Die "Kindereuthanasie" im Nationalsozialismus aus der Perspektive der Krankenpflege


Bachelorarbeit, 2015
58 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Methode und Material

2 Forschungsstand

3 Euthanasie und Eugenik
3.1 Euthanasie und Eugenik im Nationalsozialismus

4 Die systematische Vernichtung „lebensunwerten Lebens“
4.1 „Reichsausschusskinder“
4.1.1 Kinderfachabteilungen
4.1.2 Tötungen
4.1.3 Versuche an Hilflosen zum vermeintlichen Zwecke des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns
4.2 Die „Aktion T4“
4.3 Phase der „wilden Euthanasie“
4.4 Organisation und Differenzierung von „Kindereuthanasie“ und der „Aktion T4“

5 Krankenpflege im Nationalsozialismus
5.1 Berufliche Lage und Rollenverständnis der Krankenpflege
5.2 Auswahl des Pflegepersonals
5.3 Aufgabenfelder des Pflegepersonals
5.3.1 Krankenpflege und „Kindereuthanasie“
5.4 Motive für die Mitarbeit
5.5 Widerstand gegen die Maßnahmen
5.6 Reumütige MitläuferInnen oder überzeugte TäterInnen? – Gerichtsurteile

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

Anhänge
Anhang 1: Literaturrecherche
Anhang 2: Erlass des RMdI vom
Anhang 3: Erlass des RMdI vom
Anhang 4: Kinderfachabteilungen
Anhang 5: Meldebögen „T4“

Danksagung

Die Entstehung und Fertigstellung dieser Bachelor-Thesis hat mir - neben allem Interesse am Thema und aller Freude am Schreiben - nicht wenig Mühe und Not bereitet. Die Gefühlspalette, die ich während des Schreibprozesses durchlebt habe ist breit und reicht von Enthusiasmus, Dankbarkeit und Freude am Schreiben, über Entsetzen und Fassungslosigkeit das Thema dieser Arbeit betreffend. Vor allem für die mir am nächsten Stehenden war mein Gemütszustand sicher nicht einfach zu ertragen. Dies betrifft insbesondere meinen Ehemann und treuen Gefährten Georg, weshalb ich ihm in meiner Danksagung einen speziellen Platz einräumen möchte. Ich danke ihm von ganzem Herzen, dass er mir ermöglicht hat zu studieren und mich immer wieder ermutigte meinen Weg zu gehen. Für all die Geduld, Zuneigung, liebevolle Unterstützung, für sein Verständnis und nicht zuletzt, für seinen unerschütterlichen Glauben an mich.

Mein besonderer Dank gilt meiner Erstbetreuerin Frau Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach. Sie übernahm die umfangreiche Erstbetreuung und half mir mit ihrer Ruhe und Geduld, ihrem umfangreichen Wissen und ihren hilfreichen Anregungen, Ratschlägen und der mir gewidmeten Zeit, dieses Werk zu Papier zu bringen. Außerdem danke ich Frau Prof. Eva-Maria Ulmer die mir als Zweitbetreuerin unterstützend zur Seite stand.

Last but not least, danke Cat!

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der „Kindereuthanasie“ im Nationalsozialismus aus der Perspektive der Berufsgruppe der Krankenpflegenden. Es soll herausgearbeitet werden, wie es möglich war, diese Berufsgruppe für die gesundheitspolitischen und menschenverachtenden Zwecke der Nationalsozialisten zu instrumentalisieren, und welche Motive PflegerInnen zur Mitarbeit hatten. Weiter soll gefragt werden, ob sich die Tätigkeiten der PflegerInnen bei „Kindereuthanasie“ und „Erwachseneneuthanasie“ unterschieden, und ob es Widerstand gegen die Maßnahmen gab. Rassenideologische Vorstellungen der Nationalsozialisten sorgten durch umfangreiche Propaganda für Akzeptanz im Volk. Die Verhütung von „lebensunwertem Leben“ mittels Zwangssterilisationen als „minderwertig“ eingestufter Menschen, bildete die Vorstufe der „Euthanasiemorde“. Die lichtscheue Legitimation Adolf Hitlers – der Führererlass – diente als Grundlage der „Euthanasie“-Programme. Es folgte, unter Verpflichtung zur Geheimhaltung, die Involvierung von Mittätern, die, von wenigen Personen abgesehen, bereit zur Mitarbeit waren. Eine literaturgestützte Rezeption und Aufarbeitung des Forschungsstandes diente als Wissensgrundlage für diese Arbeit. Es wurden historische Primärquellen und historische Sekundärliteratur verwendet. Diese Arbeit beantwortet die eingangs formulierte Fragestellung und klärt die Motivation der TäterInnen, respektive der MitläuferInnen. Die Tätigkeiten der Pflegenden zwischen „Kindereuthanasie“ und „Erwachseneneuthanasie“ unterschieden sich kaum. Es wurden Kinder zu Forschungszwecken missbraucht, die keinem Zweck- außer dem persönlichen Interesse des Forschenden – dienten. Es gab wenig Widerstand innerhalb der Berufsgruppe der Pflegenden, dennoch war er möglich. In den Aussagen der TäterInnen findet sich kaum Reue, ein beliebtes Argument zur Mitarbeit war „Pflichterfüllung“. Noch sind viele Anstalten und die dort begangenen Taten wenig erforscht, daher ist es für die Zukunft wünschenswert, eine Gesamtschau zum Thema „Euthanasie“ im Nationalsozialismus unter Einbezug aller Tötungsanstalten, „Kinderfachabteilungen“, Täter-Berufsgruppen und Gerichtsurteile zu erarbeiten.

Abstract

This thesis is dealing with the topic of child „euthanasia” during National Socialism from a nurses’ angle. It seeks to reveal how nurses became exploited for National Socialism’s barbarous aims, and how their collaboration was motivated. In addition, the thesis seeks to explore potential differences in nurses’ activities with regard to child „euthanasia" vs. „euthanasia" applied to adults, as well as the resistance that formed against the measures taken. It is shown how ideological beliefs regarding race, via encompassing propaganda, paved the way for citizens’ consent. Ideas about avoiding „life unworthy of life” - through forced sterilisation of „inferior” human beings – acted as stepping stone for euthanasia homicides. Adolf Hitlers’ shady legitimation – the „Fuehrer’s decree" – served as the programme’s foundation. This was followed by the involvement of selected people that were sworn to secrecy, and most of which agreed to cooperate. Empirically, this thesis is based on a literature review of the state of research in the field, using both primary sources and secondary literature. The results show that differences between nurses’ activities in child- and adult „euthanasia” were limited. Children were abused for research purposes that served no other reason but the personal interest of the respective researcher. Resistance amongst nurses was low, although possible. Also, little signs of remorse were found amongst nurses. Instead, collaboration was often justified by pointing to the „fulfilment of duties”. By now, our knowledge about what was really going on is rather low for most institutions. Hence, future research should fill this gap by taking a comprehensive approach on the topic of euthanasia during National Socialism, thereby taking into account all kinds of killing facilities, children departments, delinquents’ occupational groups, and court decisions.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die sechs mit Gaskammern und Krematorien ausgestatteten Mordzentren20

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
(Primo Levi 1919-1987 Schriftsteller, Überlebender des Holocaust)

1 Einleitung

Dieses Zitat Primo Levis, einem Überlebenden des Holocaust, macht den stets gegebenen Bezug zwischen Vergangenheit und Aktualität deutlich. Es soll damit die Wahl des Themas dieser Bachelor-Thesis einleiten. Aktuell wird über Schwangerschaftsabbrüche bei Ungeborenen mit möglichen Erbschäden, anlässlich eines neuen, risikolosen Bluttests bei der Mutter debattiert. Mit diesem freiwilligen Test lassen sich Defekte im Erbgut des Kindes feststellen. Somit ermöglicht er – wenn gewünscht – einen Abort zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft. Die dadurch entfachte Diskussion wird über moralische Grenzen und das mögliche und erlaubte Überschreiten dieser Grenze geführt. Im Zuge dieser aktuellen Debatte soll in der vorliegenden Arbeit die Geschichte der nationalsozialistischen „Kindereuthanasie“ aus Sicht der Berufsgruppe der Krankenpflegenden beleuchtet werden. Denn wer darf tatsächlich über Leben und Tod entscheiden, wer grenzt ab zwischen Gesundheit und Krankheit? Darf eine Institution – vielleicht sogar der Staat – Eltern Handlungsalternativen vorschreiben? Das sind Fragen, die zu jeder Zeit, in jeder Epoche gestellt, diskutiert und beantwortet werden müssen. Im Folgenden ist es wichtig - da die Grenzen hier nicht immer eindeutig waren – sowohl das „Reichsausschussprogramm“ und die „Aktion T4“ zu beschreiben, als auch die zweite Phase der Tötungen, die gemeinhin als Phase der „wilden Euthanasie“ oder als „Aktion Brandt“ bezeichnet wird. Diese Differenzierung erfolgt, da die Steuerung der zweiten Phase zwar weiterhin auch von der T4-Zentrale ausging, aber die Art der Tötungen der Opfer - und somit auch der Grad der Involvierung des Krankenpflegepersonals sich verändert hatte.

Diese Arbeit kommt nicht gänzlich ohne die Sprache der Täter aus. Die Autorin möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Begriffe wie z. B. „lebensunwertes Leben“, „Idioten“, „Ballastexistenzen“ keinesfalls ihrem Denken entsprechen, sondern zum im Nationalsozialismus üblichen Vokabular gehörten, sie werden daher in dieser Arbeit in Anführungszeichen gesetzt. Da der Begriff „Euthanasie“ von den Nationalsozialisten für ihre eigenen Zwecke uminterpretiert wurde und nichts mit der ursprünglichen Begrifflichkeit zu tun hat, wird auch er in dieser Bachelor-Thesis in Anführungszeichen gesetzt. Zur Vereinfachung des Leseflusses wird, sofern möglich, eine geschlechtsneutrale Form verwendet, die sowohl für das männliche als auch weibliche Geschlecht gleichermaßen gilt. An manchen Stellen wird als Ausnahme das Binnen-I verwendet, wie z.B. in dem Wort PflegerInnen, um so Wortwiederholungen zu vermeiden.

Dieses unmenschliche Kapitel deutscher Geschichte darf niemals vergessen werden. Den Opfern dieser Zeit sind wir es schuldig, aufzuarbeiten, Strömungen zu erkennen und jederzeit kritisch zu reflektieren! Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten.

1.1 Zielsetzung der Arbeit

Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet: „ Wie verhielt sich die Berufsgruppe der Krankenpflegenden im Nationalsozialismus bei der Durchführung von „Kindereuthanasie“, und welche Begründungen für ihre Teilnahme lassen sich ausfindig machen?“ Es soll herausgearbeitet werden, wie es aufgrund der berufspolitischen Lage und der vorangegangenen beruflichen Sozialisation möglich war, Krankenpflegende für die gesundheitspolitischen und menschenverachtenden Zwecke der Nationalsozialisten zu instrumentalisieren. Dazu werden ihre Aufgabenfelder im System beschrieben, und es wird untersucht, ob bzw. inwiefern sich die Aufgaben der PflegerInnen bei der „Kindereuthanasie“ von den Aufgaben in der Erwachsenen-Ermordung unterschieden. Es soll geklärt werden, welche Motive PflegerInnen zur Mitarbeit hatten und ob es Widerstand gab. Die Beantwortung der Frage, ob man es mit reumütigen MitläuferInnen oder überzeugten TäterInnen zu tun hatte, und welche Beweggründe diese PflegerInnen in Prozessen anführten, soll die Arbeit beschließen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt – regional betrachtet – innerhalb der Grenzen des nationalsozialistischen Deutschen Reiches der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Erwähnung finden deshalb auch Tötungsanstalten und ihre Zeitzeugen unter den Tätern im heutigen Österreich, welches nach damaliger Definition Teil des Großdeutschen Reiches war.

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung wird der Forschungsstand der zur Erstellung dieser Bachelor-Thesis aufgearbeitet wurde, umrissen. Anschließend erfolgt im dritten Kapitel ein Blick in den Ausgangspunkt der rassenideologischen Überlegungen, welcher als Basis der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Nationalsozialismus dienen sollten. Das vierte Kapitel beschreibt dann die systematische Vorgehensweise der Aktionen zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“. Im darauffolgenden fünften Kapitel geht es um die Berufsgruppe der Krankenpflegenden und ihre Mitarbeit am nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programm. Den Abschluss dieser Bachelor-Thesis bildet im sechsten Kapitel ein Resümee, in dem die eingangs gestellte Fragestellung aufgegriffen werden soll.

1.3 Methode und Material

Es erfolgte eine literaturgestützte Rezeption und Aufarbeitung des Forschungsstandes zur o. g. Fragestellung, d. h.:

1. Erhebung des aktuellen Forschungsstandes durch umfassendes Bibliographieren.
2. Hinzuziehung zeitgenössischer Quellentexte zur „Kindereuthanasie“ z. B. Auszüge aus Krankenakten, Prozessaussagen und Äußerungen in Zeitschriften.
3. Textanalyse nach der historisch-kritischen Methode.
4. Auswertung der Forschungsergebnisse und Auswertung der Quellentexte mit Blick auf die Krankenpflege.

Die Literatursuche vollzog sich in mehreren Phasen, wobei eine orientierende Suche bereits einige Monate vor dem Beginn der Bachelor-Thesis zur Themenfindung erfolgte. Danach fand dann ein erstes, ebenfalls orientierendes Gespräch mit der Erstbetreuerin statt. Die von ihr empfohlene Literatur wurde verwendet. Nach Anmeldung des Themas begann die systematische Literaturrecherche in den Bibliothekskatalogen der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main, des hessische Bibliotheksinformationssystems (HeBIS) und dem Katalog der Frankfurt University of Applied Sciences sowie eine Datenbankrecherche. Eine Auflistung der Suchbegriffe in den verschiedenen Datenbanken und Bibliothekskathalogen sowie die jeweilige Anzahl der Treffer befinden sich im Anhang 1. Zunächst wurde auf Datenbanken zurückgegriffen, die über das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information zugänglich sind: Deutsches Ärzteblatt, Embase, ETHMED, gms, Medline, PsycInfo und SOMED. Um relevante Zeitschriftenpublikationen zu finden, wurde eine Suche über die LISK Datenbank (CareLit) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden einer Auswahl unterzogen, indem Klappentexte, Inhaltsverzeichnisse, Abstracts und einzelne Kapitelzusammenfassungen in den Publikationen gelesen und die Relevanz zur Thematik eingeschätzt wurde. Ebenso musste die Verfügbarkeit der einzelnen Ergebnisse eruiert werden. Nachdem eine große Anzahl an Büchern und Artikeln ausfindig gemacht werden konnte, erfolgte eine weitergehende Quantifizierung und Qualifizierung der Literatur nach einzelnen Themen. Die Literaturverzeichnisse bereits gefundener bzw. auch privat bereits vorhandener Quellen waren zudem sehr hilfreich. Der regelmäßige Austausch mit der Erstbetreuerin war wichtig zur Abstimmung des Arbeitsprozesses.

2 Forschungsstand

Erfreulicherweise ist die Forschung zur „Erwachseneneuthanasie“ im Nationalsozialismus in den letzten 10 Jahren sehr weit fortgeschritten, die existierende Literatur ist sehr umfangreich. Daher befasst sich diese Arbeit nicht mit der „Erwachseneneuthanasie“ sondern mit der „Kindereuthanasie“. Auffallend ist, dass es bislang keine Gesamtdarstellung zum Thema gibt, lediglich viele Regionalstudien. Auf den Fokus Krankenpflege bezogen fällt auf, dass es keine Literatur gibt, die sich ausschließlich mit ihrer Beteiligung an den Tötungsaktionen gegenüber Kindern befasst.

Zunächst widmet sich die Arbeit der Rezeption des aktuellen historischen Forschungsstandes zur „Kindereuthanasie“ im Nationalsozialismus unter der Herausarbeitung krankenpflegerischer Aspekte. Bei der verwendeten geschichtlichen Literatur handelt es sich zum einen um historische Primärquellen, wie die Schrift zur Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens von Binding und Hoche (1920). Zum anderen Teil wird historische Sekundärliteratur, wie das Standardwerk zur pflegerischen Berufsgeschichte „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ von Hilde Steppe (Hg.) (1993) verwendet. Dazu kommt die von Gerhard Fürstler gemeinsam mit Peter Malina im Jahr 2004 veröffentlichte Studie „'Ich tat nur meinen Dienst'[1]. Zur Geschichte der Krankenpflege in Österreich in der NS-Zeit“ oder die Forschungsarbeiten zur Kindereuthanasie von Udo Benzenhöfer (Hg.) (2000a): „'Kinderfachabteilungen' und 'NS-Kindereuthanasie'“ und Thomas Beddies und Kristina Hübener (Hg.) (2004): „Kinder in der NS-Psychiatrie“. Das Werk Ernst Klees (Hg.) (1983) „'Euthanasie' im NS Staat“ gibt einen umfangreichen Einblick in die Geschichte und bildet einen wichtigen Bestandteil dieser Arbeit. Dennoch war es wichtig, auch aktuellere Literatur zu verwenden, da die Forschung seit Ernst Klees umfangreichem Werk weitere Erkenntnisse gewonnen hat. Die aufgearbeitete Biographie eines Opfers der „Kindereuthanasie“ durch Sigrid Falkenstein (Hg.) (2012): „Annas Spuren. Ein Opfer der NS-'Euthanasie'“ gab der Autorin einen sehr persönlichen Einblick in das Schicksal einer Betroffenen und half daher, persönliche Stimmungsbilder des Geschehenen besser wahrnehmen zu können, obwohl das Werk selbst nicht direkt in diese Arbeit einfließt. Genau aus diesem Grund ist auch die Niederschrift von Walter Kohl (Hg.): „'Ich fühle mich nicht schuldig' Georg Renno, 'Euthanasiearzt' “, aus dem Jahre 2000 von Bedeutung. Diese Niederschrift zeigt ausführlich das Profil eines Mannes, der bis zu seinem Tode nicht nur ungestraft weiterlebte, sondern sich weder vor Gericht noch in seinem moralischen Verständnis als schuldig bekannte. Eine für die Autorin ganz besondere Quelle war das Werk „Medizinverbrechen“ von Gerda Engelbracht (Hg.) (2014). Obwohl wiederum „nur“ eine regionale Betrachtung, ist das Werk eine sehr sensible Auseinandersetzung mit dem Thema.

3 Euthanasie und Eugenik

Der Duden übersetzt Euthanasie als aus dem Griechischen abstammend von euthanasía = leichter Tod, zu: eũ = gut, wohl und thánatos = Tod. Er differenziert zwischen der Erleichterung des Sterbens, besonders durch Schmerzlinderung mit Narkotika in der Medizin, der absichtlichen Herbeiführung des Todes bei unheilbar Kranken durch Medikamente oder durch Abbruch der Behandlung. Außerdem beschreibt er den euphemistischen Gebrauch des Wortes durch die Nationalsozialisten als systematische Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen (Duden - Die deutsche Rechtschreibung 2004, S. 356). Zur Herkunft des Wortes Eugenik findet sich im Duden folgende Erklärung: Aus dem Griechischen stammend von eugenḗs = wohlgeboren, von edler Abkunft und aus: eũ = gut, wohl und -genḗs, -gen. Eugenik beschreibt somit die Wissenschaft von der Verbesserung der Erbanlagen in der menschlichen Bevölkerung (z. B. durch die Zurückdrängung von Erbkrankheiten) (Duden 2004, S. 355).

Die ersten Nennungen des Begriffs Euthanasie finden sich im 5. Jahrhundert vor Christus: Dort bezog sich der Begriff auf leichtes Sterben. Im 19. Jahrhundert meint Euthanasie schließlich nicht mehr den Vorgang, sondern die Begleitung des Sterbens. Dies konkretisierte sich schließlich im 20. Jahrhundert von der passiven zur aktiven Sterbehilfe. Folgende Eskalationsstufen lassen sich differenzieren:

- Sterbehilfe durch Sterbenlassen
- Sterbehilfe mit Lebensverkürzung als Nebenwirkung
- Sterbehilfe mit gezielter Lebensverkürzung
- Tötung auf Verlangen

Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ als bewusst gewählte Strategie in Verbindung mit dem Begriff „Euthanasie“ gegen Ende der 20er Jahre positioniert den Begriff schließlich aufs Extremste, schloss diese Strategie doch die eugenisch motivierte Tötung von Neugeborenen und die utilitaristisch begründete Tötung von unheilbar Kranken und Behinderten ein (Schmuhl 1987, S. 25 ff.).

3.1 Euthanasie und Eugenik im Nationalsozialismus

Die Ideen der nationalsozialistischen Gesundheitsideologie gehen u.a. auf Charles Darwin (1809-1882) zurück. Als Begründer der Evolutionstheorie hatte er seine Theorie hauptsächlich auf die Tier- und Pflanzenwelt bezogen: die natürliche Auslese als Anpassung an die Umwelt, als Kampf ums Dasein und das Überleben der Tüchtigen. Als frühe Vertreter der Eugenik galten Francis Galton (1822-1911), Wilhelm Schallmayer (1857-1919) und Alfred Ploetz (1860-1940). Sie übertrugen Darwins Theorien auf die menschliche Gesellschaft (Sozialdarwinismus). Sie waren der Ansicht, dass unter den Bedingungen der modernen Zivilisation die natürliche Auslese ausgeschaltet sei und propagierten daher Gegenmaßnahmen mit dem Zweck, die gesellschaftliche Degeneration und Entartung zu verhindern. Alfred Ploetz prägte 1885 das deutsche Synonym für Eugenik, die Rassenhygiene (Engelbracht 2014, S. 15). In der Bevölkerung, vor allem im akademischen Milieu, erfuhr die Debatte um rassenhygienische Vorstellungen durch die Niederlage des Esten Weltkrieges breite Akzeptanz. Dies war die Zeit für das Werk des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche (1920) „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Die beiden Autoren befürworten in ihrer Schrift die Sterbehilfe bei Todkranken sowie die Tötung „Minderwertiger“, Kranker und Behinderter. Während Binding die Ausarbeitung der juristischen Gesichtspunkte übernahm, war Hoche für die ärztlichen Anmerkungen des Werkes zuständig. Hoche plädierte für eine „Tötungsfreigabe“ unheilbar Kranker mit deren Willen und – wenn sie diesen nicht mehr äußern können – auch unter sehr engen Voraussetzungen ohne deren Willen, aber niemals gegen ihren Willen. Er argumentiert, dass die „geistig Toten“ eine unzumutbare wirtschaftliche und moralische Belastung bedeuteten (Schwartz 2008, S.77; Steppe 1993, S. 141).

„Auch in Bezug auf die wirtschaftliche und moralische Belastung [Hervorhebung im Original] der Umgebung, der Anstalten, des Staates usw. bedeuten die geistig Toten keineswegs immer das gleiche. (...)

In wirtschaftlicher Beziehung würden also diese Vollidioten, ebenso wie sie auch am ehesten alle Voraussetzungen des vollständigen geistigen Todes erfüllen, gleichzeitig diejenigen sein , deren Existenz am schwersten auf der Allgemeinheit lastet. [Hervorhebung im Original]

Diese Belastung ist zum Teil finanzieller Art und berechenbar an Hand der Aufstellung der Jahresbilanzen der Anstalten. (...)“ (Hoche 2006, S. 50 f.)

Hoche weist außerdem auf die Summe der Opportunitätskosten aller deutschen Anstalten (ob in staatlicher oder privater Hand) hin. Tausende von Pflegern würden sich einer völlig überflüssigen Aufgabe widmen. „(...) es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen dahinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre und älter werden.“ (Ebd. 2006, S. 50 f.)

„Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden, und wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen.(...)“ (Hoche 2006, S. 51f.) Binding und Hoche schufen also zu diesem Zeitpunkt den ideologischen Nährboden für die spätere Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten (Steppe 1993, S.142; Orth 1989, S. 22). Doch bevor es dazu kam, entstand schon in der Weimarer Republik nach lange anhaltenden Debatten um Eugenik und den gesellschaftlichen Wert von „unwertem Leben“ ein Gesetzesentwurf zur Sterilisation auf freiwilliger Basis. Dieser wurde in der Form allerdings nie verabschiedet (Steppe 1993, S. 138 ff.), sollte dann aber kurze Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, bereits am 14. Juli 1933 als Basis für das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GzVeN) dienen, welches schließlich im Januar 1934 in Kraft trat (Klee 1983, S. 36; Steppe 1995, S.143; Winter 1991, S. 37). Es bot die Grundlage für die Zwangssterilisation von rund 400.000 Menschen (Engelbracht 2014, S. 21; Bock 2008, S. 86; Schmuhl, 1991, S. 59; Steppe 2001, S. 143). „Mit seiner Inkraftsetzung am 1. Januar 1934 'brachen die rechtsstaatlichen und sozialpolitischen Dämme': das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit hatte seit diesem Zeitpunkt keine Geltung mehr.“ (Engelbracht 2014, S. 17) Acht definierte Erbkrankheiten konnten ein Urteil zur Zwangssterilisation begründen: wirklicher oder angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, Epilepsie, manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz (Chorea Huntington), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere körperliche Missbildungen, Alkoholismus (Bock 2008, S. 86 f.; Engelbracht 2014 S. 17; Klee 1983, S.38; Steppe 1993, S.143). Ein umfassendes Propagandaprogramm in Form von Vorträgen, Poster und Filme für Fachpersonal und Schulkinder, Artikeln in Zeitschriften etc., sollte in der Bevölkerung die Angst vor der vermeintlich unkontrollierten Vermehrung "Minderwertiger" schüren. Es wurde propagiert, dass "Erbkranke dem Volk zur Last fallen" und dass die Gefahr der "bedrohlichen Ausbreitung" akut sei. Die "deutsche Rasse" sei gefährdet durch "Asoziale", "Schwachsinnige" und psychisch Kranke. Deshalb sei ein frühzeitiges Eingreifen in deren vermeintliche Fortpflanzungsfreudigkeit durch frühzeitige Unfruchtbarmachung unumgänglich (Engelbracht 2014, S. 17). Wie der Weg von der Erfassung und Dokumentation dieser verfolgten und diskriminierten Menschen bis zur Sterilisation vor sich ging, kann in der für diese Arbeit verwendeten Literatur tiefergehend nachgelesen werden und soll, da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, hier nicht weiter ausgeführt werden.

Nach der Verhütung der „Lebensunwerten“ sollte nun also ihre systematische Vernichtung folgen. „Im Dritten Reich hat es sich bei den Massentötungen weder um 'Euthanasie' im Sinne von Sterbehilfe noch um ein Töten aus Mitleid gehandelt. Es handelte sich bei den Vernichtungsaktionen weder um Sterbende, denen man das Sterben erleichtern wollte, noch um Leidende, die den Tod wünschten. Vielmehr bedeutete 'Euthanasie‘ im Dritten Reich die 'Vernichtung lebensunwerten Lebens‘. Die NS-Verantwortlichen bevorzugten auch gerne das so human und karitativ klingende Wort 'Gnadentod'; ein 'Gnadentod' für Menschen, die ihnen keinen gesellschaftlichen Nutzen versprachen.“ (Orth 1989, S. 7)

4 Die systematische Vernichtung „lebensunwerten Lebens“

Reichsärtzeführer Wagner trug Hitler 1935 erstmals seine Gedanken zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ durch Tötungen vor (Steppe 1993, S. 143). Mit der Einschränkung, dass bis Kriegsbeginn damit gewartet würde, stimmte Hitler zu (Steppe 1993, S.55; Orth 1989, S. 26). Karl Brandt[2] sagte im Nürnberger Ärzteprozess später dazu aus, dass Hitler sein Abwarten damit begründete, dass es im Krieg leichter sei, gegen die von Kirchenseite zu erwartenden Widerstände ein solches Problem aufzugreifen und durchzuführen, da es im allgemeinen Kriegsgeschehen eine eher untergeordnete Rolle spielen würde (Orth 1989, S. 26).

In den nun folgenden Kapiteln 4.1-4.4 sollen die verschiedenen Aktionen beschrieben werden, mit denen „lebensunwertes“ Leben vernichtet wurde. Da Kinder nicht ausschließlich im Rahmen des „Reichsausschussprogrammes“ getötet wurden, sondern auch der „Aktion T 4“ und der Phase der „wilden Euthanasie“ zum Opfer fielen, ist es wichtig, all diese Phasen zu beschreiben. „In der historischen Forschung zur NS-'Euthanasie' wurde der Begriff 'Kindereuthanasie' lange Zeit synonym für das sogenannte 'Reichsausschussverfahren' verwendet. (...) Neuere Arbeiten weisen jedoch darauf hin, dass Kinder und Jugendliche weit über das 'Reichsausschussverfahren' hinaus Opfer von nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Maßnahmen geworden sind.“ (Hohendorf, Rotzoll 2004, S. 125)

4.1 „Reichsausschusskinder“

Zwischen Februar und Mai 1939 wurde in Berlin in der Kanzlei des Führers (KdF) der „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ zur Organisation der „Kindereuthanasie“ eingerichtet. Die kurz als „Reichsausschuß“ benannte Tarnorganisation bekam den Namen mit vermeintlich wissenschaftlichem Klang, da ein unverfänglicher klingender Name sich nicht sofort mit der Kanzlei des Führers als Auftraggeber von Kinder-Morden in Verbindung bringen ließ. Dieses Projekt war von Anfang an als geheime Reichssache angelegt (Klee 1983, S. 79 f.; Rigele 2005, S. 6; Schmuhl 1991, S. 59). Dem vorausgegangen war eine durch Hitler persönlich autorisierte Tötung eines schwer geistig und körperlich behinderten Jungen: das sogenannte „Knauer-Kind“, dessen Eltern auf Anraten des behandelnden Leipziger Kinderarztes Prof. Dr. Werner Catel Hitler um die Einwilligung zur Tötung ihres Sohnes baten. Hitlers Leibarzt Dr. Karl Brandt wurde zur Begutachtung des Kindes in die Leipziger Uniklinik geschickt, um sich von den Schilderungen des Vaters zu überzeugen. Brandt berichtete Hitler, und dieser stimmte dem „Gnadentod“ zu (Kinast 2014, S. 15 ff.; Klee 1983, S. 78; Winter 1991, S. 68). „Bis 2008 galt die durch Udo Benzenhöfer im Jahr 2000 veröffentlichte Identifikation des Kindes als eines aus Pomßen bei Leipzig stammenden Jungen als allgemein anerkannt. Auch diese Darstellung muss zwischenzeitlich revidiert werden, (...). Die genaue Identität des 'Knauer-Kindes' bleibt somit bis heute unklar.“ (Kinast 2014, S. 15) Udo Benzenhöfer selbst veröffentlicht dazu im November 2007 eine Richtigstellung im Ärzteblatt (Benzenhöfer 2007, S. A3232).

„Mit dieser Einzelfallentscheidung wurde der Grundstein für organisierten Massenmord gelegt, der in den folgenden fünf Jahren ein erschreckendes Ausmaß annehmen sollte.“ (Kinast 2014, S. 17) Denn folgend wurden Dr. Karl Brandt und dem Leiter der KdF[3] Philipp Bouhler durch Hitler zunächst mündlich die Zuständigkeiten für solche außergesetzlichen „Einzelfalllösungen“ übertragen (Greve 2006, S. 20 ff.; Kinast 2014, 17 f.). Die Nationalsozialisten suchten juristische Winkelzüge, denn auch nach dem damaligen - 211 Strafgesetzbuch (StGB) galt die Tötung von Geisteskranken als Mord. Der 1940 amtierende Justizminister Dr. Franz Gürtner drängte bei einer Besprechung mit dem Chef der Reichskanzlei Dr. Lammers darauf, Hitler zum Erlass eines Gesetzes zu bewegen, welches die juristische Legitimation der Tötungen bedeutet hätte (Kinast 2014, S. 19). Da Hitler es aber stets ablehnte, eine gesetzliche Grundlage für diese Morde zu schaffen, sollte ein Ermächtigungsschreiben als Grundlage für die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ dienen (Greve 2006, S. 20 ff.; Kinast 2014, S. 17 f.). „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ (Adolf Hitler zitiert nach Kinast 2014, S. 19) Dieses formlose Schreiben auf Hitlers persönlichem Briefpapier wurde bewusst auf den Tag des Kriegsbeginns zurückdatiert, da die Planungen zur „Erwachseneneuthanasie“ zu diesem Zeitpunkt bereits in Gange waren (Orth 1989, S. 27). Auch wenn Hitlers „Ermächtigung“ als „Rechtsgrundlage“ verstanden werden sollte, besaß sie formal niemals Gesetzeskraft, reichte aber dennoch aus, um als „Wille des Führers“ von Dr. Franz Gürtner akzeptiert zu werden. Seine Bemühungen galten fortan dem Finden von Verfahrensregelungen, mit denen die Justiz sich gegen die zu erwartenden Proteste zur Wehr setzen konnte (Kinast 2014, S. 19). Bereits vor der Tötung des „Knauer-Kindes“ fand sich ein Gremium im Amt II der KdF unter Oberdienstleiter Viktor Brack zusammen, welches die groß angelegt geplante „Kindereuthanasie“ vorbereitete. Es handelte sich hierbei um Pädiater wie Dr. Ernst Wentzler und Prof. Werner Catel, den Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Hans Heinze und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt als engerer Personenkreis (Benzenhöfer 2000b, S.A2766 f.; Klee 1983, S.79 f.; Orth 1989, S.28; Topp 2004, 17 f.). Das Gremium entwickelte ein detailliertes Konzept, welches sich von der Erfassung und Verwaltung bis zur Vernichtung Minderjähriger nach medizinischer Begutachtung befasste. Es folgt 1939, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, auf Veranlassung des „Reichsausschusses“ ein streng vertraulicher Runderlass des Reichsinnenministeriums über die Meldepflicht geistig und körperlich behinderter Neugeborener (Anhang 2). Als Begründung wurde wissenschaftliches Interesse vorgegeben (Benzenhöfer 2000b, S. A2766; Klee 1985, S. 80; Topp 2004, S. 18 f.): „Zur Klärung wissenschaftlicher Fragen auf dem Gebiete der angeborenen Missbildung und der geistigen Unterentwicklung ist eine möglichst frühzeitige Erfassung der einschlägigen Fälle notwendig.“ (zitiert nach Klee 1983, S. 80) Geburtshilflich tätige ÄrztInnen und Hebammen wurden in die Pflicht genommen, Meldung mittels Meldebogen an das zuständige Gesundheitsamt zu machen. Gemeldet werden sollten Kinder bis zum dritten Lebensjahr (die Altersgrenze wurde später informell auf sechzehn Jahre erhöht, siehe Kapitel 4.4) mit „schweren angeborenen Leiden“ wie:

- Idiotie sowie Mongolismus (besonders Fälle, die mit Blindheit und Taubheit verbunden sind),
- Mikrocephalie,
- Hydrocephalus schweren beziehungsweise fortschreitenden Grades,
- Missbildungen jeder Art, besonders Fehlen von Gliedmaßen, schwere Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule und so weiter,
- Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung

(Benzenhöfer 2000b, S. A2766; Kinast 2014, S. 22 f.; Klee 1983, S. 80; Topp 2004, 18 f.). Eine Abschrift des Erlasses ging von der Landesregierung an die AmtsärztInnen bzw. die LeiterInnen der Gesundheitsämter, damit diese dort die Hebammen und ÄrztInnen ihres Bezirks instruieren konnten und ihnen einen auszugsweisen Abdruck des Erlasses sowie Meldebögen u. a. übergeben konnten. Abgefragt wurden in diesem Meldebogen der „Anlass zur Meldung“, die „voraussichtliche Lebensdauer“ und die Wahrscheinlichkeit von „Besserungsaussichten“. Außerdem war es Aufgabe des Amtsarztes, die ihm zugesandten Meldungen und Befundberichte auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Er schickte die Bögen in der Regel dann ohne Nachuntersuchung an den „Reichsausschuß“ (Postadresse Berlin), wo sie dann im Amt 2 b von Hefelmann bzw. von Hegener bearbeitet wurden.[4] Hefelmann und von Hegener sortierten die nicht für das „Euthanasie“-Programm in Frage kommenden Kinder aus.

Bis zu diesem Zeitpunkt war im Erlass nicht beschrieben, was folgend mit den Kindern passieren sollte (Benzenhöfer 2000a, S. 15 ff.). „Erst in einem Erlass des Innenministeriums vom 1. Juli 1940 hieß es, dass in Görden eine 'Jugend-Psychiatrische Fachabteilung' zur 'Behandlung' der gemeldeten Kinder eingerichtet worden sei und dass die Errichtung weiterer 'Fachabteilungen' zur besseren 'Behandlung' der Kinder beabsichtigt sei (...).“ (Benzenhöfer 2000b, S. A2768) Diese erste Tötungsstation unter der Leitung von Professor Hans Heinze sollte im Verlauf als Modellstation, als so genannte „Reichsschulstation“ dienen. Im Rahmen des „Reichsausschussverfahrens“ kamen der Gördener Anstalt drei Funktionen zu: Einweisung designierter „Reichsausschussärzte“ in ihre künftige Funktion als Arzt einer „Kinderfachabteilung“, Vermittlung von Fachwissen die Kinder- und Jugendpsychiatrie betreffend, in Bezug auf Diagnostik und Befunderstellung und die Demonstration und Schulung in die alle Bereiche der „Euthanasie“ begleitenden Forschung (Topp 2004, S. 38).

Die für den „Reichsausschuss“ tätigen Gutachter vermerkten in den Meldebögen mit einem „+“ Behandlung, d. h. Freigabe der Tötung oder mit einem „-“ keine Freigabe zur Tötung. Auch kam es vor, dass ein Gutachter keine sichere Entscheidung treffen konnte, was dann ein Zurückstellen oder Beobachten des gemeldeten Kindes bedeutete. Freigegebene und zu beobachtende Kinder wurden dann in eine „Kinderfachabteilung“ eingewiesen. Dem überweisenden Amtsarzt wurde dies in einem Schreiben mit der Begründung, dass die beste Pflege und eine - im Rahmen des Möglichen - neuzeitliche Therapie dort durchgeführt werden könne, mitgeteilt. Außerdem wurde die teilweise Übernahme der entstehenden Kosten, zu Gunsten der Eltern, durch den „Reichsausschuss“ erörtert. Die für das Kind vorgesehene Anstalt wurde über die geplante Überweisung benachrichtigt (Benzenhöfer 2000a, S. 16 f.). Wenn Eltern trotz o.g. Versprechen der Einweisung ihres Kindes nicht zustimmten, oblag es den Amtsärzten, hier nochmals zu intervenieren. Diese Vorgehensweise erübrigte sich aber ab dem 20.09.1941, als mit einem neuerlichen Erlass des Reichsinnenministeriums (Anhang 3) den Eltern nun mit dem Entzug des Sorgerechtes gedroht werden konnte. Außerdem wurde den Eltern gedroht, dass die Kostenübernahme nicht mehr gewährleistet sei, wenn zu lange gezögert würde. Auf alleinerziehende Mütter wurde der Druck, einer Einweisung ihres Kindes zuzustimmen, erhöht, indem die Arbeitsämter angewiesen wurden, ihnen Arbeit zu vermitteln, sofern die bisherige Ablehnung der Einweisung mit der Pflege ihres Kindes begründet wurde. Dieses Risiko wollten oder konnten wohl die meisten Eltern oder Alleinerziehenden nicht eingehen und gaben dem Druck durch ihre Zustimmung nach (Kinast 2014, S. 59 ff.).

4.1.1 Kinderfachabteilungen

Der Aufbau eines das gesamte Großdeutsche Reich überziehenden Netzwerkes aus Kinderfachabteilungen kam wiederum Hefelmann und v. Hegener zu. Sie bereisten das gesamte Reichsgebiet und führten vor Ort den Dialog mit den Leitern der in Frage kommenden Anstalten. Diese Gespräche liefen laut Aussagen, die Hans Hefelmann am 07.11.1960 vor dem Generalstaatsanwalt des Oberlandesgerichts Frankfurt tätigte, nach stets der gleichen Struktur ab. Hans Hefelmann übernahm die Verhandlungsführung und informierte die Anwesenden über drei stets gegebene Gesichtspunkte:

1. Geheime Reichssache
2. Vorgeschichte des Reichsausschusses
3. Art der Durchführung

Zum dritten Punkt wurde bei den Anstaltsleitern stets deutlich gemacht, dass das „Ob“, „Wann“ und „Wie“ der Durchführung des „Gnadentodes“ im Ermessen des Anstaltsarztes lege, welcher sich freiwillig und aus Überzeugung zur „Euthanasie“ und zu deren Durchführung bereiterkläre. Es sei eine Kann- und keine Muss-Bestimmung (Engelbracht 2014, S. 69; Topp 2004, S. 19). In der Fülle der Literatur wird die Anzahl der „Kinderfachabteilungen“ nicht einheitlich angegeben. Das liegt daran, dass es unterschiedliche Aussagen der Beteiligten vor Gericht und auch widersprüchliche Dokumente gab und gibt (Topp 2004, S. 23). Unklarheit besteht noch immer über die Organisationsstruktur an den verschiedenen Tötungsorten, die eine solche „Kinderfachabteilung“ eingerichtet hatten. Denn scheinbar hatten nicht alle Anstalten separate „Abteilungen“. Oft waren sie mit anderen Kindern, deren Ermordung ebenfalls geplant war, gemeinsam untergebracht (Benzenhöfer 2000b, S. A2772). Festzuhalten bleibt, dass Benzenhöfer (2011) nach derzeitigem Forschungsstand 31 „Kinderfachabteilungen“ als gesichert betrachtet. (Anhang 4) Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass es mehr „Kinderfachabteilungen“ gab. Geplant waren definitiv mehr, zu deren Einrichtung sollte es aber nicht mehr kommen (Benzenhöfer 2011, S. 73).

4.1.2 Tötungen

Da jede einzelne dieser „Kinderfachabteilungen“ ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Täter und ihre eigenen Opfer hatte, soll im folgenden Kapitel exemplarisch beschrieben werden, wie der letzte Weg der Kinder nach der Brandmarkung „lebensunwert“ bis zur Tötung in einer der „Kinderfachabteilungen“ verlief.

Bei bereits stationär untergebrachten Kindern, die also nicht aus dem häuslichen Umfeld direkt in eine „Kinderfachabteilung“ eingewiesen wurden, geschah die Überstellung in eine „Kinderfachabteilung“ durch einen Sammeltransport der GEKRAT oder mittels Reichsbahn (Orth 1989, S. 30). Dort angekommen, geschah die Ermordung der Kinder einzeln, meist mit Barbituraten wie Luminal. Diese wurden durch Injektionen, wahlweise je nach Anstalt, mittels Tabletten durchgeführt (siehe Kapitel 5.3.1). Da das Barbiturat in den meisten Fällen über mehrere Tage hinweg gegeben werden musste, trat der Tod nicht sofort ein, sondern das Sterben zog sich über mehrere Tage hin. Dieser dauerhafte Dämmerzustand, in dem sich die Kinder dadurch befanden, führte zu einer flacheren Atmung und folglich zu einer Minderbelüftung der Lunge. Die Konsequenz war eine Lungenentzündung. Der Tod muss qualvoll gewesen ein. Die Kinder liefen blau an und hatten Schaum vor dem Mund. Als Todesursache wurde dann ein „natürlicher“ Tod im Totenschein vermerkt, bevorzugt mit dem ergänzenden Zusatz: durch Lungenentzündung (Benzenhöfer 2000b, S. A2772; Burlon 2009; S. 89 ff., 240; Engelbracht 2014, S. 93 f.; Kinast 2014, S. 211 ff.). Eine weitere Tötungsart war die bewusste Reduktion der Zuführung von Nahrung, das akzeptierte und gewollte Verhungern der Kinder (Engelbracht 2014, S. 45 ff.; Janzowski 2001, S. 105; Kinast 2014, S. 46 ff.; Orth 1989, S. 37, 42; Rigele 2005, S. 23; Schmuhl 1991, S. 60). An die Eltern wurde, meist am Tag vor dem Tod des Kindes, ein Schreiben versendet, welches ihnen von der Verschlechterung des Zustandes berichtete. Ein Abschiednehmen war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich. Es folgte die Todesmeldung mit der „offiziellen“ Todesursache (Rigele 2005, S. 21). Nach wie vor kann keine exakte Zahl der im Rahmen des „Reichsausschussverfahrens“ getöteten Kinder benannt werden. Die Schwierigkeit liegt in der Tatsache begründet, dass viele Kinder auch Opfer anderer „Euthanasie“-Aktionen wurden (siehe Kapitel 4.2-4.4). Schätzungen gehen von ca. 5000 ermordeten „Reichsausschusskindern“ aus (Benzenhöfer 2000a, S. 20; Engelbracht 2014, S. 43 f.; Schmuhl 1991, S. 60; Topp 2004, S. 19).

4.1.3 Versuche an Hilflosen zum vermeintlichen Zwecke des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns

Klee (1983) und Friedlander (1997) gehen davon aus, dass der Name „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ ein wissenschaftliches Ansinnen suggerieren sollte, dies aber nur ein vorgetäuschtes Interesse gewesen sei (Klee 1983, S. 80; Friedlander 1997, S. 91). Dahl (2002) hingegen konstatiert, dass ein wissenschaftliches Interesse sehr wohl bestanden habe, denn in den „Kinderfachabteilungen“ wurde großer therapeutischer und diagnostischer Aufwand betrieben. Außerdem gab es fest umschriebene Forschungsprojekte. Diese orientierten sich meist am Interesse des jeweiligen Anstaltsleiters, wie das Beispiel der „Kinderfachabteilung“ Görden zeigt. Hier gibt es Belege für den Willen des dortigen Abteilungsleiters Hans Heinze, der sich mit „Mongolismus“ und denjenigen Formen der „Idiotie“ beschäftigen wollte, bei denen kein organischer Befund vorlag. Prof. Dr. Werner Catels Forschungsschwerpunkt in der Universitätsklinik Leipzig betraf Erkrankungen der Stammganglien und Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule (Dahl 2002, S. 60). Steger (2003) arbeitete die Humanexperimente der „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee auf. Dort wurden ab 1942 Kinder Opfer von Tuberkulose-Impfexperimenten. Diese waren mit großen Schmerzen verbunden. Die geimpften Kinder entwickelten hohes Fieber und tiefe Abszesse, die in Narkose gespalten werden mussten. Bei einem Kind muss die Eiterbildung (nach Injektion der Impfung in den Oberschenkel) bis ins Kniegelenk durchgebrochen sein. Des Weiteren sind hohe Fieberschübe, die bis zur Somnolenz führten, beschrieben. Diese Kinder entwickelten als Folge Lungenödeme oder Pneumonien, an denen sie dann letztendlich verstarben. Wie viele Kinder in Kaufbeuren-Irsee Opfer der Tbc-Impfexperimente wurden, konnte nicht genau ermittelt werden. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist auch noch offen, ob in Kaufbeuren-Irsee zu einem späteren Zeitpunkt Typhus-Impfexperimente durchgeführt wurden (Steger 2003, S. 65 ff.). An der Wiener Universitätsklinik wurden ebenfalls Humanexperimente durchgeführt. Behinderte Kinder wurden BCG (Bacille-Calmette-Guerin) geimpft und anschließend mit Tuberkulosebazillen infiziert. Dadurch sollte die Zuverlässigkeit der BCG-Impfung experimentell bewiesen werden. Da dies nur mittels Obduktion möglich war, wurden die Kinder im Anschluss an die Impfung zum Töten in die Wiener „Kinderfachabteilung“ verlegt (Dahl 2002, S. 57 f.).

Die Psychiatrisch-Neurologische Universitätsklinik Heidelberg, mit Prof. Carl Schneider als Direktor, und die „Kinderfachabteilung“ der Landesheilanstalt Eichberg, unter der Leitung von Dr. Walter Schmidt, wussten den Tod der „Reichsausschusskinder“ von Anfang an gut für ihre Zwecke zu nutzen: Schneider nahm Untersuchungen an „Reichsausschusskindern” vor und schickte die Kinder anschließend zur Ermordung zum Eichberg. Die dort durch Schmidt sezierten Gehirne der Kinder ließ er sich zu weiteren Forschungszwecken zusenden (Hohendorf et al. 1999, S. 231). „Es handelte sich bei Carl Schneiders Forschungsprogramm nicht nur um eine rein wissenschaftliche Verwertung von 'Euthanasie'-Opfern, sondern um ein Projekt, das die Tötung der untersuchten Kinder und Jugendlichen zu wissenschaftlichen Zwecken von Beginn an einplante.“ (Hohendorf et al. 2004, S. 142). „Moralische Bedenken und Skrupel wurden sukzessive aufgegeben zugunsten eines hemmungslosen Forscherehrgeizes. Dieses Verhalten ist jedoch keineswegs allein an wenigen Einzeltaten festzumachen. Vielmehr wurde es gefördert durch die allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.“ (Dahl 2002, S. 85)

4.2 Die „Aktion T4“

Bereits im Juli 1939 wurde in der Kanzlei des Führers die Ausweitung der „Kindereuthanasie“ auf Erwachsene beschlossen (siehe Kapitel 4.1) und bis zum Oktober besagten Jahres stand die Planung für die Durchführung der Ermordung von „lebensunwerten“ Erwachsenen fest (Winter 1994, S. 69 f.). Mit der räumlichen und organisatorischen Expansion der „Euthanasie“-Zentrale in Berlin wurde der Großteil der Verwaltung in der Villa der Tiergartenstraße 4 untergebracht. Daraus entstand „T4“ als Bezeichnung der Zentrale und „Aktion T4“ als Synonym für das staatliche Töten (Klee 1983, S. 166; Schmuhl 1991, S. 61; Vanja, Vogt 1991, S. 25 f.). Ende Juli übertrugen der Leiter der KdF Bouhler und Brack als Leiter der Abteilung II der KdF dem Psychiater Professor Werner Heyde aus Würzburg die Leitung der „Erwachseneneuthanasie“. Nachdem eine Liste mit für die Ausführung des Programmes in Frage kommenden Ärzten erstellt war, kamen diese der Einladung nach Berlin Ende August nach und stellten sich uneingeschränkt zur Verfügung. Lediglich bei einer Tagung im Jahr 1940 stellte der Göttinger Psychiater Ewald klar, dass er sich nicht an den Aktionen beteiligen werde (Vanja et al. 1991, S. 25). Dass es auf Seiten der Psychiater kaum Widerstand gab, lässt sich mit dem Zustand der Anstaltspsychiatrie gegen Ende der 30er Jahre erklären. Die Anstalten waren überfüllt und durch Mittelkürzungen sowie akuten Ärztemangel drohte der Kollaps. Die Psychiater erhofften sich durch ihre Teilnahme am „Euthanasie“-Programm eine grundlegende Reformierung der Psychiatrie (Greve 1998, S. 20 ff.). Über die Illegalität der Aktion, mangels juristischer Grundlage (siehe Kapitel 4.1), waren sich die Verantwortlichen um Hitler sehr wohl bewusst. Die Involvierten waren zur Geheimhaltung verpflichtet worden (Schmuhl 1991, S. 61). Aus diesen Umständen resultierte die Gründung einer Reihe von Tarnorganisationen:

- „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ (RAG): sie war für die Erfassung der Patienten verantwortlich,
- „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ (GEKRAT): zuständig für die Transporte der Patienten von ihren Abgabestellen über Zwischenanstalten zu den Tötungsanstalten,
- „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“: sie fungierte offiziell hauptsächlich als Arbeitgeber der ca. 300-400 Mitarbeiter,
- „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“ (ZVSt.): sie sorgte u. a. für die Selbstfinanzierung der „T4“, in dem sie z.T. gefälschte Abrechnungen an Krankenkassen und Fürsorgeverbände stellen konnte (Aly 1989, S. 12; Schmuhl 1991, S. 61; Steppe 1993, S. 144; Winter 1991, S. 70).

Das Reichsinnenministerium (RMdI) hatte Meldebögen entwickelt, die ab Oktober 1939 der reichsweiten Erfassung von Anstaltspatienten dienten. Als Begründung in den an die Heil- und Pflegeanstalten verschickten Meldebögen wurde der fadenscheinige Hinweis auf eine „planwirtschaftliche Erfassung“ angegeben. In den Vordruck, der für bestimmte Patientenkategorien (Anhang 5) auszufüllen war, trugen die Anstaltsärzte persönlichen Daten des Patienten, Angaben zur Diagnose, „Rassenzugehörigkeit“, Häufigkeit von Verwandtenbesuchen, bisherige Dauer des Anstaltaufenthaltes, Pflegeaufwand und Heilungsaussichten ein. Ein wesentliches Kriterium stellte die Frage nach der Arbeitsfähigkeit dar. Auf Basis dieser Informationen, die den Gutachtern der „T4“-Zentrale über das RMdI zugestellt wurden, fällten sie dann das (Todes-)Urteil für Menschen, die als „rassistisch minderwertig“, „kriminell“ oder „asozial“ galten in dem sie „+“ oder „-“ auf dem Meldebogen vermerkten (Böhm 2008, S. 151 f.; Schmuhl 1991, S. 61; Winter 1991, S. 74). Der nächste Schritt bestand im Erstellen von Transportlisten für die GEKRAT. Deren Transporte führten zunächst in eine Zwischenanstalt und erst dann zum Tötungszentrum. Durch diese Taktik sollten Spuren verwischt werden (Aly 1989, S. 11). Im Gebiet des Deutschen Reiches wurden zwischen 1939 und 1941 sechs Tötungsanstalten eingerichtet. Diese wurden hierzu meist beschlagnahmt oder gepachtet und anschließend zu Tötungsanstalten umfunktioniert. Für die Umbauarbeiten wurden Handwerker der „T4“-Zentrale eingesetzt, oder sie erfolgten durch Mitarbeiter der umliegenden Bezirksanstalten (Greve 1998, S. 25). In den Tötungsanstalten angekommen, wurden die Patienten einem Arzt vorgeführt, damit dieser sich schon hier eine plausible Todesursache überlegen konnte, um diese dann in den Krankenblättern der Opfer zu dokumentieren. Patienten, deren Zahnersatz aus Gold war, wurden am Körper gekennzeichnet. Im Anschluss wurden sie noch gewogen und gemessen, um den Anschein von Normalität, die nichts befürchten lässt, zu vermitteln. Nach der Begutachtung brachte man sie zum Entkleiden, zog ihnen einen alten Militärmantel an und brachte sie in den Warteraum. Der letzte Weg dieser Menschen führte in eine – als Duschraum getarnte – Gaskammer. Die Vergasung wurde durch die Ärzte der jeweiligen Anstalten durchgeführt und dauerte ca. eine Stunde. Nachdem das Gas über eine Ventilationsanlage abgelassen war, begann die Arbeit der „Brenner“, welche die Toten aus der Gaskammer brachten und den zuvor gekennzeichneten Toten die Goldzähne aus dem Kiefer brachen bzw. die vorher dazu bestimmten Toten zur Gehirnentnahme in den Sektionsraum brachten. Verbrannt wurden die Opfer in den anstaltseigenen Krematorien. Die Asche der Ermordeten wurde nicht getrennt gesammelt. Auf Wunsch wurde den Angehörigen, die erst ca. zwei Wochen nach der Ermordung kontaktiert wurden, eine Urne zugesandt, die niemals die Asche ihres Familienmitgliedes enthielt. Die eigens in den Tötungsanstalten eingerichteten Standesämter waren für die bürokratische Abwicklung zuständig. Sie stellten Sterbeurkunden mit fingierten Todesursachen und falschem Todesdatum aus und verfassten Trostbriefe, welche stets mit Pseudonymen unterschrieben waren (Böhm 2008, S. 163 ff.; Winter 1991, S. 89). Am 24. August 1941 sollte es wegen öffentlicher Unmutsäußerungen in der Bevölkerung und der Kirchen zunächst zum Abbruch der „Aktion T4“ kommen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren in den Tötungsanstalten ca. 70273 Menschen ermordet worden (Böhm 2008, S. 166; Engelbracht 2014, S. 42 f.).

Tabelle 1: Die sechs mit Gaskammern und Krematorien ausgestatteten Mordzentren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Um das Zitat im zitierten Werk als solches leichter erkennbar zu machen, hat die Verfasserin für Ersteres die einfachen „englischen“ Anführungszeichen gewählt.

[2] Karl Brandt war chirurgischer Begleitarzt Adolf Hitlers.

[3] Die Kanzlei des Führers der NSDAP war eine Parteiorganisation der NSDAP. Sie unterstand als Privatkanzlei unmittelbar Adolf Hitler.

[4] Hans Hefelmann war promovierter Agrarwissenschaftler. Richard von Hegener absolvierte nach seinem Schulabschluss eine Banklehre und war arbeitslos, als er durch Vermittlung eines Bekannten 1937 eine Anstellung in der Kanzlei des Führers fand. Seine Karriere in der KdF begann er zunächst als Hilfsreferent in der Beschwerdestelle, wo er an Adolf Hitler gerichtete Post sortierte. Schon 1939 war er zum ständigen Vertreter von Amtsleiter Hans Hefelmann aufgestiegen.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Die "Kindereuthanasie" im Nationalsozialismus aus der Perspektive der Krankenpflege
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Veranstaltung
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
58
Katalognummer
V310234
ISBN (eBook)
9783668087293
ISBN (Buch)
9783668087309
Dateigröße
4073 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
„Wie verhielt sich die Berufsgruppe der Krankenpflegenden im Nationalsozialismus bei der Durchführung von „Kindereuthanasie“, und welche Begründungen für ihre Teilnahme lassen sich ausfindig machen?“
Schlagworte
kindereuthanasie, nationalsozialismus, perspektive, krankenpflege
Arbeit zitieren
B. Sc. Andrea Frech (Autor), 2015, Die "Kindereuthanasie" im Nationalsozialismus aus der Perspektive der Krankenpflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310234

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