Definition, Geschichte und Kriterien des Toleranzbegriffs


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Toleranzbegriff
2.1 Definition
2.2 Toleranz und dessen unterschiedlichen Verwendungen
2.3 Toleranzkriterien

3 Geschichte der Toleranz

4 Toleranz und ihre Grundprobleme

5 Konzept der Toleranz nach Forst

6 Lessings Toleranzgedanke - Nathan der Weise

7 Die Nützlichkeit der Toleranz

8 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Menschheit gewinnt mehr dadurch, dass sie einen jeden so leben lässt, wie es ihm gutdünkt, als dadurch, dass jeder gezwungen wird, so zu leben, wie es allen anderen gutdünkt.“ (Mill zit. in Nühlen 1997: 446)

Toleranz ist ein Thema, welches alle Menschen von Geburt an, als Eigenschaft einerseits und als Umweltfaktor andererseits, ständig begleitet. Dies geschieht unmittelbar durch persönliche Kontakte mit anderen Menschen in der Familie, Nachbarschaft, Schule, Arbeitsstelle etc. In diesem Kontext werden Grundhaltungen und Verhaltensweisen toleriert. Es stellt sich nun die Frage was kann, was soll und was muss toleriert werden? Es finden ständig Wertungen statt und diese hängen von den Gesellschaftsverhältnissen, von Rechten und Pflichten, von Weltanschauungen und sozialen Verhältnissen, von Erziehung und Entwicklungsbedingungen ab. Egalität gibt es nirgendwo auf der Welt (vgl. Burkhard 1997: 460).

Spätestens seit 1995, dem von der UNO (United Nations Organization/Vereinte Nationen) als „Internationalen Jahr der Toleranz“ (Häring1998: 9) verkündigten Datum, ist der Begriff „Toleranz“ ein Schlagwort unserer Zeit. Toleranz gehört zu unserer Gesellschaftskultur. Niemand möchte intolerant sein oder für intolerant gehalten werden, denn dies hieße ja, man sei nicht gemeinschaftsfähig (vgl. Domanyi 2003: 202). Toleranz ist ein universeller Wert, der für den Aufbau von Frieden und Solidarität von grundlegender Wichtigkeit ist (vgl. Häring 1998: 10). Dennoch ist Toleranz eine Haltung, welche zugleich notwendig ist, aber niemandem aufgezwungen werden kann (vgl. Häring 1998: 9).

Ziel meiner Arbeit ist zu verdeutlichen, warum die Idee der Toleranz eine nützliche war und immer noch ist. Auch möchte ich der vieldiskutierten Paradoxie der Toleranz, welche die Frage aufwirft, wie es moralisch richtig oder sogar geboten sein kann, das Falsche oder moralisch Schlechte zu tolerieren (vgl. Forst 2000: 10), auf den Grund gehen. Weiterhin möchte ich herausfinden, ab wann ein Verhalten als tolerantes Verhalten definiert wird. Beginnt Toleranz schon bei der Duldung oder erst bei der Akzeptanz anderer Haltungen oder gehört es dazu, diese Andersartigkeit auch noch wertzuschätzen?

Inhaltlich gehe ich hierzu zunächst auf den Toleranzbegriff selbst ein, dessen Definition, welche sich als sehr vielfältig herausstellt, und dessen Kriterien, das heißt welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit man von Toleranz sprechen kann. Im zweiten Kapitel verfolge ich den Ursprung des Toleranzgedanken, um herauszufinden, wie Toleranz entstanden ist und ab wann genau sie praktiziert wird. Darauf folgend gehe ich auf die Grundprobleme der Toleranz ein, denn Toleranz klingt zunächst leichter, als sie sich in ihrer Ausübung zeigt. Diese These vertreten fast alle Autoren. Häring (1998) beispielsweise benennt Toleranz schon im Buchtitel als eine „tägliche Herausforderung“. Interessanterweise zeigen sich in der Literatur Unterschiede bezüglich der Konzeptionen, wie Toleranz ausgeübt werden kann. In meiner Arbeit gebe ich nachfolgend die verbreiteten Konzeptionen nach Forst wieder. Ergänzend gehe ich noch auf Lessings bekannten Toleranzgedanken in seinem Werk „Nathan der Weise“ ein, womit er ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Schließlich verdeutliche ich, im Hinblick auf meine eigentliche Fragestellung, die Nützlichkeit der Toleranz, welche man durch die ganze Arbeit als roten Faden zwischen den Zeilen lesen kann. Aber ich erachte es für wichtig, dieser Thematik ein eigenes Kapitel zu geben. Abgeschlossen wird meine Arbeit mit einem kleinen Fazit.

2 Der Toleranzbegriff

Wenn es um den Begriff „Toleranz“ geht, fallen oftmals Wörter wie Duldsamkeit, Verständigungsbereitschaft, Nachsicht, Flexibilität und Entgegenkommen. Ganz nach dem umgangssprachlichen Motto: „Jeder soll jedem verständnisvoll zunicken und so tun, als gäbe es zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht überhaupt keinen Unterschied.“ Doch laut Domanyi (2003: 202) besteht der eigentliche Sinn der Toleranz im Gemeinschaftserhalt, in Form von unterschiedlichen Ansichten und Lebensäußerungen.

Offensichtlich ist der Toleranzbegriff schnell missverständlich. Nun was genau meint dann Toleranz, wie ist sie zu definieren und welche Kriterien machen sie aus? Diesen Fragen gehe ich in den folgenden Kapiteln auf den Grund.

2.1 Definition

„Toleranz ist einer jener Begriffe, die im Alltag nahezu selbstverständlich gebraucht werden, deren Bedeutung aber umso diffuser wird, je mehr man sich um eine Klärung bemüht“ (Forst 2000: 119).

Der Begriff Toleranz hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „tolerare“. Dies bedeutet erdulden, ertragen und erleiden des anderen (vgl. Domanyi 2003: 202). Auf der Suche im Lexikon lässt sich neben dieser Definition meist eine weitere, tiefergehende Bedeutung finden. Nämlich die „Begabung, sich vernünftig zu verhalten, verständnisvoll zu sein gegenüber Ideen, religiösen Überzeugungen und politischen Systemen, die von den eigenen abweichen oder sogar im Gegensatz zu ihnen stehen“ (Häring 1998: 12). Im Ersten wird eine passive Toleranz deutlich, wohingegen im Zweiten die Toleranz einen positiven Wert gewinnt. Es handelt sich um eine besondere Art und Weise mit Konflikten umzugehen.

Der zweite Aspekt ist auch im Lexikon der Ethik vertreten. Toleranz wird als Gelten- und Gewährenlassen oder als die Achtung, sogar freie als Anerkennung andersartiger Anschauungen und Handlungsweisen, bezeichnet. Als persönliche Haltung gegenüber den Mitmenschen ist Toleranz keineswegs an Gleichgültigkeit gegenüber sittlichen Fragen gebunden. Vielmehr setzt sie voraus, dass man feste Überzeugungen hat und trotzdem die anderen respektiert. Toleranz ist eine handlungsorientierte Haltung, die im Andersartigen, soweit wie möglich, einen Wert zu entdecken und ihm ein Lebensrecht zu gewähren sucht. Toleranz ist ein Zeichen von Selbstüberwindung und Ich-Stärke, weil sie die Interessen anderer grundsätzlich anerkennt und die Auseinandersetzung mit fremden Meinungen nicht scheut. Sie vollendet sich im lebendigen Interesse an der Lebens- und Kulturform anderer und ist dann als eine zurückhaltende Art und Weise von Nächstenliebe zu verstehen (vgl. Höffe 1997: 304 f.).

Hierzu sagte bereits Goethe (zit. in Knoepffler 2009: 252) passend: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, die zur Anerkennung führen muss. Dulden heißt beleidigen.“

Wirft man einen Blick in die weitere unzählige spezifische Literatur, so lassen sich eine große Anzahl von Definitionen finden, welche zum Teil sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

„Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt“, so Hartmann (2003: 201). Toleranz ist demnach die Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist eine Tugend, welche den Frieden ermöglicht - der Kult des Krieges wird durch eine Kultur des Friedens überwunden (vgl. ebd.).

Auch Forst (2000: 120) versteht Toleranz als „Tugend der Gerechtigkeit“ und als „Forderung der Vernunft“.

Guggisberg (zit. in Domanyi 2003: 202) sieht es ähnlich: „Toleranz bezeichnet generell und überall Spielraum und Garantie für das Anderssein, wo das oder der Andere einen schon erhobenen Anspruch oder einer gesellschaftlich etablierten Norm widerspricht. Toleranz erscheint stets als eine soziale Tugend, die das Zusammenleben der Gruppe und Individuen dort ermöglicht, wo aus der Verschiedenheit der Partner Reibungen entstehen können.“

Forst (2000: 27) fügt noch den grundlegenden Aspekt des Verzichtes hinzu. Etwas zu tolerieren heißt „es nicht zu verbieten oder zu fordern, obwohl man es könnte. Freiheit, die aus dem Verzicht resultiert.“

Priesching (2007: 86) bezieht sich auf den Kontext der Toleranz, also der Frage, wie es überhaupt zum tolerierenden Verhalten kommt. Toleranz meint eine Haltung bzw. Praxis, die nur in einem Konflikt erforderlich wird. Dabei löst die Toleranz die Auseinandersetzung, durch welche sie auf den Plan gerufen wird, nicht auf, sondern entschärft sie nur. Der Widerstreit von Überzeugungen oder Interessen bleibt erhalten, verliert jedoch aufgrund bestimmter Erwägungen seine Destruktivität. Der Kontext der Toleranz ist also der Konflikt.

Je nach Kontext unterscheiden sich die Gründe, sowie die Grenzen der Toleranz. Auch ist zu klären, ob es um bestimmte Praktiken, persönliche Eigenschaften, einzelne Handlungen oder Überzeugungen geht (vgl. Forst 2000: 120).

Knoepffler (2009: 252) setzt den Schwerpunkt auf den moralischen Relativismus. Eine andere Überzeugung und die mit ihr verbundenen Einstellungen und Handlungen, können allerdings nur anerkennt werden, wenn man die Wahrheitsfrage aufgibt. Dies ist dann der Fall, wenn man einen vollständigen Relativismus moralisch vertritt, wie er in Kapitel 6 am Beispiel von Lessings Toleranzgedanken dargestellt wird, oder wenn man lediglich dem Träger der Überzeugung Anerkennung schenkt und nicht der Überzeugung an sich.

Schließlich werden all diese zentralen Gedanken der Toleranzidee heutzutage weltweit von den Prinzipien der Menschenwürde und der damit verbundenen Rechte, wie der Meinungsfreiheit, untermauert (vgl. ebd.).

2.2 Toleranz und dessen unterschiedlichen Verwendungen

Obwohl das Wort „Toleranz“ weit verbreitet ist, handelt es sich dabei um einen komplexen, vieldeutigen und schwammigen Begriff. Allein der Satz „Wir sind ja tolerant“, verdeutlicht die Mehrdeutigkeit des Begriffs. Zum einen kann der Satz die Ansicht zum Ausdruck bringen „Uns ist das vollkommen egal und wir sind daran überhaupt nicht interessiert“. Zum anderen kann er die Bedeutung tragen „Wir lassen das zu, weil es ohnehin nicht anders geht“. Auch kann dieser Satz meinen „Wir achten diese Haltung, sie ist uns zwar fremd, aber gerade als solche ist sie uns wichtig.“ Hier ist der Toleranzbegriff als persönliche Haltung von Individuen zu verstehen, die sich einem anderen Wahrheitsanspruch gegenüber, von gleichgültig bis aktiv anerkennend, verhalten. Toleranz kann aber auch Staaten, Gemeinschaften, etc. zugeschrieben werden und gleichermaßen unterschiedliche Haltungen zum Vorschein bringen (vgl. Broer 2003: 208).

Wie man sieht, umfasst das Verständnis von Toleranz ein hohes Maß an Fülle und Komplexität der Beziehungsebenen. Mesching unterscheidet hierbei, und zwar in Bezug auf Religionen, zwischen „formaler“ und „inhaltlicher Toleranz“. Diese Unterscheidung zeigt Ähnlichkeiten zu den zwei, bereits im vorherigen Kapitel genannten, hauptsächlichen Definitionen.

Dies dient im ersten Schritt als eine erste grobe Unterscheidung. An späterer Stelle dieser Arbeit ist der Toleranzbegriff noch verfeinert dargestellt, indem ich die Kriterien und Konzeptionen von Toleranz beschreibe.

Weiterhin ist festzuhalten, dass es sich um „formale Toleranz“ handelt, wenn in einem Gemeinwesen verschiedene Glaubensüberzeugungen vom Staat unangetastet nebeneinander bestehen. Wenn fremde Glaubensüberzeugungen nicht nur Duldung erfahren, sondern als eine berechtigte Möglichkeit der religiösen Verehrung erachtet werden, liegt „inhaltliche Toleranz“ vor (vgl. Domanyi 2003: 202). Inhaltliche Toleranz beruht nicht auf Gleichgültigkeit, sondern setzt Auseinandersetzung und Erkenntnis voraus (vgl. Kreß 1997: 437).

Fabry (2003: 217) spricht hier vom „Ertragen“ bis zur „Anerkennung“. Formale Toleranz definiert er als die sittliche Haltung. Dabei geht es darum, den neben einem selbst lebenden Menschen trotz seiner Eigenart und Andersartigkeit zu ertragen. Der Mensch soll zur inhaltlichen Toleranz finden und dies dann begreifen, als die positive Anerkennung fremder Religionen in Verbindung mit den echten und berechtigten religiösen Möglichkeiten der Begegnung mit dem Heiligen, ohne das deswegen die eigene religiöse Überzeugung preisgegeben werden müssen (siehe hierzu Kapitel 6).

Offensichtlich kann der Toleranzbegriff sehr unterschiedlich verwendet werden. Im nächsten Kapitel zeige ich die Kriterien auf, welche ein tolerantes Verhalten beinhalten muss, um dem Titel der Toleranz gerecht zu werden.

2.3 Toleranzkriterien

Die sehr unterschiedlichen Auffassungen dessen, was Toleranz leisten kann und welche Bedeutung ihr in der pluralistischen Gesellschaft zukommt, sind zum Teil auf ein unterschiedliches Verständnis dessen, welche Kriterien Toleranz beinhaltet, zurückzuführen. Nach Forst (2000: 120 ff.) müssen, um von Toleranz sprechen zu können, immer folgende Bedingungen erfüllt sein:

- Ablehnungskomponente:

Natürlich werden die tolerierten Praktiken oder Überzeugungen in einem normativen Sinne abgelehnt, bzw. als falsch angesehen. Ohne diese Komponente käme Toleranz erst gar nicht zu Stande (vgl. Forst 2000: 120 ff.). Hastedt (2012: 15) fügt hinzu, dass sich diese Komponente später auflösen kann, es sich dann aber trotzdem noch um Toleranz im weiteren Sinne handelt, welche mindestens genauso bedeutsam ist.

- Akzeptanzkomponente:

Nun kommen wir der Fähigkeit Toleranz auch auszuüben näher. Denn die anderen Praktiken oder Überzeugungen, die zwar als falsch angesehen werden, doch nicht als derart falsch oder schlecht beurteilt werden, sodass ihre Tolerierung unmöglich wäre, werden auch akzeptiert. Das heißt die Gründe für die Akzeptanz müssen die Gründe für die Ablehnung überbieten (vgl. Forst ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Definition, Geschichte und Kriterien des Toleranzbegriffs
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Veranstaltung
Theologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V308702
ISBN (eBook)
9783668073579
ISBN (Buch)
9783668073586
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie, Toleranz
Arbeit zitieren
Kerstin Woltkamp (Autor), 2015, Definition, Geschichte und Kriterien des Toleranzbegriffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308702

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