Zeitungssucht und Zeitungsnutzen. Meinungsbilder zum Zeitungskonsum in der Frühen Neuzeit


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das gedruckte Nachrichtenwesen im 17. Jahrhundert

3. Der Nutzen der Zeitungen aus Sicht Kaspar Stielers und Christian Weises

4. Ahasverus Fritschs Thesen gegen die Zeitungssucht

5. Bewertung und Analyse beider Meinungsbilder

6. Schlussbetrachtung

7. Quellen – und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Den Grundstein für die Geschichte der Presse in Deutschland legte Mitte des 15. Jahrhunderts die Erfindung und Mechanisierung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg.Wie kein anderes Ereignis zu dieser Zeit steht der Buchdruck stellvertretend für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und war Voraussetzung für eine der ersten Massen­medien der Menschheitsgeschichte: den regelmäßig erscheinenden Zeitungen und Zeitschrif­ten. Eine Zeitung ist per Definition:

[...] ein ungebundenes Druckwerk von mäßigem Seitenumfang, das in kurzen periodischen Zeitspannen öffentlich erscheint, von jedermann gegen relativ geringes Entgelt erworben werden kann und brandneue Nachrichten aus aller Welt und allen Wirklichkeitsbereichen vermittelt.[1]

Die ersten Druckwerke, die dieser Definition von Johannes Weber entsprechen, fanden sich im deutschsprachigem Raum Anfang des 17. Jahrhunderts und erfuhren von dort an einen ra­sant steigenden Einfluss – und Beliebtheitsgrad.

Schon sehr früh befassten sich daher zeitgenössische Akademiker damit das neue Medium auf Nützlichkeit, Wirkung und andere Faktoren hin zu analysieren. Ein großer Teil der Gelehrten, allen voran beispielsweise Kaspar Stieler (1632-1707) , betonte deutlich den sozialen und kulturellen Nutzen der Zeitungen und stufte etwaige Risiken, sowie Unwägbarkeiten des Zeitungskonsums herab. Doch es existierten auch viele Intellektuelle wie Ahasverus Fritsch (1629-1701), der eine ernsthafte „Gefahr“ in der aufkommenden „Zeitungssucht“ der Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts erkannte und die Neugier der Menschen „jeden Standes“[2] verurteilte. Die sehr forsch formulierten, sich wider des „wilden“ Zeitungslesens richtenden Thesen Fritschs gilt es zu erörtern, in einen historischen Kontext zu setzen und sie mit gegensätzlichen Meinungsbildern seiner Zeit zu vergleichen.

Nachdem zu Beginn die Entstehung des Zeitungswesens und die Charakteristika der so ge­nannten „Neuen Zeitungen“ knapp erläutert wurden, folgt ein Kapitel über den gesellschaftli­chen Nutzen der Nachrichtenblätter mit Rückgriffen auf Quellentexte, die sich überwiegend positiv zu dem neuen medialem Phänomen äußern. Dem entgegengesetzt bildet die ausführli­che Auseinandersetzung mit Ahasverus Fritschs Streitschrift „Abhandlung von den NACH­RICHTENBLÄTTERN genannt NEUE ZEITUNGEN und ihrem Gebrauch und Mißbrauch heutzutage“ die Grundlage für die nächsten Kapitel ehe der Vergleich beider Parteien, sowie die Schlussbetrachtung samt Fazit, die Arbeit beschließt.

2. Das gedruckte Nachrichtenwesen im 17. Jahrhundert

Die ersten periodisch erscheinenden Wochenzeitungen im deutschsprachigen Raum entstan­den Anfang des 17. Jahrhunderts. In Straßburg gründete wahrscheinlich bereits 1605 der Ver­leger Johann Carolus die so genannte „Relation“ und Julius Adolph von Söhne in Wolfenbüt­tel wenige Jahre später die „Aviso“. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts existieren Belege für erste Tageszeitungen im mitteleuropäischem Raum, darunter zum Beispiel die „Einkommenden Zeitungen“ aus Leipzig[3]. „Zeitung“ bedeutete zu dieser Zeit lediglich „Nachricht“ und stand nicht wie heute als Begriff für das Gesamtwerk, wie man am Beispiel des sechsmal die Woche erscheinenden Leipziger Nachrichtenblatts erkennen kann[4].

Vor den periodisch erscheinenden Zeitungen beherrschten die gelegentlich publizierten auf Sensationen ausgerichteten „Neuen Zeitungen“ den Markt und wurden erst in einem langwäh­renden Prozess, der sich über das ganze 17. Jahrhundert zog von den Tages – und Wochenzei­tungen abgelöst. Da die Neuen Zeitungen bestimmte Charakteristika der Tages – und Wochen­zeitungen wie Aktualität, Publizität und Universalität bereits erfüllten aber das wichtige Krite­rium der Periodizität nicht vorhanden war, gelten sie trotzdem als Vorläufer der periodischen Zeitungen[5].

Den Faktor der Periodizität, also das regelmäßig aufeinanderfolgende Erscheinen in Perioden bzw. Intervallen darf nicht unterschätzt werden, da diese Regelmäßigkeit erst dafür sorgte, dass aus dem Nachrichtenwesen eine „soziale Institution“ wurde, die die gesellschaftliche Kommunikation auf ein neues Level hievte[6]. An dieser Stelle muss allerdings erneut differen­ziert werden, da neben den Tages – und Wochenzeitungen auch die so genannten „Meßrelatio­nen“ regelmäßig erschienen. Da sich die Meßrelationen allerdings ausschließlich auf die „ne­wen Zeitungen“ also die neuen Meldungen zwischen zwei Verkaufsmessen etwa in Leipzig oder Frankfurt am Main bezogen, erschienen sie nur halbjährlich[7] und erfüllten die sonstigen Zeitungskriterien, aufgrund ihrer beschränkten Nachrichtenselektion und der mangelnden Publizität nicht, womit der Fokus wieder auf den Neuen Zeitungen liegen soll.

Die Art der Berichterstattung besagter Neuer Zeitungen wich von den Artikeln der regelmäßig erscheinenden Zeitungen ab, da die Nachrichtentexte häufig in Prosa, Liedern, Reimen oder Gebeten kommuniziert wurden. Die Tageszeitungen konnten um einiges ausführlicher und ausschweifender berichten, ein bestimmtes Ereignis über Dauer und mehrere Ausgaben hinaus beleuchten und mit Hintergrundinformationen gespickt, vollständig analysieren. Einer Neuen Zeitung, die in unregelmäßigen Abständen und häufig zudem als Einblattdruck publiziert wur­de, war diese neuere Art der Nachrichtenvermittlung nicht möglich.

Als zusätzlich zu den periodisch erscheinenden Zeitungen auch noch die themenbezogenen Zeitschriften den Markt überhäuften, waren kaum noch Abnehmer für die Neuen Zeitungen vorhanden und sie verschwanden Anfang des 18. Jahrhunderts.

Da sich die meisten Quellentexte die hier behandelt werden nicht eindeutig auf den einen oder anderen Zeitungstyp berufen, ist anzunehmen, dass sie ihre Thesen sowohl auf die periodi­schen als auch die Neuen Zeitungen beziehen.

3. Der Nutzen der Zeitungen aus Sicht Kaspar Stielers und Christian Weises

Eine der ältesten und ausführlichsten Schriften zu sämtlichen Facetten rund um das entstande­ne Pressewesen im 17. Jahrhundert liefert Kaspar Stielers Werk „Zeitungs Lust und Nutz“ von 1695. Stieler besuchte zeit seines Lebens viele Universitäten, studierte unter anderem Theolo­gie, Jura und Medizin, allerdings ohne in einer der genannten Disziplinen einen Abschluss zu erlangen. Er arbeitete ferner als Sekretär am Rudolstädter Hof in Thüringen, wo er sich neben seinen höfischen Pflichten, zu denen auch das tägliche Verlesen der Zeitungen gehörte, der Schriftstellerei widmete[8]. Stielers Abhandlung ist auch deshalb so bedeutsam, da er mitunter direkt auf die rund zwanzig Jahre zuvor erschienene Streitschrift von Ahasverus Fritsch ein­geht. Ein Grund dafür ist mit Sicherheit die Tatsache, dass Stieler in seiner circa dreijährigen Zeit am Rudolstädter Hof unter Fritsch gearbeitet hatte, der dort als Hof – und Justizrat tätig war.

Grundsätzlich ist Stieler ein „Zeitungsfreund“ und richtet sich bereits im ersten Kapitel seines Werks konkret gegen jene Zeitungsgegner, die er selbst als „Zeitungsstürmer“[9] betitelt. Mehr­fach betont er den großen Nutzen, den man aus der Zeitungslektüre ziehen kann und verteidigt die Neugier der Menschen als natürlichen Trieb[10], indem er schreibt:„Alle Menschen verlan­gen etwas zu wissen und zu erfahren“[11]. Allerdings privilegiert er nicht alle Personen zum Le­sen der Nachrichtenblätter. Er wendet sich in seinen Ausführungen an das Bürgertum, welches als solches im 17. Jahrhundert noch nicht existierte aber für Stieler als Sammelbegriff für Ge­bildete und Bildungssuchende verwendet werden kann[12]. Die Zeitungslektüre sei ihm zu Folge nützlich für all diejenigen die eine gewisse Bildung genossen haben und vertraut waren mit der zeitgenössischen Heraldik, europäischer Geschichte, den Fürstenhäusern, fremden Spra­chen und politischen Grundkenntnissen.

Anhand der eben genannten Bedingungen die Stieler an den Zeitungsleser stellte, wird er­kennbar für welche gesellschaftlichen Gruppierungen die Wissensaneignung durch Zeitungen seiner Meinung nach dienlich waren und für wen nicht, nämlich die weitestgehend Ungebilde­ten. Solchen Menschen, Stieler nennt sie „Zeitungsjäger“, die der Zeitungslektüre frönen, ein­zig um Neues zu erfahren ohne das Erfahrene verstehen zu können, „nur dass sie was zu schwatzen haben“[13], begegnete er mit Spott und Abneigung.

Eine vergleichbare Haltung zum Nutzen der Zeitungen vertritt auch Christian Weise (1642-1708), ein Pädagoge und Dichter. Fest steht für beide Zeitungsbefürworter beispielsweise die Tatsache, dass die publizierten Nachrichten mitunter falsch, irreführend oder „von unge­schickten Federn verfasst“ worden sein können[14]. Doch selbst diesen, nach Weise, „unordent­lich verfassten Zeitungen“[15] schreibt er einen Nutzeffekt für den Leser zu. Auch er wendet sich wie Stieler hauptsächlich an Gelehrte, Staatsmänner und Gebildete, jedoch hebt der Päd­agoge aufgrund seiner erzieherischen und lehrenden Funktion besonders den Gebrauch für junge Leute hervor und appelliert an diese Generation.

Es wäre zu wünschen / es möchten sich junge Leute zuweilen die Mühe nehmen / und aus den Gazetten mit einem oder mehrern ihres gleichen in einem Discours über die vorfallenden Begebenheiten sich erbauen / so würden sie zu seiner Zeit den Nutzen mit größtem Vergnügen empfinden.[16]

[...]


[1] Weber, Johannes:„„Die Novellen sind eine Eröffnung des Buchs der gantzen Welt“. Die Entstehung der Zeitung im 17. Jahrhundert“, in Beyrer, Klaus(Hrsg.):„Als die Post noch Zeitung machte. Eine Pressegeschichte“, Gießen, 1994, S.15.

[2] S. Barton, Walter:„Ahasver Fritsch und seine Streitschrift gegen die Zeitungssucht seiner Zeit“, Jena, 1999, S.17.

[3] Böhn, Andreas:„Mediengeschichte. Eine Einführung“, Tübingen, 2008, S.61.

[4] Vgl. Elger, Blühm:„Die Zeitung. Deutsche Urteile und Dokumente von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Bremen 1967, S.17.

[5] Lang, Helmut W.:„Die Verdrängung: Periodische Zeitung vs. Neue Zeitung“, in: Brauer, Volker (Hrsg.):„Die Entstehung des Zeitungswesens im 17. Jahrhundert: Ein neues Medium und seine Folgen für das Kommunikationssystem der Frühen Neuzeit“, Bremen, 2011, S.79.

[6] Vgl. Wilke, Jürgen:„Grundzüge der Medien – und Kommunikationsgeschichte.2. durchgesehene und ergänzte Auflage“, Köln, 2008, S.40.

[7] Vgl. Stöber, Rudolf:„Deutsche Pressegeschichte. Einführung, Systematik, Glossar“, Konstanz, 2000, S.50f.

[8] Vgl. Stieler, Kaspar:„Zeitungs Lust und Nutz. Vollständiger Neudruck der Originalausgabe von 1695 herausgegeben von Gert Hagelweide“, Bremen, 1969, S.VIIIf.

[9] Vgl. Ebd. S.56.

[10] Ebd. S.8.

[11] Stieler, Kaspar:„Zeitungs Lust und Nutz“, S.8.

[12] Vgl. Blühm, Elger:„Die Zeitung“, S.58.

[13] tieler, Kaspar:„Zeitungs Lust und Nutz“, S.10.

[14] Weise, Christian:„Curieuse Gedancken von den Nouvellen oder Zeitungen“, Leipzig, 1706, S.3.

[15] Ebd. S.5.

[16] zit. nach: Blühm, Elger:„Die Zeitung“, S.54.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zeitungssucht und Zeitungsnutzen. Meinungsbilder zum Zeitungskonsum in der Frühen Neuzeit
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
"Alteuropäisches Dorfgeschwätz - Sprechen, Schreiben und Schicken in der Vormoderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V309810
ISBN (eBook)
9783668081369
ISBN (Buch)
9783668081376
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuzeit, Mediengeschichte, Zeitung, Publizistik, Pressegeschichte
Arbeit zitieren
Manuel Freudenstein (Autor), 2015, Zeitungssucht und Zeitungsnutzen. Meinungsbilder zum Zeitungskonsum in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309810

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