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Einzelne Exzesstäter im Tilsiter Blutsommer? Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958 in der öffentlichen Wahrnehmung

Título: Einzelne Exzesstäter im Tilsiter Blutsommer? Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958 in der öffentlichen Wahrnehmung

Tesis de Máster , 2014 , 94 Páginas , Calificación: 1,3

Autor:in: Michael Hellstern (Autor)

Historia de Alemania - Posguerra, Guerra Fría
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Während des Zweiten Weltkrieges ermordete das sogenannte „Einsatzkommando Tilsit“ Tausende von Juden im Grenzgebiet zwischen dem Deutschen Reich und Litauen. 1958 wurden zehn Mitglieder des Kommandos im Ulmer Einsatzgruppenprozess wegen ihrer Teilnahme vor Gericht gestellt. Der Ulmer Einsatzgruppenprozess war der erste derartige Prozess vor einem deutschen Gericht. Obwohl er zu einem Wandel im Umgang mit NS-Gewaltverbrechen in der Bundesrepublik beitrug, bleibt er im Vergleich zum Auschwitz-Prozess (1964-65) relativ unerforscht. Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Monographie zum Thema.

Gegenstand der Masterarbeit ist die Wahrnehmung des Prozesses in der deutschen Öffentlichkeit. Die Arbeit basiert auf Archivakten im Staatsarchiv Ludwigsburg, auf einer Auswertung von zeitgenössischen Artikeln aus mehreren Zeitungen, auf Meinungsumfragen aus der Zeit des Prozesses, sowie auf Sekundärliteratur. Besonders wichtig für die Arbeit ist eine Sammlung von etwa 100 Briefen von Bundesbürgern an das Ulmer Schwurgericht.

Obwohl die Mehrheit der Westdeutschen die justizielle Aufarbeitung der Verbrechen unterstützte, war die Minderheit, die einen „Schlussstrich“ verlangte, beträchtlich. Vor diesem Hintergrund bietet die Arbeit eine detailreiche Analyse der Briefe von Bürgern an das Ulmer Schwurgericht gegen Ende der 50er Jahre. 60 Prozent der Briefschreiber waren dem Prozess gegenüber positiv eingestellt, während 37 Prozent den Prozess verurteilten. Die Briefe sind nicht mit einer wissenschaftlichen Stichprobe gleichzusetzen, bieten aber trotzdem Einsicht in das Denken der Menschen.

Die Befürworter des Prozesses gingen davon aus, dass Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Ihrer Ansicht nach waren solche Verfahren wichtig, um den Ruf der Bundesrepublik zu retten. In den prozesskritischen Briefen zeigte sich hingegen die Hartnäckigkeit von NS-Gedankengängen und von Antisemitismus sowie das Ausmaß der Selbststilisierung zu Opfern unter den Deutschen. Die Schriftstücke verdeutlichten deren Überzeugung, dass solche Prozesse Störfaktoren beim Wiederaufbau des Landes waren. Durch seine sorgfältige Analyse der Briefe ist es dem Verfasser gelungen, die Denkweise hinter den aus Meinungsumfragen des Allensbacher Instituts stammenden Zahlen zu verdeutlichen.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Forschungsüberblick

2. Quellenüberblick

II. Der Ulmer Einsatzgruppenprozess

1. Justizielle Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der BRD

2. Die deutsche Gesellschaft 1958 - Zeitgeschehen während des Prozesses

a) „Blutrichter-Kampagne“ der DDR ab Mai 1957

b) Bayreuther Prozess gegen KZ-Arrestverwalter Martin Sommer

c) Prozess gegen KZ-Arzt Hanns Eisele

3. Tätigkeiten der Einsatzgruppe A im Dritten Reich

a) Einsatzgruppe A

b) Durchführung der ersten Erschießung durch das Einsatzkommando Tilsit

4. Ermittlungen gegen Bernhard Fischer-Schweder

a) Fischer-Schweders Untertauchen nach dem Krieg

b) Die Enttarnung Fischer-Schweders

c) Ausweitung der Ermittlungen

d) Anklageerhebung

5. Der Prozessverlauf

a) Die Ankläger

b) Zeugenprobleme

c) Verteidigungsstrategie

d) Urteilsverkündung

III. Der Prozess im Spiegel der Medien

1. Medienberichterstattung über NS-Verbrechen

2. Berichterstattung über die Verfahrenseröffnung am 28. April 1958

3. August 1958: Verteidiger und Staatsanwälte halten ihre Plädoyers

4. Berichterstattung über das Urteil

5. NS-Verbrecher als kriminelle Einzeltäter

6. Wandel in der Presseberichterstattung 1958

IV. Die öffentliche Wahrnehmung - Briefe von Außenstehenden an das Gericht

1. Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach

2. Quellenbasis: Briefe an das Gericht

3. Negative Reaktionen auf den Prozess

4. Positive Reaktionen auf den Prozess

5. Unentschiedene Reaktionen

6. Die Rolle des Ulmer Einsatzgruppenprozesses und seine Auswirkungen

V. Schluss

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die öffentliche Wahrnehmung des Ulmer Einsatzgruppenprozesses von 1958, des ersten großen NS-Verfahrens der Bundesrepublik, und analysiert, inwiefern dieser Prozess zu einem gesellschaftlichen Umdenken hinsichtlich der NS-Vergangenheit beitrug.

  • Historische Einordnung des Ulmer Prozesses als Wendepunkt der Justizgeschichte
  • Analyse der Medienberichterstattung und der Darstellung der Angeklagten
  • Untersuchung der öffentlichen Meinung anhand von Briefen an das Gericht
  • Vergleich der medialen Wahrnehmung mit demoskopischen Umfragen der Zeit

Auszug aus dem Buch

II.3. Tätigkeiten der Einsatzgruppe A im Dritten Reich

Zeitgleich mit den Planungen für das ‚Unternehmen Barbarossa‘, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurden vier Einsatzgruppen aus Sicherheitspolizei (SiPO: Gestapo und Kriminalpolizei) und Sicherheitsdienst (SD) aufgestellt. Am 28. April wurden die Aufgaben der Einsatzgruppen in der „Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande der Wehrmacht“ festgehalten. Als der Überfall am 22. Juni 1941 erfolgte, war das Ziel der Einsatzgruppen, hinter der vorrückenden Wehrmacht neu eroberte Gebiete abzusichern. Diese Sicherung sollte in polizeilicher Hinsicht erfolgen und auch festgestellte politische Abwehrtätigkeiten und Spionageversuche beinhalten. Dazu gehörte vor allem, dass potentielle Gegner aufgespürt und nach ihrer Festnahme einer sogenannten ‚Sonderbehandlung‘ unterzogen werden sollten. Diese ‚Sonderbehandlung‘ beinhaltete die Ermordung der jüdischen Bevölkerung, verdächtiger Kommunisten und sonstiger verdächtiger Partisanen, wobei insbesondere die ‚jüdisch-bolschewistische Intelligenz‘ liquidiert werden sollte. Die Einsatzgruppen arbeiteten dabei äußerst schnell und ‚effektiv‘, weshalb nach nur zehn Monaten eine besonders grausame Bilanz bestand: Bereits 500.000 Menschen waren in den neu eroberten Gebieten den Einsatzgruppen zum Opfer gefallen. Dokumentiert wurden die Taten in den ‚Ereignismeldungen UdSSR‘, die minutiös Zeit, Ort und die Zahl der getöteten Personen enthielten. Die übermittelten ‚Ereignismeldungen‘ wurden unter höchster Geheimhaltung vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) ausgewertet und archiviert und sollten später beim Ulmer Prozess ein wichtiges Beweismittel darstellen.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Die Einleitung stellt den Ulmer Einsatzgruppenprozess als erstes großes NS-Verfahren vor einem deutschen Gericht und als möglichen Wendepunkt in der westdeutschen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vor.

II. Der Ulmer Einsatzgruppenprozess: Dieses Hauptkapitel erläutert die justizielle Aufarbeitung der NS-Zeit, das zeitgeschichtliche Umfeld, die verbrecherischen Aktivitäten der Einsatzgruppe A sowie die Ermittlungen gegen Bernhard Fischer-Schweder und den anschließenden Prozessverlauf.

III. Der Prozess im Spiegel der Medien: Dieser Abschnitt analysiert, wie die zeitgenössische Presse über den Prozess berichtete, welche Rolle Journalisten als Gatekeeper spielten und wie die Täter oft als isolierte Einzeltäter dargestellt wurden.

IV. Die öffentliche Wahrnehmung - Briefe von Außenstehenden an das Gericht: Hier wird die öffentliche Meinung anhand von archivierten Briefen an das Gericht sowie dem Vergleich mit zeitgenössischen Allensbach-Umfragen untersucht, wobei eine starke Polarisierung der Gesellschaft deutlich wird.

V. Schluss: Das Fazit resümiert, dass der Prozess zwar die Verbrechen der Einsatzgruppen öffentlich machte, das gesellschaftliche Umdenken jedoch sehr langsam verlief und der Großteil der Bevölkerung auf Verdrängung setzte.

Schlüsselwörter

Ulmer Einsatzgruppenprozess, NS-Verbrechen, Aufarbeitung, Justizgeschichte, Bernhard Fischer-Schweder, Einsatzkommando Tilsit, Medienberichterstattung, Schlussstrich-Mentalität, öffentliche Wahrnehmung, Nationalsozialismus, Zentrale Stelle, Gehilfenjudikatur, Erinnerungskultur, Strafverfolgung, Täterbilder

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?

Die Masterarbeit analysiert den Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958 und dessen Rezeption in der westdeutschen Öffentlichkeit, sowohl in den Medien als auch in der Bevölkerung.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zu den zentralen Themen gehören die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der jungen Bundesrepublik, die mediale Darstellung der Täter sowie die Untersuchung von Einstellungen innerhalb der Bevölkerung anhand privater Briefe an das Gericht.

Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?

Das Hauptziel ist es, aufzuklären, ob der Ulmer Prozess tatsächlich einen grundlegenden politisch-kulturellen Umbruch im Umgang mit der NS-Vergangenheit einleitete oder ob die breite Mehrheit an einer Verdrängung festhielt.

Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Untersuchung verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer akribischen Analyse zeitgenössischer Prozessakten, einer Auswertung der Presseberichterstattung verschiedener Zeitungen und einer qualitativen Analyse von Bürgerbriefen, ergänzt durch einen Vergleich mit demoskopischen Umfragedaten.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Ermittlungen, dem Prozessverlauf, der Verteidigungsstrategie der Angeklagten sowie der Art und Weise, wie Medien den Prozess und die Rolle der Täter als "Einzeltäter" darstellten.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Schlussstrich-Mentalität", "Gehilfenjudikatur", "Einsatzgruppen", "Aufarbeitung" und "Medienöffentlichkeit".

Welche Rolle spielte Bernhard Fischer-Schweder in diesem Prozess?

Fischer-Schweder war einer der Hauptangeklagten, dessen Biographie als Paradebeispiel für das Untertauchen ehemaliger NS-Täter in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft dient.

Warum war der Ulmer Prozess in der Justizgeschichte so bedeutsam?

Er gilt als der erste große "Holocaust-Prozess" vor deutschen Gerichten, der erstmals einen ganzen Verbrechenskomplex behandelte, statt nur gegen Einzelpersonen zu ermitteln, und damit den Weg zur Gründung der Ludwigsburger Zentralen Stelle ebnete.

Wie reagierte die deutsche Bevölkerung auf den Prozess?

Die Reaktionen waren extrem gespalten: Ein Teil der Bevölkerung befürwortete die Aufklärung, während ein signifikanter Teil empört über das Aufrollen alter "Wunden" war und Amnestie oder einen "Schlussstrich" forderte.

Wie lässt sich die Rolle der Medien bei der Berichterstattung beschreiben?

Die Medien trugen zur Personalisierung des Bösen bei, indem sie NS-Täter als isolierte "Einzeltäter" darstellten, wodurch die gesamtgesellschaftliche Verstrickung und die Verantwortung der breiten Bevölkerung oft ausgeblendet wurden.

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Detalles

Título
Einzelne Exzesstäter im Tilsiter Blutsommer? Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958 in der öffentlichen Wahrnehmung
Universidad
LMU Munich  (Historisches Seminar der LMU)
Calificación
1,3
Autor
Michael Hellstern (Autor)
Año de publicación
2014
Páginas
94
No. de catálogo
V309444
ISBN (Ebook)
9783668077768
ISBN (Libro)
9783668077775
Idioma
Alemán
Etiqueta
Ulmer Einsatzgruppenprozess Ulm 1958 Tilsit Einsatzgruppen Fischer-Schweder Befehlsnotstand Einsatzkommando Tilsit Zweiter Weltkrieg Allensbacher Institut Deutsche Öffentlichkeit Drittes Reich NS-Gewaltverbrechen öffentliche Wahrnehmung 50er Jahre Schlussstrichmentalität Antisemitismus Holocaust
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Michael Hellstern (Autor), 2014, Einzelne Exzesstäter im Tilsiter Blutsommer? Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958 in der öffentlichen Wahrnehmung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309444
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