Wer musiziert, kann sich auch bewegen. Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung


Bachelorarbeit, 2013
50 Seiten, Note: 1,7
Maria Kalbs von Bornholm (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Früherziehung im Wandel

3 Die Bedeutung der Bewegung und Musik für die Entwicklung im Kindergartenalter

4 Geschichte der musikalischen Früherziehung
4.1 Ursprünge der Musik in den außereuropäischen Früh- und Hochkulturen
4.2 Entwicklung und Bedeutung der musikalischen Früherziehung in Europa ab dem 17. Jahrhundert
4.3 Grundlagen der Musikerziehung

5 Musikalische Früherziehung und Bewegung im Kindergartenalter in der Praxis

5.1 Zur Entwicklung des Singens und der Hörfähigkeiten

5.2 Musik-Erleben und Musik-Erlernen

6 Kohäsion von Musik und Bewegung in der Früherziehung

7 Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Mit Schwungtüchern tanzende Kinder

Abbildung 2: Musiklehrerin und Kind beim Conga-Spielen

Abbildung 3: Zwei Kinder trommeln gemeinsam

Abbildung 4: Kinder beim Improvisationstanz mit Tüchern, Reifen und Klangstäben

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im niedersächsischen Bildungs- und Orientierungsplan, der in sieben Lernfelder unterteilt ist, umfasst das 7. Lernfeld „Ästhetische Bildung“ alles sinnliche Wahrnehmen und Empfinden. Über die taktile, olfaktorische, gustatorische, auditive und visuelle Sinneswahrnehmung nimmt das Kind Kontakt zu seiner Umwelt auf. Das Wahrgenommene löst Gefühle aus und wird mit dem bisherig Erlernten verknüpft. Diese ästhetischen Erfahrungen bilden die Grundlage für kognitive Strukturen. Durch kreative Ausdrucksmittel können Kinder in Kindertageseinrichtungen diverse handwerkliche Techniken, den Umgang mit Instrumenten, mit den Händen klatschen oder auf etwas schlagen, selber ausprobieren und sich aneignen.[1]

Diese Arbeit bezieht sich speziell auf die „Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung.“ Ziel dieser Arbeit ist, die beiden Komponenten Musik und Bewegung zusammenzuführen und eine Verbindung/Abhängigkeit zueinander aufzuzeigen. Des Weiteren wird dem Leser in dieser Arbeit neben der Förderung der Motorik durch die MFE, die Betonung der Ganzheitlichkeit des Ansatzes aufgezeigt und verdeutlicht.

Das Ziel sowie die zentrale Fragestellung der Arbeit werden in der Einleitung vorgestellt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung sowohl die Bewegung als auch die Musik haben und welche pädagogischen Implikationen für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen in der Elementarpädagogik für Kinder und Erzieher damit verbunden sind. Daher wird in Kapitel 2 näher auf den theoretischen Hintergrund der Früherziehung eingegangen. Um zu verstehen, warum es heutzutage musikalische Früherziehung gibt, wird in diesem 2. Kapitel zunächst eine Begriffsdefinition vorgenommen und anschließend ein Blick auf die Geschichte der Erziehung in der Antike, im Mittelalter und in der Moderne geworfen. Hierbei soll aufgezeigt werden, welchen Stellenwert die Kindheit und die damit verbunden Früherziehung in den drei Epochen hatte. Daraus wird abgeleitet wie es zu dem Wandel im Umgang mit der Früherziehung kam und den heutigen Status quo.

In Kapitel 3 wird die Bedeutung der Bewegung und die Bedeutung der Musik für die Entwicklung im Kindergartenalter erörtert. Die Erziehungswissenschaftlerin und Vorsitzende des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung Renate Zimmer hat sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt und zeigt die Signifikanz der Motorik in der Entwicklung des Kindes auf. Sowohl die Bedeutung der Musik als auch der Bewegungserziehung wird gleichermaßen aufgezeigt. Es wird verdeutlicht, dass die Kinder über die Sinneswahrnehmung ihre Umwelt erfassen, sich damit auseinandersetzen und auf kognitiver Ebene weiterentwickeln. Auch der Bezug zur Neuropsychologie wird kurz erschlossen. Im weiteren Verlauf wird die Wichtigkeit des ganzheitlichen Lernens angesprochen. Im Zuge dessen wird auf den Stellenwert des Erwerbs von Schlüsselkompetenzen für Kinder eingegangen.

Im Allgemeinen wird in Kapitel 4 folgenden Fragen nachgegangen: Haben die Menschen schon immer musiziert? Wenn ja, wieso gibt es dann heute die MFE speziell als Förderungsprogramm in Kindertageseinrichtungen? Ist diese Art von Früherziehung eine Erfindung der Moderne, oder gab es in der Geschichte des Menschen bereits einen alltäglichen Umgang mit Musik und wurde als Erziehungsmittel eingesetzt? In Kapitel 4 wird die Geschichte der musikalischen Früherziehung betrachtet. Um nachvollziehen zu können, warum heute die musikalische Früherziehung praktiziert wird, ist es wichtig deren Ursprung zu kennen, der in Kapitel 4.1. näher analysiert wird. Hierzu wird ein Blick auf außereuropäische Kulturen geworfen, speziell archaische Frühkulturen, gefolgt von frühen Hochkulturen am Beispiel Chinas. In Kapitel 4.2. geht es um die Entwicklung und Bedeutung der MFE in Europa ab dem 17 Jahrhundert. Die Pioniere der MFE, die näher erläutert werden, sind Comenius und Orff, deren Ideen zur MFE in einer kurzen Zusammenfassung geschildert werden, da sie sich bis heute in der MFE etabliert haben und elementar für die heutige musikalische Erziehung sind. Im Unterkapitel 4.3 Grundlagen der Musikerziehung wird der

Ausgangspunkt der MFE näher beleuchtet. Dabei wird speziell auf die Hauptaspekte, Ziele und Problematik der MFE eingegangen.

Im Kapitel 5 Musikalische Früherziehung und Bewegung im Kindergartenalter in der Praxis wird nach der theoretischen Literaturanalyse der Bezug zur Praxis hergestellt. Aufgrund der Sozialassistenten-Ausbildung der Verfasserin wird anhand von Bildmaterial der Bezug von der Praxis zur Theorie geknüpft und belegt. Die These der Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung soll so sowohl durch die Theorie, als auch durch die Praxis bestätigt werden. Im Kapitel 5.1 wird ein Überblick über die Entwicklung des Singens und der Hörfähigkeit gegeben, die essentiell für die MFE sind. Anschließend geht es im Kapitel 5.2 um Musik-Erleben und Musik-Erlernen. Hier wird zum Beispiel die Frage geklärt, wie Kinder beim Musizieren lernen. Die Frage soll unter anderem anhand von Gordon, der im Kurzen die drei Stadien im Lernprozess erklärt, beantwortet werden.

Da zuvor die Bedeutung der Musik und der Bewegung im Einzelnen betrachtet und erklärt wurde, findet in Kapitel 6 eine Zusammenführung dieser beiden Elemente statt, mit dem Augenmerk auf die Aussagen der Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer und des Kinderpsychologen René Spitz. Die Beziehungen und Abhängigkeiten von Musik und Motorik zueinander werden in diesem Kapitel näher diskutiert. Im Kapitel 7 werden das Fazit und der Ausblick behandelt. Hier wird die Fragestellung der Arbeit aufgegriffen und abermals im Kurzen beschrieben. Die Ergebnisse werden zusammengefasst und auf den theoretischen Rahmen bezogen. Ebenso wird sowohl die Bedeutung für die sozialarbeiterische Praxis aufgezeigt, als auch die Konsequenzen. Die Verfasserin legt ihre Interpretation und Schlussfolgerung dar und führt eine Bewertung mit Schlussbemerkungen durch.

Ein Grund, warum sich der Leser mit diesem Thema beschäftigen sollte, besteht darin, dass Musik eine Faszination bei Kindern auslöst. Sie verbinden mit dem Musizieren grundlegend positive Gedanken und können sich in ihrem

Handeln und Tun selbst ausprobieren. Ein weiterer Grund ist der Bewegungsaspekt in der Musik. Die Bewegung dient als physische Ausdrucksform, die allen Menschen zugänglich und somit universell ist und nie separat zu der Musik betrachtet wird. Ein zusätzlicher Grund, warum sich diese Arbeit mit der Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung befasst, ist die Aufklärung der Erzieher bei dieser Thematik. Mit dieser Motivation hat sich die Verfasserin mit dieser Aufgabenstellung genauer auseinandergesetzt, denn über Musik wird zunächst eher vereinfachend und vorurteilsvoll gedacht. Die Arbeit soll die Faszination des Musizierens mit Förderung der Motorik vermitteln und den Leser dazu anleiten, der MFE mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Zuhören und das Beobachten der pädagogischen Fachkräfte gehört ebenso dazu, wie das Sich-Einlassen auf eine Erlebniswelt, die im erwachsenen Alltag weitestgehend abhanden gekommen ist.

Der Leitsatz „Wer musiziert, kann sich auch bewegen.“ dient als roter Faden, der sich kontinuierlich durch diese Arbeit zieht. Dass dieses Zitat wirklich der heutigen Realität entspricht oder nicht, wird unter anderem im Laufe dieser Ausarbeitung erörtert.

In Bezug auf den Gender-Aspekt, umfassen die Begriffe Erzieher, Pädagogen und Leser beide sozialen Geschlechter in dieser Arbeit. Um das Lesen angenehmer zu gestalten, wird jeweils der männliche Ausdruck verwendet.

2 Früherziehung im Wandel

In diesem Kapitel steht Früherziehung im Wandel näher im Fokus. Um diese näher betrachten zu können, gilt es zunächst, eine genauere Begriffserklärung der „Kindheit“ vorzunehmen. Da sich die Früherziehung aufgrund der Veränderung von Kindheit von früher bis heute maßgeblich verändert hat, werden im Anschluss drei Epochen (Antike, Mittelalter und Moderne) unter Berücksichtigung der Kindheit und Früherziehung näher betrachtet und erläutert. Nachfolgend wird von Mierendorff, Postman und Ecarius der Begriff der Kindheit näher definiert:

Nach Mierendorff gliedert sich Kindheit in vier Perspektiven (biographie- oder entwicklungswissenschaftlicher Perspektive, erziehungswissenschaflticher Perspektive, juristischer Perspektive und soziologischer Perspektive) auf, in der die Kinder in ihren individuellen Lebensphasen bestimmte Kompetenzen, Qualifikationen und Eigenschaften erwerben sollen. Auf welche Art und Weise Kindheit bestimmt wird, ist der jeweiligen Einordnung innewohnend, die diese als ihren Gegenstand festlegt und damit Kindheit ausdrückt.[2]

Nach Postman entsteht Kindheit aus der gesellschaftlichen und kulturellen Notwendigkeit des Erlernens individueller, spezialisierter und spezifischer, nicht natürlicher Fertigkeiten.[3] Kindheit verschwindet allerdings, wenn diese Fertigkeiten, beispielsweise durch Medieneinfluss, für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr relevant sind.[4]

Ecarius beschreibt zum einen die Kindheit und lässt zum anderen den Begriff Früherziehung mit einfließen. „Die Veränderungen der familiären Lebensformen initiiert sowohl einen Wandel in der Früherziehung, als auch eine Veränderung in der Bedeutung von der Kindheit selbst. So vollzieht sich in der Geschichte der Familie eine „immense Wandlungsdynamik (…), die die Familie im Laufe der Geschichte erfahren hat.“[5]

Der gemeinsame Tenor der drei Autoren bei der Begriffserklärung von Kindheit liegt in dem Erwerb von Kompetenzen, Qualifikationen, Eigenschaften und Fertigkeiten bei einem Kind, welches die jeweilige Gesellschaftsform festlegt und somit Kindheit definiert. Kindheit ist jedoch veränderbar und kann nach Postman sogar verschwinden, wenn die Kompetenzen, Qualifikationen, Eigenschaften und Fertigkeiten nicht mehr vom Kind erworben werden und an Bedeutung verlieren.

Beginnend bei der europäischen Antike erscheint die Generationalität bereits als Strukturmerkmal, obgleich der Blutsverwandtschaft nicht viel Bedeutung beigemessen wird. Die Rolle des Vaters und des Ehemannes beinhaltet, neben den Kindern und Sklaven, ebenso Herr eines Großhaushaltes zu sein.[6] Hieran wird deutlich, dass den Kindern zu dieser Zeit als Individuum noch nicht viel Bedeutung beigemessen wird. Im weiteren Verlauf der europäischen Geschichte des Mittelalters nimmt die Bedeutung der Weitergabe und des Erhalts der Familie zu, um politische und soziale Machtgegebenheiten über Generationen hinweg abzusichern. Die erbliche Herrschaft gilt als Eroberung und militärische Absicherung und bildet die Grundlage der europäischen Zivilisation. Dieses mittelalterliche Feudalsystem erhält weniger den Status als Hausgemeinschaft, als den der entscheidenden gesellschaftspolitischen Instanz.[7]

Anhand dieser Epoche zeigt sich, dass dieses Familiensystem an ein patriarchalisch organisiertes Ehemodell gebunden ist, in dem der Mann über die Frau und Kinder bestimmt und die Familienbeziehung als Festigung und Erweiterung politischer Herrschaft gesehen wird.

Das Erleben und Ausleben der eigenen Kindheit ist in der mittelalterlichen Epoche noch keine Option, da es noch kein besonderes Interesse an Kindern gibt und somit auch keine Begriffserklärung von Kindheit. Die Lebensbereiche der Kinder sind weder räumlich noch kulturell von den Erwachsenen getrennt und sie leben mit mehreren Generationen in ihrem Großen Haus. [8] Schlussfolgernd werden die Kinder als kleine Erwachsene betrachtet und behandelt, da ein Bewusstsein von Kindheit und dessen Bedeutung noch nicht vorliegt. Das wirkt sich auf den erziehungsgerechten Umgang mit den Kindern aus, indem sie keine pädagogische Betreuung erfahren. Kolochowski führt das in seinem Buch Kindheit im Wandel unter anderem auf die Non-Existenz pädagogischer Einrichtungen für Kinder zurück, aufgrund dessen keine gezielt systematische Erziehung ermöglicht wird. Stattdessen erlernen die Kinder durch Nachahmung ihre nötigen Kenntnisse und Handgriffe.[9] Ariès, einer der populärsten Forscher in der Geschichte der Kindheit, beschreibt und bekräftigt die Lebenssphäre der Kinder im Mittelalter folgendermaßen:

„Bis zum 17. Jahrhundert kannte die mittelalterliche Kunst die Kindheit entweder nicht, oder unternahm doch jedenfalls keinen Versuch, sie darzustellen. (…) Man sollte eher annehmen, daß in jener Welt kein Platz für die Kindheit war.[10]

(…) Das bedeutet nicht, daß die Kinder vernachlässigt, verlassen, oder verachtet wurden.“[11]

Lloyd de Mause, ebenfalls ein berühmter Forscher in der Historie der Kindheit, widerspricht dieser These, in dem er sagt, dass die Kinder bis ins 17. Jahrhundert kein angenehmes, behütetes Leben haben. Sie leiden unter falscher Ernährung, fehlende Hygiene und werden misshandelt.[12] Beide Ansätze von Ariès und Lloyd de Mause sind von Wichtigkeit und sollten gleichermaßen bei der Betrachtung auf die Chronologie der Früherziehung in der Kindheit berücksichtigt werden. Ein großer Entscheidungsfaktor im 15. und 16. Jahrhundert ist für die Familien die christliche Religion.[13] Die katholische Lehre beinhaltet zum Beispiel „die Exklusivität und Unauflöslichkeit des Ehebundes auf der Grundlage strikter Monogamie(…)“[14] , deren Wertung der Ehe „als sakramentalischer Bund für die Stilisierung des Eheverhältnisses“[15] von zentraler Bedeutung ist. Die Familie zentriert sich nun um das Kind und sieht sich als „moralische Anstalt mit einer neuen Aufgabe.“ [16] Durch die Kirchenvertreter, Pädagogen und Moralisten wird bei den Eltern das Interesse für Erziehung und Verantwortung geweckt.[17]

Allerdings nimmt die Signifikanz der protestantischen Lehre mit Ausgang des Mittelalters und dem Beginn des Bürgertums zu[18], die sowohl „eine Option der Scheidungsmöglichkeit“[19] mit sich bringt, als auch einen stärkeren „Fokus auf Elternschaft und Familie“[20] legt. Im Zuge der Neuzeit und dem protestantischen Familienverhältnis wird erstmalig auf die Eltern mehr Verantwortung für die Erziehung der Kinder übertragen und das Bild vom Kind gewinnt im System Familie mehr an Bedeutung.[21]

Auch, wenn die Familie nun als „zentraler Ort des Aufwachsens und Lebens“[22] gesehen wird, ändern sich die konkreten Erscheinungsformen familiarer Lebenszusammenhänge erst im 19. Jahrhundert. Es findet nach Kaufmann „die im 19. Jahrhundert einsetzenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen(…)[statt, die] entscheidende Schritte zur Herausbildung des relativ einheitlichen europäischen Familientypus nach sich [ziehen].“ [23] Hierbei wird deutlich, dass sich die Institution Familie grundlegend verändern wird. Verantwortlich dafür ist die Auflösung der Ständegesellschaft, die durch Revolutionen und Reformen in Europa zu einem Bildungsbürgertum führt. Im Zuge dessen gewinnt das Individuum mehr an Bedeutung, wobei individuelle Bildung und persönliche Leistung nun im Vordergrund stehen. Das birgt einerseits neue Chancen mit für den Einzelnen, andererseits ist diese Veränderung mit einem Risiko verbunden, zu scheitern.[24] „Mit der Aufklärung und der Entstehung des Bürgertums entwickelt sich das Individuum als Träger und wird Leitbild einer neuen freiheitlichen Gesellschaftsform.“[25] Die Macht und der Erfolg liegen demnach nicht mehr der Geburt in eine Familie zugrunde, sondern sind bedingt durch Bildung. Auch das Familienbild ändert sich durch den Umbruch. Die Familie als System gewinnt an mehr Wert und wird als Gemeinschaft gesehen, das heißt, „die Ehe gilt als einvernehmlich, wird durch emotionale Bindungen begründet und die durch Ehe begründete Gemeinschaft der Gatten und ihrer Kinder wird zum Inbegriff von Familie.“[26] Aufgrund des Umdenkens zu mehr Freiheit, Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit wird ab dem frühen 19. Jahrhundert ein neuer Sozialisations- und Erziehungsprozess definiert, der spezifische Wertorientierungen, Verhaltensweisen und Konventionen bestimmt, um den Bürger der Mittelschicht zu einem mündigen Individuum zu formen.[27] Kindheit als eigenständiger, fassbarer Begriff entsteht und die Familie wird für die Kinder mehr zu einem Erlebnis- und Erfahrungsraum, in der die Kindheit neben der Jugend als eigenständige Lebensphase betrachtet und gelebt wird. „(…) grundlegende kognitive und emotionale Kompetenzen werden erlernt, um Selbstvertrauen und eine gesellschaftlich angemessene Rollenidentität zu entwickeln.“ [28]

Die durch die fest gefügten, sozialen Ordnungen und strukturierten Regeln geprägte Epoche des Bürgertums wird mit Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Moderne abgelöst. Charakterisiert durch die Modernisierung und Individualisierung, etabliert sich nunmehr ein Wertesystem der Freiheit, Gleichheit und Erfolgsorientierung.[29] Diese gesellschaftlichen Veränderungsprozesse formen demzufolge das moderne Familienbild. Nach Neil Postman tritt in der aktuellen Entwicklung des Kindes ein Verschwinden der Kindheit auf, das Jürgen Vogt in seinem Buch Musiklernen im Vor- und Grundschulalter über musikpädagogische Forschung aufgreift und, auf die heutige Gesellschaft beziehend, ausdifferenziert: Elternhaus und Schule sind nicht mehr die Quellen von Informationsund Wissenserwerb, sondern Medien wie zum Beispiel Fernsehen. Durch die permanente Bild- und Reizüberflutung tritt eine schleichende kognitive Rückentwicklung auf, denn das Kind nimmt eher eine konsumierende Haltung, im Sinne von Aufnehmen, aber nicht Verarbeiten, ein. Fernsehen ist kein exklusives Medium, das bedeutet es ist für alle zugänglich und schließt niemanden aus.[30] Die bisherige „Trennung“ von Kindern und Erwachsenen wird damit zunehmend aufgelöst. Das Fernsehen transportiert die Information, hingegen die Aufgabe der Sammlung, Ordnung und Verarbeitung beim Betrachter liegt. Für Kinder bedeutet dies oftmals sowohl ein Informationschaos, als auch eine kognitive Überforderung. Vor allen Dingen wird den medialen Bildern von Kindern oft eine stärkere Aussagekraft und Bedeutung zugesprochen, als den Erfahrungen von Erwachsenen/Eltern.

Im deutschsprachigen Raum sowie auch international hat eine Entwicklung von einer weitgehend ungeplanten Kindheit (Straßenkindheit) hin zu einer Mediatisierung und Technologisierung von Kindheit stattgefunden, die sich in „Verhäuslichung“, “verplanter Kindheit“, „verinselte Kindheit“, Terminkindheit, altersund interessenhomogenen Kindheit und pädagogisierten Kindheit äußert.[31] Folgen dieser „Verhäuslichung“ und des überhäuften Medienkosums können zum Beispiel Bewegungsarmut und zu wenig Hobbies sein. Alle Lebensbereiche wie zum Beispiel Arbeit, Schule und Freizeit werden von der fortgeschrittenen Industriegesellschaft durchzogen. Daraus lässt sich schließen, dass die Kinder bereits in jungen Jahren den gleichen Anforderungen wie denen der Eltern entsprechen müssen, beispielsweise im Bereich Erfahrungen und Lernprozesse.[32] Das bedeutet, dass Kinder bereits in sehr jungen Jahren einer großen Belastung aufgrund von Erwartungshaltungen seitens der Gesellschaft und der Eltern ausgesetzt sind. Des Weiteren erfahren die Kinder durch eine Vernachlässigung der Fürsorge Bewegungsarmut. Gründe dafür können zum Beispiel Bequemlichkeit, oder berufliche Verpflichtungen der Eltern sein.

Insgesamt betrachtet hat sich die Früherziehung aufgrund der wandelnden Kindheit von der Antike, über das Mittelalter, bis hin zu der Moderne grundlegend geändert. Ein Bewusstsein von Kindheit entsteht mit Beginn des

17.Jahrhunderts, differenziert sich jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert stark aus. Mit der Moderne des 20. Jahrhunderts findet nach Postman wieder eine Liquidierung der Kindheit statt, indem den Kindern durch zu hohen Erwartungshaltungen und Anforderungen der kindliche Schonraum genommen wird. Ebenso führt übermäßiger Medienkonsum bei Kindern zu Bewegungsarmut, Reizüberflutung und kognitive Überforderung. Gleichermaßen findet eine Veränderung der Qualität zwischen den menschlichen Beziehungen und der Kommunikation statt, was immense Auswirkungen auf das Kind hat. Entwicklungsdefizite im Bereich Motorik, soziale- und emotionale Kompetenzen, so wie der Sprachkompetenz können entstehen, die beispielsweise durch Programme der Früherziehung kompensiert werden. Früherziehung kann jedoch auch präventiv eingesetzt werden, anstelle der Eltern, die nicht die erforderliche Zeit für das Kind aufbringen können. Zu berücksichtigen ist nämlich auch der Wandel innerhalb des Familiensystems heutzutage: Erziehung wird mittlerweile nicht mehr ausschließlich von dem eigenen Familiensystem übernommen. Faktoren wie zum Beispiel lange Arbeitszeiten der Eltern, oder alleinerziehende Elternteile, erfordern externe Unterstützung, um der Verantwortung, der Erziehung und den Pflichten gegenüber dem Kind gerecht werden zu können.

[...]


[1] vgl. Niedersächsisches Kultusministerium: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder, S. 26 f

[2] vgl. Mierendroff, Johanna: Kindheit und Wohlfahrtsstaat - Entstehung, Wandel und Kontinuität des Musters moderner Kindheit, S. 15

[3] vgl. Postman, Neil: Das Verschwinden der Kindheit, S. 7

[4] vgl. Postman, Neil: Das Verschwinden der Kindheit, S. 137

[5] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 16

[6] Kaufmann, Frank-Xaver; zit. in Ecarius, Jutta u.a.: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[7] vgl. Ecarius, Jutta u.a.: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[8] vgl. Rolff, Hans-Günter: Kindheit im Wandel - Eine Einführung in die Sozialisation im Kindesalter, S. 9

[9] vgl. Kolochowski, Ute: Kindheit im Wandel - Autoritätsverlust der Erwachsenen, Statusgewinn der Kinder, S. 4

[10] Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit, S. 92

[11] Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit, S. 209

[12] vgl. Rolff, Hans-Günter: Kindheit im Wandel - Eine Einführung in die Sozialisation im Kindesalter, S. 29

[13] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[14] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[15] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[16] Kolochowski, Ute: Kindheit im Wandel - Autoritätsverlust der Erwachsenen, Statusgewinn der Kinder, S. 5

[17] vgl. Kolochowski, Ute: Kindheit im Wandel - Autoritätsverlust der Erwachsenen, Statusgewinn der Kinder, S. 5

[18] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 17

[19] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 18

[20] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 18

[21] vgl. Kolochowski, Ute: Kindheit im Wandel - Autoritätsverlust der Erwachsenen, Statusgewinn der Kinder, S. 5

[22] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 18

[23] Kaufmann, Frank-Xaver; zit. in Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 18

[24] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 18

[25] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 19

[26] Kaufmann, zit. in Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 19

[27] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 19

[28] Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 21

[29] vgl. Ecarius, Jutta: Familie, Erziehung und Sozialisation, S. 21

[30] vgl. Vogt, Jürgen: Musiklernen im Vor- und Grundschulalter, S. 29 ff

[31] vgl. Herlth, Alois: Spannungsfeld Familienkindheit, S. 8

[32] vgl. Bauer, Karl W. und Hengst, Heinz: Kinderkultur, S. 12 ff

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Wer musiziert, kann sich auch bewegen. Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen  (Soziale Arbeit und Gesundheit)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
50
Katalognummer
V310329
ISBN (eBook)
9783668088177
ISBN (Buch)
9783668088184
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Frau K. v. B. hat eine beachtliche Thesis vorgelegt, die aus Sicht von Bildung und Erziehung sehr wesentliche Aspekte zusammengetragen und weitgehend sehr schön diskutiert hat; dies mit leichten Abstrichen durch die Praxis. Sie hat beeindruckend frühkindliche Erziehung in ihrer aktuellen Notwendigkeit entwickelt und fachimmanent zugespitzt. Die Problematik bei einer solchen rein fachlichen Zuspitzung ist, dass Erziehung so leicht im „luftleeren Raum“ verharrt (s. Schlüsselkompetenzen).
Schlagworte
Bildung, Erziehung, Musik, musikalische Früherziehung, Förderung, Motorik, Bewegung, Kindergarten
Arbeit zitieren
Maria Kalbs von Bornholm (Autor), 2013, Wer musiziert, kann sich auch bewegen. Förderung der Motorik im Kindergartenalter durch musikalische Früherziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310329

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