Die Hilfsschule im Dritten Reich

Die Hauptfunktionen der Hilfsschule im Nationalsozialismus


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2015
12 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rassenhygiene
2.1 Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses(GzVeN)
2.2 Die Hilfsschule und die Rassenhygiene

3 Entlastung und Utilitarisierung
3.1 Brauchbarmachung der Hilfsschüler
3.2 Enlastungsfunktion

4 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Die Hilfsschule im Dritten Reich waren die quantitativ verbreitetste Schul- form der Sonderschule. Im 1898 gegründeten ’Verband der Hilfsschulen Deutschlands’ fand diese Schulform auch bis zur Auflösung dessen im Rah- men der Gleichschaltungspoltitik eine einflussreiche politische Lobby. Nach Dagmar Hänsel stellt die Hilfsschule das Zentrum des deutschen Sonder- schulsystems dar1. Nach der ’Machtergreifung’ durch die Nationalsozialis- ten ist es zwar zu Schulschließungen von Hilfsschulen gekommen, die Grün- de dafür sieht Ellger-Rüttgardt2 jedoch vorwiegend in der vorherrschenden Unsicherheit im Schulwesen bezüglich der nun verfolgten Schul- und Bil- dungspolitik der Nationalsozialisten. Von der Notwendigkeit des weiteren Bestehens der Hilfsschulen wurde aber auch nach 1933 ausgegangen insbe- sondere im Rahmen der Durchführung des ’Gesetztes zur Verhütung erb- kranken Nachwuchses’ ausgegangen.3

Dieses Gesetz fußt u.a. auf dem Sozialdarwinismus, dessen Ideen und Thesen sich bereits im 19. Jahrhundert nicht nur im deutschen Raum ver- breitet hatten.Die Grundlage dazu bildeten die Evolutionstheorien Darwins. Dem nationalsozialistischen Regime kam nun die Rolle zu, die sozialdarwi- nistischen Thesen zwar nicht als erste diskutiert aber in praktischer Politik konsequent umgesetzt zu haben. Die wesentlichen Leitmotive nationalsozia- listischer Politik wie Rassenideologie, Sozialdarwinismus und Volksideologie führten nach Ellger-Rüttgadt für die Hilfsschule zu neuen funktionalen Aus- richtungen:

Der Hilfs- und Sonderschule sollten in diesem Zusammenhang:

- "... als Sammelbecken für erbkranke Schüler rassenhygienische Aufgaben erfüllen,
- die ökonomische und völkische Brauchbarmachung ihrer Schüler an- bahnen
- die Volksschule von "unnötigem" Ballast entlasten."4

Auch wenn zwischen diesen Ziele teilweise ein fließender Übergang be- steht, sollen sie einzeln in ihrer funktionellen Handhabung in der Institution der Hilfsschule während des Dritten Reiches, also in der Zeit von 1933 bis 1945 dargestellt werden. Die Volksgesundheit aufbauend auf den Ideen der Rassenhygiene und des Sozialdarwinismus stellte das herausragende Leit- motiv der nationalsozialistischen Politik dar. Die Hilfsschule, die bereits als ’historisches’ Sammelbecken derjenigen fungierte, die den Ansprüchen der Volksschulen nicht genügten, hatten im Rahmen der rassenhygienischen Zie- len diejenigen Schüler zu identifizieren, bei denen Gefahren für die deutsche Volksgesundheit befürchtet wurden.5

Das Volkstum und die Volksideologie können als eine weitere Grundlage nationalsozialistischer Politik angesehen werden. Die Schüler der Hilfsschu- le hatten bereits mit dem Stigma einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit und demnach Brauchbarkeit für das ’Dritte Reich’ zu kämpfen. Der Hilfs- schule kam die "... große unnd verantwortungsvolle Aufagbe im Dritten Reich..."(Karl Tornow, 1937 zit. n. Hänsel6 ) zu, zum einen Die Volksschule von Schülern mit ungenügenden Leistungen zu entlasten und somit eine bes- sere Beschulung von ’Volksschulschülern’ zu ermöglichen und zum anderen besonders im Rahmen von Kriegsvorbereitungen und Arbeitskräftemangel zu einer Utilitarisierung und Brauchbarmachung der Hilfsschüler beizutra- gen.

Diese beiden herausragenden funktionalen Ziele der Hilfsschule im ’Dritten Reich’ sollen im weiteren betrachtet werden.

2 Rassenhygiene

Aufbauend auf den sozialdarwinistischen Ideen des 18/19. Jahrhundert setz- ten sich nicht erst bei den Nationalsozialisten die Ideen der evolutionären Auslese gemäß Charles Darwin durch. So stützen sich die Rassenhygieniger gemäß Schmuhl auf "...das für die Theoriebildung des Sozialdarwinismus grundlegende Axiom, demzufolge das Gesellschaftsgeschehen auf Naturge- setzen - nämlich auf den durch die durch darwinistische Evolutions- und Selektionstheorie aufgezeigten Entwicklungsgesetzen - beruhte. Von dieser Prämisse ausgehend konstituierte sich der Sozialdarwinismus als Naturlehre der Gesellschaft."7

Eine Kontrolle bzw. Einflussnahme auf die natürliche Entwicklung ei- ner Gesellschaft wurde allerdings als notwendig angesehen, da zum einen durch gesellschaftliche Entwicklungen wie der Wohlfahrt, den Fortschritte in der Medizin als auch der Einflüsse von kriegerischen Auseinandersetzun- gen die natürliche Auslese außer Kraft gesetzt wurde, und "... zum anderen bewirkt die sog. ’differentielle Fortpflanzung’ eine negativ zu bewertende Veränderung der ’natürlichen’ Bevölkerungsstruktur."8 Eine Beschreibung für die ’Entartung’ der Rasse unter der Annahme, dass sich ’Minderwerti- ge’ schneller und in größerer Zahl vermehren als die Personen der oberen gesellschaftlichen Schichten.

Zur Verhinderung der ’Entartung’ der nordischen Rasse wurde zu verschiedenen Mitteln gegriffen, um wieder zu einer ’Aufartung’ der Gesellschaft zu gelangen als auch einen schnellen Zugriff auf die ’Minderwertigen’ zu gelangen. Ein Schritt dazu wurde imJahre 1933 mit der Erlassung des ’Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses’ unternommen, mit dem sichergestellt werden sollte, dass nach den gültigen eugenischen Paradigmen erbranke Personen ihr Erbgut nicht an ihren Nachwuchs weitergeben konnten, denn "Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig ist, darf sein Leid nicht im Körper seines Kindes verewigen."9

2.1 Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuch- ses(GzVeN)

Das "Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses"war das erste erbbio- logische Gesetz des nationalsozialistischen Regimes und wurde am 14.Ju- li 1933 verabschiedet. Seine Kernpunkte beinhalteten die Definition eines Erbkranken, dessen Diagnose sowie den Umgang mit als erbrank diagno- stizierten Personen, der in der Regel die Sterilisation beinhaltete. Hier ist festzuhalten, dass mit dem Gesetz die freiwillige Teilnahme an den Sterili- sationsmaßnahmen verfolgt wurde, auch wenn davon ausgegangen werden kann, dass diese Möglichkeit kaum genutzt wurde. Bei diagnostiziert er- branken Personen konnten im Verlauf eines solchen Verfahrens dann auch die notwendigen medizinischen Eingriffe richterlich angeordnet werden. Die Definition, wer als erbrank einzuordnen war, lässt gute Schlussfolgerungen auf den betroffenen Personenkreis zu.

”Erbkrank im Sinne dieses Gesetztes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

1. angeborenem Schwachsinn,
2. Schizophrenie,
3. zirkulärem (mansich-depressivem) Irresein,
4. erblicher Fallsucht,
5. erblichem Beitstanz,
6. erblicher Blindheit,
7. erblicher Taubheit,
8. schwerer erblicher körperlicher Missbildung."10

Insbesondere die Definition des angeborenen Schwachsinns ließ viel Platz zur Ausgestaltung der Diagnose, so dass schon ungenügende schulische Leis- tungen ausreichten, um in den Verdacht einer solchen ’Krankheit’ zu gera- ten. Im Kommentar zum GzVeN wird mit Nachdruck auf die hinreichende wissenschaftliche Erforschung der im Gesetz erfassten Krankheiten hinge- wiesen ebenso wie dessen hoher Wert im Rahmen der Ausmerzung des an- geborenen Schwachsinns: ”Schon allein um der Ausmerzung der Anlagen zu angeborenem Schwachsinn willen [...] wird das vorliegende Gesetz zu einer Wohltat für zahlreiche Familien und das Volksganze werden, wenn in ge- eigneten Fällen die Unfruchtbarmachung rechtzeitig erfolgt."11 Mit diesem Gesetz lag nun die eine rechtliche Grundlage vor, auf Basis derer in Verdacht einer Erbkrankheit stehende Personen einer Unfruchtbarmachung zugeführt werden konnten. Gerade Hilfsschüler standen im Fokus, da sie bereits durch ungenügende Leistungen in der Volksschule einer Stigmatisierung unterla- gen, die jetzt bei fehlenden offensichtlichen Symptomen mit der Diagnose angeborenem Schwachsinn belegt werden konnten.

[...]


1 Hänsel 2006, S.13.

2 Ellger-Rüttgardt 2008, S. 257.

3 Hänsel 2006, S.90 ff.

4 Ellger-Rüttgardt 2008, S. 258.

5 Täntzler 2005, S. 11.

6 Hänsel 2006, S. 90.

7 Schmuhl 1987, S. 49.

8 Brill 2011, S. 53.

9 Klee 2007, S. 51.

10 Klee 2007, S. 51.

11 Gütt 1936, Vorwort zur 1. Auflage eines Kommentars zum GzVeN.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Hilfsschule im Dritten Reich
Untertitel
Die Hauptfunktionen der Hilfsschule im Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Potsdam  (WiB e.V. - Aninstitut)
Veranstaltung
Geschichte der Sonderpädagogik
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V310024
ISBN (eBook)
9783668088238
ISBN (Buch)
9783668088245
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sonderschule, hilfsschule, nationalsozialismus, drittes reich
Arbeit zitieren
Marek Birkholz (Autor), 2015, Die Hilfsschule im Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310024

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