Sprachauffälligkeiten bei Kindern. Möglichkeiten der Sprachförderung durch Bewegung


Facharbeit (Schule), 2015

47 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Sprachentwicklung
1.1 Voraussetzungen
1.2 Beginn der Sprachentwicklung
1.3 Verlauf der Sprachentwicklung
1.4 Komponenten der Sprachentwicklung
1.5 Die vier Stadien der kindlichen Entwicklung nach Piaget

2 Sprachstörungen - welche Arten von Sprachstörungen gibt es?
2.1 Die Sprachentwicklungsstörung
2.2 Die Sprachentwicklungsverzögerung
2.3 Die Sprachentwicklungsbehinderung
2.4 Die Störung des Sprachverständnisses
2.5 Kindliche Redeflussstörungen

3. Früherkennung von Sprachstörungen
3.1 Positive Unterstützung bei Sprachstörungen: Was ist hilfreich?

4 Kommunikation in Verbindung mit neuen Medien
4.1 Umgang mit elektronischen Medien
4.2 Wie häufig werden Computer und Videospiele genutzt? Ergebnisse der KIM-Studie

5 Meine Möglichkeiten als Erzieher
5.1 Psychomotorik - Sprachförderung durch Bewegung und Spiele
5.2 Die Sinneswahrnehmung

6. Umsetzung der Bewegungsspiele

7. Reflexion

8. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang

Behandelte Themen: Umgang mit elektronischen Medien (LB 1: TF 1, TF 3) und Sprachförderung durch Bewegung (LB 3, TF 10)

Einleitung

Während meiner Ausbildung im evangelischen Kindergarten Wilhelmsruh konnte ich feststellen, dass die Mehrzahl der Kinder in meiner Gruppe sprachauffällig sind. Ich vermute, dass in den Familien nicht mehr genug gesprochen wird. Dies bestätigt sich für mich in den Kurzkontakten zu den Eltern. Ich beobachte, wie Mütter mit dem Smartphone am Ohr ihre Kinder in den Kindergarten bringen. Das Kind fährt mit dem Laufrad oder dem Fahrrad weit voraus, so dass die Sicherheit des Kindes nicht gewährt ist. Eine Kommunikation zwischen Mutter und Kind auf dem Weg in den Kindergarten findet nicht statt. Im Kindergarten angekommen, kann eine Verabschiedung nicht vollzogen werden, da die Mutter durch das Telefonat abgelenkt ist. Hier kommt das sprachliche Ritual der Verabschiedung oder auch der Begrüßung bei der Abholung zu kurz. Weder das Kind noch der Erzieher erhalten eine Wertschätzung des Elternteils, da keine Absprachen getroffen oder Informationen an den Erzieher herangetragen werden können. Umgekehrt kann der Erzieher bei der Abholung des Kindes auch keine Informationen an die Eltern weitergeben, wenn diese telefonieren.

Ein Handy ist heute nicht nur ein Statussymbol, sondern hat teilweise einen hohen Suchtfaktor. Viele Erwachsene sind ständig mit ihrem Handy beschäftigt. Dadurch sind sie teilweise selbst abgelenkt und unkonzentriert. Eltern können dem Kind nicht ihre volle Aufmerksamkeit widmen, die es benötigt. Das bedeutet, dass diese Zeit für die Kindererziehung fehlt. Aus meiner Beobachtung ziehen die Eltern viel zu viel Zeit für die elektronischen Medien ab, anstatt sich Zeit für ihr Kind zu nehmen. Sie verschicken lautlose Nachrichten und die Kinder bekommen keine Sprache und keine Regungen mehr mit. Diese bespielen ihre eigenen Spielkonsolen, so dass eine Kommunikation kaum noch stattfindet.

Daraus ergibt sich für mich folgende These, die ich in meinem Erfahrungsbericht näher beleuchten möchte:

Der Zeitfaktor ist wesentlich zum Erlernen der Sprache. Nehmen sich Eltern nicht ausreichend Zeit für ihre Kinder, verzögert sich die Sprachentwicklung.“

Wie viel Zeit haben wir in unserem beruflichen Alltag noch für die Kinder? Können wir

unsere Kinder ausreichend in einer angemessenen Sprachentwicklung unterstützen? Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zeit von ihren Eltern. Sie begeistern sich für so viele Dinge. Ein Nachmittag im Kinderzimmer inmitten von Bausteinen, Gesellschaftsspielen und Buntstiften kann Kindern und Eltern viel Freude bereiten. Viele Eltern haben vergessen, was es heißt ein Kind zu sein und sind zu sehr beschäftigt mit ihrer eigenen Welt. Dennoch ist es wichtig, sich Zeit für die Kleinen zu nehmen und ihnen genau das zu geben, was sie so dringend brauchen, um glücklich zu sein und sich zu entwickeln: Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe!

Diese Thematik hat eine hohe Relevanz in meinem beruflichen Alltag und ich werde immer wieder mit Auffälligkeiten konfrontiert. In meinem Erfahrungsbericht greife ich diese Problematik auf und werde sie unter Punkt 3 (Früherkennung von Sprachstörungen sowie Unterstützung bei Sprachstörungen, S. 13 ff.) näher beschreiben.

Es ist meine Aufgabe als Erzieherin, die Kinder zu fördern, ihre Ich-Kompetenzen, ihre Sozial-, Sach- und lernmethodischen Kompetenzen zu stärken und auf ihre Schwächen einzugehen, was unter Punkt 5 (meine Möglichkeiten als Erzieher) beschrieben wird. Die bewegungsorientierte Sprachförderung beinhaltet die Chance, an den kindlichen Kompetenzen anzusetzen.

Für den Austausch von Ideen, Vorstellungen, Informationen und Bedürfnissen ist Sprechen ein wichtiger Bestandteil der meisten Lebenssituationen von Kindern. Eine nonverbale Kommunikation ist beim Austausch von Gefühlen sehr begrenzt. Differenziertere Bildungsprozesse erfordern immer differenziertere Ausdrucksweisen, die ohne sprachliche Mittel kaum zu treffen sind. Partizipation und Dialog sind Grundlagen, auf denen sich ganzheitliche Bildungsprozesse entwickeln. Zuhören und Verstehen, eigene Ideen und Gefühle äußern und Fragen stellen sind Bestandteile der sich entwickelnden sprachlichen Kompetenz. Aus diesem Grund ist die Sprache sehr wichtig. Kinder, die mit Freude sprechen, sind sprachlich kreativ. Aus dem Spiel heraus entstehen Wortschöpfungen oder Ausdrucksweisen. Das Sprechen ist ein Werkzeug, was eingesetzt wird, um Absichten zu realisieren aber auch ein Spielzeug, das von der Wertschätzung für Personen und Dinge innerhalb der Gemeinschaft erzählt.1

Hieraus folgt meine zweite These:

„Durch gezielte Bewegungsspiele ist eine Förderung der Sprache möglich.“

In meinem Erfahrungsbericht möchte ich unter Punkt 5.1 (Psychomotorik - Sprachförderung durch Bewegung und Spiele) einen Teil der Sprachförderung beschreiben, explizit den Weg der Sprachförderung durch Bewegung.

Renate Zimmer, Professorin an der Universität Osnabrück, bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zur Bewegungserziehung und Psychomotorik beschreibt in ihrem Handbuch zur Sprachförderung durch Bewegung: „ Der Spracherwerb ist ein Lern- prozess, der durch die aktive Auseinandersetzung des Kindes mit seiner materialen und sozialen Umwelt geprägt ist. Kindliche Entwicklung ist als Einheit von Wahrnehmen, Han- deln, Fühlen und Denken zu verstehen. Sie ist geprägt durch die Merkmale der Selbsttä- tigkeit und Eigenaktivität, die sich sowohl in der Bewegungsentwicklung des Kindes, als auch in seiner Sprachentwicklung äußern. Der aktive Gebrauch der Sprache - im Dialog mit Erwachsenen und auch mit anderen Kindern - ist entscheidend für den Erwerb sprachlicher Kompetenzen.2

Ich pflichte der Autorin bei, denn meine Beobachtungen in unserer Einrichtung ergeben, dass die aktive Auseinandersetzung mit dem Kind zu kurz kommt. Nur wenige Eltern nehmen sich ausreichend Zeit beim Bringen und Abholen ihres Kindes. Meistens haben sie es eilig und gehen nicht auf die Erzählungen des Kindes ein.

Die Literatur der Autorin Renate Zimmer begleitet mich bis zum Ende in Punkt 6 (Umsetzung der Bewegungsspiele) durch meinen Erfahrungsbericht. Darin beschreibe ich, wie die Umsetzung in der Praxis funktioniert hat.

Bei allen Reifungsprozessen (Kapitel 1 - 5.2) hat jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo. Reife braucht Zeit.

1 Sprachentwicklung

Die Entwicklung der Sprache beginnt schon im Mutterleib. Wenn der Fötus am Daumen lutscht und Fruchtwasser schluckt, trainiert er bereits Körperteile, die für den Spracherwerb grundlegend sind: Die Lippen, die Zunge und Gaumen.

Die Entwicklung des Hörorganes beginnt bereits in der dritten Schwangerschaftswoche und ist in der ersten Schwangerschaftshälfte abgeschlossen. Der Fötus kann den Herzschlag der Mutter hören. Er kann laute Musik oder Geräusche außerhalb des Mutterleibes hören.

Ab dem 5. Schwangerschaftsmonat kann der Fötus durch die Gebärmutterwand zumindest die Sprachmelodie hören.

1.1 Voraussetzungen

Eine wichtige Voraussetzung für einen ungestörten Spracherwerb ist ein normales Hörvermögen. Nur mit einem funktionierenden Gehör kann ein Kind die richtigen Wörter und Laute hören, sie voneinander unterscheiden und aussprechen lernen. Eine weitere Voraussetzung ist das richtige Sehen, welches die Entwicklung des Sprachverständnisses unterstützt, weil das Kind den gesehenen Gegenstand mit dem gehörten Wort verbindet.

Das Kind muss seine Motorik so entwickeln, dass es damit in der Lage ist, Laute gezielt zu bilden und mit passender Gestik und Mimik zu begleiten.

Die kognitive Entwicklung ist für das Denken wichtig, welches sich parallel zur Hirnreifung entwickelt. Sie ist wichtig für die Aufnahme der Angebote aus der Umwelt. Umweltreize können also einen entscheidenden Einfluss auf die Hirnreifung, d. h. die Vernetzung von Gehirnzellen haben.3

1.2 Beginn der Sprachentwicklung

Als Beginn der vorsprachlichen Entwicklung gilt der erste Schrei. Dabei entfalten sich die Lungen des Babys, damit es selbständig atmen kann. Durch das Schreien trainieren Babys ihre Stimmbänder, die dazugehörigen Muskeln und die Beweglichkeit der entsprechenden Gelenke. Das Baby lernt schnell, dass durch sein Schreien seine Bedürfnisse erfüllt werden. Das Schreien verändert sich von Tag zu Tag und die Eltern können schnell entscheiden, was ihr Kind ausdrücken möchte. Das bedeutet, dass Eltern in der Lage sind, am Tonfall des Schreies zu erkennen, ob ihr Baby Hunger hat, ob es müde ist und nicht zur Ruhe kommt, ob es eine volle Windel hat oder Ähnliches.

Säuglinge erkennen bereits wenige Tage nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter und sie reagieren intensiver auf verbale Äußerungen ihrer Muttersprache als auf Äußerungen einer fremden Sprache. Das liegt an den prosodischen Merkmalen der Sprache, dem Sprachrhythmus und den Betonungen.4

Zum Zeitpunkt der Geburt ist das Gehirn allerdings noch unreif. Nur die Basisfunktionen sind ausgebildet. Die Sinnesorgane beginnen, Signale wie Berührungen, Sprache, Geräusche, Farben und Formen aus der Umwelt aufzunehmen. Erst diese Erfahrungen stoßen die Vernetzung im Gehirn an. Von den bei der Geburt angelegten 100 Milliarden Nervenzellen und deren Verbindungen bleiben nur diese erhalten, die durch Übung und Erfahrung aktiviert werden.5

Bevor ein Kind sein erstes Wort sprechen kann, muss es lange zuvor dieses Wort erst verstehen können. Das Sprachverständnis kommt also vor dem Sprechen lernen. Das Sprechen entwickelt sich aus dem Situationsverstehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern ein gesprochenes Wort mit der jeweiligen Situation in Verbindung bringen, in dem sie z. B. sagen: „Mama macht Essen für Dich“, oder „jetzt mache ich Dir den Popo sauber!“

1.3 Verlauf der Sprachentwicklung

Ab dem 2. Monat beginnt die erste Lallphase. Sie ist international und äußert sich in schnalzen, schmatzen, gurren usw. Es werden sogenannte Lautketten gebildet. Ab dem 6. bis ca. 12. Lebensmonat beginnt die zweite Lallphase, in der das Kind zunehmend die Laute der Muttersprache benutzt; die anderen (internationalen) Laute werden nicht mehr verwendet. Die Wahrnehmung des Kindes erweitert sich und somit werden die Laute auch über das Gehör aufgenommen. Gehörlose Kinder verstummen hier, weil sie sich auf Grund des fehlenden Hörvermögens mit der Bezugsperson verbal nicht mehr verständigen können und die Laute nicht nachahmen können.

Mit dem 9. bis 12. Monat beginnt das Kind bestimmte Dinge und Situationen mit Lautgebilden zu bezeichnen, z. B. „Ba“ für Ball oder „Laffe“ für Flasche. Die Kinder zeigen ein sogenanntes exploratives Spielverhalten, in dem sie Gegenstände in den Mund nehmen und hören, welche Geräusche sie erzeugen und wie sie sich anfühlen. Bis zum 18. Lebensmonat sprechen die Kinder ca. 50 Wörter. Danach erfolgt die sogenannte Wortschatzexplosion. Der Wortschatz wächst innerhalb weniger Wochen und Monate überproportional schnell an.6

1.4 Komponenten der Sprachentwicklung

Zur Sprachentwicklung gehören mehrere Komponenten, die ein Kind erwerben muss. Der Einstieg in den Spracherwerb erfolgt über die Prosodie, also die rhythmische Gliederung von Spracheinheiten und die Sprachmelodie. Die Prosodie bildet die Grundlage für die weitere Entwicklung. Darauf folgt die Fähigkeit der Phonetik und der Phonologie. Die Phonetik befasst sich mit der Bildung bzw. der korrekten Aussprache von Lauten (Phonen). Die Phonologie beinhaltet den Lautgebrauch und die lautliche Struktur der Wörter. Die Ebene Sematik - Lexikon befasst sich mit der Bedeutung der Wörter. Im Lexikon geht es um die Bedeutung der Wörter. Die Wörter sind wie ein Spinnennetz miteinander verknüpft.

Die Entwicklung der Ebene Morphologie und Syntax ist wichtig für die grammatischen Strukturen. Die Morphologie, die das Konjugieren der Verben und Deklinieren der Substantive betrifft, befasst sich mit dem internen Aufbau von Wörtern. Im Syntax geht es um die korrekte Reihenfolge der Wörter im Satz.

Die Pragmatik ist die Lehre vom Gebrauch der Sprache. Sie ist die Kompetenz, die das ausdrückt, was man unter welchen Umständen wie sagt. Damit ist die Situationsangemessenheit der sprachlichen Aussage gemeint.

1.5 Die vier Stadien der kindlichen Entwicklung nach Piaget

Der Genfer Forscher Jean Piaget entdeckte bei der Beobachtung seiner eigenen Kinder bestimmte „Gesetzmäßigkeiten“ der kindlichen Entwicklung. Piaget unterscheidet in vier wesentliche Stadien der kindlichen Entwicklung.7

1. Das Sensomotorische Stadium von 0 - 2 Jahre

Dieses Stadium verläuft in sechs Stufen, die ich auf Seite 8 näher beschreibe.

2. Das präoperatorische, anschauliche Denken (ca. 2 bis 6 Jahre) mit den beiden Unterperioden:

- Entwicklung der Symbolfunktion, der Sprache des vorbegrifflichen Denkens (2 bis 6 Jahre)
- Anschauliches, noch stark der Wahrnehmung verhaftetes irreversibles Denken (ca. 4 bis 7 Jahre)

3. Das Stadium der konkreten Operationen 6. bis 10. Jahre)

Operationen können in der Vorstellung durchgeführt werden, Reversibilität, Gruppierung und Klassenbildung, sind aber noch stark konkret-anschaulich.

4. Das Stadium der formalen Operationen (ab dem 10. Lebensjahr): Formales, abstraktes Denken. In der Phase ist das Kind in der Lage, über konkrete Dinge sowie auch über die Gedanken nachzudenken. Es kann logische Schlussfolgerungen aus vorhandenen Informationen ziehen.

Für Piaget ist das Spiel immer ein Überwiegen der Assimilation über die Akkomodation.8

Im Rahmen dieser Ausführungen möchte ich hierbei nur die für die Sprache relevanten Errungenschaften erläutern. Die sechs Stufen des sensomotorischen Stadiums.

In der ersten Stufe (1. Monat) ist das Baby nur mit den Reflexen wie Saugen, Schreien und Geräuschorientierung ausgestattet.

In der zweiten Stufe macht das Baby primäre Kreisreaktionen Das bedeutet, dass ursprünglich zufällige Handlungen, die zu einem angenehmen Ergebnis geführt haben, wiederholt werden. Die Säuglinge sind auf ihre eigenen Bewegungen fixiert, beobachten diese sorgfältig und gewinnen die Kontrolle über das eigene Verhalten. Die durch Anpassung erworbenen Verhaltensweisen, wie z. B. das Saugen, werden an andere Gegenstände assimiliert, z. B. an den Daumen.

In der dritten Stufe entwickeln Säuglinge sekundäre Kreisreaktionen. Hierbei wiederholen sie Handlungen, die zu Bildern oder Geräuschen führen. Jetzt interessieren sie sich mehr für die Auswirkungen ihrer Handlungen und nicht mehr ausschließlich für die eigenen Körperreaktionen. Jetzt werden Handlungen mit Gegenständen spielerisch weitergeführt, wenn die Akkomodation erfolgt ist. Piaget glaubte, an der Mimik eines Kindes feststellen zu können, ob es einen Gegenstand wiederzuerkennen versucht oder ob es nur spielt.

In der vierten Stufe erlangen die Kinder die Fähigkeit, sensomotorische Schemata zu koordinieren, um ein Ziel zu erreichen. Das heißt, dass das Kind schon weiß, dass es erst einige andere Gegenstände beiseite räumen muss, um an das gewünschte Objekt zu gelangen. Sie sind nun in der Lage, einen Gegenstand zu finden, der z. B. zuvor gezeigt wurde und dann unter einer Decke versteckt wurde (Objektpermanenz). Genau zu diesem Zeitpunkt, also wo das Kind im kognitiven Bereich ein erstes Schema der Objektpermanenz entwickelt hat und wo im sozial-kommunikativen Bereich die Individuationsent wicklung ihren Anfang nimmt, lernt das Kind auch das Laufen. Das Laufen wird zu einem der wichtigsten „Motoren“ für die weitere Entwicklung im kognitiven, sozialkommunikativen und sprachlichen Bereich.9

Mit den tertiären Kreisreaktionen der fünften Stufe wiederholen Kinder nicht mehr einfach nur bestimmte Handlungen, sondern wandeln diese ab und beobachten die Wirkungen auf die Umwelt so, als ob sie systematisch die Eigenschaften von Objekten erkunden wollten. Das Kind hat verstanden, dass es z. B. an einer Decke ziehen muss, um an einen bestimmten Gegenstand ranzukommen.

In der sechsten Stufe erfinden Kinder neue sensomotorische Schemata durch eine Art geistige Erkundung, bei der sie sich bestimmte Ereignisse und Ergebnisse bildlich vorstellen. Z. B. haben sie verstanden, dass sie einen Stuhl an die Wand stellen müssen, um an den Lichtschalter zu kommen, wenn dieser zu hoch ist. Das Kind kann also die Ergebnisse seiner Handlungen antizipieren.

Am Ende der sensomotorischen Phase löst sich das Spielsymbol als symbolisches Schema vom Ritual. Dieser Vorgang geschieht zur gleichen Zeit, wenn die aufgeschobene Nachahmung auf Grund der jetzt vorhandenen Vorstellung möglich ist. Jetzt ist das Kind dazu fähig, sprechen zu lernen. Bei den symbolischen Schemata besteht jetzt eine Dissoziation zwischen Zeichen und bezeichnetem Objekt. Das Zeichen, die Teile der Sprache, sind willkürlich oder konventionell gesetzt, das Symbol hat noch Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten. Zum Spielsymbol wird ein Objekt an ein vorher bestehendes Schemata assimiliert, der Bauklotz wird z. B. zum Auto.

Die Ablösung des sensomotorischen Übungsspiels durch das Symbolspiel der präoperativen Phase beginnt also gleichzeitig mit dem Erscheinen der Sprache. Das Symbolspiel setzt die Vorstellung von abwesenden Objekten voraus.10

Bruner11 weist bezüglich des kindlichen Spracherwerbs darauf hin, dass Kinder mit dem Sprechen die Kultur, in der sie leben werden, erlernen. Die Erwachsenen geben ihre Kultur an die Kinder weiter. Dieser kommt auch beim Spracherwerb eine wesentliche Bedeutung zu. Damit sind auch Wahrnehmungsprozesse und Bewegungshandlungen von Kindern kulturell und sozial geprägt. Mimik und Gestik sind kulturspezifisch persönliche Ausdrucksmittel, die im sozialen Kontext erworben werden.

Sprechen ist eine motorische Handlung, die eine sehr komplexe Bewegungsplanung erfordert. Spezielle Bewegungen des Mundes, der Zunge und der Lippen müssen so geord net werden, damit ein Wort gebildet wird.

Kinder mit Sprach- oder Sprechproblemen weisen oftmals auch eine motorische Aufnahmestörung auf.12

Auf Grund der Komplexität der Sprache mit ihren erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten ist die Sprachentwicklung sehr störanfällig.13

Es gibt mehrere Arten von Sprachstörungen, die entstehen können.

2 Sprachstörungen - welche Arten gibt es?

2.1. Die Sprachentwicklungsstörung (SES) ist eine primäre Störung, d.h. es liegen keine

organischen Ursachen wie Hirnschädigungen vor oder emotionale Schädigungen, Verhaltensstörungen oder primäre Hörstörungen, z. B. Taubheit. Bei der SES ist der Erwerb und der Gebrauch der Sprache beeinträchtigt. SES kann sich auf vier sprachlichen Ebenen zeigen:

a) Die esematisch-lexikalische Ebene beinhaltet den Wortschatz. Diese Ebene kann lexikalische und sematische Störungen beinhalten.

Störungen im Lexikon zeigen sich in den quantitativen Worteinträgen, d. h. das Kind hat nur eine begrenzte Anzahl an Wörtern zur Verfügung. Das kann den aktiven als auch den passiven Wortschatz betreffen.

Im passiven Wortschatz unterscheidet man zwischen:

- Störungen bei der Wortaufnahme

Diese liegt vor, wenn das Kind weniger Wörter lernt als das ungestörte Kind. Ein Grund dafür kann sein, dass das Kind nicht ausreichend Strategien kennt, wie es Wörter erlenen oder richtig anwenden kann.

- Störung bei der Wortspeicherung, in der das Kind genauso viele Wörter wie das ungestörte Kind lernt, diese aber schlechter behandelt oder die Wörter im eigenen „Wörterbuch“ (Lexikon) nur schlecht findet. Das Kind kann also die Bausteine (die phonologische Form) eines Wortes schlechter behalten.

Diese beiden Störungen werden mit dem Begriff „Störung des Wortverständnisses“ zusammengefasst. Dabei entstehen Probleme im Verstehen von Wörtern, Sätzen und Geschichten und so auch beim Benennen von Gegenständen und Handlungen. - Störungen im aktiven Wortschatz sind Störungen in der Wortproduktion. Das bedeutet, dass das Benennen von Gegenständen, Handlungen, Situationen, Eigenschaften und Orten Probleme bereitet.

Eine Störung in der Sematk liegt vor, wenn das Kind die Wortbedeutung nicht versteht.

b) Die phonetische oder phonologische Störung zeigt sich in falscher Aussprache von Lauten (Phonen). Lispeln (Sigmatismus) ist eine häufig vorkommende phonetische Störung. Eine phonologische Störung liegt vor, wenn Konsonanten vorverlagert werden, d.h. „k“, was im hinteren Rachen gebildet wird, wird zu „t“, was im vorderen Mundraum gebildet wird.
c) Störungen in der Ebene Syntax und Morphologie sind Störungen in der Grammatik. In der Syntax wird die Anordnung von Wörtern in Sätzen falsch gebildet. Bei Störungen in der Morphologie wird die Verbendstellung meist nicht verändert, d. h. das Verb wird nicht gebeugt oder die Vergangenheit wird nicht richtig gebildet (falsche Tempusbildung).
d) Störungen der Ebene Kommunikation-Pragmatik äußern sich in der verminderten Fähigkeit, Gefühle und Erlebnisse in einer dem Zuhörer verständlichen Art und Weise sprachlich wiederzugeben.

2.2 Die Sprachentwicklungsverzögerung (SEV) ist eine Verzögerung der kindlichen

Sprachentwicklung.

2.3 Die Sprachentwicklungsbehinderung (SEB) ist eine sekundäre Sprachstörung. Es

liegt also eine mentale, neurologische, sensorische oder tiefergreifende Beeinträchtigung wie z. B. Autismus vor. SEB ist daher oft mit einer geistigen Behinderung oder mit einer Körper- oder Lernbehinderung verbunden.

2.4 Störung des Sprachverständnisses kann man bei sehr jungen Kindern nicht direkt

feststellen. Der sog. „Late Talker“ kann erst im Kindergartenalter festgestellt werden, da es sich hier in der Regel um Kinder handelt, die mit ca. 2 Jahren noch keine 50 Wörter sprechen und/oder keine Wortkombinationen verwenden.

[...]


1 Vgl. Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, S. 16 f.

2 Zimmer, Renate, in: Handbuch Sprachförderung durch Bewegung, Freiburg im Breisgau 2009, S. 12

3 http//www.Sprachheilberater.de, Biedermann, Lothar, Voraussetzungen für die Sprachentwicklung, 12.02.15 4

4 vgl. Zimmer, Renate, in: Handbuch Sprachförderung durch Bewegung, Freiburg im Breisgau 2009, S. 56

5 Zimmer, a.a.O., S. 19

6 vgl. Bunse, Sabine und Hoffschildt, Christiane, in: Sprachentwicklung und Sprachförderung im Elementarbereich, München, 2008, S. 64 ff.

7 Bunse, a.a.O.

8 Schmitz, Gudrun, in: Die Entwicklung des kindlichen Spiels, Internationale Frostig-Gesellschaft

9 Zollinger, B., in: Die Entdeckung der Sprache, Bern, 2004, Haupt, S. 19

10 vgl. Schmitz, Gudrun, S. 24 f.

11 Bruner, J. (Hrsg.): Wie das Kind sprechen lernt, Bern, 2002, Huber

12 Ayres, A. J., in: Bausteine der kindlichen Entwicklung, Berlin,1984, Springer

13 vgl. Schöler, H./Scheib, K., in: Desiderate und Thesen zur Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen, 2004

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Sprachauffälligkeiten bei Kindern. Möglichkeiten der Sprachförderung durch Bewegung
Autor
Jahr
2015
Seiten
47
Katalognummer
V309620
ISBN (eBook)
9783668088078
ISBN (Buch)
9783668088085
Dateigröße
1126 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachauffälligkeiten, kindern, möglichkeiten, sprachförderung, bewegung
Arbeit zitieren
Britta Wedel (Autor), 2015, Sprachauffälligkeiten bei Kindern. Möglichkeiten der Sprachförderung durch Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309620

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