Thomas Mann sagte 1931 in einem Interview:
„Ich glaube meine frühen Arbeiten waren mehr von Theodor Fontane beeinflusst […] als von irgendeinem anderen Schriftsteller. Meiner Meinung nach hat sein großes Talent nicht genügend Anerkennung gefunden. Sein Roman »Effi Briest« hat das gleiche Niveau wie »Anna Karenina«, »Väter und Söhne«, »David Copperfield« und andere große Klassiker. Auch von Goethe, Schopenhauer und Niezsche war ich stark beeinflusst, […] Meine literarische Schulung war international. …“
Es ist womöglich Zufall, dass das Leben von Tony Buddenbrook von Mitte Oktober 1835 bis zum Herbst 1877 und die Geschichte von Effi Briest vom Sommer 1878 bis in den Herbst 1890 erzählt wird. Fest steht jedoch, dass zwei Schicksale aus der bürgerlichen und adligen Gesellschaft geschildert werden, die fast das ganze 19. Jahrhundert abdecken.
Während der Arbeit soll aufgezeigt werden, inwieweit sich die Figuren Tony und Effi ähneln, wobei auch der gesellschaftliche Faktor berücksichtigt werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tony und Effi zwischen Liebe, Ehe und Standesbewusstsein
2.1. Die Kinder werden unter die Haube gebracht
2.2. Morton Schwarzkopf - Verkörperung von Vetter Briest und Major Crampas
3. Frauen nach Schopenhauers Ansichten
4. Zwischen Kritik und Ironie
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Parallelen zwischen den Romanfiguren Tony Buddenbrook (Thomas Mann) und Effi Briest (Theodor Fontane). Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten der beiden Frauen im Kontext ihrer gesellschaftlichen Rollenbilder, ihrer Eheschließungen unter Standeszwang und der ihnen zugeschriebenen Attribute herauszuarbeiten, um festzustellen, ob die Autoren mit diesen Charakteren eine vergleichbare Gesellschaftskritik verfolgen.
- Die Rolle der Frau zwischen Liebe, Ehe und gesellschaftlichem Standesbewusstsein.
- Einfluss von Familientradition und elterlicher Vorgaben auf die Lebensplanung.
- Die literarische Verarbeitung zeitgenössischer Frauenbilder, insbesondere unter Bezugnahme auf Schopenhauer.
- Untersuchung der erzählerischen Haltung zwischen Kritik, Ironie und Sympathie.
- Vergleich der persönlichen Entwicklungsprozesse und Bewältigungsstrategien der Protagonistinnen.
Auszug aus dem Buch
2.2. Morton Schwarzkopf - Verkörperung von Vetter Briest und Major Crampas
Tony Buddenbrook hat in Travemünde die Chance, Abstand von dem Heiratszwang und von Grünlich zu gewinnen. Ihre Probleme kann sie für eine Weile verdrängen, denn „hier würde sie nun jeden Morgen ganz sorglos erwachen…“. Dazu trägt vor allem die Bekanntschaft mit dem Medizinstudenten Morton Schwarzkopf bei, zu dem Tony sich hingezogen fühlt. Mortons Erscheinung ist, im Gegensatz zu Grünlich, ganz anders, denn „seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm“. Weiterhin hat er „ein so gutmütig verschmitztes Lachen“ und ist „sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt“. Auffällig ist hier, dass Morton, im Unterschied zu Grünlich, nicht nur äußerlich beschrieben wird, sondern mit seinen persönlichen Charaktereigenschaften. Obwohl Morton ihr geistig weit überlegen ist, wird Tony von ihm das erste Mal wie eine Erwachsene behandelt und fühlt sich in seiner Gegenwart glücklich.
„…sie war sehr stolz darauf, dass er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen aussprach, die er den Eltern verschwieg…“
Dabei versteht sie nicht immer was er sagt. Der Bildungsunterschied wird besonders deutlich, wenn Tony mit ihm am Strand, „in einer der kleinen abgeteilten Kammern“ sitzt und grübelt, ob Morton „wohl wirklich geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben“. Der Standesunterschied bleibt dennoch zwischen ihnen, denn während Morton „auf den Steinen sitzt“ und auf Tony wartet, trifft sie sich am Strand mit Ihresgleichen auch wenn es ihr „recht zuwider“ ist. Während ihres Aufenthaltes hat sie Grünlich fast vergessen und spricht über ihn sogar schon in der Vergangenheit. Sie hat ihre Keckheit und Unbeschwertheit wiedererlangt und ist bereit, Morton Schwarzkopf zu heiraten, indem sie meint: „Ja. Morton. … Ich habe sie lieber, als Alle, die ich kenne“. Tony ist zwar so entschlossen, dass sie ihrem Vater von den Heiratsplänen berichtet, doch durch den Brief ihres Vaters wird der Anspruch an die Familientradition wieder stärker.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, skizziert den Einfluss Fontanes auf Thomas Mann und definiert das Forschungsziel, die Figuren Tony Buddenbrook und Effi Briest auf ihre Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen.
2. Tony und Effi zwischen Liebe, Ehe und Standesbewusstsein: Dieses Kapitel analysiert, wie beide Frauen durch elterlichen Druck in Ehen gezwungen werden, die ihrem Stand entsprechen, wobei persönliche Wünsche und Gefühle unterdrückt werden.
2.1. Die Kinder werden unter die Haube gebracht: Hier wird die Erziehung der Protagonistinnen beleuchtet, die sie auf eine Rolle als repräsentative Gattinnen vorbereitet, und der Prozess ihrer Eheschließungen unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten dargestellt.
2.2. Morton Schwarzkopf - Verkörperung von Vetter Briest und Major Crampas: Das Kapitel untersucht die Begegnungen der Frauen mit anderen Männern (Morton bzw. Dagobert/Crampas) als kurzzeitige Ausbruchsversuche aus ihrem determinierten Leben.
3. Frauen nach Schopenhauers Ansichten: Hier wird der Einfluss von Schopenhauers konservativem Frauenbild auf die Romane von Mann und Fontane reflektiert und auf die Charaktere angewendet.
4. Zwischen Kritik und Ironie: Dieser Abschnitt beleuchtet die erzählerische Distanz und Haltung der Autoren zu ihren Figuren, wobei insbesondere die Ironie bei Mann und die Sympathie für die "Arme Effi" bei Fontane herausgestellt werden.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit bestätigt, dass Tony und Effi als literarische Schwestern gelten können, wobei die unterschiedliche Darstellungsweise – Manns Ironie gegenüber Effis tragischer Opferrolle – hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Literarische Schwestern, Thomas Mann, Theodor Fontane, Tony Buddenbrook, Effi Briest, Frauenbild, Gesellschaftskritik, Standesbewusstsein, Ehe, Schopenhauer, 19. Jahrhundert, Literarischer Vergleich, Gesellschaftsroman, Rollenverhalten, Individuum und Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gemeinsamkeiten der Romanfiguren Tony Buddenbrook und Effi Briest als "literarische Schwestern" im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Rolle und ihre Schicksale.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen persönlichem Wunsch und gesellschaftlichem Standeszwang, der Einfluss der Erziehung, sowie die Darstellung der Frau in der Literatur des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszuarbeiten, inwieweit sich die Figuren ähneln und ob die Autoren mit ihrer Darstellung jeweils den gleichen gesellschaftskritischen Zweck verfolgen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der auf der Analyse der Primärtexte (Buddenbrooks, Effi Briest) und der Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Themen Eheschließung unter Standesvorgaben, die Bedeutung von kurzzeitigen Ausbruchsversuchen durch andere Männerbekanntschaften, den Einfluss von Schopenhauers Frauenbild und die ironische bzw. kritische Erzählhaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Literarische Schwestern, Standesbewusstsein, Ehebruch, Schopenhauer, Gesellschaftskritik und die Namen der Hauptfiguren.
Inwiefern unterscheiden sich die erzählerischen Haltungen gegenüber Tony und Effi?
Während der Erzähler bei Fontane trotz des Ehebruchs Mitgefühl zeigt ("Arme Effi"), ist die Haltung bei Thomas Mann zu Tony Buddenbrook von einer Mischung aus Zuneigung, Ironie und einer gewissen Arroganz gegenüber ihrer unreflektierten Naivität geprägt.
Welche Bedeutung hat das "Firma"-Motiv für Tony Buddenbrook?
Das Wort "Firma" fungiert für Tony als entscheidendes Korrektiv, das ihre persönliche Abneigung gegen Ehemänner wie Bendix Grünlich überlagert und sie dazu bringt, sich der Familientradition unterzuordnen.
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- Anonym (Author), 2004, Literarische Schwestern: Tony Buddenbrook und Effi Briest, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30940