Ernährung in der Palliativmedizin als medizinische Herausforderung und ethisches Dilemma


Projektarbeit, 2013

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.0 Zusammenfassung

2.0 Einleitung

3.0 Methodik

4.0 Hauptteil
4.1 Definition - Palliativmedizin
4.2 Lebensphasen der Palliativmedizin
4.3 Ziele der Palliativmedizin
4.4 Anorexie und Kachexie als Leitsymptome im Terminalstadium
4.5 Ernährungstherapie
4.6 Künstliche Ernährungsformen und Flüssigkeitssubstitution
4.7 Ethik und Recht - Entscheidungsgrundlagen am Lebensende
4.7.1 Das ethische Dilemma - Zwischen Wille und Wohl des Patienten

5.0 Diskussion
5.1 Empfehlungen für die Ernährung von palliativen Patienten
5.2 Fazit

6.0 Anhangsverzeichnis

7.0 Anhang

8.0 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: Lebensphasen in der Palliativmedizin

ABBILDUNG 2: Formen der Nahrungsaufnahme

ABBILDUNG 3: Gewichtsveränderungen von Patienten vor und nach PEG-Anlage

ABBILDUNG 4: Mehrstufiges Vorgehen bei fehlender Einwilligungsfähigkeit

ABBILDUNG 5: Gängige, in der Praxis etablierte Beispiele für Hilfsmittel zur Verbesserung der individuellen Nahrungsaufnahme bei Patienten mit eingeschränkten Funktionen von Arm, Hand oder Fingern, aufgrund von rheumatologischen, neurologischen oder orthopädischen Erkrankungen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.0 Zusammenfassung

Bei der palliativmedizinischen Betreuung von nicht heilbaren Patienten, die an einer weit fortgeschritten Krankheit leiden und eine begrenzten Lebenserwartung haben, ist das oberste Ziel der ernährungstherapeutischen Maßnahmen die Bewahrung bzw. Verbesserung der Lebensqualität. Mangelernährung ist in der Palliativmedizin ein häufiges Problem und führt unabhängig von der Grunderkrankung zu einer verminderten Lebensqualität und einer erhöhten Morbidität. Die Ursachen für die verminderte Nahrungsaufnahme und den Gewichtsverlust sind vielfältig. Bei Tumorpatienten ist ein wesentlicher Faktor, der bei der Entstehung der Tumorkachexie ein Rolle spielt, die tumorinduzierte katabole Stoffwechselumstellung, die zu einem Proteinabbau in allen Geweben führt. Jedoch sind Kachexie sowie Anorexie nicht nur Leitsymptome bei krebskranken, sondern auch bei geriatrischen Patienten sowie bei Patienten, die an AIDS oder anderer konsumierender Infektionserkrankungen leiden. Die Ernährungstherapie sollte möglichst oral erfolgen. Die orale Ernährungstherapie ist jedoch nur dann erfolgversprechend, wenn sie individuell und patientenorientiert erfolgt; dies erfordert jedoch zum Einen einen hohen personellen Betreuungsaufwand, zum Anderen auch die Aufklärung und Schulung der Angehörigen. Der Einsatz von künstlicher Ernährung, insbesondere der PEG-Sonde, ist ein umstrittenes Thema. In mehreren klinischen Studien konnte zwar bewiesen werden, dass der frühzeitige Einsatz einer supportiven Ernährung über eine PEG-Sonde, die massiv progrediente Katabolie stoppen und somit die Lebensqualität verbessert werden kann, jedoch fordern viele Autoren weiterhin auf künstliche Ernährung im Terminalstadium weitestgehend zu verzichten und sie nur in Ausnahmefällen einzusetzen, z.B. bei Patienten mit Tumoren im HNO-Bereich oder mit Ösophaguskarzinomen. Der Einsatz von künstlicher Ernährung ist nur dann sinnvoll, wenn die Lebensqualität des Patienten dadurch verbessert werden kann. Die Verlängerung des Sterbeprozesses, durch die künstliche Ernährung, ist dahingegen kritisch zu betrachten. Die Entscheidung für oder gegen eine künstliche Ernährungstherapie muss, nach ärztlicher Indikation, individuell unter Berücksichtigung des Patientenwillens getroffen werden, nach Abwägung der Vor- und Nachteile der Therapie. Bei der Auseinandersetzung mit kritischen medizinischen und ethischen Aspekten stoßen Ärzte oftmals an ihre Grenzen, weshalb sich das ärztliche Handeln vorrangig an den Wünschen des betroffenen Patienten orientieren muss. Wenn der Patient einwilligungunfähig und kein klarer Wille formuliert ist, bedarf die Entscheidungsfindung einem gemeinsamen Gespräch zwischen dem behandelnden Arzt, Patientenstellvertreter und Angehörigen. Außerdem kann es in Konfliktfällen hilfreich sein, ein klinisches Ethikkomitee (KEK) beratend hinzuzuziehen.

2.0 Einleitung

Essen und Trinken sind für den gesunden Menschen eine Selbstverständlichkeit. Sie sind ein Ausdruck für Genuss und Lebensqualität[1]. Im Essen und Trinken drückt sich der Mensch mit seinen Bedürfnissen aus. So ist die Nahrungsaufnahme nicht nur ein rein körperlicher, sondern auch ein psychisch-geistiger Prozess[2], wie die Redensart „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ es treffend beschreibt. Des Weiteren ist sie ein wichtiger Bestandteil der sozialen Identität, da die Nahrungsaufnahme als Quelle von sozialem Austausch und Ritualen dient, die die Gruppenzugehörigkeit stärkt[2]. In der palliativmedizinischen Betreuung von schwerkranken und sterbenden Menschen wird die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme zu einer Herausforderung. Die Patienten leiden häufig unter Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust und entwickeln, unabhängig von der Grunderkrankung, eine ausgeprägte Mangelernährung, die maßgeblich zu einer verminderten Lebensqualität und einer erhöhten Morbidität führt[3]. Bei Tumorpatienten tritt Mangelernährung in allen Stadien auf, in der Terminalphase beträgt die Prävalenz bis zu 80% [4,5]. Das Ziel der palliativmedizinischen Ernährungstherapie sollte einzig und allein die Stärkung des körperlichen und psychischen Allgemeinbefindens des Patienten sein, um seine Lebensqualität zu steigern bzw. zu erhalten [3]. Da die Lebensqualität sich nicht an Laborparametern messen lässt, sondern ein subjektives Befinden ist, müssen Entscheidungen, für oder gegen jeglichen Einsatz therapeutischer Maßnahmen, immer individuell getroffen werden [4,5]. Diese Entscheidungen, die zur Fortsetzung oder zum Abbruch einer Ernährungstherapie oder Flüssigkeitssubstitution führen, gehören zu den schwierigsten in der ärztlichen Tätigkeit [4]. In einfühlsamen Gesprächen zwischen dem verantwortlichen Arzt, dem betroffenen Patienten und dessen Angehörigen müssen alle ernährungsmedizinischen Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt und abgewogen werden. In manchen Fällen jedoch, kann sich die Entscheidungsfindung als ein ethisches Dilemma erweisen.

Die vorliegende Projektarbeit befasst sich mit den ernährungsmedizinischen Problemen von Patienten mit nicht heilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Erkrankungen. Des Weiteren werden ethische Probleme aufgezeigt, die bei Entscheidungen ärztlichen Handelns auftreten.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die ernährungsmedizinischen, die ethischen und die rechtlichen Gesichtspunkte der palliativmedizinischen Betreuung von Schwerkranken und Sterbenden herauszuarbeiten und auf deren Grundlage, Empfehlungen abzuleiten, um gegen die zunehmende Mangelernährung bei palliativen Patienten vorzugehen.

Dafür muss zunächst geklärt werden, was überhaupt die Funktion der Palliativmedizin ist und welche Ziele sie verfolgt. Des Weiteren müssen die Ursachen der Mangelernährung bei den schwerkranken Patienten erörtert und die ethisch und rechtlich möglichen medizinischen Maßnahmen aufgezeigt werden.

3.0 Methodik

Die Methodik dieser Arbeit ist die reine Literaturrecherche. Dabei wurden die Informationen in Hochschul- und Stadtbibliotheken sowie in elektronischen Datenbanken wie „PubMed“ des „National Center for Biotechnology Information“ oder in speziellen Suchmaschinen wie „Scirus“ oder „Google Scholar“ gesucht. Bei der Suche nach relevanter Literatur bzw. relevanten Studien und Metastudien wurde in den Suchmaschinen nach Schlagwörtern wie „Ernährung Palliativ“, „Mangelernährung Palliativ“, „Palliativmedizin“, „palliative care“ oder „palliative nutrition“ gesucht. Mit Hilfe von „Google Books“ konnten Auszüge aus Büchern eingesehen werden, die, für diese Arbeit, relevante von irrelevanter Literatur trennten. Die relevanten Bücher wurden dann Hochschul- oder Stadtbibliotheken entliehen. Bei der Suche nach relevanten Studien und Metaanalysen gaben die Bücher ebenfalls erste Hinweise. Auch die Recherche auf den Internetseiten der Fachgsellschaften, wie z.B. der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) oder der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), lieferten viele wichtige Informationen.

Die Zitierweise richtet sich nach den Autorenrichtlinien der Zeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“, die sich unter anderem auch mit der Ernährung in der Palliativmedizin befasst. Demnach wird im Vancouver-Stil zitiert.

Der einfachen Lesbarkeit halber wurde in dieser Arbeit nur die männliche Form verwendet. Natürlich sind ansonsten auch Patientinnen gemeint.

4.0 Hauptteil

4.1 Definition - Palliativmedizin

Die Palliativmedizin befasst sich mit der Behandlung und Begleitung von nicht heilbaren Patienten, die an einer weit fortgeschrittenen Krankheit leiden und eine begrenzte Lebenserwartung haben. Abgeleitet aus dem lateinischen Wort „pallium“, das soviel wie „Mantel“ bedeutet und sinnhaft für Schutz und Wärme steht, bietet die Palliativmedizin dem Sterbenden Geborgenheit, Hilfe und Schutz an seinem Lebensende. Dabei ist die Palliativmedizin nicht auf die Wiederherstellung der Gesundheit ausgerichtet, sondern besteht ihre Aufgabe darin, die physischen, psycho-sozialen und spirituellen Leiden des schwerkranken Patienten zu lindern und ihm somit Lebensqualität zurückzugeben und diese zu bewahren [1,5]. „Care not cure“, das man in etwa mit „Fürsorge statt heilen“ übersetzen kann, ist der Leitgedanke der Palliativmedizin[7]. Des Weiteren befasst sie sich auch mit der Betreuung der Angehörigen[1].

Im Gegensatz zu früher wird unter Palliation nicht nur das Lindern von Schmerzen und anderer körperlicher Symptome verstanden, sondern ein ganzheitliches, multidimensionales Betreuungskonzept zur Begleitung von Sterbenden und erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen, zu denen Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter, Psychologen, Trauerbegleiter u.a. gehören [1,8]. Dieses multidisziplinäre Betreuungskonzept nennt sich „Palliative Care“, das soviel bedeutet wie „lindernde, ganzheitliche Fürsorge“. Der Begriff wurde, aufgrund unzureichend treffender Übersetzung, aus dem englischen Sprachgebrauch ins Deutsche übernommen[8].

Die Welthandelsorganisation (WHO) definierte im Jahre 2002 „Palliative Care“ als einen Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität der nicht heilbaren Patienten und deren Familien, durch Lindern von Schmerzen und Symptomen sowie spirituelle und psychosoziale Unterstützung, von der Diagnose bis hin zum Tod des Patienten. Die WHO charakterisiert Palliative Care stichpunktartig wie folgt:

Palliative Care...

1. lindert Schmerzen und weitere quälende Symptome;
2. bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen natürlichen Prozess;
3. beabsichtigt weder den Tod zu beschleunigen noch ihn zu verzögern;
4. bezieht die psychosozialen und spirituellen Aspekte der Patientenpflege mit ein;
5. bietet dem Patienten jede Unterstützung, um ihm bis zu seinem Tod ein möglichst aktives Leben zu ermöglichen;
6. steht den Angehörigen zur Seite, um deren seelischen Probleme während der Krankheit des Patienten zu verarbeiten sowie nach dessen Tod die Trauer zu bewältigen;
7. arbeitet multi- und interdisziplinär, um den Bedürfnisse der Patienten und deren Angehörigen Rechnung zu tragen;
8. steigert die Lebensqualität des Patienten und kann somit unter Umständen auch den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen;
9. Ist in Kombination mit Therapien, die auf die Verlängerung des Lebens abzielen, wie z.B. Chemo- oder Radiotherapie, bereits im frühen Stadium der Erkrankung anwendbar und beinhaltet notwendige Untersuchungen, um belastende klinische Komplikationen besser verstehen und behandeln zu können[9].

Palliative Care kommt dann zum Einsatz, wenn rein kurative Maßnahmen das Wohlbefinden des Patienten nicht mehr herstellen können, somit ist Palliative Care nicht nur ein hilfreiches Angebot in den letzten Lebenswochen bzw. -monaten, sondern auch im Rahmen einer zytostatischen Behandlung eines krebskranken Menschen, bei schmerzhaften Beschwerden eines Demenzerkrankten oder bei weit fortgeschrittenen Herzerkrankungen [7]. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sei der Bedarf an palliativ-medizinischen Behandlungskonzepten hoch und werde in den kommenden Jahren auch noch weiter steigen, u.a. wegen des demografischen Wandels[1].

4.2 Lebensphasen in der Palliativmedizin

Patienten mit unheilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Krankheiten haben nur eine begrenzte Lebenserwartung. Die voraussichtliche Lebensdauer und die noch möglichen Aktivitäten des Patienten definieren die verschiedenen Lebensphasen. Insgesamt kann man den Krankheitsverlauf in vier Phasen unterscheiden (s. Abb. 1). Wie aus Abbildung 1 hervorgeht, orientiert sich Einteilung der Lebensphasen an den noch möglichen Aktivitäten des Erkrankten sowie an dessen zeitlicher Prognose. Die Präterminal-, Terminal- und Finalphase werden häufig als „Terminalstadium“ zusammengefasst. Die Übergänge zwischen den Phasen sind meist fließend, können jedoch auch plötzlich erfolgen. Auch wenn der Phasenwechsel in der Regel eine Minderung der noch möglichen Aktivität sowie eine sichtbare Annäherung an den Tod bedeutet, kann es durchaus vorkommen, dass eine unerwartete Besserung und eine damit verbundene zurückgehende Krankheitsentwicklung eintreten. Laut Aulbert und Kollegen (2012) entspreche die Phaseneinschätzung meist nicht dem Grad der Tumorausbreitung, sondern vielmehr dem Lebensmut des Patienten. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Mensch aus seiner letzten Lebensstunde, ohne intensivmedizinische Maßnahmen, zurück in die Terminalphase findet. Auch wenn die Einteilung in Lebensphasen mit geschätzter zeitlicher Prognose eine „unnatürliche, grobe Vereinfachung“ darstellt und sich die Phase, in der sich ein Patient befindet, nicht genau bestimmen lässt, ist die Einschätzung dieser Lebensphasen dennoch hilfreich, wenn es um Planung in der palliativen Behandlung und Pflege bzw. um die Vorbereitung der weiteren Betreuung zu Hause geht, sofern eine Entlassung möglich ist[5].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lebensphasen in der Palliativmedizin[1].

4.3 Ziele der Palliativmedizin

„ Wir wollen nicht dem Leben (um jeden Preis) Zeit hinzufügen, sondern der verbleibenden Zeit Leben (Lebensqualität) geben. “ [5].

Wie bereits in Kapitel 4.1 erwähnt, ist die Palliativmedizin nicht darauf ausgerichtet die Gesundheit des Patienten wiederherzustellen, sondern seine Leiden zu lindern und ihm somit ein Stück Lebensqualität wiederzugeben. Des Weiteren ist es nicht das Ziel, das Leben des Patienten künstlich zu verlängern, jedoch auch nicht den Tod zu beschleunigen. Jede Form aktiver Sterbehilfe wird in der Palliativmedizin abgelehnt [1]. Die Lebensqualität lässt sich jedoch im Gegensatz zur Lebensquantität nicht einfach messen, denn die Lebensqualität ist ein subjektives Empfinden, dass nur von dem kranken Menschen selbst erlebt und auch nur von ihm individuell definiert werden kann. Laut Aulbert und Kollegen (2012) spielen bei der Bestimmung der individuellen Lebensqualität eine Reihe von Variablen eine wichtige Rolle, die im Einzelfall unterschiedlichen Gewichtes sind, wie z.B.:

- die erhaltenen physischen Möglichkeiten;
- die Krankheitssymptome und Beschwerden,
- die Nebenwirkungen der Therapie,
- das emotionale Befinden,
- die Krankheitsverarbeitung und -bewältigung,
- die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen,
- die soziale Situation.

Darüber hinaus spielen noch viele weitere Faktoren eine wichtige Rolle, die die Lebensqualität bestimmen[5]. Einer dieser Faktoren ist die Nahrungsaufnahme. Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Kachexie, sind häufig Symptome der nicht heilbaren Patienten[1]. Laut Ollenschläger (2000), gehöre Appetit und die Fähigkeit zu essen bei onkologischen Patienten zu den Hauptfaktoren, die die subjektive Befindlichkeit beeinflusse. Weiterhin postuliert der Autor, dass Störungen des Appetits und der Gewichtsschwund einen nahezu gleich hohen Stellenwert habe wie die Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit, jedoch gelte dies wohl nur für Patienten, die das finale Krankheitsstadium noch nicht erreicht haben[3]. Laut McCann und Kollegen (1994) spiele Hungergefühl nur sehr selten eine Rolle bei Patienten in der Terminalphase[10]. Jedoch kann man durch eine konsequente Ernährungsbetreuung erzielen, dass ein terminal Erkrankter sein Lebensende zu Hause erleben kann. Demnach sind ernährungstherapeutische Maßnahmen wichtig und notwendig um das körperliche und/oder psychische Allgemeinbefinden des Patienten zu stärken und somit die Lebensqualität zu steigern.

4.4 Anorexie und Kachexie als Leitsymptome im Terminalstadium

Im Rahmen der palliativmedizinischen Betreuung von Schwerkranken und Sterbenden sind Anorexie und Kachexie sehr häufige Symptome. Anorexie drückt sich in Form von genereller Appetitlosigkeit, Geschmacks- und Geruchsveränderungen und Abneigung vor Nahrungsmitteln aus, was zu verminderter Nahrungsaufnahme und somit zu Gewichtsverlust führt. Schwäche und ein verschlechtertes Allgemeinbefinden sind die Folge. Kachexie hingegen tritt meist als tumorinduziertes Syndrom auf. In der Terminalphase sind, je nach Tumorentität, bis zu 80 % der Patienten betroffen, in 20 % der Fälle stellt Kachexie sogar die unmittelbare und damit, neben der Sepsis, die häufigste Todesursache bei Krebs dar [3,4,5]. Das Ausmaß der Tumorkachexie hängt dabei mit dem Schweregrad der Grunderkrankung zusammen [4]. Besonders betroffen sind Patienten mit obstruierenden Tumoren im Bereich des Gastrointestinaltraktes, des Ösophagus oder des HNO - Bereiches [3,4,5]. Indizien die für eine Kachexie sprechen sind:

- ein Körpergewichtsverlust von über 10 % (im Vergleich zu ursprünglichen Gewicht)
- eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins auf > 10 mg/l
- eine reduzierte Nahrungsaufnahme mit weniger als 1500 kcal/Tag[5].

Da die Pathophysiologie der Kachexie sehr komplex ist, ist sie immer noch nicht gänzlich aufgeklärt. Dennoch können schon einige Faktoren genannt werden, die Einfluss auf den Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinstoffwechsel haben und somit zu Muskel- und Fettverlust führen. Dazu gehören mitunter Tumor sezernierte Substanzen oder vom Körper reaktiv gebildete Zytokine wie TNF (tumor necrosis factor), Interleukine (IL-1 und IL-6) und Interferone, die alle zu chronischen Entzündungsreaktionen führen [4,5]. Des Weiteren spielen auch Leptine und Ghrelin sowie andere hormonelle Veränderungen eine Rolle. Diese tumorinduzierten Stoffwechselveränderungen treten dabei nicht erst im Terminalstadium auf, sondern äußern sich bereits in einem sehr frühen Krankheitsstadium. Infolgedessen wird die Glukoneogenese stimuliert, wodurch die Proteinabbaurate deutlich ansteigt, da durch die Proteinkatabolie, die zunächst in der Skelettmuskulatur, später in allen Organen stattfindet, das Substrat für die Glukoneogenese geliefert wird. Da ein Drittel aller Tumorpatienten eine pathologische Glukosetoleranz durch eine periphere Insulinresistenz aufweist, ist es nicht möglich die Glukoneogenese durch eine parenterale Glukosezufuhr zu blockieren. Die Lipolyse steigt, die Lipoproteinlipasen werden gehemmt und es kommt zu einer Hypertriglyzeridämie bei erhöhtem Fettabbau und -oxidation. Die Folge dieser katabolen Veränderungen führen durch Strukturveränderungen zu Störungen in nahezu allen Geweben. Die Muskulatur, der Intestinaltrakt und das Immunsystem sind dabei besonders betroffen. Durch die gastrointestinalen Funktionsstörungen kommt es zur Malassimilation und -resorption, wodurch sich der Ernährungszustand des Patienten weiter verschlechtert [4]. Neben der Anorexie und Kachexie gibt es noch andere Ursachen, die zu einem deutlichen Gewichtsverlust führen bzw. dafür sorgen, dass ein Patient nicht ausreichend Nahrung zu sich nehmen kann. Solche Ursachen können neurologisch oder psychogen - in Form von Schmerzen, Geschmacksveränderungen, Schluckstörungen, Ängsten und/oder Depressionen - oder therapiebedingt, d.h. durch Chemotherapie und Radiatio bedingte Anorexie, Übelkeit und Erbrechen, Schleimhautveränderungen (Mukositis, Ulzera) oder medikamenteninduzierte Übelkeit, sein [4,5]. Doch nicht nur Tumorpatienten, auch HIV- Infizierte und an AIDS erkrankte Menschen leiden an Mangelernährung. Schätzungsweise 30 % der Erkrankten verlieren in den Frühstadien der Infektion ungewollt Gewicht, im Endstadium sind es sogar über 90 % der Patienten, die an schwerster Unterernährung leiden [3].

Die Appetitlosigkeit führt bei den Patienten dazu, dass der Stellenwert von Ernährung abnimmt. Viele schwerkranke Menschen deuten Inappetenz gerade in Kombination mit zusätzlichen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen als Indikator eines weiter fortgeschrittenen Stadiums ihres Krankheitsverlaufes, der ihnen signalisiert, wie schlecht es um sie steht. Im Verlaufe der Krankheit kommt es häufig zu zunehmender Schwäche und Kachexie, die vom Patienten meist mit der Appetitlosigkeit, statt mit der Grunderkrankung, in Kausalzusammenhang gebracht werden. Dieses Gefühl, es stehe immer schlechter um den Menschen, wird insbesondere dann verstärkt, wenn Angehörige durch das täglich mehrmalige Anbieten von Mahlzeiten den Patienten darauf hinweisen und durch den ungewollten Gewichtsverlust körperliche Veränderungen sichtbar werden, z.B. wenn die Kleidung nicht mehr passt. Wird dem Patienten durch Angehörige, Freunde, Pflegende und Ärzte das Gefühl vermittelt, er müsse essen, damit sich sein Zustand verbessert, gerät er in einen Konflikt:

Wenn er sich trotz seiner Abneigung zum Essen zwingt, verstärken sich die Übelkeit oder andere Symptome. Wenn er jedoch auf das Essen verzichtet, so kann sich sein Allgemeinbefinden weiter verschlechtern und er kann die zusätzlichen Bemühungen seines Umfeldes nicht zufrieden stellen.

Dieser Konflikt führt beim Patienten häufig dazu, dass er sich aus Scham und Verzweiflung vor der Umwelt zurückzieht, um zu vermeiden, dass niemand sehen kann und sehen muss, wie schlecht es mit der Ernährung steht[11].

[...]

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Ernährung in der Palliativmedizin als medizinische Herausforderung und ethisches Dilemma
Hochschule
Fachhochschule Münster
Veranstaltung
Ernährungsmedizin
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
41
Katalognummer
V309419
ISBN (eBook)
9783668081048
ISBN (Buch)
9783668081055
Dateigröße
2629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernährung, Palliativ, Ernährungsmedizin, Künstliche Ernährung
Arbeit zitieren
Marcelina Kantyka (Autor:in), 2013, Ernährung in der Palliativmedizin als medizinische Herausforderung und ethisches Dilemma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309419

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