Faszination Freiheit? Diskussion des Freiheitsbegriffs im Impulstext "Chancengerechte Gesellschaft"


Essay, 2012

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung ...2

2 Was heißt hier ‚frei‘? ...2

3 Was heißt hier ‚ungerecht‘? ...3

4 Was heißt hier ‚gefühlt‘? ...4

5 Was heißt hier ‚katholisch‘? ...6

6 Was heißt hier ‚solidarisch‘? ...7

7 Was heißt hier ‚gleich‘? ...7

8 Fazit ...9

Literaturverzeichnis ...10

1 Einleitung

„Politische Freiheit schließt Furchtlosigkeit ein, welche nur dort wächst, wo die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und heute wissen, wovon sie morgen und im Alter leben.“1 Dem im Juni 2011 von der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegten Impulstext „Chancengerechte Gesellschaft - Leitbild für eine freiheitliche Ordnung“2 gelingt es nicht, einen Freiheitsbegriff darzustellen, der zu einer solchen Furchtlosigkeit führen könnte. Das vorliegende Essay diskutiert, was die Autoren des Impulstextes unter dem Begriff der Freiheit verstehen und welchen Stellenwert sie der Freiheit in Bezug auf die Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit einräumen. Dabei wird sich zeigen, dass die bischöfliche Kommission einen verkürzten Freiheitsbegriff voraussetzt, der im letzten nicht zu der von ihr propagierten Chancengerechtigkeit führen kann. Betrachtet wird dazu auch die Frage, ob und inwieweit sich Bezüge zum Freiheits- und Gerechtigkeitsverständnis bei Johns Rawls herstellen lassen.

2 Was heißt hier ‚frei‘?

„Freiheit“3, schreibt Reinhard Marx, der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen des Impulstextes sei ein „zentraler Begriff des christlichen Glaubens […], der moralethisch ‚durchbuchstabiert‘ werden muss“4. Freiheit ist sodann auch der Schlüsselbegriff der gesamten Publikation, wie auch der Untertitel „Leitbild für eine freiheitliche Ordnung“ andeutet. Freiheit sei, so die Autoren des Impulstextes „das Faszinationswort der Moderne“5. Diese Faszination übt der Freiheitsbegriff offenbar auch auf die Autoren des Impulstextes aus. Zumindest liest sich so ihre Darstellung und Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Situation in Deutschland. Durch die Zunahme von Freiheitsräumen hätten sich demnach auch die Möglichkeiten vervielfacht. Dieser Wandel bringe aber auch Gefährdungen und Unübersichtlichkeit sowie Komplexität und Verunsicherung mit sich. Warum der beschriebene Wandel solche Gefährdungen nach sich zieht, wird dabei jedoch nicht erläutert. Man kann den Eindruck gewinnen, die Autoren hielten die Risiken, Gefährdungen und anscheinend ungerechten Verhältnisse schlicht für „unvermeidliche Kollateralschäden einer liberalen Gesellschaft“6 und ihrer positiven Entwicklungen, an denen eben nicht alle teilhaben können. Insgesamt ließe sich bei den Menschen ein Gefühl von Ungerechtigkeit und Angst vor einem möglichen sozialen Abstieg feststellen, und das, so behaupten die Autoren, obwohl Deutschland „gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen“ sei „und sich die Beschäftigung in Deutschland positiv entwickelt“7 habe. Auch diese Behauptungen der Kommission werden nicht erläutert, geschweige denn belegt.8

3 Was heißt hier ‚ungerecht‘?

Oftmals sei, so unterstellen die Autoren des Textes, die Ungerechtigkeit aber auch „nur eine gefühlte“9, um gleich im nächsten Satz zu versichern, man habe die „Sorgen und die Verunsicherung der Menschen ernst zu nehmen“10. Zu unterstellen, die Ungerechtigkeit sei vielfach gar nicht real, sondern bloße Einbildung, widerspricht dem Anspruch, man nehme die Sorgen der Menschen ernst.11 Ein ähnlicher Widerspruch findet sich auch im folgenden Absatz aus dem Vorwort von Reinhard Marx:

„In unserer heutigen, freiheitlichen Gesellschaft sind viele Menschen nicht in der Lage, ihre Freiheit auch zu nutzen. So spaltet sich die Gesellschaft in diejenigen, die mit Vertrauen und Zuversicht nach vorne schauen, Chancen und Möglichkeiten ergreifen, und diejenigen, die zögernd und ängstlich sind, vielleicht auch resignieren und sich deshalb am Rande der Gemeinschaft einrichten oder ohne eigene Schuld dort wiederinden. Sie haben den Eindruck, es gehe nicht gerecht zu, und bezweifeln, dass in diesem Gemeinwesen jeder gebraucht und einen Platz braucht.“12

Offenbar sind Marx und die bischöfliche Kommission der Überzeugung, dass bereits an Maximum an Freiheit in Deutschland vorhanden bzw. erreicht sei.13 Die klare Trennung und Gegenüberstellung der vertrauensvollen und zuversichtlichen ‚Macher‘ einerseits und den resignativ-ängstlichen ‚Verlierern‘ andererseits mutet geradezu grotesk an. Während die Beobachtung und das Benennen der offenkundigen gesellschaftlichen Spaltung wichtig und richtig ist, müsste doch vielmehr gefragt werden, ob und warum diejenigen, die sich angeblich „am Rande der Gemeinschaft einrichten oder ohne eigene Schuld dort wiederfinden“14 nicht in der Lage sind, „ihre Freiheit zu nutzen“15 oder ob diese Freiheit überhaupt gegeben ist. Dies versäumen die Autoren der bischöflichen Kommission. Dass ein Teil der Gesellschaft voller Zuversicht und Vertrauen sei, ein anderer jedoch von Angst und Resignation gebeutelt werde, ist eine allzu einfache Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Besonders nach der Finanz- und Wirtschaftskrise kann eine solch generelle Zuschreibung nicht mehr zutreffen. Vor allem werden nicht die Ursachen für einen solchen Bruch erläutert. Auch wenn das Papier im Folgenden einige konkrete Probleme und Ursachen des Wandels und seiner Gefährdungen benennt, so reicht es doch nicht aus, von dem bloßen „Eindruck, es gehe nicht gerecht zu“16 zu sprechen.

4 Was heißt hier ‚gefühlt‘?

John Rawls geht davon aus, dass Gesellschaft ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil ist. Rawls behauptet, dass fiktive, als repräsentativ gedachte Menschen in dem von ihm konstruierten Urzustand und hinter einem „Schleier des Nichtwissen“17 sich nur dann auf gerechte Grundsätze einigen können, wenn keiner von ihnen um seinen gesellschaftlichen Platz, seine natürlichen Gaben, seinen Charakter, seinen Lebensplan weiß. Eine Stärke der Rawlsschen Konzeption liegt dabei in der Priorität für die am schlechtesten gestellten Mitglieder der Gesellschaft.18

Der Schlüssel zum Verständnis dieses zunächst als unfair erscheinenden Vorrang liegt in der folgenden Überlegung: um gute Gerechtigkeitsgrundsätze festlegen zu können, muss man das gedankliche Wagnis eingehen, sich selbst an den untersten Rand der Gesellschaft zu stellen. Man muss sich also in die Lage versetzen, gegebenenfalls mit geringer Intelligenz und unvorteilhaftem Aussehen, finanziellen Nöten, der falschen religiösen bzw. ethnischen Zugehörigkeit am falschen Ort, dem schwächeren Geschlecht in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation usw. ausgestattet zu sein. Erst wenn man diese Situation gedanklich durchdacht hat und klar geworden ist, dass es diese nicht nur wirklich gibt, sondern sie auch tatsächlich auf jeden zutreffen könnte, ist man annähernd kompetent in der Lage, eine Entscheidung darüber zu treffen, wie Menschen, die sich in derartigen oder vergleichbaren Situationen befinden, in einer gerechten Gesellschaft behandelt werden sollen und welche Gerechtigkeitsgrundsätze dafür dienlich sind. Die Einnahme dieser Perspektive müsste letztlich notwendigerweise in einer Empathie für die Armen resultieren.

[...]


[1] Wir sind Europa : Manifest zur Neugründung der EU von unten. In: Die Zeit, N° 19, gedruckte Ausgabe vom 3. Mai 2012, 45.

[2] Vgl. KOMMISSION FÜR GESELLSCHAFTLICHE UND SOZIALE FRAGEN DER DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ: Chancengerechte Gesellschaft. Leitbild für eine freiheitliche Ordnung. Nr. 34. Bonn, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 2011.

[3] KOMMISSION, 5.

[4] Ebd.

[5] KOMMISSION, 9.

[6] EMUNDS, Bernhard et alii: Sozialethische Stellungnahme zum Impulstext „Chancengerechte Gesellschaft“. URL: www.sankt-georgen.de/nbi/publikationen/kommentare/2011/chancengerechte-gesellschaft-eine-stellungnahme, 27. Juni 2011, zuletzt heruntergeladen am 15.05.2012, Nr. 5.

[7] KOMMISSION, 9.

[8] Vgl. KOMMISSION, 9.

[9] KOMMISSION, 9.

[10] Ebd.

[11] Vgl. KOMMISSION, 9.

[12] KOMMISSION, 6.

[13] Vgl. Stellungnahme, Nr. 3.

[14] KOMMISSION, 6.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Vgl. RAWLS, 159-164.

[18] Vgl. a.a.O., 96-104.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Faszination Freiheit? Diskussion des Freiheitsbegriffs im Impulstext "Chancengerechte Gesellschaft"
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Veranstaltung
Hauptseminar: Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V309565
ISBN (eBook)
9783668080744
ISBN (Buch)
9783668080751
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Bischofskonferenz, Chancengerechte Gesellschaft, Freiheit, John Rawls, Emunds, Reichert, Kardinal Marx, Reinhard Marx
Arbeit zitieren
Diplom-Theologe Matthias Alexander Schmidt (Autor), 2012, Faszination Freiheit? Diskussion des Freiheitsbegriffs im Impulstext "Chancengerechte Gesellschaft", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309565

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