Die Sprache der Soldaten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Soldaten und ihre Sprache
3.1 Sprachliche Sozialisation der Soldaten
3.2 Charakteristika der Sprache

4. Die Sprache der Soldaten der DDR
4.1 Sozialisation der NVA-Soldaten
4.2 Charakteristika und Beispiele der NVA-Soldatensprache

5. Sprache der Soldaten der BRD - Sprachliche Sozialisation, Charakteristika und Beispiele

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Militärsprache der Armeen der Welt lässt sich in eine offizielle Kommando- und Befehlssprache und eine inoffizielle, außerdienstliche Soldatensprache unterteilen. Die offizielle Variante ist geprägt von Eindeutigkeit, Prägnanz, Genauigkeit aber auch von tarnsprachlichen Elementen. Die inoffizielle Sprache der Soldaten ist rau und spöttisch und sie symbolisiert die Flucht aus dem Dienstalltag. Sie zeigt eine andere Seite des Soldatendaseins, ohne Pflichtbewusstsein und Gehorsam gegenüber der staatlichen Autorität, im Gegenteil: mit Hilfe der Sprache lehnen sich die Soldaten heimlich gegen ihre Ausbilder und Vorgesetzten auf und verarbeiten auf diese Weise ihre selten als angenehm empfundene Zeit des Wehrdienstes.

Innerhalb dieser Ausarbeitung soll aufgezeigt werden, inwiefern es eine inoffizielle Sprache der Soldaten gibt, wie sie sich darstellt und welche Funktionen sie hat. Des weiteren soll der Versuch eines Vergleiches der Soldatensprache der beiden deutschen Staaten gemacht werden.

2. Forschungsstand

Besonders während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges wurde zum Thema Soldatensprache geforscht und publiziert, wobei zwischen 1914 und 1918 mehr veröffentlicht wurde, als zwischen 1939 und 1945. Nach 1945 war das Interesse an der Sprache des Militärs und der Soldaten offensichtlich geringer, was sich an der relativ überschaubaren Anzahl von Werken ablesen lässt, die zu diesem Thema verfasst wurden. Der Grund dafür war wohl die Wiedereinführung der Wehrpflicht und das negative Echo darauf.[1]

So sind an Nachkriegsliteratur Heinz KÜPPER mit seinem Buch über das Landserdeutsch von 1939 bis 1945 (1970) und den Wörterbüchern zum Bundessoldatendeutsch (1978 und 1986) zu erwähnen. Auch Reinhard OLT beschäftigt sich mit der Soldatensprache vergangener Zeiten in seiner 1980 erschienenen Dissertation zu deutschen Soldatenliedern des Ersten Weltkrieges. In einem Aufsatz in der „Muttersprache“ Nr. 91 gibt OLT 1981 zudem einen Forschungsüberblick zum Thema soldatensprachliche Forschung. Ebenfalls in der Zeitschrift „Muttersprache“ Nr. 74 (1963) beleuchtet Hugo MOSER die dienstliche und inoffizielle Bundeswehrsprache und geht dabei besonders auf das Problem der „Verenglischung“ derer ein. Reinhard HAUSCHILD legte in den achtziger Jahren (1983 und 1986) zwei Wörterbücher vor, in denen der Jargon der westdeutschen Armee festgehalten wurde und kurz zuvor erläuterte bereits Brigitte HANDWERKER die militärische Fachsprache und deren inoffizielles Pendant in einem Aufsatz in den Osnabrücker Beiträgen zur Sprachtheorie Nr. 21.

Was die Ausdrucksweise der NVA-Soldaten anbelangt so äußerte sich bereits 1961 der DDR-Bürger Hans HERTEL dazu. In den Potsdamer Forschungen der Brandenburgischen Landeshochschule Nr. 108, Reihe A referieren die Autoren Rolf BOCK und Klaus-Peter MÖLLER über das Phänomen der DDR-Soldatensprache (1991) und auch Holger-Jens KARLSON und Jörg JUDERSLEBEN beschäftigen sich mit diesem bisher in der Bundesrepublik wenig beachteten Thema („Muttersprache“ Nr. 104 von 1994). Jemand, der sich in der BRD noch vor dem Übertritt der DDR in die BRD diesem Sujet annahm, war Wolf OSCHLIES in seinen 1987 erschienen soziolinguistischen Bemerkungen zum DDR-Soldatenjargon. Weiterhin hat sich Jana WOBORSCHIL 1992 in ihrer Diplomarbeit dem Problem der DDR-Soldatensprache zugewandt. Die aktuellste Erscheinung zur Soldatensprache der Nationalen Volksarmee ist das Buch „Der wahre E“ von Klaus-Peter MÖLLER aus dem Jahre 2000, welches eine sehr umfangreiche Sammlung von Jargonausdrücken beinhaltet.

Die Aufsatzautoren KARLSON und JUDERSLEBEN konstatieren zur Forschung, dass es außer den Werken KÜPPERs, OLTs und OSCHLIES’ „keine weitere ernst zu nehmende Publikation“[2] zu diesem Thema gibt, was ihrer Meinung nach wohl an der politischen Färbung vieler anderer Erscheinungen liegt, welche wiederum keine objektive und damit wissenschaftliche Betrachtung des Sujets zulässt. Das mag richtig sein, wenn man besonders die Bücher bis 1945 im Sinn hat oder eben die Veröffentlichung Hans HERTELs 1961. Die jüngere Beschäftigung mit der Soldatensprache hat allerdings mehr Produktives als nur die genannten Werke zu bieten, wie die obige Darstellung zeigt. So sind, was die Sammlung soldatischer Wendungen anbelangt, zum Beispiel die Wörterbücher HAUSCHILDs für die westdeutsche Soldatensprache von einigem Interesse. Dieser Meinung schließt sich auch OLT an, wenn er sagt, dass das Wörterbuch von HAUSCHILD „für die Sprachwissenschaft doch von einigem Wert sein wird“[3].

Die Behandlung des Themas in dieser Arbeit hat vor allem die Werke WOBORSCHILs und OSCHLIES’ zur Grundlage, aber auch den Aufsatz von JUDERSLEBEN und KARLSON, sowie die Wörterbücher von BOCK und KÜPPER. Des weiteren diente der Beitrag MOSERs, der Forschungsüberblick OLTs und diverse Gespräche des Autors dieser Hausarbeit mit ehemaligen Soldaten der NVA zur Informationsbeschaffung.

Von nur geringem Nutzwert dagegen war der Aufsatz von Brigitte HANDWERKER, da sie sich dem Sujet der Soldatensprache nur minimal widmet, denn ihr Hauptthema ist die Begriffsbestimmung in der Militärsprache.

Überraschend bei der Literaturrecherche war, dass es im Endeffekt mehr informative und konkrete soziolinguistische Arbeiten zur DDR-Soldatensprache gibt, als zu jener der Bundeswehrsoldaten. Der Grund mag vielleicht in dem Reiz gelegen haben, sich mit einem für Westdeutsche, zum Beispiel OSCHLIES, „fremden“, „andersartigen“ Wesen und Charakter einer Armee auseinander zu setzen, wie es die NVA für „normale“ Bürger der BRD vielleicht war. Es gibt nach jetztigem Stand lediglich einen Text, der sich konkret soziolinguistisch mit der Soldatensprache der BRD auseinandersetzt, nämlich der MOSERs. Die insgesamt vier Wörterbücher von HAUSCHILD und KÜPPER beinhalten zwar auch kurze Bemerkungen zur Sprache der Soldaten, die soziolinguistisch allerdings von geringer Bedeutung sind. Der Beitrag von HANDWERKER ist für dieses Thema ebenfalls nicht informationsreich genug und der OLTsche Forschungsüberblick ist lediglich eine gute Recherchebasis. Anders sieht es mit der Literaturfülle zur DDR-Soldatensprache aus, die wesentlich umfangreicher ist, ausführliche Forschungsergebnisse präsentiert und in Form der neuesten Erscheinung von MÖLLER eine sehr umfangreiche Literaturliste zur Militärsprache in all ihren Facetten bietet.

3. Soldaten und ihre Sprache

Zunächst muss man, wenn man von der Sprache der Soldaten spricht, unterscheiden zwischen der offiziellen Sprache, der Befehls- und Amtssprache auf der einen Seite und der inoffiziellen Redeweise der Soldaten bzw. der Wehrdienstpflichtigen auf der anderen Seite. Aufgrund der erzwungenen räumlichen und damit auch sprachlichen Nähe der Sprecher von Soldaten- und Kommandosprache, vermischen sich allerdings die Fachtermini der Dienstsprache mit der Umgangssprache der Soldaten.[4] So werden beispielsweise Begriffe der Dienstsprache in den Soldatenjargon aufgenommen und andersherum gelangen über Offiziere Wörter der soldatischen Mundart in die Amtssprache.[5]

Zwischen den sprachlichen Gepflogenheiten der Berufssoldaten und den Grundwehrdienstleistenden gibt es generell keine Unterschiede, jedoch merken KARLSON und JUDERSLEBEN an, dass durchaus „eine von der Soldatensprache abweichende Form der Offiziersumgangssprache [existiert]“[6]. Diese ist stark dienstsprachlich gefärbt und dient der Verstärkung erteilter Befehle.[7]

Den nichtoffiziellen Ausdruck der Soldaten selbst bezeichnet OSCHLIES als Jargon, wobei er Jargons als Gruppensprachen definiert, deren Eigenschaft es ist, „herkömmlichen Begriffen einen neuen Sinn [unterzuschieben]“.[8] Als „Soldatenjargon“ an sich versteht OSCHLIES

„einen militärspezifischen Techno-Soziolekt, der situationsbezogen-variabel die sozioprofessionelle Sondersituation und das Lebensgefühl von Berufs- und Zeitsoldaten wiederspiegelt.“[9]

Laut Paul HORN, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Monographie über die Soldatensprache veröffentlichte, stammt die Soldatensprache aus der Bevölkerung und ist dem Rotwelsch oder der Studenten- bzw. Jugendsprache zuweilen sehr ähnlich.[10] Damit wiederum stimmt auch OSCHLIES überein, wenn er sagt, dass die Soldatensprache ein Mischphänomen ist.[11] Sie ist, je nach Betrachtungsweise, nach den drei „Grundtypen aller Sondersprachen“[12], den Geheimsprachen, den Fachsprachen und den Jargons, kategorisierbar. Demzufolge ist die jugendliche Ausdrucksweise unter den Wehrpflichtigen das Zeichen für das jargonhafte Wesen der Soldatensprache, also die Gruppenausrichtung und Integration. Die „Auseinandersetzung mit Befehl und Gehorsam“[13] führt ihrerseits zur geheimsprachlichen Verwendung der Soldatensprache, was dem Rotwelsch nahe kommt. Der fachsprachliche Aspekt der Soldatensprache ergibt sich aus den offiziellen Diensttermini, mit dem die Wehrpflichtigen konfrontiert sind.

In einem Wörterbuch zur Soldatensprache der Bundeswehr beschreibt KÜPPER ausführlich, dass der Wortschatz der Wehrdienstleistenden, „bis auf sachbedingte Kleinigkeiten“[14] allgemein aus dem Sprachgebrauch der zivilen Welt und speziell aus dem Sprachgebrauch der Heranwachsenden stammt. Der Wortschatz der Soldaten deckt sich laut KÜPPER mit dem der Halbwüchsigen und Schüler. Es existiert eine Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Bundeswehr, aus welcher

„die Gemeinsamkeit des weitgehend volkstümlichen Wortbestands [entsteht und wächst]“ und so „wie die Bundeswehr kein Staat im Staate ist, so ist auch das Bundessoldatendeutsch keine Sondersprache im allgemeinen Deutsch“[15].

KARLSON und JUDERSLEBEN stellen fest, dass eine linguistische Einordnung der Soldatensprache schwierig ist, denn ihre Merkmale treffen auf manche Eigenschaften verschiedener Termini, wie Jargon, Soziolekt, Standessprache, Gruppensprache oder Argot zu. Allerdings kann keiner von diesen die Gesamtheit der soldatensprachlichen Eigenarten umfassen.

Die Autoren orientieren sich deswegen an Gerhard LOOSE, der 1947 die Kategorie Mischsprache, ähnlich dem „Mischphänomen“ OSCHLIES’, für die Soldatensprache wählte, und begründen dies damit, dass die außerdienstliche Sprache der Soldaten

„eine nach allen Seiten offene Sprache“ ist, „ die Elemente der Jugendsprache, der vulgären Umgangssprache, der Dienstsprache, früherer Soldatensprachen und verschiedener Berufsprachen in sich vereinigt“[16].

In dieser Hausarbeit soll der inoffizielle Soldatenjargon schlicht als „Soldatensprache“ definiert werden, da sich aus dem Wort „Soldat“ ergibt, dass es die Sprache der Soldaten ist, also nicht speziell die Fach- und Kommandosprache des Militärs und weil das Wort „Sprache“ in seiner Bedeutung sehr allgemein ist und deswegen die soldatische Sondersprache mit einschließt.

[...]


[1] Vgl.: KARLSON, Holger Jens/ JUDERSLEBEN, Jörg: Die Soldatensprache der NVA. Eine Wortschatzbetrachtung, in: Muttersprache 104 (1994), S. 147

[2] KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 148

[3] OLT, Reinhard: Soldatensprache. Ein Forschungsüberblick, in: Muttersprache 91 (1981), S. 102

[4] Vgl.: KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 144

[5] Vgl.: KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 144

[6] KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 144

[7] Vgl.: KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 144

[8] OSCHLIES, Wolf: Wie „Mucker“ bei der „Fahne“ reden. Soziolinguistische Bemerkungen zum DDR-Soldatenjargon, Köln 1987 (Berichte des Bundesinstitutes für ostwissenschaftliche Studien 23), S. I

[9] OSCHLIES: Wie „Mucker“ bei der „Fahne“ reden, S. 4

[10] Vgl.: OSCHLIES: Wie „Mucker“ bei der „Fahne“ reden, S. 7

[11] Vgl.: OSCHLIES, Wolf: Würgende und wirkender Wörter – Deutschsprechen in der DDR, Berlin 1989, S. 213

[12] OSCHLIES: Würgende und wirkende Wörter, S. 213

[13] OSCHLIES: Wie „Mucker“ bei der „Fahne“ reden, S. 2

[14] KÜPPER, Heinz: ABC-Komiker bis Zwitschergemüse. Das Bundessoldatendeutsch, Wiesbaden 1978, S. XIV

[15] KÜPPER, S. XXII

[16] KARLSON/ JUDERSLEBEN, S. 146

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Sprache der Soldaten
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Soziolinguistik
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V30979
ISBN (eBook)
9783638321235
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Soldaten, Soziolinguistik
Arbeit zitieren
Johannes Keil (Autor), 2004, Die Sprache der Soldaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30979

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