsere Vorstellung eines Seminars andere Formen von Anwesenheit implizieren muss, die einen stärker inhaltlichen Charakter aufweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Anwesenheitsliste als Mittel der Kontrolle und die methodische Herangehensweise an das Thema.
1.1 Anwesenheitsliste und Anwesenheitspflicht: Detaillierte Darstellung der unterschiedlichen praktischen Handhabungen von Anwesenheitslisten im Lehrbetrieb.
1.2 Bedeutungsdimensionen von Anwesenheit: Untersuchung des Begriffs der Anwesenheit jenseits des formalen "Da-Seins" und Unterscheidung zwischen physischer und geistiger Präsenz.
1.3 Positionen in der Debatte: Wagschal und Pfähler: Gegenüberstellung und kritische Rekonstruktion zweier gegensätzlicher Argumentationslinien zur Anwesenheitspflicht.
1.4 Kritische Reflexion der Bildungsbegriffe: Analyse der impliziten Bildungs- und Pflichtverständnisse, die den Positionen von Wagschal und Pfähler zugrunde liegen.
1.5 Verhältnis von Mitteln und Zwecken: Prüfung, ob die Anwesenheitspflicht als Mittel tatsächlich geeignet ist, die angestrebten Bildungsziele zu erreichen.
1.6 Alternativer Bildungsbegriff: Erfahrung: Vorstellung eines alternativen Ansatzes nach Horkheimer und Adorno, der Bildung stärker an Erfahrung und Hingabe an die Sache knüpft.
1.7 Gesellschaftstheoretische Deutung und Ausblick: Einordnung der Problematik in einen größeren gesellschaftlichen Kontext, unter Einbezug von Zeitdiagnostik und Schuldenökonomie.
Schlüsselwörter
Anwesenheitspflicht, Anwesenheitsliste, akademische Bildung, Autonomie, Mündigkeit, Partizipation, Bildungsbegriff, kritische Theorie, Hochschulbetrieb, instrumentelle Vernunft, studentischer Habitus, Bologna-Reform, Erfahrung, Zeitdruck, Systemfunktionalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert kritisch über Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht an Universitäten und hinterfragt, ob und wie diese Maßnahme mit dem Anspruch akademischer Bildung korreliert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Bildungsanspruch und administrativer Kontrolle, die Bedeutung von Mündigkeit und Autonomie im Studium sowie die kritische Analyse gesellschaftlicher und institutioneller Rahmenbedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die interne Struktur des Phänomens "Anwesenheitspflicht" offenzulegen und aufzuzeigen, dass die bloße Forderung nach physischer Präsenz oft an der eigentlichen Idee von Bildung vorbeigeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-soziologische Reflexionsmethode, gestützt auf Theorien der kritischen Schule (Adorno, Horkheimer), um die Argumentationen und institutionellen Bedingungen einer kritischen Analyse zu unterziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Debatte zwischen den Positionen von Uwe Wagschal und Wilhelm Pfähler, beleuchtet das Verhältnis von Mitteln und Zwecken in der Lehre und entwirft auf Basis kritischer Theorie alternative Bildungsideale.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Anwesenheitspflicht, Autonomie, Bildung, Mündigkeit, Erfahrung sowie die kritische Reflexion des institutionellen Lehrbetriebs.
Wie bewertet der Autor die Position von Wagschal?
Der Autor sieht Wagschals Argumentation als Ausdruck eines funktionalen, an Systemvorgaben orientierten Bildungsverständnisses, das das Studium primär als Ausbildung begreift und studentische Autonomie vernachlässigt.
Inwiefern spielt der Begriff der Erfahrung eine Rolle?
Erfahrung wird als zentraler Bildungsbegriff eingeführt, der über eine rein instrumentelle Wissensaneignung hinausgeht und die aktive, geistige Auseinandersetzung des Subjekts mit einem Gegenstand fordert.
Welche Rolle spielt die Zeitdiagnose nach Hartmut Rosa?
Die Beschleunigungsdynamik der Spätmoderne wird als ein Faktor angeführt, der die Kapazität der Studierenden für eine vertiefte, differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung strukturell einschränkt.
Wie lässt sich das Modell von Lazzarato auf die Universität übertragen?
Der Autor diskutiert, ob das Verhältnis von Gläubiger und Schuldner als allgemeine gesellschaftliche Herrschaftsform in Form einer "Bringschuld" auch das Verhältnis zwischen Universität, Dozierenden und Studierenden prägen könnte.
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- Steffen Andrae (Author), 2015, Reflexionen zum Sinn und Zweck der Anwesenheitspflicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308665