Die Emanzipation der tschechoslowakischen Öffentlichkeit zwischen der Kafka-Konferenz 1963 und dem Manifest der „2000 Worte“


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Von der Wirtschaftskrise zur Wahl Dubčeks: Die Entwicklung einer kritischen Öffentlichkeit in der ČSSR
3.1 Prolog: Wirtschaftskrise
3.2 Erwachen: Kafka-Konferenz
3.3 Eskalation: Schriftstellerkongress

4. Das Jahr 1968 in der ČSSR
4.1 Das Ende der Zensur
4.2 Zweitausend konterrevolutionäre Worte?

5. Fazit

6. Quellen und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

„Wie nach dem Kriege, so haben wir auch im diesjährigen Frühling erneut eine große Gelegenheit. Wir haben wieder die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache, die den Arbeitstitel Sozialismus trägt in die Hände zu nehmen und ihr eine Form zu geben, die besser unserem guten Ruf […] entsprechen würde […]. Im Winter werden wir alles erfahren“[1]

Nicht erst im Winter 1968/69 sollte die tschechoslowakische Bevölkerung „alles erfahren“; bereits in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 beendeten Soldaten des Warschauer Pakts den Prager Reformprozess gewaltsam. Weniger als acht Wochen zuvor, am 27. Juni 1968, hatten vier tschechoslowakische Tageszeitungen sowie die einflussreiche Wochenzeitung des Schriftstellerverbands Literární listy Ludvík Vaculíks Manifest der „ 2000 Worte “ veröffentlicht. Vaculíks Text, adressiert an die „Arbeiter, Landwirte, Angestellten, Wissenschaftler, Künstler und alle“[2], war sowohl angesichts des Inhalts als auch auf Grund seiner medialen Rezeption ein signifikanter Ausdruck einer gerade erst entstandenen kritischen Öffentlichkeit in der Tschechoslowakei.[3] Die Reaktionen, die auf die Veröffentlichung des Manifests folgten, waren äußerst different. Über 120 000 Unterstützer in der Bevölkerung unterschrieben die Forderungen Vaculíks in den ersten Tagen nach der Veröffentlichung.[4] Innerhalb der KPČ sahen die reformerischen Kräfte eine Gefahr, die mit der Veröffentlichung einherging, während die „ 2000 Worte “ für die parteiinternen Dogmatiker sogar ein Pamphlet gegen den Sozialismus darstellten.[5] Für die Sowjetunion und die sozialistischen Bruderstaaten der Tschechoslowakei war das Manifest der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die man nicht nur ablehnte, sondern in der man auch eine Gefahr für die eigene Macht erkannte. Auch deshalb fiel die Reaktion des Zentralkomitees der KPdSU überaus harsch aus. In einem Schreiben an das Zentralkomitee der KPČ heißt es:

„Der gesamte Inhalt der Plattform ‚2000 Worte‘ richtet sich gegen die KPČ und zielt darauf ab, die Positionen des Sozialismus in der Tschechoslowakei ins Wanken zu bringen […] Was streben die Autoren dieses Manifests an? Es kann nur eine richtige Antwort geben – das ist eine Plattform für konterrevolutionäre Kräfte […] Es darf nicht vergessen werden, dass dieses konterrevolutionäre Plattform gleichzeitig von 4 zentralen Zeitungen veröffentlicht wurde […] Und das ist besonders gefährlich.“[6]

Auch in anderen Dokumenten - insbesondere im „ Warschauer Brief [7] - lässt sich erkennen, dass in den Bruderstaaten die Medien als Keimzelle der konterrevolutionären Bestrebungen in der ČSSR galten.

In dieser Arbeit soll die Emanzipation der tschechoslowakischen Öffentlichkeit von der Kafka-Konferenz 1963[8] bis zum Manifest der „ 2000 Worte “ aufgezeigt werden. Was waren die Voraussetzungen für die Entfaltung einer unabhängigen Meinung in der tschechoslowakischen Öffentlichkeit? Inwieweit beeinflussten die Medien den Prager Reformprozess? Auch das Manifest der „ 2000 Worte“ und die Reaktion der Sowjetunion sollen in diesem Kontext analysiert werden. Handelte es sich hierbei, wie von den Reformgegnern und den sozialistischen Bruderstaaten proklamiert, tatsächlich um eine konterrevolutionäre Schrift?

2. Forschungsstand

An dieser Stelle soll kurz der Forschungsstand zum „Prager Frühling“ skizziert werden. Die Quellenlage zum Prager Reformprozess ist sehr umfangreich, unter anderem stehen mehrere zweisprachige Dokumentenreader zur Verfügung.[9] Des Weiteren haben viele bedeutende Zeitzeugen ihre Erfahrungen während des „Prager Frühlings“ veröffentlicht. Die wohl populärsten Zeitzeugenberichte sind die autobiografischen Schriften von Zdenek Mlynár[10] und Alexander Dubček[11]. Auch die Forschungsliteratur zu den Ereignissen in Prag 1968 ist sehr umfangreich und vielgestaltig. Ältere Beiträge untersuchten hauptsächlich die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten.[12] Neuere Forschungsschwerpunkte sind sowohl der „Prager Frühling“ im Kontext des globalen Krisenjahrs 1968, als auch die Rolle des Prager Reformprozesses für die Samtene Revolution 1989.[13] Des Weiteren haben sich deutschsprachige Historiker auch häufig mit der Rolle der SED bei der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ und der Rezeption der Prager Reformprozesse in der DDR befasst.[14]

Für diese Arbeit sind insbesondere jene Beiträge interessant, die den Prolog des „Prager Frühlings“ untersuchen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Emanzipation der Intelligenz und der kritischen Öffentlichkeit legen.[15] So wurde etwa die Entwicklung der Medien und der Zensur in der ČSSR während des Prager Reformprozesses von Jiří Hoppe[16] eingehend untersucht und analysiert.

Das Manifest der „ 2000 Worte “ wird zwar in fast allen Forschungsbeiträgen erwähnt, teils auch in die jeweilige Argumentation integriert. Allerdings fehlt es weiterhin an einer eigenständigen Untersuchung von Vaculíks Schrift.

[...]


[1] Vaculík, Ludvík: Das Manifest der „2000 Worte“, in: Karner, Stefan u.a. [Hrsg.]: Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968. Bd. 2 Dokumente, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 138-147, hier S. 145.

[2] Ebd., S. 139.

[3] Vgl. Pauer, Jan: Prag 1968. Der Einmarsch des Warschauer Paktes, Bremen 1995, S. 25.

[4] Vgl. Kanyar-Becker, Helena: Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Prager Frühling 1968 oder Alles ist anders, in: Faber, Richard [Hrsg.]: Die Phantasie an die Macht? 1968 - Versuch einer Bilanz, Berlin u.a. 2002, S. 24-49, hier. S. 24. Vgl. auch Hoppe, Jiří: Die Aufhebung der Zensur, in: Karner, Stefan u.a. [Hrsg.]: Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968. Bd. 1 Beiträge, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 115-132, hier S. 125.

[5] Vgl. ebd. Vgl. auch Pauer – Prag 1968 (wie in Anm. 3), S. 29f.

[6] Die Reaktion des Kreml auf das Manifest der „2000 Worte“. Politbüro-Beschluss des ZK der KPdSU, in: Karner - Prager Frühling Dokumentenband (wie in Anm. 1), S. 206 – 217, hier 209f.

[7] Der Warschauer Brief, in: Karner – Prager Frühling Dokumentenband, S. 272-283.

[8] „Kafka-Konferenz“ ist in der Forschung die gängige Bezeichnung für eine Literaturkonferenz, die im Mai 1963 in der tschechoslowakischen Kleinstadt Liblice nahe Prag stattfand. Bei der Konferenz stand insbesondere das Werk des Autors Franz Kafka und die Frage, ob der von Kafka geprägte Entfremdungsdiskurs wirklich im Realsozialismus überwunden sei, im Mittelpunkt. Vgl. hierzu: Bollinger, Stefan: Dritter Weg zwischen dem Blöcken? Prager Frühling 1968: Hoffnung ohne Chance (Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart, Bd. 1), Berlin 1995, hier S. 42-46. Vgl. auch Kanyar-Becker – Sozialismus mit menschlichem Antlitz (wie in Anm. 4), S. 29f. Siehe dazu auch Kapitel 3.2. dieser Arbeit.

[9] Neben der in Anm. 1 aufgeführten Dokumentensammlung des Historikerkollektivs um Stefan Karner aus dem Jahr 2008 existiert noch eine von Jaromír Navrátil editierte Quellensammlung aus dem Jahr 1998 (Navrátil, Jaromír: The Prague Spring 1968. A National Security Archive Documents Reader, Budapest 1998).

[10] Mlynár, Zdenek: Nachtfrost. Erfahrungen auf dem Weg vom realen zum menschlichen Sozialismus, Köln u.a. 1978. Mlynár war Co-Autor des Aktionsprogramms der KPČ 1968 und späteres Mitglied der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

[11] Dubček, Alexander: Leben für die Freiheit. Die Autobiographie, München 1993. Dubček wurde im Januar 1968 zum Vorsitzenden des ZK der KPČ gewählt und gilt bis heute als die zentrale Figur des „Prager Frühlings“.

[12] U. a. Pauer – Prag 1968.

[13] So finden sich in Monografien und Sammelbänden zum Jahr 1968 stets Abschnitte oder Beiträge zum Prager Frühling, u. a. Kanyar-Becker - Sozialismus mit menschlichem Antlitz ; Navrátil, Jaromír: Historische Hintergründe der tschechoslowakischen Reformen von 1968 und ihre internationalen Aspekte, in: Étienne, François: 1968 . Ein europäisches Jahr? Leipzig 1997, S. 95 – 101 ; Frei, Norbert: Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008. Filip Pospíšil untersucht in einem Aufsatz die tschechoslowakische Jugend der 1960er Jahre im Kontext des europäischen Jugendprotests und des „Prager Frühlings“: Pospíšil, Filip: Youth cultures and the disciplining of Czechoslovak youth in the 1960s, in: Social History 37, 4 (2012), S. 477–500 ; Spiritova, Makreta: Hexenjagd in der Tschechoslowakei. Intellektuelle zwischen Prager Frühling und dem Ende des Kommunismus, Wien/Köln/Weimar 2010.

[14] U.a. Bollinger – Dritter Weg (wie in Anm. 8) ; Kural, Václav/Prieß, Lutz/Wilke, Manfred: Die SED und der „Prager Frühling“ 1968. Politik gegen einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, Berlin 1996 ; Wenzke, Rüdiger: Die NVA und der Prager Frühling1968. Die Rolle Ulbrichts und der DDR-Streitkräfte bei der Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung, Berlin 1995.

[15] U.a. Kanyar-Becker – Sozialismus mit menschlichem Antlitz; Pauer – Prag 1968 ; Bollinger – Dritter Weg.

[16] Hoppe – Zensur (wie in Anm. 4).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Emanzipation der tschechoslowakischen Öffentlichkeit zwischen der Kafka-Konferenz 1963 und dem Manifest der „2000 Worte“
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Geschichte und Soziologie)
Veranstaltung
Die 1968er Studentenbewegung im internationalen Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V310217
ISBN (eBook)
9783668088351
ISBN (Buch)
9783668088368
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tschechoslowakei, Dubcek, 1968, Kalter Krieg, Warschauer Pakt, Studentenbewegung, Sozialismus, Sozialismus mit menschlichem Antlitz, Prager Frühling, Prag 1968, Zensur, KPdSU, KPC, Manifest 2000-Worte, Kafka, Kafka-Konferenz, Dritter Weg, Ota Sik, Alexander Dubcek, Reformen, CSSR, Vaculik
Arbeit zitieren
Florian Kind (Autor), 2015, Die Emanzipation der tschechoslowakischen Öffentlichkeit zwischen der Kafka-Konferenz 1963 und dem Manifest der „2000 Worte“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310217

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