Das Böse und das Gute in Ljudmila Petruševskajas Prosa. Die Figur der Protagonistin in der Erzählung „Svoj krug“


Hausarbeit, 2010
11 Seiten, Note: 2.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die drei Schichten in den Erzählungen von Petruševskaja

3. Die Charakterisierung der Protagonistin

4. Die Mutter- Kindbeziehung

5. Schluss

6.Literaturliste

1. Einleitung

Obwohl Ljudmila Petruševskaja schon seit den siebziger Jahren schreibt, konnte Ihr erster Erzählungsband erst 1988 erscheinen.[1] Ein Grund dafür ist Ihre Art zu schreiben. Ihre Prosa schockiert und wird wegen ihrer Grausamkeit abgelehnt. Auch ihre bekannteste Erzählung „Svoj krug“ wurde nach ihrem Abdruck von Vielen kretisiert.

Die Frau, die ihr Kind verprügelt und keinerlei Gefühle zeigt wird vom Leser oft als ein Scheusal wahrgenommen.[2]

Die, auf der Oberfläche liegenden Fakten können auf den Leser einen falschen Eindruck machen und seine Wahrnehmung auf das Böse lenken. Bei einer genauen Untersuchung, kann man merken, dass die Erzählerin im Freundeskreis eine Maske trägt, die sie ihrer Rolle zufolge nicht ablegen darf und dass sie in der Wirklichkeit eine ganz andere Persönlichkeit besitzt als in der Gruppe der Fall ist.

Da an wenigen Stellen ihr Alltags-Ich, das im Gegensatz zu ihrer Rolle im Freundeskreis steht, zum Vorschein kommt, stellt sich die Frage, ob die Erzählerin ein Bösewicht ist, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint.

Die vorliegende Arbeit versucht die Frage zu beantworten. Zuerst sollen die drei Schichten in den Erzählungen von Petruševskaja aufgeführt werden. Daran schließt sich die Charakterisierung der Protagonistin unter Berücksichtigung ihrer Außenseiterposition in der Gruppe und schließlich wird die Mutter- Kindbeziehung behandelt.

Es soll gezeigt werden, dass die Protagonistin gezwungen ist, die Rolle eines Bösewichtes zu spielen und dass sie auch nur eine Möglichkeit hat, die Zukunft ihres Kindes zu sichern, nämlich sich in die Roll einer Rabenmutter zu versetzten, was ihr auch schwerfällt, denn sie muss dafür die Liebe zu ihrem Sohn opfern.

2. Die drei Schichten in den Erzählungen von Petruševskaja

Wie Petruševskaja sich selbst zu ihrem Schreiben äußert, haben ihre Erzählungen drei Schichten. Die erste Schicht ist die Schicht der Fakten. Die zweite Schicht ist die Stimme des Erzählers, der sich auf eine bestimmte Weise zu diesen Fakten verhält. Und tief unten versteckt liegt die dritte Schicht, nämlich die Stimme des Autors.

Vom Leser wird oft nur die erste, auf der Oberfläche liegende Schicht der Fakten oder noch die zweite Schicht wahrgenommen. Wenn nur die ersten zwei Schichten wahrgenommen werden, steht die Stimme des Erzählers im Gegensatz zur Stimme des Autors.[3] Wie zum Beispiel in der Erzählung „Mein Kreis“ neig der Leser, bei der Wahrnehmung nur der ersten zwei Schichten dazu, die Protagonistin als eine harte und gefühlslose Person zu beurteilen.

3. Die Charakterisierung der Protagonistin

Zu Beginn der Erzählung charakterisiert sich die Protagonistin als ein harter, mitleidloser Mensch, der Andere mit Spott begegnet.

“Я человек жесткий, жестокий, всегда с улыбкой на полных, румяных губах, всегда ко всем с насмешкой.“[4] (Ich bin ein harter, mitleidloser Mensch, habe ein Lächeln auf den vollen, roten Lippen und bin zu allen immer spöttisch).

Diese, von der Erzählerin verratene Charakterzüge begleiten sie durch die ganze Erzählung. Sie sind in der Rolle, die ihr im Freundeskreis zugeschrieben ist, und die sie auch willig spielt, zu finden. Durch diese Rolle, die im Vordergrund steht, wird die Wahrnehmung ihres Alltags- Ich, das ihr auferlegten Rolle nicht entspricht, erschwert.[5]

Wegen ihren Bemerkungen, die sie auf eine sehr direkte Art macht, „ Все говорили: кто желтые, кто светло-карие, а я сказала – еврейские, и все почему-то смутились [...] А чего собственно, я сказала? Я сказала правду.“[6] (Die einen sagten gelbe, die anderen hell-braune, aber ich sagte- jüdische, und alle gerieten aus unklaren Gründen, in Verlegenheit. Was habe ich eigentlich gesagt? Ich sagte die Wahrheit.) wird sie im Freundeskreis nicht geliebt, aber in ihrer Funktion als „Hofnarr“ geduldet.[7]

„ Он как-то морщился, уклонялся от темы, ни разу больше не произнес слова « перднуть» и невзлюбил меня, как все, с первого взгляда и навеки.“[8] ( Er runzelte die Stirn, versuchte das Thema zu meiden, hat nicht mehr das Wort „furzen“ ausgesprochen und könnte mich, wie alle auf den ersten Blick und für immer, nicht leiden.) „ Der notorische Zynismus und Sarkasmus der Erzählerin ist für alle bereits zur Gewohnheit geworden, wie die Reaktion der Clique auf eine ihrer Anstößigkeiten zeigt.“[9]

„ Тут все они засмеялись дружным, довольным смехом и сели за стол. Моя роль была сыграна, дальше сыграл свою роль Серж [...].“[10] ( Sie alle brachen in Lachen aus, das freundlich und wohlfühlend war, und setzten sich an den Tisch. Meine Rolle war gespielt, weiter spielte seine Rolle Serge.)

Nicht nur zu ihren Freunden, sie scheint auch zu ihren Eltern kalt und gefühllos zu sein. „ Я легла снова, долежала до утра, проводила Алешу в школу, а потом папу в больничный морг.“[11] ( Ich mich wieder hingelegt, lag bis es graute, habe Aleša in die Schule gebracht und dann Vater in das Leichenhaus.)

Diese Fakten, die auf der Oberfläche liegen und für den Leser leicht zugänglich gemacht werden, können die Wahrnehmung beeinflussen und die Protagonistin zu einem Bösewicht machen, indem die Fakten, die dagegen sprechen können übersehen werden.

Wie Petruševskaja selbst sagt, ist in der Erzählung alles viel zu versteckt, dass man das auf den ersten Blick merken könnte.[12]

Bei einer genauen Untersuchung kann man merken, dass nur an wenigen Stellen, zum Vorschein kommendes Alltags-Ich der Protagonistin im Widerspruch zu diesen Fakten steht.

Als sie über den Tod ihrer Eltern spricht, kommen Gefühle zur Sprache. Man kann merken, dass sie ihre Eltern liebt und dass sie auch keinen um Hilfe bietet und Mut beweist.[13]

„ [...] а недавно дед умер, мой отец, а моя мать умерла три месяца перед тем, за одну зиму я потеряла родителей, причем мать умерла от той болезни почек, какая с некоторых пор намечалась и у меня и которая начинается со слепоты.“[14] ( und vorkurzem starb Großvater, mein Vater und meine Mutter starb drei Monate davor, in einem Winter verlor ich Eltern, meine Mutter starb an derselben Nierenkrankheit, die sich auch seit einiger Zeit bei mir abzeichnete und die mit Erblindung beginnt.)

An dieser Stelle kommt die Stimme des Autors zur Sprache, die das Alltags-Ich der Erzählerin sichtbar macht.[15] Sie wird als eine ganz andere Person dargestellt, als sie im Freundeskreis erscheint. Warum spielt aber die Protagonistin die Rolle eines harten, mitleidlosen Menschen, der alle verspottet? Eine Erklärung dafür könnte man in ihrer Außenseiterposition sehen.

Sie selbst fühlt sich in diese Gruppe nicht zugehörend.[16] („[...] я тут сбоку припека, [...]“).[17] ( ich, als das fünfte Rad am Wagen) Ihre Art sich in dem so genannten Freundeskreis zu präsentieren, könnte als Schutz betrachtet werden. Ihre Angriffe könnten als Selbstschutz betrachtet werden. Auf diese Art schützt sie sich von den Angriffen der anderen.[18] Man könnte vermuten, dass „sie […] die anderen zum Opfer macht, um nicht selbst zum Opfer zu werden.“[19]

Da sie nur durch diese Rolle in der Gruppe akzeptiert werden kann, könnte sie als eine Außenseiterfigur gesehen werden. Ein anderer Grund dafür ist tödliche Krankheit, an der sie leidet und an der auch ihre Mutter gestorben ist.

Obwohl das bösartige Verhalten der Erzählerin im Vordergrund steht, kann man trotzdem die ganze Schwere ihres Schicksals durchschauen.[20] „ Die ohnehin sterbenskranke Mutter der Erzählerin wird von den Ärzten zu Tode operiert, kurz darauf stirbt auch deren Vater. Zudem leidet die Erzählerin selbst an einer tödlichen Krankheit; ihr verantwortungsloser Mann aber flieht von der schwierigen Lage und lässt sie mit dem Jungen sitzen.“[21]

Man sieht, dass sich hinter der Maske eines harten, mitleidlosen Menschen, ein anderer Mensch verbirgt. Ein Mensch, der sich in einer schwierigen Situation befindet und selbst Hilfe braucht, bittet aber keinen darum. Da sie ihre Freunde sehr gut kennt, weiß sie, dass sie bei ihnen keine Unerstützung finden kann. Sie muss mit dem Gedanken, dass sie bald aus dem Leben geht, leben und sich noch um die Zukunft ihres Sohnes kümmern.

4. Die Mutter- Kindbeziehung

Die Mutter- Kindbeziehung wird durch den einrückenden Tod der Mutter problematisiert. Auf den ersten Blick scheint sie zu ihrem Kind gleichgültig zu sein. Als Aleša von ihrem Mann geprügelt wird, weil er ins Bett gemacht hat, geht sie einfach und lässt sie alleine, das ganze ausbaden.

[...]


[1] Vgl. Leetz, Antje: Gespräch mit Ljudmila Petruschewskaja. Berlin: Verlag…, 1990, S 235

[2] Vgl. Ebd. 237

[3] Vgl. Ebd., S237

[4] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S.213

[5] Vgl. Katz, Monika: Ljudmila Petruševskajas Erzählung „Svoj krug“. München: Otto Sagner, 1992, S.98

[6] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S. 216

[7] Vgl. Katz, Monika: Ljudmila Petruševskajas Erzählung „Svoj krug“. München: Otto Sagner, 1992 , S.96

[8] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S. 223

[9] Lusin, Caroline: Stimmen aus dem „Kellerloch“ Ludmila Petruševskaja „Svoj krug“ und Jurij Mamleevs „Tetrad` individualista“ Zwei Spielarten des Bösen in der zeitgenössischen russischen Prosa. Köln, Böhlau, 2008, S.319

[10] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S. 233

[11] Ebd. S. 229

[12] Vgl. Leetz, Antje: Gespräch mit Ljudmila Petruschewskaja. Berlin: 1990, S.238

[13] Vgl. Ebd., S. 237

[14] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S. 225

[15] Vgl. Leetz, Antje: Gespräch mit Ljudmila Petruschewskaja. Berlin: 1990, S. 237

[16] Vgl. Katz, Monika: Ljudmila Petruševskajas Erzählung „Svoj krug“. München: Otto Sagner, 1992, S.96

[17] Petruševskaja, Ljudmila: Svoj krug. Moskva: 1988, S. 216

[18] Vgl. Lusin, Caroline: Stimmen aus dem „Kellerloch“ Ludmila Petruševskaja „Svoj krug“ und Jurij Mamleevs „Tetrad` individualista“ Zwei Spielarten des Bösen in der zeitgenössischen russischen Prosa. Köln, Böhlau, 2008, S.321

[19] Ebd. S.321Wie

[20] Vgl. Lusin, Caroline: Stimmen aus dem „Kellerloch“ Ludmila Petruševskaja „Svoj krug“ und Jurij Mamleevs „Tetrad` individualista“ Zwei Spielarten des Bösen in der zeitgenössischen russischen Prosa. Köln, Böhlau, 2008, S.321

[21] Ebd. S.321

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Böse und das Gute in Ljudmila Petruševskajas Prosa. Die Figur der Protagonistin in der Erzählung „Svoj krug“
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Proseminar
Note
2.7
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V309920
ISBN (eBook)
9783668082700
ISBN (Buch)
9783668082717
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
böse, gute, petruševskajas, prosa, figur, protagonistin, erzählung, svoj
Arbeit zitieren
Olga Shishko (Autor), 2010, Das Böse und das Gute in Ljudmila Petruševskajas Prosa. Die Figur der Protagonistin in der Erzählung „Svoj krug“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309920

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