Die Ursache sowie die Lösung für den Nahostkonflikt, genauer dem israelisch-palästinensischen Konflikt, lassen sich an dem UN Teilungsplan vom 29. November 1947 bereits erkennen: Das ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina soll in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt werden (vgl. UNITED NATIONS official documents 1947: 131ff.). Über 65 Jahre später ist dieser Konflikt einer der längsten, nicht gelösten Konflikte der Welt und die vorgeschlagene Zwei-Staaten-Lösung ist, trotz kollektiven Bemühungen der Weltgemeinschaft, bisher nicht umgesetzt worden. Dies führt zur Leitfrage dieser Arbeit: Welches Interesse hat Israel und welches Interesse hat Palästina an der Zwei-Staaten-Lösung?
Diese Frage soll unter Bezugnahme auf zwei Theorien der Internationalen Beziehungen untersucht werden: dem Neorealismus und dem Konstruktivismus. Die zentrale Analyseeinheit in beiden Theorien: „Staaten“, die in einem Zustand der Anarchie leben, in der es keine übergeordnete Instanz gibt, die für verbindliches Recht und Sicherheit sorgt. Zu den Primärzielen eines Staates zählen Sicherheit, Autonomie und wirtschaftliches Wohl – diese Ziele können durch Macht erreicht werden – Macht ist aber kein Ziel an sich.
Im Neorealismus, geprägt durch Kenneth N. Walz, konditioniert die materielle Struktur das Verhalten der Staaten. Im Konstruktivismus, geprägt durch Alexander Wendt wird dies nur bedingt angenommen. Im Neorealismus sind die Beziehungen zwischen Staaten feindlicher Natur und auf den Erhalt im System ausgerichtet, was ein sich permanent erneuerndes Machtgleichgewicht bedeutet (vgl. WALZ 1979: 128). Im Konstruktivismus interagieren Staaten in einem historischen, kulturellen und sozialen Kontext – geprägt von Ideen, Normen und Vorstellungen über die Identität eines Akteurs sowie dessen Verhältnis zu anderen Akteuren (vgl. WENDT 1992: 389).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Erklärungsstrategien Internationaler Beziehungen
2.1 Neorealismus
2.2 Konstruktivismus
3 Historischer Abriss des israelisch-palästinensischen Konflikts und Status Quo der Zwei-Staaten-Lösung
3.1 Land für Frieden? Israelischer Siedlungsbau im Westjordanland und Ost-Jerusalem
3.2 „Gespaltenes“ Palästina: Hamas in Gaza, PLO/Fatah im West-Jordanland
4 Neorealistische Analyse
4.1 Israel
4.2 Palästina
5 Konstruktivistische Analyse
5.1 Israel
5.2 Palästina
6 Auswertung der Analysen
7 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Gründe für das Ausbleiben der Umsetzung der Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt 65 Jahre nach dem UN-Teilungsplan. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, welche Interessen Israel und Palästina an der Zwei-Staaten-Lösung haben, unter Anwendung der theoretischen Rahmenbedingungen des Neorealismus und des Konstruktivismus.
- Analyse der nationalen Interessen Israels und Palästinas
- Gegenüberstellung neorealistischer Machtlogiken und konstruktivistischer Identitätskonstruktionen
- Untersuchung des Einflusses der Siedlungspolitik und innerpalästinensischer Spaltung
- Bewertung der Rolle von Feindbildern und Sicherheitsdilemmata
- Synthese der theoretischen Ansätze zur Erklärung des Friedensstillstands
Auszug aus dem Buch
2.2 Konstruktivismus
Ist der Neo-Realismus im zeitgeschichtlichen Kontext des Ost-West-Konfliktes zu verorten, liefert der Konstruktivismus für dessen Auflösung Ende der 1980er Jahre Erklärungsansätze, die das aktuelle Weltgeschehen reflektieren: Die machtpolitische Logik kann durch Lernprozesse durchbrochen werden, das Staatensystem selbst ist ein soziales Konstrukt bei dem Fremd- und Selbstwahrnehmung von Staaten eine zentrale Rolle zukommt.
Als wichtigster Vertreter des Konstruktivismus gilt Alexander Wendt, dessen wissenschaftlicher Beitrag aus dem Jahre 1992 bereits im Titel eine Kritik am Waltzschen Neorealismus formulierte und deutlich machte, dass das existierende Analyseinstrumentarium in den IB einer Erweiterung bedarf: „Anarchy is what states make of it: the social construction of power politics“.
Für Wendt ist Anarchie kein „Naturzustand“ per se mehr, sondern beruht darauf, welches kognitive und handlungsanleitende Verständnis Staaten von Anarchie haben. Das bei Waltz betonte Sicherheit-Dilemma und der damit einhergehende Zwang zur Selbsthilfe bzw. Aufrüstung der Staaten kommentiert WENDT wie folgt (1992, 402ff.):
“Self help is an institution, not a constitutive feature of anarchy. [...]… the meanings in terms of which action is organized arise out of interaction. “
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des langjährigen Nahostkonflikts ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Interessen der Konfliktparteien an der Zwei-Staaten-Lösung unter Rückgriff auf zwei politikwissenschaftliche Theorien.
2 Erklärungsstrategien Internationaler Beziehungen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Neorealismus und des Konstruktivismus als Paradigmen zur Analyse internationaler Politik.
3 Historischer Abriss des israelisch-palästinensischen Konflikts und Status Quo der Zwei-Staaten-Lösung: Es wird die historische Entwicklung des Konflikts bis zum gegenwärtigen Status quo nachgezeichnet, wobei Siedlungsbau und interne politische Spaltungen besonders hervorgehoben werden.
4 Neorealistische Analyse: Hier wird der Konflikt aus der neorealistischen Perspektive analysiert, wobei der Fokus auf Machtstreben, Sicherheit und der rationalen Nutzenkalkulation der Akteure liegt.
5 Konstruktivistische Analyse: Dieses Kapitel untersucht den Einfluss von Ideen, Normen, Identitäten sowie Selbst- und Fremdbildern auf das Verhalten von Israel und Palästina im Konflikt.
6 Auswertung der Analysen: In der Synthese werden die Ergebnisse der beiden theoretischen Analysen verglichen und hinsichtlich ihrer Erklärungskraft für die stockende Zwei-Staaten-Lösung bewertet.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit interdisziplinärer Ansätze für zukünftige Friedensforschung im israelisch-palästinensischen Kontext.
Schlüsselwörter
Israel, Palästina, Nahostkonflikt, Zwei-Staaten-Lösung, Neorealismus, Konstruktivismus, Siedlungspolitik, Sicherheitsdilemma, Identität, Friedensprozess, Anarchie, Machtpolitik, PLO, Hamas, Internationale Beziehungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, warum die seit langem angestrebte Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt bisher nicht umgesetzt werden konnte.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Konflikts, die Rolle der israelischen Siedlungspolitik sowie die innerpalästinensische politische Spaltung zwischen Fatah und Hamas.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage nach den Interessen beider Seiten an der Zwei-Staaten-Lösung unter Verwendung politikwissenschaftlicher Theorien.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen theoretisch-analytischen Ansatz und vergleicht die Erklärungsmodelle des Neorealismus und des Konstruktivismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Abriss, eine neorealistische Analyse und eine konstruktivistische Analyse beider Akteure, gefolgt von einer synthetisierenden Auswertung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Sicherheitsdilemma, soziale Konstruktion von Identität, Anarchie, Machtressourcen und Friedensprozess geprägt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Siedlungspolitik neorealistisch?
Der Siedlungsbau wird aus neorealistischer Sicht als strategisches Mittel zur Macht- und Gebietsausweitung sowie zur Gewährleistung territorialer Sicherheit interpretiert.
Inwiefern spielt der Konstruktivismus bei der Wahrnehmung der Akteure eine Rolle?
Der Konstruktivismus erklärt, wie durch Ideologien, Feindbilder und religiöse Narrative eine dauerhafte Blockade entsteht, da das gegenseitige Vertrauen als notwendige Basis für Verhandlungen fehlt.
- Quote paper
- Kerstin Wörner (Author), 2013, Israel und Palästina 65 Jahre nach dem UN-Teilungsplan. Warum wurde die Zwei-Staaten-Lösung immer noch nicht umgesetzt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310322