Kommerzialisierung im Volunteer-Tourismus. Die Rolle und Umsetzung von Qualitätsstandards


Bachelorarbeit, 2015
76 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

ABSTRACT

This thesis deals with the current commercialization of volunteer tourism and the role and realization of quality standards facing the growing criticism regarding short-term and flexible forms of volunteering abroad. The goal is to analyze existing concepts of quality assurance in volunteer tourism, to identify essential criteria for good practice and to examine their fulfillment within the practices of German tour operators. The literature based information was expanded by qualitative expert interviews in order to gain a better understanding of the volunteer tourism market in Germany. The offer analysis of 14 identified tour operators points out that there are distinctions between certain providers. Generally, there is a demand for optimization in the scope of the selection process of suitable volunteers, the offer of pre-departure preparation and further educational components that could have a significant influence on the quality and success of volunteer programs. Furthermore it shows the lack of transparency relative to the allocation of funding, involvement of local partners and measures taken to protect children and vulnerable persons. However, these findings demonstrate that there are first steps and arrangements taken by a small amount of providers which show possible methods to ensure a better quality even within commercial volunteer tourism. In order to enforce an improvement and a more responsible management by German providers further steps need to be taken such as the definition of measurable quality standards and their assurance by external verification that also applies for the German market. Additionally, there should be awareness-raising measures provided by educational institutions and independent review portals that sensitize the main target group: young adults and students that have the power to enforce the fulfillment of such standards through responsible consumer choice.

Keywords: Volunteer Tourism, Voluntourism, Gap Year, Alternative Tourism, Quality Assurance

INHALTSVERZEICHNIS

ABSTRACT ...II

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS ...VI

ABBILDUNGSVERZEICHNIS ...VII

TABELLENVERZEICHNIS ...VIII

1 EINLEITUNG ...1
1.1 Problemdarstellung und Zielsetzung ...1
1.2 Aufbau der Arbeit und methodische Vorgehensweisen ...2
1.2.1 Qualitative Expertenbefragung ...3
1.2.2 Empirische Angebotsanalyse ...5

2 VOLUNTEER-TOURISMUS – ALLGEMEINE GRUNDLAGEN .. 6
2.1 Definition Volunteer-Tourismus ...6
2.2 Exkurs: Herkunft und Ursprung des Volunteer-Tourismus ...8
2.3 Touristifizierung und Kommerzialisierung des Volunteer-Tourismus ...9
2.3.1 Trendentwicklung und Veränderungen der Nachfrage ...9
2.3.2 Die Diversifizierung der Anbieter im Volunteer-Tourismus ...11
2.3.3 Einordnung des Volunteer-Tourismus in den Tourismusmarkt ...14

3 QUALITÄT IM VOLUNTEER-TOURISMUS ...15
3.1 Motivationen und Chancen aus Sicht der Volontäre und Gastgeber ...16
3.1.1 Motivationen und Chancen aus Sicht der Volontäre ...16
3.1.2 Motivationen und Chancen aus Sicht der Gastgeber ...17
3.2 Potenzielle Risiken und negative Auswirkungen im Volunteer-Tourismus ...18

4 QUALITÄTSSICHERUNG IM VOLUNTEER-TOURISMUS ...22
4.1 Instrumente der Qualitätssicherung im Volunteer-Tourismus ...23
4.1.1 Awards ...23
4.1.2 Codes of Conduct und Mitgliedsverbände ...24
4.2 Vergleich zweier Qualitätsansätze im Volunteer-Tourismus ...25
4.2.1 Comhlámh – Core Indicators Award ...26
4.2.2 The International Volunteer Programs Association – Principles and Practices ...28
4.2.3 Analyse und Vergleich der beiden Ansätze ...30

5 QUALITÄTSSTANDARDS BEI DEUTSCHEN REISEVERANSTALTERN – EMPIRISCHE ÜBERPRÜFUNG AUSGEWÄHLTER KRITERIEN ...35
5.1 Aufbau und Durchführung der Angebotsanalyse ...35
5.2 Vorstellung der ausgewählten deutschen Reiseveranstalter im Volunteer-Tourismus ...36
5.3 Umsetzung von Qualitätsstandards bei ausgewählten Reiseveranstaltern ...39
5.3.1 Qualitätsstandard 1: Einbindung der lokalen Partner ...40
5.3.2 Qualitätsstandard 2: Transparente Auswahlverfahren ...42
5.3.3 Qualitätsstandard 3: Finanzielle Transparenz ...43
5.3.4 Qualitätsstandard 4: Transparenz Volunteer-Einsatz ...44
5.3.5 Qualitätsstandard 5: Vorbereitungs- und Einführungstraining ...45
5.3.6 Qualitätsstandard 6: Umfassende Supportleistungen vor Ort ...46
5.3.7 Qualitätsstandard 7: Sicherheitsmaßnahmen in sozialen Projekten ...47
5.3.8 Qualitätsstandard 8: Nachbesprechung und Feedbackrunden ...48
5.3.9 Qualitätsstandard 9: Anerkennung des Einsatzes und Alumni Networking ...49
5.4 Ergebnisdiskussion und Zukunftsanforderungen ...49

6 FAZIT ...59

LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS ...61

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

AVSO - Association of Voluntary Service Organisation
CIA - Core Indicators Award
CoGP - Code of Good Practice
EO - Entsendeorganisation(en)
GB - Großbritannien
ISO - International Standard Organisation
IVPA - International Volunteering Program Association
NGO - Non-government Organisation
NPO - Non-profit Organisation
RGV - Rainbow Garden Village
RV -Reiseveranstalter
TIES - The International Ecotourism Society
TRAM - Tourism Research and Marketing
USA - United States of America
USPC - United States Peace Corps

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Projektbereiche im Volunteer-Tourismus ...12
Abbildung 2: Volunteer-Tourismus auf dem Tourismusmarkt ...14
Abbildung 3: Comhlámh Logo ...26
Abbildung 4: Vergabeprozess des CIA ...27
Abbildung 5: IVPA Logo ...28
Abbildung 6: Segmentierung der ausgewählten Reiseveranstalter ...37
Abbildung 7: Angebotene Destinationen für Volunteer-Tourismus ...38
Abbildung 8: Inanspruchnahme von Zertifizierungen oder Mitgliedsverbänden ...39
Abbildung 9: Kooperationen mit lokalen Partnern ...40
Abbildung 10: Anforderungen von Bewerbungsunterlagen ...42
Abbildung 11: Finanzielle Transparenz ...43
Abbildung 12: Transparenz Volunteer-Einsatz ...44
Abbildung 13: Einführung im Zielgebiet ...46

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Übersicht über befragte Experten ...4

Anmerkung:

Zur besseren Lesbarkeit der vorliegenden Arbeit wird bewusst darauf verzichtet, sowohl die weibliche als auch die männliche Form der Substantive und Adjektive zu verwenden. Selbstverständlich sind alle Menschen jeden Geschlechts gleicher-maßen gemeint.

1 EINLEITUNG

Auslandsaufenthalte machen sich auch heute noch gut im Lebenslauf. Noch besser aber, wenn auch noch was Soziales dabei ist. Nur Engagement kostet eben Zeit. Wie soll man das schaffen, wenn schon Abi und Studium Turbo sein müssen? Eine neue Branche bietet genau dafür jetzt das Rundumpaket: Ehrenamt im Schnelldurchgang.[1]

Die Rede ist vom Volunteer-Tourismus. Im aufgeführten Zitat genauer gesagt von flexiblen und kurzzeitigen Volunteer-Tourismus-Angeboten, bei denen insbesondere in Entwicklungsländern, Freiwilligeneinsätze von jungen Touristen in sozialen und ökologischen Projekten durchgeführt werden. Dieses Reisekonzept kommt jenen Nachfragern entgegen, welche ihrem Urlaub einen tieferen Sinn geben und durch die aktive Mitarbeit vor Ort ein Eintauchen in die lokalen Kulturen erleben möchten. „Gefragt sind pragmatische, unideologische Angebote, verbunden mit der Möglichkeit, sich zu erholen - orientiert am unverkrampften Volunteering, wie es in der amerikanischen und britischen Gesellschaft Tradition hat.“[2] Dieser Trend scheint heute auch in Deutschland angekommen zu sein: "Es ist 'in' und 'cool', etwas Gutes zu tun"[3], was dazu führt, dass auch hierzulande immer mehr kommerziell[4] ausgerichtete Tourismusunternehmen diese wohltätige Form des Reisens in ihr Angebotsspektrum aufnehmen[5] und das Angebot von Non-profit (NPOs) und Non-governmental Organisationen (NGOs)[6] im Bereich der internationalen Freiwilligenarbeit ergänzen.[7] Mit rund 1,6 Millionen[8] Volunteer-Touristen pro Jahr gilt der Volunteer-Tourismus als „the fastest growing sector of the travel industry.“[9]

1.1 Problemdarstellung und Zielsetzung

Während der Fokus der Volunteer-Tourismus-Forschung (welche vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum stammt) lange Zeit insbesondere auf den Chancen dieser Reiseform[10] und den Motiven der Volunteer-Touristen lag[11], werden heute zunehmend die Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit dieses Konzeptes in Frage gestellt und potenzielle Risiken thematisiert. Insbesondere Guttentag ist hier als führender Autor zu nennen, der die Problematik und die Risiken des Volunteer-Tourismus erstmals ausführlich und konkret thematisierte.[12] Viele weitere Autoren und Medien haben sich in den vergangenen Jahren Guttentags kritischer Sichtweise angenommen und hinterfragen die Qualität von Volunteer-Tourismus-Programmen und den tatsächlichen Nutzen auf Seiten der lokalen Bevölkerungen zunehmend.[13] In diesem Zuge wird die Notwendigkeit von und der Bedarf nach Qualitätsstandards und deren Sicherung und die damit zusammenhängende Verantwortung von Entsendeorganisation(en) (EO) immer deutlicher.[14] Hierbei wurde bereits in vereinzelten Werken auf das Aufkommen von ersten sektorspezifischen Mitgliedsverbänden, Kriterienkatalogen und Qualitätsstandards hingewiesen, die aber nicht weitergehend untersucht worden sind.[15]

Die vorliegende Arbeit soll an diesem Punkt anknüpfen und befasst sich neben der aktuellen Kommerzialisierung und den damit einhergehenden Veränderungen im Volunteer-Tourismus, insbesondere mit der Bedeutung von Qualität und möglichen Instrumenten der Qualitätssicherung. Hierfür wird untersucht, welche sektorspezifischen Ansätze zur Qualitätssicherung sich bis heute entwickelt haben und inwieweit die gesetzten Kriterien von ausgewählten deutschen Reiseveranstalter(n) (RV) befolgt werden können. Es werden neben der Hauptforschungsfrage „Inwieweit spielen Qualitätsstandards in der Kommerzialisierung des Volunteer-Tourismus eine Rolle und können diese von ausgewählten deutschen RV umgesetzt werden?“, folgende Forschungsfragen beantwortet:

- Wie veränderte sich der Volunteer-Tourismus in den vergangenen Jahren?

- Was macht Qualität im Volunteer-Tourismus aus und warum ist sie wichtig?

- Gibt es erste Ansätze bezüglich Qualitätsstandards oder Qualitätssicherung? Wie sind diese aufgebaut und inwieweit unterscheiden sie sich?

- Inwieweit erfolgt eine Umsetzung einzelner Qualitätsstandards und -kriterien bei ausgewählten RV?

1.2 Aufbau der Arbeit und methodische Vorgehensweisen

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird die theoretische Grundlage geschaffen. Hier werden wesentliche Definitionen der Termini Volunteering, Tourismus und Volunteer-Tourismus festgelegt. Außerdem werden im nächsten Schritt die Entstehung und die Hintergründe des Volunteer-Tourismus aufgezeigt, um anschließend die aktuellen Veränderungen und den Trend zur Kommerzialisierung erläutern zu können. An dieser Stelle werden die wichtigsten Akteure im Volunteer-Tourismus und ihre jeweiligen Aufgaben vorgestellt. Im zweiten Teil erfolgt die Thematisierung von Qualität im Volunteer-Tourismus. Hier soll zunächst geklärt werden, was Qualität im Volunteer-Tourismus genau bedeutet und welche Relevanz sie für die beteiligten Akteure hat. Hierzu werden die Motivationen und Chancen aus Sicht der einzelnen Zielgruppen erläutert und mögliche Risiken und negative Auswirkungen im Volunteer-Tourismus aufgezeigt. Im darauffolgenden Abschnitt folgt eine Übersicht über Ansätze, die in den vergangenen Jahren zur Qualitätssicherung im Volunteer-Tourismus entwickelt worden sind und sich auf die Anbieter von Volunteer-Tourismus-Programmen spezialisiert haben. Im Rahmen dieser Arbeit werden hierbei zwei ausgewählte Ansätze gegenübergestellt. Ziel ist es, diese sowohl auf inhaltliche als auch auf formale Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu untersuchen und wesentliche Kriterien für die Qualität im Volunteer-Tourismus zu identifizieren. Basierend auf den Ergebnissen werden abgeleitete Kriterien im darauffolgenden dritten Teil auf ihre Umsetzung bei ausgewählten deutschen RV durch eine empirische Angebotsanalyse untersucht. Im vierten und letzten Teil erfolgt ein Resümee. Es wird eine Zusammenfassung der Ergebnisse gegeben und diese im Hinblick auf die identifizierten Motivationen und Chancen diskutiert. Abschließend werden Handlungsempfehlungen für die Zukunft des Volunteer-Tourismus formuliert.

1.2.1 Qualitative Expertenbefragung

Die Inhalte der vorliegenden Arbeit werden durch eine qualitative Datenerhebung, in Form von Experteninterviews, unterstützt und ergänzt. Die Verfasserin hat sich für diese Ergänzung entschieden, da sich der Großteil der vorhandenen Literatur lediglich auf den weiter fortgeschrittenen Volunteer-Tourismus in den Ländern United States of America (USA), Großbritannien (GB) oder Australien bezieht. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, eine Einschätzung des deutschen Marktes durch Expertenmeinungen zu generieren. Hierfür werden teilstrukturierte Leitfadeninterviews entwickelt und verwendet.[16] Der Großteil der Fragestellungen ist bewusst offen und ohne festgelegte Antwortmöglichkeiten formuliert, sodass der Befragte möglichst frei und innerhalb seines eigenen Referenzsystems antworten kann, ohne dabei durch Antwortmöglichkeiten in eine bestimmte Richtung geleitet zu werden.[17] Im Gegensatz zu geschlossenen Fragen beweisen offene Fragen, dass gewisse Aspekte tatsächlich im Wissensbestand des Experten vorhanden sind.[18] Die Expertenmeinungen nehmen in der folgenden Arbeit eine Randstellung im Forschungsdesign ein, da die gewonnenen Informationen als unterstützende Quellen verwendet und eingesetzt werden.[19] Als Experten werden Personen gesehen, die „selbst Teil des Handlungsfeldes sind, das den Forschungsstand ausmacht“[20] und die „aufgrund von langjähriger Erfahrung über bereichsspezifisches Wissen/Können“[21] verfügen. Es werden hierbei insgesamt acht Interviews mit neun Experten aus den Bereichen des internationalen Freiwilligendienstes und der gewerblichen Volunteer-Tourismus-Industrie befragt, um so umfassende Meinungen und Ansichten aus den verschiedenen Teilbereichen des Volunteer-Tourismus erfahren zu können. „Die damit verknüpften Zuständigkeiten, Aufgaben, Tätigkeiten und die aus diesen gewonnenen exklusiven Erfahrungen und Wissensbestände sind die Gegenstände des Expertlnneninterviews.“[22]

Tabelle 1: Übersicht über befragte Experten

[Dies ist eine Leseprobe. Abbildungen und Tabellen sind nicht enthalten.]

Im ersten Teil des Leitfadeninterviews werden allgemeine Ziele von Volunteer-Reisen erfragt und wesentliche Veränderungen durch die Kommerzialisierung identifiziert. Auch die Einstellung gegenüber potenziellen Risiken wird hier beleuchtet, um einschätzen zu können, wie kritisch sich der jeweilige Experte mit der Thematik bereits befasst hat. Im zweiten Teil werden die Fragen auf die Qualität von Volunteer-Tourismus-Angeboten gelenkt. Es wird herausgefunden, wie sich Experten eine Umsetzung von Qualitätsansätzen im Volunteer-Tourismus vorstellen und ob bestehende Qualitätsansätze in Deutschland bereits bekannt sind. Darüber hinaus wird eine Einschätzung darüber gegeben, ob und unter welchen Voraussetzungen sich Ansätze dieser Art auch bei RV etablieren könnten. Im Anschluss folgt eine Tabelle, die verschiedene Qualitätskriterien aufführt, welche von den Experten nach Relevanz und möglicher Umsetzung eingeschätzt werden. Die Tabelle ist bewusst am Ende des Fragebogens platziert, damit die Experten nicht durch die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten beeinflusst werden. Es handelt sich also überwiegend um Fragen nach Einstelllungen und Überzeugungen. Die Interviews werden sowohl in schriftlicher Form als auch mündlich durchgeführt. Die mündlichen Gespräche werden nach Einwilligung der Beteiligten auf Tonband aufgezeichnet und anschließend transkribiert.[23]

1.2.2 Empirische Angebotsanalyse

Die empirische Angebotsanalyse umfasst zwei Teilbereiche der vorliegenden Arbeit: Qualitätsansätze im Volunteer-Tourismus und die Umsetzung konkreter Qualitätskriterien bei ausgewählten RV aus dem deutschsprachigen Raum. Im ersten Teilbereich gibt sie einen Überblick über vorhandene Ansätze zur Qualitätssicherung. Durch eine vergleichende Analyse werden hierbei zwei beispielhafte Ansätze untersucht und die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Die Ableitung einzelner Kriterien dient als Basis für die darauffolgende Analyse ausgewählter RV. Im zweiten Teilbereich erfasst die Angebotsanalyse den Status-Quo der genannten RV auf dem deutschen Volunteer-Tourismus-Markt. Hierbei wird untersucht, inwieweit diese den durch die Analyse der Qualitätssicherungsansätze herausgearbeiteten Kriterien gerecht werden können. Auf die genaue Vorgehensweise und Rahmenbedingungen der beiden Analysen wird in den Kapiteln 4 und 5 nochmals eingegangen.[24]

2 VOLUNTEER-TOURISMUS – ALLGEMEINE GRUNDLAGEN

Der Terminus Volunteer-Tourismus wird von dem englischen Begriff Volunteer Tourism abgeleitet und setzt sich aus den Termini Volunteering und Tourismus zusammen. Der englische Begriff Volunteering bezeichnet in der deutschen Übersetzung Freiwilligenarbeit, bürgerliches, ehrenamtliches oder soziales Engagement. Die Association of Voluntary Service Organisation (AVSO) definiert Volunteering als

(…) the practice of people working on behalf of the well-being of the society without expecting any financial gain or any other kind of benefits. Volunteering is an altruistic activity which aims to promote the goodness of the society and improve the human quality of life. [25]

Der Freiwillige leistet hierbei aus freiem Willen außerberufliche, unbezahlte und legale Arbeit außerhalb seiner eigenen Familie und verfolgt dabei das allgemeine Ziel, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzielen.[26] Die Tätigkeiten können hierbei jedoch unterschiedlich ausgelegt sein. Sie unterscheiden sich in Dauer, Zielgruppe der Hilfeleistungen (Menschen, Tiere, Pflanzen), der jeweiligen Beziehung zu dieser Zielgruppe und dem Organisationsgrad der Tätigkeit (im Verein oder eigenständig).[27] Der Begriff Tourismus hingegen umfasst nach der Definition der United Nations World Tourism Organisation (UNWTO) alle „Aktivitäten von Personen, die an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort zu Freizeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen Zwecken nicht länger als ein Jahr ohne Unterbrechung aufhalten.“[28] Bis heute konnte sich keine sinnvolle Übersetzung des Terminus Volunteer-Tourismus in die deutsche Sprache durchsetzen, da der einfache Begriff „internationale Freiwilligenarbeit“ der touristischen und freizeitorientierten Komponente nicht gerecht werden kann und „Freiwilligenarbeits-Tourismus“ sehr holprig klingt. Aus diesem Grund wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff Volunteer-Tourismus, als Mix aus beiden Sprachen, bevorzugt. Im nachfolgenden Kapitel wird durch eine theoretische Betrachtung des Volunteer-Tourismus erörtert, was sich hinter der Kombination aus den zuvor erläuterten Aktivitäten verbirgt und inwieweit sich dieses Phänomen in den letzten Jahren verändert hat.

2.1 Definition Volunteer-Tourismus

Die Anzahl an Definitionen, welche die Termini Volunteering und Tourismus konkret zusammenführt, ist sehr begrenzt.[29] Die wohl gängigste und am häufigsten verwendete Definition lieferte Wearing im Jahr 2001:

The generic term ´volunteer tourism´ applies to those tourist who, for various reasons, volunteer in an organized way to undertake holidays that might involve aiding or alleviating the material poverty of some groups in society, the restoration of certain environments or research into aspects of society or environment. [30]

Dabei handelt sich üblicherweise um Projekte in Entwicklungsländern.[31] Obwohl es sich hierbei um eine geläufige Definition handelt, lässt sie einige Fragen bezüglich Faktoren wie Organisationsgrad, Aufenthaltsdauer und Art der Hilfe offen.[32] Aus diesem Grund werden folgende Merkmale für den Volunteer-Tourismus festgelegt, die als Grundlage dieser Arbeit dienen sollen und so die Voraussetzung für eine lückenlosen Analyse, basierend auf klar definierten Charakteristika, darstellen. Einzelne Charakteristika werden im Verlauf dieser Arbeit noch näher erläutert.

- Freiwilligkeit und Aufwendung von Zeit: Der Volunteer-Tourist arbeitet freiwillig in den Projekten und befindet sich damit außerhalb der beruflichen Tätigkeit und der eigenen Familie (Kapitel 2).

- Touristischer Charakter: Der Volunteer-Tourist befindet sich dabei für länger als einen Tag und weniger als einem Jahr außerhalb seines gewohnten Aufenthaltsortes (Kapitel 2).

- Kostenfaktor: Der Volunteer-Tourist erhält keine Bezahlung für die geleistete Arbeit, sondern zahlt für die Reise und den involvierten Einsatz[33] (der Preis liegt hierbei oft deutlich über dem einer „normalen Reise“ in der gleichen Destination).[34]

- Organisierter Rahmen: Das Volunteer-Tourismus-Programm wird durch eine EO oder eine lokale NGO organisiert. (Kapitel 2.3.2).[35]

- Reziproker Nutzen: Allgemeines Ziel des Volunteer-Tourismus ist es, einen Nutzen sowohl auf Seiten der Touristen als auch auf Seiten der bereisten Gemeinschaft zu realisieren (Kapitel 3).[36]

2.2 Exkurs: Herkunft und Ursprung des Volunteer-Tourismus

Das Konzept des Volunteer-Tourismus ist kein neues Phänomen, welches sich erst in den letzten Jahren entwickelt hat, sondern vielmehr eine neue Form der internationalen Workcamps und der entwicklungspolitischen Freiwilligendienste:[37] Die Zerstörung und das Leid, welches der erste Weltkrieg hinterlassen hatte, beeinflusste das Denken der Gesellschaft maßgeblich und ebnete den Weg für die Entwicklung des modernen Volunteer-Tourismus. Pazifistische Werte und das Verlangen „[to] help the wounded[38] initiierten das Aufkommen von Workcamps in den 20er Jahren, die in der Nachkriegszeit zerstörte Dörfer durch international zusammengesetzte Gruppen beim Wiederaufbau unterstützen.[39] In den darauffolgenden Jahren entwickelten sich weitere dieser Arbeitslager, die kurzzeitige Freiwilligenarbeit (zwei bis vier Wochen)[40] in ausländischen Entwicklungs- und Wiederaufbauprojekte ermöglichten.[41] Mit den Jahren kam jedoch zunehmende Kritik bezüglich der Wirkung und der Qualität von Workcamps auf und führte zu einem allgemeinen Desinteresse. Fehlender Raum zur Selbstreflexion und zu wenige sichtbare Erfolge wurden bemängelt, sodass die Denkmuster grundlegend geändert werden mussten. Der Fokus lag seither auf dem interkulturellen Lernen und der Bewusstseinsbildung und löste das Ziel der internationalen Begegnung und die materielle Hilfe ab.[42] Workcamps galten von nun an als mögliche Bildungsreisen, die durch das Erleben der Lebensbedingungen von ärmeren Menschen im Süden zu einem stärkeren Problembewusstsein und Betroffenheit auf Seiten der Menschen aus dem Norden führen sollten.[43] Kurz nach dem Aufkommen der Workcamps entwickelten sich die ersten Formen des internationalen Freiwilligendienstes, die anders als die Workcamps auf langfristigere Projekteinsätze ausgerichtet waren. Als bekanntester Vorreiter gilt die US-amerikanische Organisation United States Peace Corps (USPC), die Freiwillige vorwiegend in Entwicklungsländer schickte. Sie wurde 1961 von John F. Kennedy ins Leben gerufen und verfolgte das Ziel, Freiwillige nach zweimonatiger Trainingszeit auf langfristiger Basis (zwei Jahre) in ausländische Hilfsprojekten zu entsenden.[44] Auch in Deutschland entstanden die ersten internationalen Freiwilligendienstangebote in den 50er und 60er Jahren. Hier waren es jedoch nur vereinzelt kleine kirchliche Organisationen, die Freiwillige zur Friedensarbeit ins Ausland entsendeten. Man kann sagen, dass es in Deutschland erst in den 90er Jahren durch den geregelten Europäischen Freiwilligendienst zu einer Erweiterung des internationalen Freiwilligendienstes kam. Große Aufmerksamkeit wird diesem und somit auch demVolunteering im Ausland in Deutschland insbesondere seit der Einführung des geregelten Freiwilligendienstes[45] „weltwärts“ unter der Federführungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Jahr 2008 geschenkt.[46]

2.3 Touristifizierung und Kommerzialisierung des Volunteer-Tourismus

Nachdem im vorherigen Kapitel der historische Ursprung des Volunteer-Tourismus thematisiert worden ist, wird im nächsten Abschnitt der „volunteer tourism rush“[47] des späten 20. Jahrhunderts erläutert. Hierfür wird zunächst geklärt, welche gesellschaftlichen Veränderungen für den Aufschwung des Volunteer-Tourismus ausschlaggebend waren und wie sich in diesem Zuge die Nachfrage- und insbesondere die Angebotsstrukturen bis hin zu einem gewinnbringenden Mainstream Nischensegment[48] der internationalen Tourismusindustrie verändert haben.

2.3.1 Trendentwicklung und Veränderungen der Nachfrage

Es lassen sich zwei wesentliche Antreiber für den Aufschwung des Volunteer-Tourismus identifizieren: Zum einen die zunehmende Bedeutung von sozialem und ehrenamtlichem Engagement und zum anderen das Wachstum des internationalen Tourismus und der gleichzeitig steigende Bedarf an alternativen Reisen und längeren Auslandsaufenthalten.[49]

Allgemein gewinnt das ehrenamtliche Engagement in Deutschland immer mehr an Bedeutung und zählt heute „zum harten Kern einer zeitgemäßen Gesellschaftspolitik.“[50] Die Tatsache, dass rund 23 Millionen Deutsche regelmäßig unbezahlte und ehrenamtliche Arbeit in diversen Organisationen leisten, zeigt, dass der Einsatz für die Gesellschaft zu einem festen Lebensbestandteil geworden ist.[51] Auf der anderen Seite ist heute auch der internationale Tourismus für viele Deutsche zu einer regelmäßigen Freizeitgestaltung geworden, die sich in den vergangenen Jahren jedoch zunehmend veränderte.

[...]


[1] ARD Mediathek (2013)

[2] Kramer (2006) S. 1

[3] Wink zitiert in Reintjes (2008)

[4] Kommerzielle Anbieter agieren profitorientiert und hauptgewerblich (Vgl. Freyer (2006) S. 209).

[5] Vgl. Müller und Reeh (2010) S. 19

[6] NPOs beschreiben allgemein gemeinnützige und nicht gewinnorientierte Organisationsformen (private oder öffentliche Einrichtungen). NGOs sind NPOs in privater Trägerschaft. Sie sind nicht gewinnorientierte Interessensverbände, die vom Staat unabhängig und auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sind (Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (o.J.)).

[7] Vgl. Goede (2013) S. 49; Müller und Reeh (2010) S. 19

[8] Vgl. TRAM (2008) S. 5

[9] Guttentag (2009) in Vrasti (2013) S. 1

[10] Vgl. Pearce und Coghlan (2008) S. 132

[11] Vgl. z.B. Wearing (2001); McGehee und Santos (2005); Brown (2005); Chen und Chen (2011)

[12] Vgl. Guttentag (2009; 2012)

[13] Vgl. z.B. Sin (2009); Wearing und McGehee (2013); Zahra und McGhee (2012); Tomazos und Butler (2009); Butcher (2012); Raymond (2012); ARD Mediathek (2013); Birrel (2012)

[14] Vgl. z.B. Raymond (2008); Fee und Mdee (2011); Schiekel (2009); Wearing, Lyons und Snead (2010)

[15] Vgl. z.B. Raymond (2012); Benson (2011); Raymond und Hall (2008); Tomazos (2010); Fee und Mdee (2011)

[16] Anmerkung: Das Leitfadeninterview befindet sich im Anhang A, S. 1.

[17] Vgl. Schnell, Hill und Esser (2011) S. 325

[18] Vgl. Schnell, Hill und Esser (2011) S. 326

[19] Vgl. Meuser und Nagel (1989) S. 5

[20] Meuser und Nagel (1989) S. 3

[21] Mieg und Brunner (2001) S. 6

[22] Meuser und Nagel (1989) S. 4

[23] Anmerkung: Die Transkripte der Interviews befinden sich im Anhang B, S. 3 ff.

[24] Anmerkung: Eine Gegenüberstellung der Kriterienkataloge befindet sich im Anhang C, S. 59 ff. Eine Übersicht über die Ergebnisse der Angebotsanalyse befindet sich im Anhang D, S.63 ff.

[25] AVSO (2014)

[26] Vgl. Cnaan, Handy und Wadsworth (1996) S. 369 ff.; Emmerich (2012) S.26 ff.

[27] Vgl. Emmerich (2012) S. 30 ff.

[28] UNWTO (1993) zitiert in Freyer (2011) S. 5

[29] Vgl. Benson (2011) S. 243

[30] Wearing (2001) S. 1

[31] Vgl. Wearing, Lyons und Snead (2010) S. 189

[32] Vgl. TRAM (2008) S. 9

[33] Vgl. TRAM (2008) S. 10

[34] Vgl. Wearing (2001) S. 2

[35] Vgl. TRAM (2008) S. 9

[36] Vgl. McIntosh und Zahra (2007) S. 543; Raymond and Hall (2008) S. 530

[37] Vgl. Tomazos und Cooper (2012) S. 412

[38] Tomazos und Cooper (2012) S. 412

[39] Vgl. Stiglechner (2009) S. 33

[40] Vgl. Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee e.V. (2013) S. 6

[41] Vgl. Wearing (2001) S. 50

[42] Vgl. Ell (2002) S. 204

[43] Vgl. Freise (1982) in Ell (2002) S. 204 ff.

[44] Vgl. USPC (o.J.)

[45] Geregelte Freiwilligendienste unterliegen gesetzlich festgelegten Rahmenbedingungen und finden auf Grundlage verbindlicher Richtlinien statt. Sie werden i.d.R. mit öffentlichen Mitteln gefördert und werden deswegen im Rahmen dieser Arbeit nicht dem Volunteer-Tourismus zugeordnet (Vgl. Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee e.V. (2013) S. 5).

[46] Vgl. Jakob (2013) S. 11

[47] Callanan und Thomas (2005) S. 183

[48] Vgl. Callanan und Thomas (2005) S. 183

[49] Vgl. Callanan und Thomas (2005) S. 185 ff.

[50] Schröder (2012) zitiert in Goede (2013) S. 49

[51] Vgl. Goede (2013) S. 48

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Kommerzialisierung im Volunteer-Tourismus. Die Rolle und Umsetzung von Qualitätsstandards
Hochschule
Hochschule Rhein-Waal
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
76
Katalognummer
V309326
ISBN (eBook)
9783668077393
ISBN (Buch)
9783668077409
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine anonymisierte Version der Bachelorarbeit. Expertenaussagen werden anonymisiert dargestellt und Anhänge samt Interviewtranskripte wurden aus datenrechtlichen Gründen entnommen.
Schlagworte
Voluntourismus, Alternativer Tourismus, Qualitätssicherung im Tourismus, Qualitätsstandards, Nachhaltigkeit, Gap Year Tourismus, Volunteer-Tourismus, Working Holidays
Arbeit zitieren
Jennifer Obanla (Autor), 2015, Kommerzialisierung im Volunteer-Tourismus. Die Rolle und Umsetzung von Qualitätsstandards, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309326

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