Dieses Buch stellt den Versuch dar, das Musikalische nicht, wie meistens der Fall, von den objektiven Strukturen ausgehend, sondern vom persönlich-individuellen Erleben beziehungsweise der subjektiven Wirklichkeit herkommend zu bestimmen.
An den Anfang stelle ich die Frage, wo wir in der Welt sind, wenn wir in der Musik sind. Um darauf zu antworten, ziehe ich Konzepte heran, die einerseits meiner persönlichen inneren Erfahrung entsprechen, die andererseits aber auch allgemein-verbindlichere Zusammenhänge von leiblicher Resonanzfähigkeit des Menschen auf die ihn umgebende Welt und musikalischen Strukturen aufzeigen. Auf diese Weise
erscheint Musik schliesslich als Erweiterung des Menschlichen.
Energetik ist das zentrale und verbindende Stichwort für das vorliegende Buch: Der Musiktheoretiker Ernst Kurth hat in den dreissiger Jahren eine musikalische Energetik entwickelt, die auf der menschlichen Fähigkeit zu leiblich-resonanzhaftem Hören und Erleben beruht. In dieser Fähigkeit sah Kurth die Grundlage der Musik. Die musikalischen Strukturen sind der Niederschlag der Wirksamkeit psychischer Funktionen, die aufgrund leiblicher Resonanz ins Spiel kommen.
Mit einem hochgradig differenzierten anthropologisch-energetischen System hat der ungarisch-schweizerische Psychologe Leopold Szondi versucht, diejenigen elementaren psychischen Funktionen zu benennen, die in unserem Erleben den Zusammenhang von Mensch und Welt stiften. Die Zusammenschau musikalischer Strukturen mit den anthropologischen Strukturen Szondis ermöglicht schliesslich sowohl eine vorwiegend individuelle als auch allgemeinere Verbindung von Mensch und Musik.
So wird sichtbar, welche unterschiedlichen Welterfahrungen für uns durch Musik (Musizieren und Hören), möglich werden. Ja, es lassen sich sogar Überlegungen anstellen, welche bestimmte Musik auf unsere individuelle Befindlichkeit heilsamen Einfluss ausüben kann.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Im musikalischen Raum
Ursprüngliche Lebendigkeit, Urmenschliches, letzte Tiefen des Lebendigen: Georg Groddeck, Wilhelm Reich
Energetik: Ernst Kurth
Exkurs: Focusing - Vom Körpergefühl zur Bedeutung
Hören, In-Resonanz-Sein
Musikwerdung als personaler Prozess
Persönliche Musik
Leopold Szondis Schicksalsanalyse
Die acht elementaren Kräfte der Schicksalspsychologie von Leopold Szondi
Anthropologische Faktoren, Lebenswelt und Musik
Geborgenheit
Veränderung
Liebe
Tod
Ethos
Moral
Geist
Materie
Wo sind wir wenn wir in der Musik sind?
Heilsame Wirkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das menschliche Musikerleben nicht durch eine objektive Analyse musikalischer Strukturen, sondern ausgehend von der subjektiven Wirklichkeit und dem leiblichen Erleben des Menschen. Das primäre Ziel ist es, mittels tiefenpsychologischer Konzepte – insbesondere der energetischen Musiktheorie von Ernst Kurth und der Schicksalsanalyse von Leopold Szondi – zu ergründen, welche Welterfahrungen durch Musik möglich werden und welchen heilsamen Einfluss bestimmte Musik auf die individuelle Befindlichkeit ausüben kann.
- Verbindung von Musiktheorie und Tiefenpsychologie
- Die energetische Fundierung des musikalischen Erlebens
- Leopold Szondis Schicksalsanalyse als Modell für das Musikverstehen
- Die Rolle körperlicher Resonanz und leiblicher Erfahrung beim Musizieren und Hören
- Kategorisierung musikalischer Phänomene anhand anthropologischer Faktoren
Auszug aus dem Buch
Im musikalischen Raum
„Clara Haskil hatte Mühe sich zu erheben. Wie mit letzter Kraft hielt sie sich am Rand des Flügels fest, senkte leicht den Kopf, lächelte. Sie schien von weither zu kommen, aus einer anderen Welt. In dieser musste sie sich erst wieder zurechtfinden. Wie wir auch.“
Schon immer haben Musik und vor allem musizierende Menschen eine Wirkung auf mich ausgeübt, die über die äussere Abfolge der erklingenden und wieder verklingenden Töne wie auch die sonstigen greifbaren Dingen der Musik weit hinausgeht; vielmehr erscheinen die materiellen Vorgänge von dieser Wirkung überstrahlt, durchstrahlt, umhüllt und in einen sphärischen Raum getaucht, aus dem die musikalischen Dinge erst hervortreten.
Deutlichere Konturen erhält dieser Eindruck, wenn ich an meinen Vater zurückdenke: Er war Geiger von Beruf und wenn er übte, war es mir, als ginge es ihm um diesen merkwürdigen Raum, um einen persönlichen Eintritt oder wenigstens Zugang. In diesem Raum schien er sich irgendwie verströmen und auflösen, ja verwandeln zu können. Er schien dann ganz bei sich, weit weg von meiner Welt und doch in einem viel grösseren Sinn gegenwärtig. Sein Geigenspiel schien aus einer Sehnsucht nach diesem inneren Ort zu kommen, und die Bewegungen des Geigenspiels schienen mit der Erfüllung dieser Sehnsucht zu tun zu haben.
Als ich dann selber zum Musiker wurde, ging es mir ähnlich. Auch erlebte und erlebe musizierend einen Innenraum, in den ich mich einlassen kann und aus dem ich gleichzeitig musizierend-gestaltend heraustreten kann. Und zwar als ein Anderer, Verwandelter. (Das gilt allerdings nur für den Fall, dass mir das Öffnen des Raums gelingt. Gelingt es nicht, verzweifle ich meistens - und zwar nicht an der Musik oder an meinem Instrument, sondern an mir selbst. Offenbar geht es bei dem Verschwinden und persönlichen Auftauchen um einen sehr persönlichen Prozess.)
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Der Autor erläutert seinen Ansatz, Musik nicht von objektiven Strukturen, sondern von der subjektiven Wirklichkeit des menschlichen Erlebens her zu begreifen.
Im musikalischen Raum: In diesem Kapitel wird der musikalische Innenraum als Ort leiblicher Resonanz eingeführt und mit theoretischen Ansätzen von Ernst Kurth und Ansätzen der Focusing-Psychologie verknüpft.
Leopold Szondis Schicksalsanalyse: Hier wird das Triebsystem der Schicksalsanalyse vorgestellt, um die acht elementaren Kräfte auf die musikalische Energetik anzuwenden.
Wo sind wir wenn wir in der Musik sind?: Der Autor zieht Bilanz und fasst die wesentlichen Erkenntnisse über den musikalischen Erlebnisraum und das In-der-Musik-Sein zusammen.
Heilsame Wirkungen: Abschließend wird skizziert, wie eine energetisch begründete „Pharmakologie“ der Musik aussehen könnte, indem psychische Befindlichkeiten entsprechenden musikalischen Energien gegenübergestellt werden.
Schlüsselwörter
Musikpsychologie, Energetik, Ernst Kurth, Schicksalsanalyse, Leopold Szondi, Leiblichkeit, Resonanz, Unbewusstes, Musikerleben, Anthropologie, Triebtheorie, Phänomenologie, Musikästhetik, Körpergefühl, Resonanzraum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch stellt den Versuch dar, Musik nicht von objektiven, musiktheoretischen Strukturen her zu verstehen, sondern aus dem persönlich-individuellen Erleben und der subjektiven Wirklichkeit des Menschen heraus zu begründen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das leibliche Erleben von Musik, die energetische Wirkung von Klang, die Verbindung von Psychologie und Musik sowie die Anwendung tiefenpsychologischer Konzepte auf die Analyse musikalischer Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Frage „Wo sind wir, wenn wir in der Musik sind?“ mithilfe einer tiefenpsychologischen Energetik zu beantworten und zu zeigen, wie Musik als Erweiterung des Menschlichen fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der sich auf tiefenpsychologische Theorien (insbesondere Ernst Kurth und Leopold Szondi) stützt und diese mit phänomenologischen Beobachtungen sowie Beispielen aus der musikalischen Praxis verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zum „musikalischen Raum“ und eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Schicksalsanalyse von Szondi, deren Kategorien auf verschiedene musikalische Faktoren und Stile angewendet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Musikpsychologie, energetische Musiktheorie, leibliche Resonanz, Schicksalsanalyse, anthropologische Faktoren und musikalisches Erleben charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst die Schicksalsanalyse von Szondi das Musikverständnis des Autors?
Die Schicksalsanalyse ermöglicht es dem Autor, acht elementare Triebfaktoren als „Organisatoren“ menschlichen Erlebens auch im Musikalischen wiederzufinden und somit die Wirkung verschiedener musikalischer Ausprägungen auf die menschliche Psyche zu klassifizieren.
Wie verknüpft der Autor die Instrumentenkunde mit der psychologischen Energetik?
Er betrachtet Instrumente als „psychosomatische Geräte“ oder organische Erweiterungen des Körpers, deren Spielweise und Klangcharakteristik direkt mit spezifischen energetischen Triebfaktoren und damit verbundenen psychischen Zuständen korrespondieren.
- Citation du texte
- Mathes Seidl (Auteur), 2011, Das Innenleben der Musik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310030