Freies Erinnern bei Kompatibilität von Wortvalenz und motivationalem System. Zum Embodiment des Annäherungs- und Vermeidungssystems


Praktikumsbericht / -arbeit, 2011
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung

2 Einleitung

3 Methoden
a) Stichprobe
b) Materialien
c) Versuchsablauf
d) Design

4 Ergebnisse

5 Diskussion

6 Literaturverzeichnis

1 Zusammenfassung

Das Annäherungssystem und das Vermeidungssystem haben die Aufgabe, Personen schnell und angemessen auf Umweltreize reagieren zu lassen. Die beiden motivationalen Systeme können jedoch umgekehrt auch propriozeptiv aktiviert werden, wie Neumann und Strack (2000) nachweisen konnten. Diese Aktivierung, zum Beispiel durch Ausstrecken bzw. Beugen des Armes, wirkt zurück auf die Enkodierung von Informationen, die negative oder positive Qualität besitzen. Es tritt ein Kompatibilitätseffekt auf, der bei Übereinstimmung von motivationalem System und Itemvalenz die Enkodierung erleichtert. In unserem Experiment versuchten wir, den positiven Einfluss des Kompatibilitätseffekts von aktiviertem motivationalem System und Wortvalenz auf die Leistung bei freiem Erinnern nachzuweisen. Wir ließen unsere Versuchspersonen (VPn) während der Bildschirmpräsentation positiver oder negativer Wörter entweder das Annäherungssystem durch Armbeugung oder das Vermeidungssystem durch Armstreckung aktivieren und erfassten später, an wie viele positive und negative Wörter sie sich erinnern konnten. Angenommen wurde, dass die VPn, bei denen das Annäherungssystem während des Enkodierungsprozesses aktiviert gewesen war, mehr positive Wörter erinnern würden, während die VPn in der Vermeidungssystem-Gruppe mehr negative Wörter erinnern würden. Die Auswertung der Daten konnte unsere Annahmen nicht bestätigen, legten aber einen nicht signifikanten Effekt in die vorhergesagte Richtung nahe. Mögliche Erklärungen für unser Unvermögen, den Kompatibilitätseffekt nachzuweisen, sind Abschwächung der somatischen Aktivierung durch einmalige Ausführung der Bewegung, ein Vorteil von Wiedererkennungsaufgaben gegenüber Aufgaben zum freien Erinnern aufgrund von Hinweisreizen beim Abruf und die Möglichkeit, dass die Wortliste intentional gelernt wurde. Wir empfehlen deshalb am Ende der Diskussion, eine weitere Untersuchung zum Vergleich der beiden Aufgabenstellungen durchzuführen und dabei die sich aus der oben genannten Kritik ergebenden möglichen Fehlerquellen zu vermeiden.

2 Einleitung

Man kann sich vorstellen, dass es in der menschlichen Stammesgeschichte von hohem evolutiven Vorteil war, adäquat und schnell auf aversive oder appetitive Umgebungsreize zu reagieren, um zum Beispiel beim Anblick eines gefährlichen Tieres die Flucht zu ergreifen. Schon früh wurde angenommen, dass der Mensch über zwei unabhängige motivationale Systeme verfügt, die Einfluss auf das Verhalten und auf die evaluative Verarbeitung haben. Es handelt sich hierbei um das Annäherungssystem für appetitive Reize einerseits und das Vermeidungssystem für aversive Reize andererseits. Diese motivationalen Systeme können automatisch über Umweltreize, also exterozeptiv, oder propriozeptiv über Wahrnehmungen aus dem eigenen Körper heraus aktiviert werden.

Neumann (2003) geht in seinem Artikel auf den bidirektionalen Zusammenhang von affektiver Verarbeitung und motivationaler Orientierung ein. Demnach tritt sowohl das Verhalten einer Person als auch die Valenz der verarbeiteten Inhalte in Wechselwirkung mit den beiden motivationalen Systemen, wobei das Bewusstwerden der Valenz und ihr Einfluss auf das Annäherungs- oder Vermeidungssystem als evaluative Prozesse bezeichnet werden. Von Kompatibilität spricht man in diesem Zusammenhang, wenn positive Valenz mit dem aktivierten Annäherungssystem oder negative Valenz mit dem Vermeidungssystem zusammentrifft. Aus dieser Wechselwirkung ergibt sich die Vorhersage, dass entsprechendes Verhalten die motivationalen Systeme aktivieren kann.

In unserem Basistext von Neumann und Strack (2000) wird die Aktivierung der motivationalen Systeme über propriozeptive und exterozeptive Hinweisreize thematisiert. In Experiment 1 sollten die Versuchspersonen (VPn) Wörter positiver oder negativer Wortvalenz entweder mit gebeugtem oder gestrecktem Arm kategorisieren. Wie angenommen, konnten sie dies schneller, wenn das über die Bewegung aktivierte motivationale System kompatibel mit der Wortvalenz war, also wurden zum Beispiel bei Aktivierung des Annäherungssystems durch gebeugten Arm die positiven Wörter schneller kategorisiert. Die Ergebnisse konnten in Experiment 2 für eine exterozeptive Aktivierung der motivationalen Systeme mittels einer optischen Täuschung repliziert werden. Um zu untersuchen, ob die evaluative Verarbeitung bewusst erfolgt, sollten die VPn in Experiment 3 eine lexikalische Entscheidungsaufgabe bearbeiten. Auch hier konnten sie bei Kompatibilität von motivationalem System und Wortvalenz schneller entscheiden, ob es sich bei dem präsentierten Item um ein Wort oder ein Nichtwort handelt, woraus die Autoren schließen, dass die motivationalen Systeme vor einer bewussten evaluativen Verarbeitung aktiviert werden.

Der Einfluss des aktivierten Annäherungs- oder Vermeidungssystems auf das Gedächtnis wurde von Förster und Strack (1996) erforscht. Sie ließen ihre VPn, während diese über Kopfhörer Wörter unterschiedlicher Valenz hörten, kompatible (Nicken für Annäherungssystem, Kopfschütteln für Vermeidungssystem) oder inkompatible Bewegungen ausführen und testeten mit einer Wiedererkennungsaufgabe, ob die VPn hypothesenkonform mehr Wörter behalten hatten, die bezüglich ihrer Valenz kompatibel mit dem aktivierten motivationalen System waren. Die Annahmen der Autoren wurden bestätigt. Sie konnten in ihrem dritten Experiment außerdem zeigen, dass durch Kompatibilität während des Enkodierungsprozesses in einer ersten Aufgabe die Verarbeitungskapazität für eine zweite Aufgabe erhöht werden konnte.

In unserem Experiment im Rahmen des Experimentalpraktikums orientierten wir uns im Wesentlichen an den beiden ersten Experimenten von Förster und Strack (1996), wobei wir die Auswirkungen der somatischen Aktivierung motivationaler Systeme auf eine Aufgabe zum freien Erinnern untersuchten und nicht wie bei Förster und Strack (1996) im Zusammenhang mit einer Wiedererkennungsaufgabe. Die Aktivierung des Annäherungs-systems wurde wie in Experiment 1 von Neumann und Strack (2000) durch Drücken gegen die Unterseite des Tisches (gebeugter Arm) ausgelöst, das Vermeidungssystem hingegen durch Drücken auf die Oberseite des Tisches (gestreckter Arm). Es wurde ein Kompatibilitätseffekt erwartet, wobei Wortvalenz und Handposition interagieren sollten: für die Aktivierung des Annäherungssystems sagten wir eine größere Anzahl erinnerter Wörter mit positiver Wortvalenz voraus, bei aktiviertem Vermeidungssystem sollten mehr negative Stimuli erinnert werden. Wir stellten also die Hypothese auf, dass die Kompatibilität zwischen Wortvalenz und motivationalem System die Enkodierung kompatibler Wörter erleichtert.

3 Methoden

a) Stichprobe

Bei den VPn handelte es sich um 87 Psychologiestudenten, die im Rahmen des Experimentalpraktikums an der Untersuchung teilnahmen. Die endgültige Stichprobe bestand jedoch aus nur 82 VPn, da fünf VPn ausgeschlossen werden mussten, weil sie als Muttersprache eine andere als deutsch angegeben hatten. Die berichteten Daten beziehen sich auf diese endgültige Stichprobe. Es nahmen 70 Frauen und 12 Männer im Alter zwischen 19 und 47 Jahren teil (M = 22.5, SD = 4.40). Es handelte sich um 73 Rechtshänder und neun Linkshänder.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Freies Erinnern bei Kompatibilität von Wortvalenz und motivationalem System. Zum Embodiment des Annäherungs- und Vermeidungssystems
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Psychologisches Institut)
Veranstaltung
Aufbaumodul Forschungsmethoden
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V309624
ISBN (eBook)
9783668079380
ISBN (Buch)
9783668079397
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annäherung, Vemeidung, Kompatibilitätseffekt, Embodied Cognition
Arbeit zitieren
Franziska Kreisel (Autor), 2011, Freies Erinnern bei Kompatibilität von Wortvalenz und motivationalem System. Zum Embodiment des Annäherungs- und Vermeidungssystems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309624

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