Tokyo Saiban. Das Tribunal von Tokyo und die fehlende Anklage des Kaisers Hirohito


Hausarbeit, 2015

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der TōkyōSaiban (東京裁判) - Das Tribunal von Tokyo

3. Die Rolle des Kaiser Hirohito im TōkyōSaiban

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[...] There has been no more important criminal trail in all history“.

Mit diesen Worten eröffnete der australische Richter William F. Webb den Kriegs- verbrecherprozess in Tokyo (Osten, Philipp: Der Tokioter Kriegsverbrecherprozeß, S.28, Zitat nach: Pritchard, Bd. 2, The Proceedings of Tribunal in Open Session, S.21.). Die Aussage des Richters unterstreicht den oft gezogenen Vergleich zum deutschen Hauptkriegsverbrecher- prozess in Nürnberg, der besonders im völkerrechtlichen Rahmen national- sowie international für enorme Aufmerksamkeit sorgte (Vgl. Osten: S. 15.). In der For- schungsliteratur hingegen zeigt sich ein anderes Bild: Durch die fehlende Anklage des damaligen Kaisers Hirohito fehlte dem Prozess nicht nur „ein guter Teil an Glaubwürdigkeit“ (Pohl, Manfred: Geschichte Japans. S. 76.), sondern auch die Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kriegsgeschichte (Zöllner, Reinhard: Geschichte Japans, S. 387.).

Die Frage, welche Beweggründe zu der fehlenden völkerrechtlichen Anklage des Kaisers Hirohito während des TōkyōSaiban führten, sollen im Nachfolgenden dargestellt und diskutiert werden. Bevor jedoch auf die Argumentation der ausgebliebenen Anklage einge- gangen werden kann, wird der Begriff des TōkyōSaiban definiert.1 (Im Folgetext wird die Stadt Tokyo, ausgenommen vom Fachbegriff TōkyōSaiban, in der japanischen Schreibweise ohne Makron geschrieben).

2. Der Tōkyō Saiban (東京裁判 ) - Das Tribunal von Tokyo

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine fast sieben Jahre andauernde Besatzung Japans durch die Amerikaner statt. Seit 1945 stand der Inselstaat unter der Aufsicht des Supreme Commander for the Allied Powers (SCAP), welcher sich zum einen die Entmilitarisierung, den Wiederaufbau, aber auch die Demokratisierung zum Ziel gesetzt hatte (Vgl. Gordon: A Modern History of Japan, S. 229). Die Kriegsverbrecherprozesse sollten einen Teil zu dieser Entwicklung beitragen. In diese Gerichtsverfahren sollten nicht nur die Personen ermittelt werden, welche für den Krieg und den damit verbundenen Verlusten verantwortlich waren, sondern es sollte bereits mit der Aufarbeitung der Kriegsgeschichte begonnen werden. (Judith Stalpers: Das moderne Japan, S.141).

Der TōkyōSaiban, der in der deutschen Literatur oft als „Kriegsverbrechertribunal von Tokio“ oder „Tokioter Prozess“ bezeichnet wird, fand vom 3. Mai 1946 bis 12. November 1948 im Auditorium Maximum der ehemaligen „Kaiserlichen Offiziersschule im Stadtteil Ichigaya in Tokyo statt (Osten: S. 27 / Gordon: S. 230). In der japanischen Hauptstadt waren während des „Internationalen Militärtribunals des Fernen Ostens“ (IMTFE), so die offizielle deutsche Bezeichnung für diesen Gerichtsprozess, elf Nationen beteiligt (Vgl. Seraphim, Franziska: Kriegsverbrecherprozesse in Asien. S. 77). Obwohl in der allgemeinen historischen Dar- stellung oft von einer Kategorisierung der Angeklagten in die „Klassen“ A, B und C ge- sprochen wird, so ist unter dem eigentlichen Tokyoter Prozess lediglich die Anklage der 28 sogenannten „A-Klasse-Kriegsverbrecher“, denen „Verbrechen gegen den Frieden“ vorge- worfen wurde, zu verstehen (Osten: S. 20f., S. 30). Die besagte Unterteilung wurde im Londoner Abkommen der Alliierten vom August 1945 übernommen und zählte dabei die „politisch-militärische Führungsriege Japans“ als Hauptkriegsverbrecher, die im TōkyōSaiban verurteilt werden sollten. Die Angeklagten der Kategorien B und C andererseits wurden vor konventionelle, teilweise regionale Militärgerichte geführt und wegen „herkömm- licher Kriegsverbrechen“, wie zum Beispiel Mord oder Misshandlungen von Kriegsge- fangenen, angeklagt (Seraphim: S. 77 / Osten: S. 22).

Bereits nach der Kapitulation am 15. August 1945 wurden auf Befehl von General Dougles A. MacArthur, amerikanischer Oberbefehlshabers und Statthalters in Japan, die vermuteten Hauptkriegsverbrecher inhaftiert. Bis zum 6. Dezember 1945 wurden im Zuge dieses bevorstehenden Prozesses über 100 Menschen verhaftet (Osten: S. 20). Der General Tōjō Hideki war einer der Ersten aus diesem Personenkreis (Gordon: S. 230, In dieser Arbeit werden japanische Namen wie im Japanischen üblich wie folgt geschrieben: Nachname Vorname ohne Komma).

Die Urteilsverkündung des Tribunals von Tokyo begann am 4. November 1948 mit der Verlesung des Urteilstextes, wofür der bereits zitierte Vorsitzende Richter Webb neun Tage benötigte. Die Verurteilungen stellten sich als erschwert dar. Von den zu Beginn der Ver- handlung 28 Angeklagten musste bei einer Person wegen einer Geisteserkrankung vom Schuldspruch abgesehen werden und zwei weitere Angeklagte verstarben während des laufenden Prozesses. Die 25 verbliebenen mutmaßlichen Kriegsverbrecher wurden alle für schuldig erklärt: Sieben Angeklagte, darunter auch der General Tōjō Hideki, wurden zum Tode verurteilt, gegen 16 Personen wurde eine lebenslange Haftstrafe, gegen einen Ange- klagten eine 20-jährige Haftstrafe und gegen einen weiteren sieben Jahren Gefängnis-strafe, verhängt. Die Verkündung der Strafen am 12. November 1948 datiert somit auch das offizielle Ende des Tokyo Tribunals (Pohl: S. 76 / Osten: S. 30).

Bereits kurz nach der Eröffnung des TōkyōSaiban entließ das SCAP aus besatzungs- politischen Gründen den Kaiser, die Angehörigen seiner Familie, sowie einige Industrielle, die ebenfalls an den Kriegshandlungen beteiligt gewesen sein sollen (Osten: S. 21). Nicht nur in Japan selbst, sondern auch im Ausland stieß der Fakt, dass der Kaiser Hirohito auf Befehl des SCAP nicht vor Gericht gestellt wurde, auf enorme Kritik. Grund dafür war die Tatsache, dass alle kriegerischen Handlungen im Namen des Tennos ausgeführt worden waren. Diese fehlende Anklage wird zum Teil bis heute als die „Ursache für Japans unvollkommene und halbherzige Vergangenheitsbewältigung“ gesehen (Stalpers: S. 141).

Im Nachfolgenden sollen die Argumente für das Agieren der amerikanischen Besatzer dargestellt und diskutiert werden.

3. Die Rolle des Kaiser Hirohito im Tōkyō Saiban

Die 28 Personen der „Kategorie A“, die im Militärtribunal angeklagt wurden, waren mehr- heitlich Mitglieder der militärischen Führung Japans. Zwar wurden auch Politiker, Diplo- maten und andere hohe Staatsbeamte vor Gericht geführt, jedoch galt die Aufmerksam-keit im TōkyōSaiban der militärischen Riege des japanischen Staates. Ziel dieses Prozesses war es schließlich unter anderem „repräsentative“ Angeklagte, das heißt „alle staatlichen und mili- tärischen Führungsgremien“, vor das Gericht zu führen. Weiterhin wurde angestrebt, aus den jeweiligen politischen und militärischen Bereichen als „[...] Hauptverantwortliche anzu- sehende Personen auszuwählen.“ (Osten: S. 34f.) Trotz dieses eindeutigen Vorhabens wurde das Oberhaupt des Staates, der Kaiser Hirohito, welcher laut Verfassung der Oberbefehls- habers der japanischen Armee und somit Hauptverantwortlicher war, nicht angeklagt. Auch auf japanischer Seite gab es viele Stimmen, die eine Abdankung des Kaisers forderten, dennoch gab es keinen ernsten Versuch, Hirohito zur Verantwortung zu ziehen. Dieser Umstand bildete nicht nur in der Rechtswissenschaft, sondern auch in der in-, und aus-länd- ischen Öffentlichkeit einen „zentralen Diskussionsgegenstand“ (Seraphim: S. 82 / Osten: S. 105).

Die Entscheidung, den Tenno von einer Anklage zu verschonen, wurde in mehreren Schritten umgesetzt. Ausgangspunkt war die Immunität des Kaisers, welche von der japanischen Seite bereits in den letzten Kriegstagen, vor Strafverfolgung zur Bedingung für die bevorstehende Kapitulation, ausgesprochen wurde. Diese Bedingung lehnte die amerikanische Regierung jedoch ab.

[...]

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Details

Titel
Tokyo Saiban. Das Tribunal von Tokyo und die fehlende Anklage des Kaisers Hirohito
Hochschule
Universität Leipzig  (Japanologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V308918
ISBN (eBook)
9783668075184
ISBN (Buch)
9783668075191
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tokio, Tribunal, Kaiser, kaiser hirohito, tokio saiban
Arbeit zitieren
Anne-Katrin Frenzel (Autor), 2015, Tokyo Saiban. Das Tribunal von Tokyo und die fehlende Anklage des Kaisers Hirohito, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308918

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