Amt und Verstand. Konzepte von Souveränität und Inkompetenz bei Politikern von den Tudors bis heute


Seminararbeit, 2012

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Titelblatt

1. Welche Unterschiede im Verständnis von Souveränität lassen sich den beiden Abbildungen entnehmen?.

2. Welche unterschiedlichen Ansprüche an die Kompetenz ( den „Ver-stand“ ) des Souveräns sind damit verbunden?

3. Ist „souveräne“ Inkompetenz heute noch kompensierbar? Wenn ja, wann und wie? Wenn nein, warum nicht?...

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Welche Unterschiede im Verständnis von Souveränität lassen sich den beiden Abbildungen l entnehmen?

Bei den vorliegenden Abbildungen handelt es sich zum einem um das Titelbild von Ernst H. Kantorowicz` Buch „Die zwei Körper des Königs“ und zum anderen um den „Leviathan“ von Thomas Hobbes. Um das Verständnis von Souveränität besser deuten zu können, ist es zunächst notwendig beide Abbildungen genauer zu betrachten1:

Im Mittelpunkt des Covers von „Die zwei Körper des Königs“ ist ein Mensch zu sehen, welcher einerseits von oben durch eine Art „göttliche“ Hand gekrönt und andererseits von unten getragen wird (Siehe Anhang Abb.1). Der besagte Mensch sitzt „in einer Mandorla erhoben“ auf einem Thron, hält einen Reichsapfel in der rechten Hand und wird von einer Frau nach oben gehoben.2 Links und rechts neben dem Gekrönten befinden sich zwei weitere Personen, die eine dienliche Haltung annehmen. Der sich in der Mitte des Bildes befindliche Mann wird von einigen symbolhaften Tieren und einem Engel „verschleiert“. Zwischen dem Kopf und dem restlichen Körper des hier dargestellten Monarchen wird, wie eben angedeutet, ein Schleier getragen. Dieser steht für die Trennung zwischen der geistigen und der natürlichen Welt. Diese geistige Welt wird unter anderem durch die Hand Gottes symbolisiert, welche dem Thronenden die Souveränität verleiht. Durch die göttliche Krönung empfängt dieser Mensch nicht nur die Macht durch Gott, sondern erhält durch die entgegengenommenen Insignien auch die Position des Stellvertreter Gottes auf der Welt. Erst durch das Segnen Gottes, die Salbung und die Übergabe der Insignien wird aus dem Erdenbürger ein souveräner Herrscher.3 Auf Grund der Begebenheit, dass der Mensch im Mittelpunkt des Bildes die Krone erhält, entsteht der sogenannte zweite Körper des obersten Amtsträgers. Bei diesem 2. Körper handelt es sich allerdings um eine Fiktion, auf welche in der zweiten Frage vermehrt eingegangen werden soll. Weiterhin ist oberhalb des Schleiers auch ein Engel zu sehen, welcher nur in der geistigen Welt existiert. Die natürliche Welt wird sowohl durch eine Frau - „Mutter Erde“ - dargestellt, welche den Monarchen „auf Händen“ trägt und somit dessen Souveränität auf der Erde thront, als auch von den verbeugenden Dienern des Königs. Mensch und Natur dienen somit als Träger der königlichen Existenz. Der Schleier, der den Kopf vom Körper des Souveräns trennt spielt dabei eine besondere Rolle: Er trennt diese unterschiedlichen Welten, da die Untertanen die geistige Welt nicht wahrnehmen sollen. Der Monarch existiert in beiden Bereichen der Welt, jedoch sollen die Menschen auf der Erde diesen „zweiten Körper“ - das Besondere des Königs -nicht wahrnehmen. Der Kopf benötigt den Körper nur, damit dieser existieren beziehungsweise regieren kann, ansonsten ist dieser nicht notwendig. Das ist auch der Grund, weshalb der Kopf von Volk getrennt und nicht sichtbar erscheint. Der Kopf verkörpert in diesem Sinn das Königtum: Die Unsterblichkeit und Unfehlbarkeit des Monarchen ist stetig gegeben, da er die Souveränität durch Gott erhalten hat und der Kopf für das allgemeine Volk nicht angreifbar ist.

Bei dem Titel des Leviathan zeichnet sich dagegen ein ganz andere Bild ab. Der Aufbau der Abbildung stellt sich bereits differenziert dar: Es wird eine Landschaft dargestellt, die vom Oberkörper eines bis zum Himmel sich erstreckenden Giganten überragt wird (Siehe Anhang Abb.2). Dieser übergroße Mensch trägt eine Krone, in der rechten Hand hält er ein Schwert und in der linken umfasst er einen Bischofsstab. Über dem Kopf des Riesen, am Bildrand, steht ein Vers aus dem Buch Hiob: „Non est potestas Super Terram quae Comparetur ei“, was mit „Keine Macht ist auf Erden, die ihm zu vergleichen ist“, übersetzt werden kann und bereits auf die Macht des Souveräns hinweist.4

Der hier abgebildete Kronträger wird nicht wie bei Kantorowicz` mit einem Schleier von seinen Untertanen abgegrenzt, sondern ist aus vielen kleinen Menschen zusammengesetzt. Da kein Schleier existiert und somit keine göttliche Abgrenzung des Souveräns mehr erfolgt, kann in diesem Fall nur ein geringer göttlicher Bezug hergestellt werden. Zwar wird durch den Bischofsstab ein kirchlicher Bezug hergestellt, jedoch stellt dieser keine Legitimationsgrundlage dar. Es existiert folglich auch keine vertragsähnliche Verbindung mit Gott, wie es bei „Die zwei Körper des Königs“ der Fall war.5

Der König basiert bei Hobbes auf dem Volk, welches durch die bereits erwähnten vielen kleinen Personen gegeben ist und welche die Substanz seiner Existenz bilden. Diese Art der Souveränität wird bei Thomas Hobbes als Gesellschaftsvertrag bezeichnet. Dies bedeutet, dass der Wille alle Untertanen in einer Person, dem Souverän, verkörpert wird. Die Menschen schließen also untereinander einen Vertrag ab, dass sie sich einem Dritten unterwerfen. Das Volk ist daher der Bezugspunkt für die Herrschaft und ein festes Element dieser. Dies wird deutlich, in dem der Kopf und der Körper beim Leviathan nicht von einander getrennt sind, sondern eine Einheit bilden, in denen beide Positionen als gleichberechtigt gelten. Die Bürger haben bei Hobbes daher zum einen eine natürlich Existenz, und zum anderen stellen sie als Machthaber ein Teil der Herrschaft dar. Der

Mensch entmachtet sich in diesem Fall selbst und gibt seine Macht an eine für ihn unabhängige Instanz ab.6 In diesem Zusammenspiel ist nicht nur das Volk unabkömmlich, sondern auch der Monarch als denkendes und handelndes Element. Doch es muss beachtet werden, dass diese Souveränität nur durch das Volk kommen kann beziehungsweise durch das Volk verliehen wird und sie ohne dieses nicht existieren könnte. Obwohl der Souverän auf der Abbildung bis in den Himmel ragt, so bleibt seine Basis dennoch das Volk. Denn „sein Körper besteht nicht aus der Asche seines Vorgängers, sondern aus der Gemeinschaft“ der Bürger und sein Haupt wird nicht von Gott gesegnet, sondern durch die „Vernunft der Civitas“ erhoben.7

2. Welche unterschiedliche Ansprüche an die Kompetenz (den „ Verstand “ ) des Souveräns sind damit verbunden?

Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei der Abbildung von Kantorowicz` um eine Teilung zwischen dem Körper und dem Kopf des Herrschers. Der Titel des Buches lautet nicht grundlos „Die zwei Körper des Königs“, denn der abgebildete Souverän stellt die „Zweikörper-Theorie“ dar. Der Begriff „The King´s Two Bodies“ war Teil des Rechtssatzes englischer Juristen der Tudor-Zeit und wird zum Leitbegriff „für die dualistisch verstandene Einheit des Königtums“ die zu den >zwei Körpern des Königs< gleichsam und zur körperlosen Herrschaft führt.“ Dieser Ausdruck beinhaltet den Zusammenhang zwischen der inneren Einheit von Theologie und Politik für die mittelalterliche Epoche. Kantorowicz versteht darunter die Bedingungen, „unter denen das mittelalterliche Königtum im Sinne der Zeit zu verstehen ist.“8

Die Zweikörper-Theorie besagt, dass der Monarch 2 Körper besitzt: Den natürlichen, sterblichen (natural body) und den politischen, unsterblichen Körper (political body). Der erste, sterbliche Körper ist im Gegensatz zum politischen Körper greif- und sichtbar; jeder Mensch besitzt diesen vergänglichen, natürlichen Körper, welcher an Krankheit und Alter gebunden ist. Jedoch spielt dieser für die Legitimität des Königs keinerlei Rolle. Der zweite Corpus des Souveräns ist dagegen frei von jeglicher Krankheit und altert nicht. Er besteht nur aus politischen und regierenden Elementen und kann sich jeder Kritik entledigen. Der König, als politischer Körper, darf daher theoretisch alles tun was er möchte, da er immer durch den zweiten Körper abgedeckt ist, denn: ´the king can do not wrong`. Im rechtlichen Sinne konnte dies natürlich zu Problemen führen, da „der göttliche Inhaber einer vakanten Stelle […] nicht vorgeladen, verantwortlich gemacht oder bestraft werden“ konnte.9

Dies konnte natürlich durch den Monarchen ausgenutzt werden, wie es bei König Ubu der Fall war: In der Tragödie von Alfred Jarry krönte sich der König Ubu nicht nur selbst, sondern befolgte nach der gewaltsamen Thronbesteigung keinerlei Regeln oder Gesetzte. Er konnte trotz seines Egoismus nicht angeklagt werden, da der politische Körper des Souveräns, wie bereits erklärt, unfehlbar ist. Jedoch nahm bei König Ubu der Glaube an den zweiten Körper im Laufe der Handlung immer mehr ab, da dieser nur auf sein eigenes Wohl aus war und sowohl das Volk, als auch der Regierungsapparat unter ihm leiden mussten. Doch die Macht, die König Ubu ausführte, hatte nichts mehr mit Verstand oder Fähigkeiten zu tun. Sie könnte daher als extreme Form der Machtausübung, der Gewaltherrschaft, bezeichnet werden.10

Der unsterbliche Körper befindet sich nicht außerhalb des ersten, sterblichen. Der politische Körper ist also kein anderer Mensch, wird aber wie ein anderer, besonderer behandelt. Der zweite Körper ist nicht nur frei von jeglichen Fehlern, sondern kann sich auch dem Tode entziehen. Die Unsterblichkeit des Monarchen und der Begriff eines rex qui nunquam moritur, also eines Königs, welcher „nie stirbt“, entsteht vorwiegend durch das Agieren von drei Faktoren: „der Fortdauer der Dynastie, dem korporativen Charakter der Krone und der Unsterblichkeit der Königswürde“. Diese Elemente gingen fließend in den natürlichen Körper über: Die Beständigkeit des politischen Corpus, welcher durch den Kopf und die Glieder dargestellt wird, und die Unsterblichkeit des Königtums an sich, welches durch den Kopf allein symbolisiert wird.11 Das bedeutete in der Realität folgendes: Stirbt ein Staatsoberhaupt, so verschwindet nur sein natürliche körperliche Hülle. Der zweite, politische Körper - die Position des Souveräns - existiert weiter und wird durch einen anderen natürlichen Körper ersetzt. Der politische Körper stellt daher keine Norm dar, sondern eine reine Fiktion. Bei dieser Krone handelt es sich entweder um eine direkt von Gott gegebene Krone oder um eine durch das dynastische Erbrecht verliehene. Die Kompetenzen des Herrschers spielen folglich keine Rolle bei der Erhebung auf den Thron. Und ähnlich wie bei der Souveränität des Monarchen kann davon ausgegangen werden: „ Corona non moritur “ . 12

Doch welche Aufgaben musste der Monarch erfüllen, um sich als erfolgreicher Herrscher zu etablieren? Die ursprünglichen königlichen Aufgaben waren es, den Frieden und die Ordnung innerhalb der Gesellschaft zu wahren, die Sicherheit des Landes zu garantieren und für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen. Was geschieht jedoch, wenn der oberste Amtsträger nicht die nötigen Kompetenzen besitzt, diese besagten Aufgaben zu erfüllen?

Auf Grund der bereits erläuterten Tatsache, dass weder die Krone, noch das Königtum an sich stirbt, kann das Amt des Monarchen nicht angekratzt werden, denn eine Fiktion ist unantastbar. Der König ist somit frei von jeglicher Kritik und so stehen die erforderlichen Kompetenzen eher im Hintergrund der Herrschaft. Da die Ansprüche an die königlichen Kompetenzen so niedrig sind, könnte theoretisch jeder Mensch, egal ob Kind, Greiser oder psychisch Verwirrter, den Thron besteigen. Wichtig ist nur, dass der bestehende Staatsapparat ausreichend funktioniert.

Falls es jedoch zu dem Fall kommen sollte, dass an dem König gezweifelt wird, kann es zwar zu

[...]


1 In beiden Bildbeschreibungen, sowie in der folgenden 2.Frage wird bewusst die männliche Form der Begriffe (Herrscher/Souverän/oberster Amtsträger/Monarch verwendet, da auf beiden Abbildungen Menschen des männlichen Geschlechts zu sehen sind. Die Abbildungen befinden sich im Anhang.

2 Kantorowicz, Ernst H.: Die zwei Körper des Königs. „The King´s two Bodies“, Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, Princeton 1957, S.14f.

3 Vgl. Ebd.S.320ff.

4 Bredekamp, Horst: Thomas Hobbes. Der Leviathan. Das Urbild des modernen Staates und seine Gegenbilder 1651 - 2001, Berlin³ 2006.S.13.

5 Vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan. Leipzig 1978, S.151.

6 Es wird eine Entwicklung der verschiedenen Denkweisen deutlich: Vom mystischen Denken, in dem der Kopf den Körper nicht benötigt, über das biologische Denken, bei dem Kopf und Körper zusammengehören wird nun ein vertragliches Denken erreicht. Dieses Denken ist vom Bild des Körpers/Kopfes losgelöst.

7 Bredekamp: S. 116.

8 Kantorowicz: S.14.+ S.27. Die Zweikörper-Theorie entwickelte sich in England zur Zeit der Elisabethanischen Herrschaft.

9 Ebd. S. 317.

10 Vgl. Jarry, Alfred: König Ubu. Stuttgard 1996.

11 Kantorowicz:S.319.

12 Ebd.:S.388f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Amt und Verstand. Konzepte von Souveränität und Inkompetenz bei Politikern von den Tudors bis heute
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V308926
ISBN (eBook)
9783668072206
ISBN (Buch)
9783668072213
Dateigröße
2135 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verstand, konzepte, souveränität, inkompetenz, politikern, tudors
Arbeit zitieren
Anne-Katrin Frenzel (Autor), 2012, Amt und Verstand. Konzepte von Souveränität und Inkompetenz bei Politikern von den Tudors bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308926

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