Sprache und Gewalt. Über die Handlungsmacht der Sprache bei Judith Butler


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Die diskursive Handlungsmacht
2.2 Judith Butlers Subjektbegriff – Gender als diskursives Konstrukt
2.3 Von der „Performitivität der Sprache“ zur „Politik des Performativen“

3. Sprache und Gewalt
3.1 Die Handlungsmacht von Sprache
3.2 Die hate speech-Debatte im Kontext der Analysen Judith Butlers
3.2.1 Sprachliche Gewalt im politischen Diskurs
3.2.2 Die resignifikative Kraft der Sprache
3.3 Gender als Ausdruck sprachlicher Gewalt?

4. Fazit: Versuch einer kritischen Einordnung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das gewalttätige und diskriminierende Potenzial von Sprache ist bereits seit einigen Jahrzehnten in den Blickpunkt von Linguisten, Kulturphilosophen und Soziologen gerückt und ist in den vergangenen Jahren durch die Diskussion um Political Correctness noch einmal deutlich verstärkt worden. Sprache und Gewalt scheinen nur auf den ersten Blick Gegensätze zu sein. Jedoch nahezu jeder von uns hat in seinem täglichen Leben bereits erfahren, wie verletzend Worte wirken können. In den USA hat sich in den 1980er Jahren für rassistische und andere diskriminierende Äußerungen der Begriff der „hate speech“ etabliert. Wie mächtig ist die Wirkweise von Sprache? Wie äußert sie sich? Gibt es Möglichkeiten, sprachlicher Gewalt entgegenzutreten? Das sind Fragen, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden.

Bei der Analyse der Sprache als „Handlungsmacht“ hat die Sprechakttheorie Austins eine herausragende Rolle gespielt. Die amerikanische Kulturphilosophin und Gendertheoretikerin Judith Butler, um die es im Folgenden genauer gehen soll, hat durch ihre Theorie der Politik des Performativen der Diskussion eine neue Dimension verliehen, in der die Wirkmächtigkeit von Sprache als konstitutives Element unserer Wirklichkeitswahrnehmung deutlich wird.[1] Der Mensch braucht die Sprache, um zu sein. Er ist der Sprache sozusagen ausgeliefert, entsprechend wirkmächtig sind die Verletzungen, die Menschen durch Sprache zugefügt werden können.

Judith Butler hat die Handlungsmacht der Sprache in ihrem Werk „Hass spricht“ einer genauen Analyse unterzogen und dabei speziell den Zusammenhang von Sprache und Gewalt beleuchtet. Gewalt ist dabei immer auch die Macht, den Anderen sprachlos zu machen. Am Beispiel der von ihr beschriebenen „Politik des Performativen“ sollen im Folgenden die Wirkweisen der sprachlichen Handlungsmacht im gesellschaftlichen Kontext dargestellt werden. Dabei geht es um theoretische Hintergründe, aber auch um Beispiele und Handlungszusammenhänge, bei denen unterschiedliche Formen sprachlicher Gewalt beleuchtet werden. In einem Ausblick soll die Wirkweise der Diskussion im aktuellen gesellschaftlichen Kontext aufgezeigt und diskutiert werden.

2. Theoretischer Hintergrund

Judith Butlers performative Sprechakttheorie muss im Zusammenhang unterschiedlicher Wurzeln betrachtet werden. Ihre Gender-Theorie, mit der sie sich bewusst gegen einen politisch motivierten, auf Basis einer bipolaren Geschlechterordnung argumentierenden Feminismus wendet, steht in der Tradition des Poststrukturalismus.[2] Ihre Theorie der „performativen Sprechakte“ muss vor dem Hintergrund der Sprechakttheorie von Austin und der Sprachphilosophie des französischen Dekonstruktivisten Jacques Derrida, aber auch mit Blick auf die marxistisch motivierte Diskurstheorie von Althusser betrachtet werden.

2.1 Die diskursive Handlungsmacht

Das Werk, mit dem Judith Butler einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt wurde, ist ihre Studie „Gender Trouble“ aus dem Jahr 1991 (deutsch: Unbehagen der Geschlechter, 1991). Vor dem Hintergrund der Arbeiten von Foucault, Lacan und Kristeva stellt sie Grundsätze des feministischen Diskurses in Frage und rückt sie in einen neuen Zusammenhang. Ist die Kategorie „Frau“ eine biologische Unterscheidung unterschiedlicher Geschlechter oder ist „die Frau“ eine kulturelle, innerhalb bestimmter Herrschaftsstrukturen entwickelte Identität, die sich in neuen Zusammenhängen immer wieder neu konstituiert? Dies ist eine Frage mit weitreichenden Folgen: Wenn „Frau“ tatsächlich ein Konstrukt kultureller Symbolleistungen ist, muss grundsätzlich in Frage gestellt werden, ob „die Vorstellung von einer biologisch fundierten Differenz zwischen männlichen und weiblichen Körpern nicht eine nachträgliche Fiktion“ ist, die dazu beiträgt die herrschendem patriarchalische Machtstrukturen und die damit verknüpften Vorstellungen von „gender“ zu stabilisieren.[3] Die bipolare Geschlechterordnung ist keine biologische Tatsache, sondern eine Diskursformation, die mit immer neuen sprachlichen Manifestationen immer wieder neue Exklusionen, Verletzungen und Identitätsfestschreibungen aktiviert und inszeniert. Mit ihrer Theorie gilt Judith Butler als „eine der Urheberinnen des „linguistic turns“ in der feministischen Theorie“.[4]

Butlers Anliegen ist dabei nicht vorrangig nur feministisch, vielmehr geht es ihr um eine „Reformulierung der philosophischen wie kulturwissenschaftlichen Perspektive auf das Subjekt.“ Die Gender-Frage ist dabei nur ein - wenn auch sehr aussagekräftiges - „Anwendungsfeld“.[5]

Die Art und Weise, in der Subjekte sich konstituieren, findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Ergebnis gesellschaftlicher Praktiken und Gewohnheiten, die im poststrukturalistischen Zusammenhang als „Diskursformationen“ bezeichnet werden können. Sprache als Symbolsystem ist in diesem Sinne ein prägendes Element der Diskursbildung und damit ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis gesellschaftlicher Realität. Die Sprache repräsentiert Wissenssysteme, die Schrift ist die Repräsentanz der Wirklichkeit.[6]

Diskurse sind gesellschaftlich verfestigte Deutungsangebote, die den Rahmen bilden, in dem das einzelne Subjekt sich denkt, einordnet und situiert - es wiederholt, reinszeniert und variiert die bestehenden Formen in seinem eigenen Handeln. Für Butler ist der Diskurs der „Rahmen für den Subjektivationsprozess, in dem Subjekte hervorgebracht und unterworfen werden.“[7] Das „Ich“ ist keine vorgeschaltete Kategorie, sondern ein „Effekt diskursiv erzeugter Positionsmöglichkeiten“, bzw. ein „Durchgangspunkt für ein ständiges Durchspielen unterschiedlicher Positionsmöglichkeiten.“[8]

Bei Foucault ist der Diskurs bzw. die Diskursformation eine „Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“.[9] Der Diskurs ist damit nicht nur ein Abbild gesellschaftlicher Praktiken und Bedeutungen, sondern wird selbst zur Produktivkraft - er bildet Bedeutung nicht nur ab, er „macht“ Bedeutung.[10] Bei Lacans psychoanalytischem Ansatz löst sich das Subjekt auf, ist „Effekt von fixen, überhistorischen (Sprach-)Strukturen“ oder ist eingebettet in zwar historisch gegebene, aber „offene und dynamische Zeichengebilde“ und „Diskursnetze“.[11] Nicht das Subjekt ist Gegenstand seiner Psychoanalyse, sondern die Subjektfunktion des Sprechens. Nicht: Ich, du, er oder sie spricht, sondern „ça parle“ - man spricht bzw. das Subjekt wird gesprochen. Worte haben subjektkonstituierende Kraft - Subjekte, die zur Welt kommen, tragen bereits „jenes Schildchen, das ihr Name ist.“[12] Julia Kristeva profiliert eine feministische Kritik der Semantik. Die Aufwertung der Metonymie in Abgrenzung zur Metapher betont „die Entgrenzung und Auflösung geronnener Sinnsysteme.“ Den binär hierarchisierenden Sprachkategorien wird - dezidiert kämpferisch - ein „polylogisches Feld“ gegenübergestellt. Die in der Sprache repräsentierten Machtstrukturen könnten demnach - via Sprache - auch überwunden respektive konterkariert werden.[13] Poststrukturalismus und Feminismus gehen hier eine eigene, wissenschaftliche Allianz ein.

2.1 Judith Butlers Subjektbegriff - Gender als diskursives Konstrukt

Judith Butler geht es um die „Dekonstruktion fixer Geschlechteridentitäten. Das betrifft auch die Konstruktion der 'Frau' als feministischer Ankerpunkt.“[14] Sie beschreibt den Diskurs als „Begriff der Bedeutung“. Wie bei Foucault der Homosexuelle erst durch den Begriff zu einer „Spezies“ wird, wird z. B. auch die Frau erst durch die Benennung als „Frau“ zu dem Subjekt, das ihr die innerhalb einer gegebenen Kultur eine bestimmte Rolle und bestimmte Eigenschaften zuweist. Der Diskurs bestimmt die Semantik, „indem er definiert, was ein bestimmtes Wort zu einem gegebenen Zeitpunkt bedeutet.“[15] Ob dieser Diskursbegriff auch die Möglichkeit des Widerstands in sich birgt oder notwendig ein Festschreiben bestehender Verhältnisse impliziert, darüber wird - speziell aus feministischer Sicht - kontrovers diskutiert.[16]

Das „Problem, dass der Feminismus ein Subjekt braucht, um als politische Praxis funktionieren zu können, nimmt Butler sowohl politisch wie theoretisch ernst.“ Die Sorge um die „Abschaffung der Frau“ sei nachvollziehbar, aber in der Konsequenz falsch: „Der Feminismus braucht, aber er muss nicht wissen, sie sind.“[17]

Schlüssel zum Verständnis ist dabei das Verhältnis von Subjekt und Sprache. Die Sprache geht dem Subjekt nicht voraus. Gleichzeitig ist das Subjekt in seiner Identität grundsätzlich auf Sprache angewiesen. Butler nutzt hier den Begriff der „Anrufung“.[18] Ein Subjekt wird erst durch die Anrede eines anderen als Subjekt konstituiert, das dann auch andere ansprechen bzw. anrufen kann. Hier knüpft Butler explizit an die Begrifflichkeit von Althusser an, bei dem die „Interpellation“ der Schlüssel zum Verständnis seines Ideologiebegriffs ist. Eine Ideologie ist keine verzerrte oder tendenziöse Wahrnehmung von Wirklichkeit, sie ist „Interpellation“ - sie spiegelt das Verhältnis des einzelnen Subjekts zu seinen realen Existenzbedingungen wider. „Anrufungen“ sind Rituale, die dem Subjekt in gewisser Weise nur vorgaukeln ein unverwechselbares Individuum zu sein, während die „Inszenierung der Anrufung“ nur darauf abzielt, uns zu dem zu machen, zu machen was wir sind - bereits im vorsprachlichen Stadium z.B. zum Jungen oder zum Mädchen.[19]

„Ins Leben gerufen wird das Subjekt, sei es mittels Anrufung oder Interpellation im Sinne Althussers oder mittels diskursiver Produktivität im Sinne Foucaults.“[20] Wenn der Einzelne in seiner Identität notwendig davon abhängig ist, dass die Anrede eines Anderen ihm Existenz verleiht, ist es nur folgerichtig, dass das Subjekt vor allem auch durch Sprache verletzt werden kann.

2.3 Von der „Performativität der Sprache“ zur „Politik des Performativen“

Eine weitere wichtige Kategorie im Kontext des Butlerschen Denkens ist die Performativität der Sprache, die eng mit der Sprachphilosophie John Austins, aber auch mit der dekonstruktivistischen Philosophie von Jacques Derrida verknüpft sind.

In seinem erstmals 1962 erschienen Werk „How we do things with words“ geht es Austin darum, die Wirkung von Sprache zu beschreiben. Nicht die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage steht dabei im Zentrum seines Interesses, sondern die Wirkung, die mit sprachlichen Aussagen erzielt werden kann. Sprache ist nicht etwa Auslöser oder Begleiter von Handlung, Sprache ist - so die These Austins - selbst in der Lage, Handlungen zu vollziehen. Sprechen kann in bestimmten Situationen mit Handeln gleich gesetzt werden. Austin spricht hier von „performativen Sprechakten“.[21] Mit seiner Sprechakttheorie ist Austin ein wichtiger Referenzpunkt innerhalb der Sprachphilosophie, der pragmatischen Linguistik, aber z.B. auch in der Psychoanalyse oder Kommunikationsforschung.[22]

[...]


[1] Vgl. dazu insg. etwa Herrmann-Steffen 2007, als erste Hinführung zur Sprechakttheorie, Nünning, 1998, S. 498ff.

[2] Zur Feminismuskritik von Judith Butler vgl. z.B.: Distelhorst 2009, S. 32.

[3] Vgl. hierzu: Nünning 1998, S. 83.

[4] Villa 2010, S. 149.

[5] Reckwitz 2008, S. 81.

[6] Vgl. hier z.B. Ehlich 2007, S. 3.

[7] Ricken/Balzer 2012, S. 86.

[8] Hoff 2013, S. 279.

[9] Foucault 1992, S. 156.

[10] Vgl. hierzu Diestelhorst 2009, S. 40.

[11] Posner et al. 2003, S. 2786.

[12] Vgl. Lacan 1980, S. 31.

[13] Dornhof 2013, S. 428.

[14] Reckwitz 2008, S. 81.

[15] Distelkamp 2009, S.41.

[16] Vgl. z.B. Nünning 1998, S. 86.

[17] Villa 2012, S. 38.

[18] Vgl. Butler 2013, S. 44 ff.

[19] Vgl. hier z.B. Possert 2003, o.S., außerdem: Rolf 2009, S. 213.

[20] Vgl. Rolf 2009, S. 213.

[21] Vgl. Ricken/Balzer 2012, S. 87.

[22] Vgl. hierzu z.B.: Nünning 1998, S. 498.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sprache und Gewalt. Über die Handlungsmacht der Sprache bei Judith Butler
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V310343
ISBN (eBook)
9783668086579
ISBN (Buch)
9783668086586
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprache, gewalt, über, handlungsmacht, judith, butler
Arbeit zitieren
Reinhold Wipper (Autor), 2014, Sprache und Gewalt. Über die Handlungsmacht der Sprache bei Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310343

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