Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" als Parodie von Goethes Selbstbiografie "Dichtung und Wahrheit"


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fiktionalität der Selbstbiographie des Hochstaplers Felix Krull
2.1 Die Bedeutung der Enthüllungen eines Hochstaplers
2.1.1 Literarisches Genre und Vorbilder
2.1.2 Der Hochstapler Felix Krull
2.2 Der Hochstapler als unzuverlässiger Erzähler

3. Die Parodie von „Dichtung und Wahrheit“
3.1 Selbstdarstellung als narzisstische Überhöhung
3.2 Die mimetische Angleichung der Sprache von Thomas Mann an Goethes Selbstbiographie
3.3 Die Selbstbiographie und die Ästhetisierung der Existenz in der Literarischen Autobiographie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die unvollendet gebliebenen „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von 1954 stellen das letzte Werk von Thomas Mann dar. Im Roman geht es um einen fiktiven Hochstapler, der in autobiographischer Form sein Leben selbst darstellt und analysiert. Eine der bedeutendsten Quellen für die „Bekenntnisse“ ist die Autobiographie des rumänischen Hochstaplers Georges Manolescu (1871 – 1911), der in Europa, Amerika und Japan zu einiger Berühmtheit gelangte und dessen Memoiren 1905 unter dem Titel „Ein Fürst der Diebe“ in deutscher Sprache erschienen.[1] Als weitere Quelle gilt ebenso Goethes „Dichtung und Wahrheit“.[2] Da der Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ die Literarizität der Autobiographie durchschaubar macht und sie parodiert und zudem der offenkundigen Kriminalität des Protagonisten[3] steht der Roman in einem scharfen Gegensatz zu Goethes poetischer Selbstbiographie. Dessen wesentlicher Bezugspunkt ist die (vermeintliche) Wahrheit des Geschriebenen und der Autor als identifizierbares Ich das offenkundige Referenzobjekt der Biographie .[4]

Die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ erscheinen dabei als Stilparodie der literarischen Autobiographie Goethes, wobei der Bildungsoptimismus des Bildungsromans, wie er charakteristisch ist für Goethes „Dichtung und Wahrheit“, karikiert wird, indem Thomas Mann einen Kriminellen zum Protagonisten macht und sich die parodistischen Elemente bis in sprachliche Details hinein verfolgen lassen.

In dieser Arbeit geht es um eben diese karikierende Überhöhung der vermeintlichen Wahrheit einer literarischen Selbstbiographie und die sich daraus ergebende Fiktionalisierung der angeblichen Authentizität der Lebensbekenntnisse eines Hochstaplers. Im Mittelpunkt steht dabei die Fragestellung, mit welchen literarischen Mitteln Thomas Mann die angebliche Wahrheit von Goethes „Dichtung und Wahrheit“, die von der Literaturkritik längst auch als in hohem Maße ästhetisiert/literarisiert nachgewiesen wurde[5], ad absurdum führt. Diese Thematik wird in der Arbeit mit Blick auf das Forschungsparadigma der Literarischen Anthropologie diskutiert. Betont wird dabei die ästhetische Gestaltung dieser Literarisierung eines Lebens. Die vermeintliche Wahrheit der Lebensbeschreibung wird dabei vor dem Hintergrund einer ästhetischen Form der Lebensdeutung in der Literarischen Autobiographie beschrieben und nicht zuletzt auf die Subjektivität dieser Darstellung bezogen. Der Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ wird dabei als „allgemein subjektive Wissensstruktur“[6] aufgezeigt und die vermeintliche Wahrheit der Selbstbetrachtung wird als ästhetische Form dekonstruiert, was dann auch auf die vermeintliche Einheit von Dichtung und Wahrheit in der Lebensbeschreibung von Goethe bezogen wird.

Verbunden damit ist die Frage, was sich über die Identitätskonstruktion einer derart fiktionalisierten Lebensbeschreibung aussagen lässt.

2. Die Fiktionalität der Selbstbiographie des Hochstaplers Felix Krull

2.1 Die Bedeutung der Enthüllungen eines Hochstaplers

2.1.1 Literarisches Genre und Vorbilder

Mann knüpft mit seinem Text an eine Reihe von scheinbar authentischen Bekenntnisromanen an, die seit den Anfängen des letzten Jahrhunderts erschienen sind und die Rekonstruktionen von „hochstaplerischen“ Lebensläufen zum Besten gaben: Paradigmatisch lässt sich dieser Bezug anhand des auch heute noch vergleichsweise bekannten Erinnerungsbuches[7] des rumänischen Hochstaplers Manolescu darstellen. Bei Manolescu soll es sich um einen Mann gehandelt haben, der zu Anfang des Jahrhunderts ein glänzendes Leben in Paris und in diversen Kur- und Glücksspielorten geführt und die Erinnerungen daran in der Form von Lebenserinnerungen, die von diversen Verlagen als „wahr“ ausgegeben wurden, publiziert hat.[8]

Das Genre, das sich an diese Publikation anschloss, erreichte insbesondere in den 20er-Jahren und hier insbesondere in Deutschland, eine gewisse Popularität. Es ist gekennzeichnet durch die literarische Kombination aus der Geste der „erinnernden Wahrheit“ über den Lebensweg eines auktorialen Erzählers, eine Narration, die den Betrug an der scheinbar ahnungslosen bürgerlichen Welt und gleichzeitig die Teilhabe an ihr sowie bestimmten Aspekten der subjektiven Überhebung und Lebensklugheit des auktorialen Erzählers über die imaginierte bürgerliche Gesellschaft.[9]

Solche Lebenserinnerungen wurden im Rahmen der trivialliterarischen Rezeption als „wahr“ verstanden; sie lieferten einen Spiegel der scheinbaren Hohlheit der bürgerlichen Welt und ihres Hanges zum Betrug durch den äußeren Schein. Weiter wurden in diesen Texten bestimmte ökonomische Motive betont, die eine „Rache“ des Besitzlosen an einem abweisenden Establishment als Identifikationsebene für den Leser anboten.[10]

Es lässt sich, insbesondere anhand des Beispiels Manolescu, erkennen, dass dieses Genre mit einer Reihe von parodistischen Strukturen arbeitete, die auf den Bildungsroman und den Schelmenroman zurückgehen: Manolescu stellt sein Leben so dar, dass es aus drückender Armut hervorgegangen sei und sich entlang bestimmter „Einsichten“ in die Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft zum materiellen und gesellschaftlichen Glanz hin entwickelt habe. Damit ist insofern eine Parodie des Bildungsromans geleistet, als auch dieser die Stationen der Einsicht des Individuums in die soziale und kulturelle Wirklichkeit nachzeichnet und damit das Finden einer „angemessenen“ Stellung des (prekären) Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft beschreibt.[11]

Bei Manolescu sind dies freilich Einsichten in die Chancen des Betrugs, der Hochstapelei und der Blendung. Damit wird als Grundnarration die Vorstellung angeboten, die bürgerliche Gesellschaft basiere an sich auf solchen pervertierten „Werten“ und habe sich von ihren vorgeblichen Idealen längst entfernt.[12]

2.1.2 Der Hochstapler Felix Krull

In Manns Text[13] wird die Figur des Hochstaplers aus auktorialer Erzähler mit ähnlichen Attributen und Perspektiven ausgestattet wie im traditionellen Genre der Hochstapler-Memoiren: Krull erzählt aus seinem Leben mit dem Anspruch der „Wahrheit“, wobei wie im traditionellen Genre der Kontrast zwischen den Lügen des erzählten Lebens und dem Wahrhaftigkeitsanspruch der Prosa mit einer existenziellen „Bilanz“ begründet wird.[14]

Krull erzählt also innerhalb eines Genres, das diesen Kontrast zum zentralen Stilmittel erhebt. Typisch für Manns Text ist allerdings, dass dieser diesen Kontrast reflektiert und nicht - wie im traditionellen Genre[15] - als authentischen Mechanismus der Narration suggeriert. Durch zahlreiche ironische Einschübe erhält der Leser die Möglichkeit, diese „Bekenntnisse“ als ebenso verlogen zu identifizieren wie die Handlungen des Lebens, sofern es diese überhaupt waren, zumal sich durch diesen stilistischen Eingriff auch die faktische Basis der Narration als potenzielle Lüge darstellt.

Im Effekt wird dadurch die Faktenbasis des „Bekenntnisses“, die „existenzielle Wahrheit“ als rein stilistische Maßnahme erkennbar. Da sich (wie später zu zeigen sein wird) hier stilistische Parallelen zu berühmten Bekenntnisbüchern bürgerlicher Autoren zeigen, wird die Geste des existenziellen Bekenntnisses selbst als rein ästhetische Maßnahme demaskiert.

2.2 Der Hochstapler als unzuverlässiger Erzähler

Die vorangegangenen Überlegungen zeigen deutlich, dass Manns Text seinen Erzähler nicht zuerst auf der Ebene seiner Handlungen sondern vor allem seiner Erzählungen als (potenziellen) Lügner erscheinen lässt. Die Faktenbasis der Narration wird dadurch reflektierbar und zum eigentlichen Gegenstand des Zweifels.

Die Unzuverlässigkeit eines solchen Erzählers, der die Wahrhaftigkeit als Stil kultiviert, wird dabei von Mann an unterschiedlichen Aspekten verdeutlicht:

- Viele sprachliche Markierungen (Fehlleistungen und Doppelbödiges lassen Zweifel an der Faktizität des Erzählten aufkommen,
- die Übermacht des Stils gegenüber der faktischen Wahrheit macht die Geste der existentiellen Wahrhaftigkeit der Schilderung des Werdegangs per se zu einer Lüge.

Krull ist als auktorialer Erzähler dem Anspruch seiner Erzählung nicht gewachsen.[16] Er referiert klischeehaft und hat nichts als seinen Stil; daher reflektiert er auch über die stilistischen Eigenheiten seiner eigenen Schilderungen, anstatt die Ereignisse seines Lebens in einen nachvollziehbaren ästhetischen Kontext zu stellen.

[...]


[1] Wysling 2005, S. 17, sowie S. 153 ff.

[2] Vgl. dazu ausführlicher Wysling 2005, S. 213 ff.

[3] Vgl. dazu Thomas Manns eigene Einschätzung des Romans Wysling 1975, S. 307 f.

[4] Vgl. Blod 2003, S. 300.

[5] Vgl. Blod 2003, S. 300.

[6] Sloterdiejk 1978, S. 21

[7] Vgl.: Manolescu, George (1904): Ein Fürst der Diebe. Berlin: Langenscheidt.

[8] Vgl.: Eggert, Hartmut et al. (2004): Lügen und ihre Widersacher: literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Göttingen: K&N, S. 56.

[9] Vgl. Eggert et al. (2004), S. 58.

[10] Vgl.: Wiese, Jörg (2007): Identitäten im Verlauf des Lebens. Heidelberg: V&R, S. 183.

[11] Vgl. Eggert et al. (2004), S. 60.

[12] Vgl. dazu etwa: Manolescu (1904), S. 38f.

[13] Mann, Thomas (2004): Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Frankfurt am Main: S. Fischer.

[14] Vgl. ebd., S. 27.

[15] Vgl. Eggert et al. (2004), S. 60.

[16] Vgl.: Wysling, Hans (1995): Narzissmus und illusionäre Existenzform: zu den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull. S. 257.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" als Parodie von Goethes Selbstbiografie "Dichtung und Wahrheit"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V310353
ISBN (eBook)
9783668086616
ISBN (Buch)
9783668086623
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thomas, manns, bekenntnisse, hochstaplers, felix, krull, parodie, goethes, selbstbiografie, dichtung, wahrheit
Arbeit zitieren
Reinhold Wipper (Autor), 2015, Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" als Parodie von Goethes Selbstbiografie "Dichtung und Wahrheit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310353

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