In dieser Arbeit findet sich ein theoretisch-konzeptioneller Zugang zu dem weiten Felde, das sich zwischen den Fragen zum Verstehen des Anderen und dem Autismus ausbreitet.
Nach dem Verstehen des Anderen zu fragen, hat kein leichtes Beginnen. Denn so selbstverständlich wie wir diesen Vorgang nehmen und so unbewusst wie dieser Vorgang abzulaufen scheint, in dem wir zu unseren Mitmenschen und auch Mitgeschöpfen leben, so schwer ist er auf eine klare Weise bewusst zu machen und so verwickelt erscheint er und ist mitnichten selbstverständlich und einfach ab dem Moment, in dem das Gemenge der vorfindlichen Phänomene durchschaut, erkannt und erklärt werden soll.
Wir Menschen begegnen einander im soziokulturellen Lebensraum und wir machen an einander Erfahrungen, die unser soziales Interagieren bestimmen. Es kann deshalb danach gefragt werden, was wir dabei jeweilig genau von einander erfahren, auf welche Weise und in welchem Ausmaß wir uns in unserem Beieinander von einander eigentlich gewahr werden können. Nehmen wir hierbei an allen möglichen fremden mitmenschlichen Zuständen unseren eigenen, an der Sache hängenden Teil, oder liegen uns verschlossene und unzugängliche, verborgen bleibende Bereiche anbei, die uns die Grenzen der Erfahrung des Anderen aufzeigen?
In der hier vorgelegten Magisterarbeit wird ein philosophischer Erkundungsgang in einem interdisziplinären Sachverhalt zwischen dem Fachgebiet der Philosophie und dem der Psychologie vorgenommen. In dieser Ausgangslage liegt der Grund für die in dieser Arbeit verwendete Methodik. Philosophische und psychologische Sachverhalte und Argumente werden einmal jeweilig für sich entwickelt und dann in einer anschließenden Betrachtung auf einander bezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Verstehen des Anderen bei Wilhelm Dilthey
1.1. Sich Selbst, die Außenwelt, die andere Lebenseinheit
1.2. Verstehen als geisteswissenschaftliche Methode
1.3. Allgemeine Bedingungen des Verstehens anderer Menschen
1.4. Elementare und höhere Formen des Verstehen
1.4.1. Elementare Formen
1.4.2. Höhere Formen
2. Max Schelers Wahrnehmungstheorie des fremden Ich
2.1. Schelers Überlegungen zur Du-Evidenz
2.2. Nachfühlen, Nachleben, Mitgefühl
2.3. Schelers konzeptionelle und phänomenologische Kritik an Analogieschluss- und Einfühlungstheorie
2.3.1. Kritik an der Analogieschlusstheorie
2.3.2. Kritik an der Einfühlungstheorie
2.3.3. Phänomenologische Analyse der Ausgangsannahmen von Analogieschluss- und Einfühlungstheorie
2.4. Fremdwahrnehmung bei Scheler
2.5. Fremdverstehen bei Scheler
3. Was ist Autismus?
3.1. Historische und entwicklungspsychologische Data zum Autismus
3.2. Autismus und Verstehen des Anderen
3.3. Autismus und Intelligenz
4. Dilthey, Scheler und Autismus
4.1. Dilthey und Autismus
4.2. Scheler und Autismus
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die philosophischen Konzepte von Wilhelm Dilthey und Max Scheler zum Verstehen des Anderen auf die Autismus-Spektrum-Störung zu beziehen, um ein tieferes Verständnis für die sozialen Dysfunktionen autistischer Menschen zu entwickeln.
- Grundlagen des Fremdverstehens bei Wilhelm Dilthey
- Max Schelers phänomenologische Wahrnehmungstheorie des fremden Ich
- Kritische Analyse klassischer Ansätze wie der Analogieschluss- und Einfühlungstheorie
- Historische und entwicklungspsychologische Einordnung des Autismus
- Formalisierung von Teildefiziten bei Autismus durch das Instrumentarium der gewählten Philosophen
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Kritik an der Analogieschlusstheorie
Der Lehre, dass es Analogieschlüsse seien, mittels derer ein fremdes Ich zur Erfahrung kommt, stellt Scheler vier Argumente entgegen. Einmal seien Annahmen über eine intersubjektive Erfahrung auch bei Tieren, Säuglingen bzw. Kleinkindern, als auch Naturvölkern nachweisbar, für die komplizierte Analogieschlüsse, vergleichbar denen in den Naturwissenschaften, nicht plausibel angenommen werden könnten.
Dieses Argument scheint allerdings nicht wirklich konsistent zu sein, da das analoge Schließen, das nach der Analogieschlusslehre im intersubjektiven Bereich vollzogen wird, nicht notwendig als der komplexe Vorgang gedacht werden muss, wie er in den Naturwissenschaften geübt wird. Die Vorstellung, dass im intersubjektiven Bereich analog vom eigenen Ich auf den Anderen und seine seelischen Zustände geschlossen wird, kann auch als ein intuitives Schließen verstanden werden, dass zum Beispiel aus den konstitutionellen Grundbedingungen der menschlichen Kognition entspringen könnte.
Zweitens liegen, so Scheler, dem Vorgang, mittels Analogieschluss auf fremde Beseelung im Gegenüber schließen zu wollen, insofern nicht die richtigen Data vor, wenn von der Annahme ausgegangen werde, dass aufgrund des bewußtseinsmäßigen Wissens über die eigenen Ausdrucksbewegungen auf gleiche oder ähnlich erscheinende Zusammenhänge im Gegenüber via Analogie geschlossen werde. Wir kennen unsere eigenen Ausdrucksbewegungen, so stellt Scheler fest:
– soweit wir nicht an Spiegel denken und Ähnliches – doch nur in der Form von Bewegungsintentionen und Folgen von Bewegungs- und Lageempfindungen, während uns von anderen Wesen doch an erster Stelle nur die optischen Bilder dieser Bewegungen gegeben sind.
Es handelt sich nicht um dieselben Data, zwischen denen der Analogieschluss ausgeführt werden könnte. Somit werden Analogieschlüsse gerade erst dann ausgeführt, wenn die Erfahrung von fremder Beseelung bereits vollzogen worden sei und der Zweifel aufkomme, ob den sinnlichen Erscheinungen eine Bedeutung als Ausdruck von Beseelung entspreche.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Verstehen des Anderen bei Wilhelm Dilthey: Dilthey entwickelt eine hermeneutische Methode, die das Verstehen des Anderen als lebendigen Zusammenhang in der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt begreift.
2. Max Schelers Wahrnehmungstheorie des fremden Ich: Scheler kritisiert vermittelnde Theorien wie den Analogieschluss und postuliert eine unmittelbare phänomenologische Wahrnehmung des fremden Ich.
3. Was ist Autismus?: Dieser Abschnitt liefert eine Einführung in die Autismus-Spektrum-Störung, ihre historische Entwicklung und die zentralen autismusspezifischen Symptome.
4. Dilthey, Scheler und Autismus: Die zuvor erarbeiteten philosophischen Modelle werden hier genutzt, um die soziale Dysfunktion bei Autismus konzeptionell und ontologisch zu systematisieren.
Schlüsselwörter
Autismus, Verstehen des Anderen, Wilhelm Dilthey, Max Scheler, Phänomenologie, Geisteswissenschaften, Fremdwahrnehmung, Theory of Mind, soziale Kognition, zentrale Kohärenz, Einfühlung, Analogieschluss, Autismus-Spektrum-Störung, Erkenntnistheorie, Leibseele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht philosophische Konzepte zum Fremdverstehen und wendet diese auf das klinische Bild der Autismus-Spektrum-Störung an, um ein tieferes Verständnis für die dort auftretenden sozialen Schwierigkeiten zu gewinnen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Philosophie von Dilthey und Scheler, die phänomenologische Wahrnehmungstheorie, das Störungsbild Autismus sowie der interdisziplinäre Austausch zwischen Philosophie und Psychologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, zu prüfen, ob und wie philosophische Modelle zur Fremdwahrnehmung helfen können, die spezifischen sozialen Dysfunktionen bei autistischen Menschen systematischer zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine texthermeneutische Rekonstruktion philosophischer Positionen und verknüpft diese in einem interdisziplinären Ansatz mit psychologischen und neuropsychologischen Daten zum Autismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Rekonstruktion von Dilthey und Scheler, die Darstellung psychologischer Fakten zum Autismus und schließlich die theoretisch-konzeptionelle Synthese beider Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Autismus, Fremdverstehen, Phänomenologie, Theory of Mind, zentrale Kohärenz, Leiblichkeit und soziale Kognition.
Wie unterscheidet sich Schelers Ansatz von der Einfühlungstheorie?
Im Gegensatz zur Einfühlungstheorie, die einen vermittelnden Prozess annimmt, argumentiert Scheler für eine unmittelbare phänomenologische Wahrnehmung des fremden Ich, die keiner bloßen psychologischen Projektion bedarf.
Welchen Beitrag leisten Diltheys "elementare und höhere Formen" zum Autismus-Verständnis?
Diese Kategorisierung hilft dabei, komplexe soziale Defizite bei Autisten in solche zu unterteilen, die kognitive Routineleistungen betreffen, und solche, bei denen affektive, ganzheitliche Erfassungsweisen gestört sind.
- Quote paper
- André Kühn (Author), 2015, Autismus und das Verstehen des Anderen. Theoretisch-konzeptionelle Betrachtungen zum Autismus im Anschluss an W. Dilthey und M. Scheler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309266