Die Frage nach der Moralität von Enhancement oder Eugenik wird proportional zu dem Fortschreiten der technischen Möglichkeiten lauter und präsenter. Und neben der „politischen Klippe“, die es nach dem umstrittenen Ex-Finanzsenator (und mittlerweile auch Buchautor) Thilo Sarrazin zugunsten einer staatlich geförderten, intelligenzorientierten Fortpflanzungsselektion zu überwinden gilt, wird auch die technologische Klippe vor der totalen Erschließung und Verfügbarmachung des menschlichen Erbguts immer niedriger.
Soll Enhancement, ob durch eugenische Eingriffe oder Eingriffe am „fertigen“ Individuum, moralisch und gesetzlich erlaubt sein? Wenn ja, inwieweit soll es der freien Marktwirtschaft zugänglich gemacht werden oder staatlicher Kontrolle unterliegen? Was wären mögliche soziale Konsequenzen? Mit diesen Fragen möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit beschäftigen. Die Frage nach der Moralität von Enhancement soll dabei ausschließlich im Hinblick auf mögliche soziale Konsequenzen desselben beleuchtet werden und nicht im Hinblick auf die Verletzung möglicher Natürlichkeitswerte.
Bei der Unterscheidung verschiedener Formen, in denen Enhancement in der Gesellschaft auftreten könnte, möchte ich mich an einem Aufsatz von Bernward Gesang orientieren. Gesang unterscheidet die Begriffe zentrales Enhancement, dezentrales Enhancement, marktliberales Enhancement und (in Anlehnung an J. Glover) sozialdemokratisches Enhancement, das ich aber lieber sozialstaatliches Enhancement nennen möchte, da es sich hier um eine von einer sozialen Marktwirtschaft bedingte und regulierte Form von Enhancement handelt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Probleme marktliberalen Enhancements
2.1 Sozialstaatliches Enhancement?
2.3. Enhancement des Körpers, Enhancement des Geistes
4 Schluss – Das Rawls’sche MaxiMin-Prinzip
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die moralische Zulässigkeit von Enhancement-Technologien unter ausschließlicher Berücksichtigung möglicher sozialer Konsequenzen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und in welcher Form Enhancement (zentral, marktliberal oder sozialstaatlich) in einer gerechten Gesellschaft integriert werden kann, ohne den sozialen Frieden durch die Entstehung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft oder irreparable Ungleichheiten zu gefährden.
- Differenzierung verschiedener Enhancement-Formen (zentral, dezentral, marktliberal, sozialstaatlich).
- Analyse der Auswirkungen von marktliberalem Enhancement auf die soziale Chancengleichheit.
- Untersuchung der Grenzen und Risiken eines sozialstaatlich geförderten Enhancements.
- Kritische Betrachtung von physischem und mentalem Enhancement sowie der damit verbundenen Typisierung von Körper und Geist.
- Anwendung des Rawls'schen MaxiMin-Prinzips zur ethischen Bewertung von Risiken biotechnologischer Eingriffe.
Auszug aus dem Buch
2 Probleme marktliberalen Enhancements
Die grundsätzliche Idee, sich selbst oder den eigenen Nachkommen durch gentechnologische Eingriffe ein angenehmeres Leben zu verschaffen, scheint den meisten Menschen sehr reizvoll. Vorgeburtliches Enhancement, also die Selektion und Hervorhebung bestimmter genetischer Eigenschaften einer befruchteten Eizelle, verschafft dem ungeborenen Menschen unter Umständen sehr große Vorteile gegenüber anderen, deren pränatale Entwicklung ohne Eingriffe verlaufen ist. Die Attraktivität solcher Eingriffe wird zusätzlich dadurch gesteigert, dass zukünftige Eltern kein Risiko durch sie eingehen: befruchtete Eizellen können in beliebiger Anzahl nachproduziert werden; würde ein Enhancement-Versuch an der Zelle misslingen, würde sie entsorgt und der Eingriff an einer anderen Zelle wiederholt. Im Falle eines Misslingens hat also salopp gesagt keiner der Beteiligten etwas zu verlieren, abgesehen von dem sich im embryonalen Stadium befindlichen Lebewesen – das aber nicht als Beteiligter gewertet wird und außerdem keinerlei Rechte einfordern kann.
Bei postnatalem Enhancement dagegen besteht das moralische Problem des Embryonenverbrauchs nicht. Der (im besten Fall erwachsene) Mensch kann selbst entscheiden, welche seiner Eigenschaften er verbessern will und in welcher Form.
Würden sich vorgeburtliche verbessernde Maßnahmen dem Markt eröffnen und in der Gesellschaft etablieren, würde es auf Dauer natürlich trotzdem nicht ausschließlich schöne, kluge und leistungsfähige Individuen geben. Ein einfacher Grund hierfür ist, dass viele Schwangerschaften nicht geplant sind. Das genetische Material dieser Kinder wäre also ein Produkt der natürlichen Lotterie, während eine andere Gruppe Kinder derselben Generation aus geplanten, genetisch verbesserten Zellen entstehen würde. Wenn die enhancten Individuen heranwachsen und die Vorteile ihrer durch technische Eingriffe gewonnenen Fähigkeiten und Eigenschaften wahrnehmen und genießen würden, hätten sie wahrscheinlich den Wunsch, auch ihren eigenen Kindern die Vorteile zu gewähren, die sie selbst genossen haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Enhancement-Debatte ein, definiert die zentralen Begriffe und grenzt die Fragestellung auf die Untersuchung sozialer Konsequenzen ein.
2 Probleme marktliberalen Enhancements: Dieses Kapitel erörtert die Risiken einer marktliberalen Verteilung von Enhancement-Technologien, insbesondere die Gefahr einer zunehmenden Chancenungleichheit und der Entstehung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.
2.1 Sozialstaatliches Enhancement?: Hier wird die Alternative eines staatlich regulierten oder geförderten Enhancements kritisch beleuchtet, wobei insbesondere Kostenfragen und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit diskutiert werden.
2.3. Enhancement des Körpers, Enhancement des Geistes: Dieses Kapitel unterscheidet zwischen physischen und mentalen Verbesserungen und analysiert deren individuelle sowie gesellschaftliche Auswirkungen.
4 Schluss – Das Rawls’sche MaxiMin-Prinzip: Das Fazit zieht unter Anwendung des MaxiMin-Prinzips von John Rawls den Schluss, dass Enhancement aufgrund der unkalkulierbaren Risiken für den sozialen Frieden mit äußerster Zurückhaltung behandelt werden sollte.
Schlüsselwörter
Enhancement, Soziale Gerechtigkeit, Eugenik, Marktliberalismus, Sozialstaat, Rawls, MaxiMin-Prinzip, Gentechnik, Chancenungleichheit, Zwei-Klassen-Gesellschaft, Biopolitik, Pränatale Diagnostik, Mentalenhancement, Lebensqualität, Bioethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der moralischen Bewertung von menschlichem Enhancement und den daraus resultierenden sozialen Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Unterscheidung verschiedener Formen des Enhancements (marktliberal vs. sozialstaatlich) sowie die Auswirkungen auf soziale Gerechtigkeit und den sozialen Frieden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob Enhancement-Maßnahmen unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten verantwortbar sind oder ob sie die soziale Kluft in einer Gesellschaft unzulässig vergrößern würden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine ethisch-analytische Methode, basierend auf der Kategorisierung von Bernward Gesang und der Anwendung des Gerechtigkeitsprinzips nach John Rawls.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Probleme marktliberaler und sozialstaatlicher Enhancement-Modelle sowie die spezifischen Konsequenzen von physischen und mentalen Eingriffen am Menschen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Enhancement, soziale Gerechtigkeit, Zwei-Klassen-Gesellschaft, Chancenungleichheit, Rawls und die ethische Bewertung von Biotechnologien.
Warum hält die Autorin die Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Vorteilen für zweifelhaft?
Da „intrinsische“ Freude an eigenen Fähigkeiten häufig durch externe gesellschaftliche Anerkennung motiviert ist, kann sie nicht als rein individuell wertvoll betrachtet werden.
Inwiefern beeinflusst das Rawls'sche MaxiMin-Prinzip die Schlussfolgerung?
Es führt zu der Empfehlung, dasjenige Szenario zu wählen, das im schlimmsten Fall den geringsten Schaden verursacht, was gegen eine unregulierte oder flächendeckende Einführung von Enhancement spricht.
Welche Gefahr sieht die Autorin bei einem sozialstaatlichen Enhancement?
Neben horrenden Kosten besteht die Gefahr, dass ein staatlich verordnetes oder gefördertes „Wettrüsten“ den sozialen Druck massiv erhöht und die Wahlfreiheit der Bürger einschränkt.
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- Sophia Artmann (Author), 2010, Enhancement von Körper und Geist und die soziale Gerechtigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310313