Literarische Schwestern: Tony Buddenbrook und Effi Briest


Hausarbeit, 2004
18 Seiten, Note: gut
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Tony und Effi zwischen Liebe, Ehe und Standesbewusstsein
2.1. Die Kinder werden unter die Haube gebracht
2.2. Morton Schwarzkopf - Verkörperung von Vetter Briest und Major Crampas

3. Frauen nach Schopenhauers Ansichten

4. Zwischen Kritik und Ironie

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Mann sagte 1931 in einem Interview:

„Ich glaube meine frühen Arbeiten waren mehr von Theodor Fontane beeinflusst […] als von irgendeinem anderen Schriftsteller. Meiner Meinung nach hat sein großes Talent nicht genügend Anerkennung gefunden. Sein Roman »Effi Briest« hat das gleiche Niveau wie »Anna Karenina«, »Väter und Söhne«, »David Copperfield« und andere große Klassiker. Auch von Goethe, Schopenhauer und Niezsche war ich stark beeinflusst, […] Meine literarische Schulung war international. …“[1]

Es ist womöglich Zufall, dass das Leben von Tony Buddenbrook von Mitte Oktober 1835 bis zum Herbst 1877 und die Geschichte von Effi Briest vom Sommer 1878 bis in den Herbst 1890 erzählt wird. Fest steht jedoch, dass zwei Schicksale aus der bürgerlichen und adligen Gesellschaft geschildert werden, die fast das ganze 19. Jahrhundert abdecken.[2]

Die Figur Tony Buddenbrook nimmt in Thomas Manns Gesamterzählwerk eine Sonderstellung ein, da die Frau ansonsten oft als „instrumentum diaboli“ gezeigt wird, dass „die Lebensgewohnheit und -ordnung eines mehr oder minder gefestigten Mannes gefährdet oder gar empfindlich stört“[3]. Bis zur Geburt Hannos bildet Tonys Schicksal den Mittelpunkt der Familiengeschichte. Beide Ehen von ihr sind mit dem Ende des sechsten Teils abgeschlossen, damit zu Beginn des siebten Teils Hanno getauft werden kann. Die Vorgeschichte wird größtenteils von Tony dominiert.

Wie Thomas Mann schon in dem Zitat sagte, wurde er größtenteils von Theodor Fontane beeinflusst, in dessen Romanen viele Frauenschicksale vorgestellt werden (Bsp.: Frau Jenny Treibel, Cécile). 1896 erschien der Roman Effi Briest und im Dezember 1897 hatte Thomas Mann bereits Tony Buddenbrook in ihren Wesensmerkmalen skizziert.[4]

Während der Arbeit versuche ich herauszukristallisieren, inwieweit sich die Figuren Tony und Effi ähneln, wobei auch der gesellschaftliche Faktor berücksichtigt werden soll. Zum Abschluss soll die Frage beantwortet werden, ob die Autoren mit der Darstellung von Tony und Effi in der Gesellschaft den gleichen Zweck verfolgen.

2. Tony und Effi zwischen Liebe, Ehe und Standesbewusstsein

2.1. Die Kinder werden unter die Haube gebracht

Über Tonys Leben wird der Leser bereits sehr früh informiert. Sie wird ihm als achtjähriges Mädchen vorgestellt. Während sie in einer wohlbehüteten Kaufmannsfamilie aufwächst, lernt sie, dass sie von einer besonderen „Art“ ist.

Tony ist „…Konsul Buddenbrooks Tochter, wenn du es vielleicht nicht weißt…“[5].

Dieses Bewusstsein wird noch bestärkt als sie mit fünfzehn Jahren, nach einem Techtelmechtel mit einem Gymnasiasten, in das Pensionat von Sesemi Weichbrodt gegeben wird. Dort wird ihr beigebracht, was im Leben einer Frau wichtig ist.

„Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten“, sagte sie. „Er muß recht viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich meiner Familie und der Firma schuldig“,…[6]

Tonys Zukunftspläne sind geprägt von dem Wunsch nach Materiellem, Wohlstand, Repräsentation und dem Bewahren des guten Rufes von Firma und Familie.[7]

Ihre Charaktereigenschaften verändern sich während der Jahre kaum. Sie bleibt in ihrem Wesen ein „ziemlich keckes Geschöpf“ mit einem „intelligente[n] Köpfchen“[8], welches die Eigenschaft hat „den Kopf in den Nacken zu werfen“ und auch „einen argen Hang zu Hoffart und Eitelkeit“[9] besitzt.

Über Effis Kindheit hingegen weiß man nichts, da der Erzähler sie gleich als eine junge Dame von siebzehn Jahren vorstellt. Charakteristisch ähneln sich die beiden Frauen aber sehr.

„In allem was sie that, paarte sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klug|4|heit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten.“[10]

Auch Effi ist sich ihres Standes bewusst, denn sie ist genauso eine „von“ Briest, wie auch Tony eine „Buddenbrook“ ist. Effi entgegnet ihren Freundinnen, nachdem sie sich über den Namen „Baron von Instetten“ lustig machen, folgendes:

„Dafür sind es eben Adelige. Die dürfen sich das gönnen, […] Aber davon versteht ihr nichts, […]“[11].

Bevor die jungen Frauen auf ihre zukünftigen Ehepartner treffen, befinden sie sich im Garten. Tony liest im Kreis ihrer Familie den Romantiker E.T.A. Hoffmann und Effi spaßt mit ihren Freundinnen und spielt Verstecken. Sowohl Herr Bendix Grünlich als auch der Baron von Instetten stören mit ihrem Besuch die heile Welt der jungen Frauen und sind Eindringlinge.[12] Nach diesen Besuchen ist Effi mit dem Baron verlobt. Tony ist misstrauisch und weiß nach Grünlichs zweitem Besuch, dass „sie diesen Herrn, […], nicht zum letzten Mal gesehen habe.“.[13] Beider Leben verändert sich in kurzer Zeit, obwohl Tony noch eine Gnadenfrist bekommt.

Effis Mutter überbringt der unvorbereiteten Tochter den Heiratsantrag von Instetten. Frau Briest wirbt für den Baron und verspricht ihrer Tochter, bei Zustimmung des Antrags: „mit zwanzig Jahren da zu stehen, wo andere mit vierzig stehen“[14].

Obwohl Effi noch viele kindliche Züge hat und wahrscheinlich noch gar nicht weiß, was Liebe ist, stimmt sie dem Antrag jedoch nicht gedankenlos zu. So verteidigt sie ihre Entscheidung vor ihrer Freundin mit den Worten:

„Gewiß ist es der Richtige. […] Jeder ist der Richtige. Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen.“[15]

Genau das kann der zukünftiger Ehemann ihr bieten, denn schließlich ist Baron von Instetten ein „Mann von Charakter“[16] und Landrat in Kessin, dessen Stellung und Glanz auch auf die Gattin abfärben wird.[17] Ihren Entschluss zur Ehe hat sie also aus denselben Beweggründen wie auch ihre Eltern getroffen, denn auch sie weiß durch ihre Mutter, das eine Ehe „…keine Sache [ist], um einen Scherz daraus zu machen“[18].

Auch Tony Buddenbrook nimmt, nach großen Widerständen, den Heiratsantrag von Bendix Grünlich an. Konsul Buddenbrook erklärt seiner Tochter ebenfalls, dass die Ehe „eine ernste Sache“[19] ist. Weiterhin verspricht Tonys Mutter, dass sie „nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse [käme] und auf […] großem Fuße leben [würde]“[20]. Tony ist sich bewusst, dass diese Ehe ihre Verpflichtung gegenüber der Familie und Firma sei, was sie auch stolz macht. Doch die Abneigung gegenüber

Bendix Grünlich lässt sie zögern, obwohl sie keine sachlichen und tiefgründigen Argumente liefern kann.[21] Wäre er, wie Instetten, ein „schöner Mann“ mit dem sie „Staat machen“[22] könnte, hätte Tony Buddenbrook wahrscheinlich auch gleich den Antrag angenommen, doch Herr Grünlich mit „seine[n] goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht mit der Warze am Nasenflügel“[23] ist nicht das, was sie sich vorstellt. Da Tony aber von ihrem Vater gelernt hat, dass sie kein „Einzelwesen“ ist, sondern zu einem „Glied in einer Kette“[24] gehört und damit von „verantwortungsvoller Bedeutung“ ist, schreibt sie in die Familienmappe hinter ihrem Namen die Verlobung mit „Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg“[25], ein.

Damit die Ehen überhaupt zustande kommen, spielt der Einfluss durch die Eltern bei beiden eine große Rolle, die großen Wert darauf legen, dass ihre Töchter eine gute Partie machen. Der Unterschied ist aber, dass es Baron von Instetten ernst meint und Bendix Grünlich sich als ein Betrüger entpuppt. Für Effi scheint es normal einen Mann zu heiraten, den sie kaum kennt. Ein bisschen unwohl ist es ihr zwar, doch dies schiebt sie gleich wieder beiseite.[26]

„Ja ein bisschen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich werde darüber weg kommen.“[27]

Tonys Schicksal ist durch die Einhaltung der Familientradition festgeschrieben.

Die Liebe zu Instetten und Grünlich sind geradezu vergesellschaftet, sodass es keine romantischen Neigungen in den Beziehungen gibt. Die „Fremdbestimmung“ wird bei Effi und Tony zur scheinbaren „Selbstbestimmung“.[28]

Dies wird auch deutlich in ihren Beziehungen zu Morton Schwarzkopf und Vetter Dagobert.

[...]


[1] zitiert nach: Interview mit der Zeitschrift John O´ London`s Weekly, 17.10.1931, unter dem Titel Thomas Mann at Home In: Harslem, Ralf: Thomas Mann und Theodor Fontane. Untersuchungen über den Einfluss Theodor Fontanes auf das erzählerische Werk von Thomas Mann. Hrsg. von Dieter Borchmeyer. Heidelberger Beiträge zur deutschen Literatur. Band 7. Frankfurt/ M. 2000 (Verlag Peter Lang GmbH), S. 217.

[2] Harslem, Ralf: Thomas Mann und Theodor Fontane. Untersuchungen über den Einfluss Theodor Fontanes auf das erzählerische Werk von Thomas Mann. Hrsg. Dieter Borchmeyer. Heidelberger Beiträge zur deutschen Literatur. Band 7. Frankfurt/ M. 2000 (Verlag Peter Lang GmbH), S. 190.

[3] zitiert nach: Harslem 2000, S.190.

[4] Harslem 2000, S. 194.

[5] zitiert nach: Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Frankfurt/ M. 2002: 52. Auflage (Fischer Taschenbuch Verlag), S. 64. (im Weiteren werde ich die Zitate mit dem Buchtitel und der Seite in der Fußnote vermerken)

[6] Buddenbrooks, S. 88.

[7] Liefländer-Koistinen, Luise: Zu Thomas Manns „Buddenbrooks“. Einige Überlegungen zu Darstellung und Funktion der Figur Tony Buddenbrook. Universität Oulu. Veröffentlichungen des Instituts für germanistische Phililogie 4. Oulu 1980. S. 2-5.

[8] Buddenbrooks,S. 63.

[9] Buddenbrooks,S. 82.

[10] zitiert nach: Fontane, Theodor: Effi Briest. Roman. Hrsg. von Joseph Kiermeier-Debre. München 2002: 4. Auflage (Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG) S. 9. (im Weiteren werde ich die Zitate mit dem Buchtitel und der Seite in der Fußnote vermerken)

[11] Effi Briest, S. 13.

[12] Harslem 2000, S. 196

[13] Buddenbrooks, S. 100.

[14] Effi Briest, S. 22.

[15] Effi Briest, S. 25.

[16] Effi Briest, S. 45.

[17] Schmiedt Helmut: Liebe, Ehe, Ehebruch. Ein Spannungsfeld in deutscher Prosa von Christian Fürchtegott Gellert bis Elfriede Jelinek. Opladen 1993 (Westdeutscher Verlag GmbH), S. 99f.

[18] Effi Briest, S. 21.

[19] Buddenbrooks, S.103

[20] Buddenbrooks, S.104

[21] Liefländer-Koistinen 1980, S. 8.

[22] Effi Briest, S. 44.

[23] Buddenbrooks, S. 105.

[24] Buddenbrooks, S. 146.

[25] Buddenbrooks, S. 158.

[26] Klingler, Bettina: Emma Bovary und ihre Schwestern. Die unverstandene Frau: Variationen eines literarischen Typus von Balzac bis Thomas Mann. Hrsg. von Erwin Koppen. Bonner Untersuchungen zur Vergleichenden Literaturwissenschaft. Band 2. Rheinbach Merzbach 1986 (CMZ-Verlag Winrich C.-W. Clasen), S. 172.

[27] Effi Briest, S. 25.

[28] zitiert nach: Klingler 1986, S. 186.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Literarische Schwestern: Tony Buddenbrook und Effi Briest
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Thomas Mann: Buddenbrooks
Note
gut
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V30940
ISBN (eBook)
9783638320900
ISBN (Buch)
9783638761055
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literarische, Schwestern, Tony, Buddenbrook, Briest, Thomas, Buddenbrooks, Theodor Fontane, Thomas Mann, Fontane, Mann, Effi Briest, Schopenhauer, Frau, Frauen, Frauenrolle, Gesellschaft, Frauenbild, Rolle der Frau
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Literarische Schwestern: Tony Buddenbrook und Effi Briest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30940

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