In dieser Arbeit setzt sich die Autorin mit der besonderen Situation von Familien mit einem Kind mit Behinderung auseinander. Sie möchte die Veränderungen aufzeigen, die die Geburt eines behinderten Kindes für die Familie mit sich bringt und einen Einblick in den Prozess der Auseinandersetzung mit der Situation geben.
In den folgenden Kapiteln wird speziell auf die Situation der einzelnen Familienmitglieder eingegangen. Am ausführlichsten wird die Situation der Mütter behandelt, da diese die meiste Zeit mit dem Kind verbringen und daher am stärksten von der Behinderung betroffen sind. Es wird aufgezeigt, welche große Bedeutung Kinder für Mütter haben und welche Auswirkungen es für die Mutter hat, ein behindertes Kind zu bekommen. Hierzu zählen die Belastungen, Trauer, aber auch Chancen die sich auftun können.
Um die Situation der Väter behinderter Kinder besser verstehen zu können, wird zunächst auf die männliche Geschlechterrolle eingegangen, ihre Gefühlswelt und ihr Denken ein. So werden die zur Mutter unterschiedliche Beziehung zum Kind sowie die Belastungssituation der Väter deutlicher.
Bei der Situation der Geschwister wird neben den Aspekten der Belastungen und Chancen von Geschwisterkindern vor allem die Situation des, gegenüber dem behinderten Geschwisters, in „zweiter Reihe“ Stehens und ständigen Zurückstecken müssens beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
1. Situation der Mütter
1.1. Bedeutung des Kindes für die Mutter
1.2. Mutterschaft in unserer Gesellschaft:
1.3. Verlusterleben von Müttern behinderter Kinder nach Jonas (Jonas 1994, 68-83)
1.3.1. Kindzentriertes Verlusterleben
1.3.2. Identitätszentriertes Verlusterleben
1.3.3. Sozialzentriertes Verlusterleben
1.4. Auswirkungen des behinderten Kindes auf die Frau
1.5. Verlust von Möglichkeiten zu einer individuell gestalteten Alltagswelt
1.6. Belastungen von Müttern
1.6.1. Pflege des Kindes
1.6.2. Gesundheitliche Probleme des Kindes
1.6.3. Haushalt
1.6.4. Die Gesellschaft
1.7. Zukunftsangst
2. Situation der Väter
2.1. Die männliche Geschlechterrolle
2.2. Die Bedeutung des „Vaterseins“
2.3. Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung
2.4. Belastungen für Väter behinderter Kinder
2.5. Die Vater – Kind Beziehung
2.6. Chancen für Väter behinderter Kinder
3. Situation der Geschwister
3.1. Allgemeine Geschwisterbeziehungen
3.2. Belastungen für die Geschwisterkinder
3.3. Ich bin doch auch noch da
3.4. Chancen für Geschwister behinderter Kinder
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden Auswirkungen der Geburt eines Kindes mit Behinderung auf die verschiedenen Familienmitglieder. Ziel ist es, die spezifischen psychischen, sozialen und praktischen Herausforderungen für Mütter, Väter und Geschwister aufzuzeigen sowie Bewältigungsstrategien und Chancen zu beleuchten, die im Zuge dieses Prozesses entstehen können.
- Psychische Belastung und Trauerprozesse bei Eltern
- Die unterschiedliche Rollenverteilung und Verarbeitung von Vätern und Müttern
- Herausforderungen und Rollenkonflikte für Geschwisterkinder
- Strategien zur Alltagsbewältigung in Familien mit behinderten Kindern
Auszug aus dem Buch
1.3.1. Kindzentriertes Verlusterleben:
Jede Mutter muss die Erfahrung machen, dass sie manche Projektionen in ihr Kind zurücknehmen muss, da das Kind seine eigene Individualität entwickelt. Diese Rücknahme von Projektionen entwickelt sich bei anderen Müttern prozesshaft und über einen langen Zeitraum. Bei Müttern behinderter Kinder bleibt für diesen Prozess keine Zeit, sondern ereignet sich direkt nach der Diagnose der Behinderung. Sie müssen ihre Projektionen und ihr Wissen, dass sie sich selbst durch das Kind nicht vervollständigen und es als „ideales Selbst“ erleben können, in kürzester Zeit zurücknehmen (ebd. 69).
Durch die Behinderung werden der schöpferische Neubeginn, die Wandlung und die neuen Lebensmöglichkeiten blockiert. Das vermeintlich „ideale“ Kind geht ebenso verloren, wie auch die sonst so wichtige Geschlechtsspezifik, die der überragenden Bedeutung der Behinderung zum Opfer fällt. Die Behinderung wird somit zum alleinigen Merkmal der Identität des Kindes. Jonas hat im Laufe ihrer langjährigen Tätigkeit in einer Frühberatungsstelle nur eine Mutter erlebt, die ihre Tochter im Sinne der Geschlechtsidentität ansprach: „Komm mein kleines Mädchen,“ sagte sie (ebd. 70).
Durch den Verlust der Geschlechtsspezifik können die Mütter nicht mit ihren Söhnen das bisexuelle Ganzheitsphantasma leben. Er kann auch nicht Objekt des Begehrens, der „Held“ werden. Die Tochter kann die erhofften idealen sozialen Qualitäten nicht erfüllen, sowie der Aspekt des Weiterlebens der Mutter in der Tochter geht verloren.
Das Kind wird zum „ewigen Kind“, zum geschlechtlichen Neutrum, ohne Zukunft als Mann oder Frau (ebd. 70).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Situation der Mütter: Analysiert die emotionale und soziale Belastung von Müttern, einschließlich des Verlusterlebens und der Auswirkungen auf den Alltag und die Identitätsbildung.
2. Situation der Väter: Beleuchtet die männliche Rollenproblematik sowie spezifische Belastungen und Chancen, die sich aus der Situation der Väter behinderter Kinder ergeben.
3. Situation der Geschwister: Beschreibt die besondere Lage von Geschwisterkindern zwischen Belastung durch Verantwortung und Rücksichtnahme sowie den potenziellen Chancen für ihre Reifung.
Schlüsselwörter
Familie, Kind mit Behinderung, Mütter, Väter, Geschwister, Verlusterleben, Rollenkonflikt, Identitätsverlust, Alltagsbelastung, Psychische Gesundheit, Förderbedarf, Familienleben, Erziehung, Behinderung, Bewältigungsstrategien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Familien, die ein Kind mit einer Behinderung haben, und untersucht, wie sich dies auf die verschiedenen Familienmitglieder auswirkt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die psychische Verarbeitung der Behinderung, die Rollenverteilung zwischen Eltern, die Belastungen durch den Pflegealltag sowie die Auswirkungen auf Geschwisterkinder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Veränderungen im Familienleben aufzuzeigen und einen Einblick in den Prozess der Auseinandersetzung mit der Behinderung des Kindes für Mütter, Väter und Geschwister zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert primär auf einem fundierten Literaturstudium, das durch Fallbeispiele und Zitate betroffener Eltern untermauert wird.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die spezifische Betrachtung der Mütter (Identitätswechsel, Belastungen), der Väter (Rollenbilder, emotionale Verarbeitung) und der Geschwister (Konflikte, Chancen).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Identitätsverlust, Verlusterleben, Geschlechterrollen, Alltagsorganisation und die Bewältigung traumatischer Lebensereignisse innerhalb der Familie.
Warum spielt das Konzept der „Ideologie der Mutterschaft“ eine Rolle?
Es verdeutlicht, warum Mütter bei einem behinderten Kind besonders stark unter gesellschaftlichem Druck und Identitätskrisen leiden, da ihr Selbstbild oft eng an das „gelungene“ Kind gekoppelt ist.
Wie unterscheidet sich die Verarbeitung von Vätern von der der Mütter?
Väter neigen aufgrund männlicher Sozialisation und Rollenbildern eher zum Aktionismus und zur Verdrängung der emotionalen Ebene, während Frauen oft einen stärkeren Leidensdruck und einen anderen Zugang zur sozialen Verarbeitung zeigen.
Welche Rolle spielen Geschwisterkinder in diesem Familiengefüge?
Geschwisterkinder erleben oft eine doppelte Belastung, da sie früh Verantwortung übernehmen müssen und ihre eigenen Bedürfnisse häufig in den Hintergrund rücken, wofür sie im besten Fall jedoch mit hoher sozialer Kompetenz belohnt werden.
Welches Fazit lässt sich für betroffene Familien ziehen?
Obwohl das Leben mit einem behinderten Kind eine traumatische Erfahrung und eine immense Belastung darstellt, kann es auch zu einer bereichernden Lebenserfahrung werden, sofern die Familienmitglieder den Weg der emotionalen Auseinandersetzung und gegenseitigen Unterstützung finden.
- Citar trabajo
- Daniel Reichelt (Autor), 2003, Kinder mit Behinderung als Teil der Familie. Chancen, Herausforderungen und Veränderungen für Mütter, Väter und Geschwister, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308879