Zur Rolle der Phantasie in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 2,7
Theresa Hoch (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zu Antons Lebensumständen und Aspekten, welche die Rolle der Phantasie betreffen
2.1 Das Elternhaus
2.2 Die Lehre beim Hutmacher Lobenstein
2.3 Die Schule
2.4 Ausschluss aus dem Leben

3. Zur Rolle der Phantasie und Aspekten der Realitätsflucht
3.1 Die Predigten von Pastor Paulmann
3.2 Das Lesen
3.3 Das Theater

4. Zu Antons ‚Freude am Leiden’

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im 18. Jahrhundert mit dem Beginn der Moderne fiel der Blick der Menschen verstärkt auf das eigene Wesen mit seinen Empfindungen und Befindlichkeiten sowie den Zusammenhängen von Körper und Geist. Die Rolle der Psyche rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses und in diesem Zusammenhang entwickelte sich eine neue Lehre vom Menschen, die Anthropologie. Diese spielte auch in der Literatur eine Rolle. Karl Philipp Moritz, der ebenfalls ein „Magazin der Erfahrungsseelenkunde“ ins Leben rief, schrieb den Roman „Anton Reiser“, den er selbst als psychologischen Roman untertitelte.

Es handelt sich um die autobiografische Schilderung des Autors, in welcher dieser den Versuch unternimmt, sein eigenes Leben aus psychologischer Sicht darzustellen. Eine wichtige Rolle für den Romanhelden Anton Reiser spielt dessen Einbildungskraft.

Von Kindheit an flüchtet sich Anton in Phantasien, die nach und nach immer weitere Ausmaße anzunehmen scheinen. Hilfsmittel dafür sind ihm unter anderem das Lesen und das Theater.

Anton Reisers Leben wird als ein Leben unter problematischen Umständen beschrieben. Die Folgen davon sind Realitätsflucht und das intensive Erleben der Phantasie. Die dazu führenden Hintergründe und Beschaffenheiten sowie speziell die Rolle der Phantasie im „Anton Reiser“ sollen in der vorliegenden Arbeit näher betrachtet werden. Es werden dabei zunächst Antons Lebensumstände zur Verdeutlichung herangezogen. Aspekte wie Ablehnung, Demütigung und Unterdrückung sollen als Ursachen der charakterlichen Entwicklung, des Ausschlusses aus dem Leben und der vermeintlichen Realitätsflucht Antons dargestellt werden. Im weiteren Teil der Arbeit werden Antons Vorlieben für Predigten, Bücher und das Theater genauer betrachtet. Diese werden als Reaktionen auf die beschriebenen Lebensumstände dargestellt und bedeuten somit das direkte Ausleben der Realitätsflucht. Ebenfalls wird Antons vermeintliche Freude am Leiden, ‚the joy of grief’ als Themenpunkt aufgegriffen. Eine Charaktereigenschaft, die gemeinsam mit den Ausflüchten in Phantasien, ebenfalls auf Antons Lebensumstände, speziell die Kindheitserfahrungen zurückzuführen ist.

In der anschließenden Schlussbetrachtung werden die Erkenntnisse kurz zusammengefasst und um einige Bezüge hinsichtlich einer vermeintlichen Krankheitsgeschichte des Protagonisten erweitert. Deutlich herausgestellt werden sollen die Rolle der Phantasie und die damit verbundene Realitätsflucht Antons.

2. Zu Antons Lebensumständen und Aspekten, welche die Rolle der Phantasie betreffen

2.1 Das Elternhaus

Die Phantasie und Einbildungskraft Anton Reisers sind Teil seiner Persönlichkeit und deren Ausprägung ist scheinbar nicht zuletzt auf seinen familiären Hintergrund zurückzuführen. Die Prägungen der Kindheit scheinen Anton auch im späteren Leben in weitem Maße zu begleiten und zu beeinflussen. Es finden sich hier mögliche Hintergründe für die Entwicklung von Antons Charakter und seines Lebensweges. Dies mag für die Rolle der Phantasie bzw. Antons Ausflüchte in Phantasien sowie diesbezügliche Schwierigkeiten, die ihm im Laufe seines Lebens begegnen, von nicht unerheblicher Bedeutung sein. Die Hintergründe und Zusammenhänge werden im Folgenden zu schildern versucht.

Antons Eltern führen eine unglückliche Ehe. Die Mutter, welche erst große Hoffnungen in die Beziehung und die Ehe mit Antons Vater steckte, findet sich, wie es im Buch heißt, entsetzlich betrogen und es ist von einer ‚Hölle von Elend’[1] die Rede. Die größte Rolle spielt dabei vermutlich die unterschiedliche Weltanschauung. Diese ist gegründet auf die verschiedenen religiösen Ansichten, die das Leben des jeweiligen Elternteils beinahe vollständig auszumachen scheinen. Beide eifern einer anderen Glaubensrichtung nach und verachten - teils heimlich, teils offensichtlich - den Glauben des anderen. Antons Vater ist Anhänger einer quietistischen Sekte[2], deren Anführer, einen Herrn von Fleischbein, er regelmäßig in Pyrmont aufsucht. Die dazugehörenden Schriften einer Madame Guion spielen bei dem sich entwickelnden Zwiespalt in der Ehe eine entscheidende Rolle. Da seine Frau diese Lehren ‚nicht versteht’, verachtet Antons Vater sie. Von Antons Mutter heißt es, dass sie viele Stunden damit verbringt, in der Bibel zu lesen und eine gewisse Angst bzw. ‚Bangigkeit’[3] empfindet, wenn Antons Vater aus den Guionischen Schriften vorliest. Die gegenseitige Abneigung und Verachtung nimmt auf diese Weise ihren Lauf.

„Ihr Mann fing an, ihre Einsichten zu verachten, weil sie die hohen Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Madam Guion lehrte.

Diese Verachtung erstreckte sich nachher auch auf ihre übrigen Einsichten, und je mehr sie dies empfand, je stärker mußte notwendig die eheliche Liebe sich vermindern, und das wechselseitige Mißvergnügen aneinander mit jedem Tage zunehmen.“[4]

Die Disharmonie zwischen den Eltern überträgt sich folglich von Geburt an auf Anton. Im Roman heißt es dazu, dass er von der Wiege an unterdrückt wurde.[5] Von klein auf ist das Erste, was er von seiner Umwelt mitbekommt, der Streit der Eltern, die sich gegenseitig offenbar hasserfüllt gegenüberstehen. Ihre Ehe würden sie am liebsten beenden, wenn sie sich dazu in der Lage sähen. Für Anton entsteht daraus die große Problematik, seinen Eltern nicht wirklich nahe kommen zu können. Zwar fühlt er sich beiden nahe und wünscht ihre Nähe, die Zwietracht der Eltern untereinander erschwert dies jedoch erheblich. Anton steht sozusagen ‚zwischen den Stühlen’ und würde sich mit der Annäherung an den einen vermutlich gleichzeitig vom anderen entfernen.

Antons Elternhaus ist für ihn kein Ort der Liebe und Geborgenheit, sondern ein Ort von Streit, Zwietracht und Unterdrückung. Es herrscht ständig eine bedrückende Stimmung. Und Antons Kindheit wird somit als traurig und lieblos geschildert.

„Unter diesen Umständen wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward. Die ersten Töne, die sein Ohr vernahm, und sein aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich verknüpften Ehebandes.

Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner frühesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wußte nicht, an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte, da sich beide haßten, und ihm doch einer so nahe wie der andre war. In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.

Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.“[6]

Neben den Lieblosigkeiten, Streitereien und extremen religiösen Ansichten begegnet Anton in seinem Elternhaus von frühster Kindheit an ebenfalls einem ausgeprägten Aberglauben. Dieser beflügelt seine Phantasie und beschert ihm zudem große Ängste. So redet etwa seine Mutter ihm verschiedene Absurditäten ein, die den sicheren Tod bedeuten sollen. Beispielsweise dann, wenn ihm beim Waschen die Hände nicht mehr rauchen würden. [7] Oder, wenn er einen Hund jaulen höre.[8] Durch seine Einbildungskraft bescheren ihm außerdem die Märchen, die seine Mutter und seine Base ihm bereits im Kleinkindalter erzählen, schlimme Ängste und Albträume. [9]

Noch als Jugendlicher leidet er unter den Folgen dieses Aberglaubens. Dies macht deutlich, wie sich seine Phantasie auf sein Empfinden und seine Wahrnehmung der Wirklichkeit auswirkt. Er leidet unter dem der Phantasie Entsprungenen tatsächlich.

„Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner frühesten Kindheit an, eingeflößet war – seine Leiden konnte man, im eigentlichen Verstande, die Leiden der Einbildungskraft nennen – sie waren für ihn doch würkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend.“[10]

Zu diesen Ängsten gesellt sich die Tatsache, dass Anton sich in seinem Elternhaus in vielerlei Hinsicht ungerecht behandelt fühlt. Beispielsweise lässt er mit vier Jahren ein Kleidungsstück versehentlich laut auf einen Stuhl fallen. Hierfür erfährt er von seiner Mutter Bestrafung, was sich ihm dauerhaft als eine Erfahrung großer Ungerechtigkeit einprägt.[11]

Auch wird geschildert, dass er vor allem durch seine Mutter ständigem ungerechtfertigten Tadel und Verboten ausgesetzt ist, wohingegen er scheinbar selten bis nie Lob oder Bestätigung erfährt. Erfahrungen des Verlustes oder der Zurückhaltens von Achtung oder Liebe, welche sehr bald zur Flucht in Phantasien führen, setzt er an mancher Stelle ein gewisses Trotzverhalten entgegen. Beispielsweise wird geschildert, wie er sich mit ‚schmutzigen Gassenbuben’ abgibt und mit ihnen ‚gemeine Sachen’ tut. Und dies bereitet ihm Vergnügen, scheinbar eine Art Genugtuung in Anbetracht widerfahrener Ungerechtigkeiten. Jedoch besteht offenbar diese Genugtuung in Selbsterniedrigung.

„ […] sein Gefühl für Lob und Beifall ward dadurch so sehr unterdrückt, daß er zuletzt, beinahe seiner Natur zuwider eine Art von Vergnügen darin fand, sich mit den schmutzigen Gassenbuben abzugeben, und mit ihnen gemeine Sachen zu machen, bloß weil er verzweifelte, sich je die Liebe und Achtung in P... wieder zu erwerben, die er durch seine Mutter einmal verloren hatte[…].“[12]

Wie der Verlauf des Romans zeigt, gehören solche von Anton als ungerecht empfundenen Vorkommnisse oder die allgemeine Lieblosigkeit seiner Eltern zu den Umständen, die seine zunehmenden Flüchte in die Phantasie nicht nur bestärken, sondern offenbar hauptsächlich verursachen.

Über Antons Mutter heißt es im Roman, dass sie Vergnügen darin findet, zu leiden bzw. sich selbst zu bemitleiden. Sie fühlt sich schnell gekränkt, auch wenn es keinen wahren Grund dafür gibt. Aber sie scheint in ihrem Selbstmitleid eine Form von Genugtuung zu finden. Diese Eigenart, sich am eigenen Leiden gewissermaßen zu erfreuen, scheint sich auch auf Anton übertragen zu haben.

„Leider scheint sie diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.“[13]

Antons Vater erweckt den Eindruck, sich nicht besonders für Anton zu interessieren. Durch regelmäßige Reisen mit seinem Regiment ist er oft abwesend und unterstützt damit die Vermutung der Vernachlässigung hinsichtlich seines Sohnes Anton. Die Persönlichkeit des Vaters wird in gewisser Weise als unsicher dargestellt und seine Erziehungsmethoden wirken zwiegespalten. Deutlich wird dies z.B., als er Anton zwei Bücher schenkt, wobei eines davon eine Anleitung zum Buchstabieren ist, das andere sich aber inhaltlich gegen das Buchstabieren ausspricht.[14] Auch wird im Roman geschildert, wie der Vater Anton verflucht und später aber den Fluch durch einen Segen ersetzt.[15]

Dass Anton studieren möchte, scheint dem Vater gleichgültig zu sein, solange ihm keine Kosten entstehen. Es macht den Eindruck, als würde Antons Vater in seiner Vaterrolle versagen. Vermutlich sucht sich Anton deshalb andere männliche Vorbilder oder Bezugspersonen. Besonders bei Pastor Paulmann wird diese Tatsache deutlich, da Antons Wunsch geschildert wird, dessen Sohn zu sein. „Seine ganze Existenz hätte Anton darum gegeben, um dieser glückliche Sohn zu sein.“[16] Womit der Sohn des Pastors gemeint ist.

Die einzigen gemeinsamen Momente die Anton mit seinem Vater zu haben scheint, sind beispielsweise diese, in denen sie gemeinsam musizieren.[17] Erst als Anton älter ist, beginnt sein Vater sich hin und wieder intensiver mit ihm zu beschäftigen. Es macht jedoch den Eindruck, als tue er dies nicht aus Interesse an seinem Sohn, sondern weil er glaubt, sein Sohn würde nun seine eigenen Interessen teilen. Es wird der intensive Austausch über Themen der Mystik und Metaphysik geschildert.[18]

Laut Preis gelingt dem Kind und Jugendlichen Anton bei dieser missglückten Vater-Sohn-Beziehung keine Identitätsbildung. Vielleicht sind auch darauf die Selbstgespräche mit Gott zurückzuführen, welche Anton als Neun- oder Zehnjähriger zu führen beginnt. Diese geben möglicherweise einen Hinweis auf den Wunsch nach einer Vaterfigur.[19] Es scheint sich demnach hier ein weiterer Aspekt zu finden, der die Bedeutung und Rolle der Phantasie Anton Reisers hervorhebt.

2.2 Die Lehre beim Hutmacher Lobenstein

Als Anton zwölf ist, beginnt er eine Lehre bei einem Hutmacher mit Namen Lobenstein in Braunschweig.

Dieser ist ebenfalls Anhänger des Herrn von Fleischbein. Bei ihm wird Anton weiterhin unterdrückt und zudem ausgebeutet. Nur für kurze Zeit genießt Anton Lobensteins Sympathie, die meiste Zeit über ist er harter körperlicher Arbeit ausgesetzt. Hier geht Antons Phantasie so weit, dass er sich die dunkle Hutmacher-Werkstatt als einen Tempel[20] vorstellt, in welchem er dient. Die Wunden an seinen Händen, die ihm die schwere Arbeit zufügt, machen ihn stolz. Er betrachtet sie als Ehrenzeichen.[21] Leblose Gegenstände in der Werkstatt belebt er durch seine Phantasie, indem er sich einbildet, es seien Wesen, mit denen er sogar spricht.[22] So werden die schweren Arbeiten, die er verrichten muss, Kraft seiner Phantasie beinahe zu etwas Angenehmen. Die Situation und die Arbeiten bedeuten für ihn zudem etwas Neues und nähren und beflügeln damit seine Phantasie.

[...]


[1] Vgl. Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Leipzig: Insel-Verlag 1987, S.11

[2] Vgl. ebd., S.9ff

[3] Vgl. ebd., S.12

[4] Vgl. ebd.

[6] Ebd., S.12f

[7] Ebd., S.68

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., S.28

[10] Ebd., S.68

[11] Vgl. ebd., S.30f

[12] Ebd., S.33

[13] Ebd., S.27

[14] Vgl. ebd., S.14f

[15] Vgl. ebd., S.268f

[16] Ebd., S.62

[17] Vgl. ebd., S.18

[18] Vgl. ebd., S.140, S.257

[19] Vgl. ebd., S.20 / Preis, Anette: Karl-Philipp Moritz: „Anton Reiser“ – Realitätserfahrung und innere Geschichte. Giessen: Kletsmeier 1997, S.27f

[20] Vgl. Moritz, S.45

[21] Vgl. ebd., S.55

[22] Vgl. ebd., S.45f

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Rolle der Phantasie in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V310086
ISBN (eBook)
9783668085497
ISBN (Buch)
9783668085503
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, phantasie, karl, philipp, moritz, anton, reiser
Arbeit zitieren
Theresa Hoch (Autor), 2013, Zur Rolle der Phantasie in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310086

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