Der Roman „Ich“ von Wolfgang Hilbig im Deutschunterricht in Frankreich


Diplomarbeit, 2014

70 Seiten, Note: 16/20


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über den Autor

3. Der Roman „Ich“

4. Deutsch lernen in Frankreich
4.1 Die Unter- und Mittelstufe: das Collège
4.2 Die Oberstufe: das Lycée
4.3 Abibac

5. Der nationale Lehrplan für den Erwerb von Fremdsprachen in Frankreich

6. Der Roman „Ich“ in einer Unterrichtseinheit
6.1 Die Übereinstimmung mit dem nationalen Lehrplan
6.2 Didaktische Überlegungen zu „Ich“
6.3 Die Auswahl der Grundlage zur Textarbeit im Unterricht
6.4 Die für die Unterrichtseinheit relevanten Informationen des Textes
6.4.1 Tabelle 1: Aspekte des Textausschnitts für die Arbeit im Plenum
6.4.2 Tabelle 2: Aspekte der Ausschnitte für die Gruppenarbeit
6.5 Tabellarische Darstellung der Lernziele
6.6 Erste und zweite Séance: Arbeit im Plenum mit dem ersten Textausschnitt
6.7 Dritte bis fünfte Séance: Bearbeitung der Ausschnitte in Gruppen
6.8 Die Abschluss-Stunde

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

8.1 Internet-Referenzen

1. Einleitung

Um einen guten Spracherwerb zu gewährleisten, sollten authentische Materialien im Fremdsprachenunterricht Verwendung finden. Dies scheint vor allem in einer ultraperipheren Region Europas, wie das Departement La Réunion, wichtig. Trotz des einfachen Zugangs zum Internet bleibt seitens der Schülerinnen und Schüler die Nutzung von fremdsprachlichen Internetseiten oder Radiosendungen eher begrenzt. Es ist notwendig, den Schülerinnen und Schülern möglichst viel und möglichst authentisches Material zum Lernen der fremden Sprache im Unterricht zur Verfügung zu stellen. Daher bietet es sich an, zum Beispiel mit Literatur zu arbeiten. Sicherlich sind Kenntnisse der Literatur aus verschiedenen Jahrhunderten wichtig, doch kann mit Romanen aus den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gegebenenfalls großes Interesse bei den Schülerinnen und Schülern erzeugt werden.

Wolfgang Hilbig ist ein Autor der neunziger Jahre, der in der DDR gelebt hat und auch über sie schreibt. Da der heutige Fremdsprachenunterricht auch die Vermittlung von kulturellen Kenntnissen vorsieht, scheint es für den Deutschunterricht sinnvoll, die DDR zu behandeln. Hilbig bietet hierfür eine gute Möglichkeit, da er im Roman „Ich“ die Atmosphäre der DDR nachvollziehbar macht. Eine Behandlung des Romans kann möglicherweise zum besseren Verständnis der Teilung Deutschlands beitragen. Es stellt sich allerdings die Frage, wie ein sprachlich so gewandter Roman im Deutschunterricht in Frankreich seinen Platz finden kann.

In der vorliegenden Arbeit wird dieser Frage nachgegangen. Zuerst wird der Autor vorgestellt, dann wird auf den Roman „Ich“ eingegangen werden. Da es sich bei dieser Arbeit um ein didaktisches Vorhaben handelt, werden dann zunächst im vierten Kapitel der schulische Rahmen und im fünften Kapitel der nationale Lehrplan vorgestellt. Im sechsten Kapitel wird schließlich dargelegt, wie der Roman im Deutschunterricht behandelt werden kann, wobei bestimmte Textauszüge gewählt werden, sowie eine Unterrichtsgestaltung mit Gruppenarbeit vorgeschlagen wird. Das Fazit schließt die Arbeit ab.

2. Über den Autor

Wolfgang Hilbig wird am 31. August 1941 in Meuselwitz, im sächsischen Braunkohlerevier südlich von Leipzig, einem der damaligen Industriegebiete der DDR, geboren und wächst im „Schatten“ des Krieges auf. Sein Vater fällt 1942 in Stalingrad und hinterlässt die Mutter mit dem Kleinkind: Bombenangriffe, Hunger, Ängste und die Einsamkeit der Mutter prägen die ersten Kindheitsjahre. Ebenso das Motiv des Verschwindens von Menschen, wie sein Vater und wie so vieler anderer Menschen, deren Namen er in den Radio-Suchmeldungen hört.[1]

Er wächst im Haus der Grosseltern auf, wo die Mutter ein Zimmer bewohnt. Der Großvater arbeitet unter Tage. So kann die Familie bei Luftangriffen in die Kohleschächte fliehen, die sicherer sind als Luftschutzbunker. Auch hier wird Wolfgang Hilbig durch die langen dunklen Gänge geprägt[2], in welche sie mit Angst hineingehen und nie wussten, was sie erwartet, wenn sie diese wieder verlassen.

Diese Bedingungen der Kindheit, Krieg und Abwesenheit des Vaters, in denen Hilbig aufwächst, prägen den Autor. Zentrale Motive werden „Müll, Durst, Schlamm, Wasser, Grün. Statt geboren wird ausgespien und erbrochen“[3].

Hilbig fing bereits als Kind zu schreiben an[...]. Vor dem Schreiben steht das Lesen. Lesend wird das Kind jedoch zum Außenseiter in seiner Familie, es setzt sich dem dauernden Argwohn des Großvaters aus, der aus einem winzigen Dorf [...] stammte, Waise war und “nie eine Schule von innen gesehen hatte.[4]

Das missbilligende Verhalten des Großvaters, des einzigen männlichen Bezugspunkts in der Familie, lässt ein schlechtes Gewissen in dem Jungen entstehen, der die intellektuelle Tätigkeit nicht lassen kann und sich darum schuldig fühlt. Als Hilbig zu schreiben beginnt, wird dies beinahe als Verrat gesehen, denn für den Arbeiter-Großvater und Analphabeten gilt: alles Gedruckte ist „Lug und Trug [und w]er sich der Welt der Bücher aussetzt, gefährdet den eigenen Verstand“[5]. Dahlke schreibt weiter: „Noch der anerkannte Dichter meint, sich für den gewählten Lebensweg rechtfertigen zu müssen“[6].

Trotzdem schreibt Hilbig. Vorerst zwar als Nebentätigkeit und vor allem nachts[7], aber durchgehend. Von Beruf ist er nach seinem Militärdienst Heizer in Betrieben in Meuselwitz und Leipzig, bis er 1981 nach Ost-Berlin zieht und als selbständiger Schriftsteller arbeitet.[8] Schließlich verlässt er die DDR mit einem Reisevisum für mehrere Ein- und Ausreisen nach Westdeutschland und lässt sich in Hanau, dann in Nürnberg nieder[9]. Nach der Wiedervereinigung kehrt er nach Berlin zurück[10]. Vielleicht versuchte Wolfgang Hilbig anfänglich im Alkohol die Möglichkeit zu finden, den Zwiespalt zwischen Arbeiterherkunft und intellektueller Tätigkeit zu überwinden. Er wird abhängig und trinkt oft, teilweise auch beim Schreiben. Erst gegen Ende seines Lebens versucht er dem Alkohol zu entsagen. Er stirbt 2007 in Berlin.[11]

Hilbig hat viele Werke geschrieben: Gedichte, Geschichten und Romane. So gab der Fischer Verlag anlässlich des Todes des Autors eine Gesamtausgabe der Werke Hilbigs heraus, welche sieben Bände umfasst. Der Rahmen dieser Arbeit erlaubt nicht, auf alle Werke einzugehen. Daher muss hier auf das Internet verwiesen werden: Ein guter Überblick über Hilbigs Werke mit kurzen Beschreibungen wurde zum Beispiel auf der Literatur-Webseite Perlentaucher veröffentlicht[12]. Außerdem wird in der Hilbig-Biographie von Birgit Dahlke an vielen Stellen ausführlich auf die verschiedenen Werke verwiesen[13]. Obwohl die Verlage der DDR Hilbig nicht veröffentlichen wollen, kann der Autor dank eines West-Kontaktes ab den späten siebziger Jahren in Westdeutschland beim Fischer Verlag veröffentlichen und schließlich dann ab 1980 auch in der DDR, wenn auch als zensierte Ausgaben.[14]

Sein literarisches Schaffen trug vor allem im Westen und nach der Wende Früchte. Hilbig erhielt verschiedene Literaturpreise, darunter auch einen der wichtigsten deutschen Preise für Literatur: den Georg-Büchner-Preis. Auf der Webseite des Fischer Verlages ist eine Liste der Preise veröffentlicht, die Wolfgang Hilbig für seine literarische Tätigkeit erhielt[15]. Besonders erwähnenswert scheint, dass Hilbig der erste Autor proletarischer Herkunft ist, dem der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde[16].

Was Hilbig auszeichnet, ist vor allem seine Sprache, die seinen Texten die gewünschte Stimmung gibt und eine nachvollziehbare Atmosphäre für die Handlung bereitet. „Er sieht geradezu eine Pflicht darin, die Atmosphäre in dem Land, das nur noch in der Erinnerung bestehe, vor dem Vergessen zu bewahren.“[17] Dahlke zitiert Wolfgang Hilbig wie folgt:

Schriftsteller müssen sich erinnern, vielleicht ist dies sogar ihre Hauptaufgabe. In meinem Fall funktioniert die Erinnerung fast ausschließlich über das Bild von einer bestimmten Atmosphäre, das in mir zurückgeblieben ist: ich brauche zuerst die Atmosphäre, in der sich dann ein Text bewegt, in der sich eine Handlung oder eine Nicht-Handlung abspielen kann.[18]

„Es liegt nahe, in dieser Überzeugung eine Lehre aus der Auseinandersetzung mit den verheerenden Folgen der Erinnerungslosigkeit in seiner eigenen Familie zu erkennen.“[19] Hilbig versucht, da er keine klaren Erinnerungen hat, sich mit seiner Literatur „lichte Erinnerungen“ zu schaffen[20]. Dahlke schreibt:

Die Übergänge zwischen autobiographischen Notizen und literarischer Verdichtung sind fließend, Hilbig begibt sich auch in seinen Romanen und Erzählungen vor allem auf die Suche nach sich selbst. Auf Fragen nach dem autobiographischen Gehalt seiner Texte antwortet er ausweichend und widersprüchlich: seine Figuren hätten immer einen autobiographischen Anlass, Figuren- und Autorenstimme fielen oft zusammen, seien aber nicht identisch[21]

Der Roman „Ich“ ist von einer düster-muffigen Atmosphäre geprägt, die durch verschiedene Bilder hervorgerufen wird, trägt autobiographische Züge und entzieht sich nicht dem Einfluss der frühkindlichen Erlebnisse, die Hilbigs ganzes Leben prägen.

Wolfgang Hilbig war kein Mitläufer des DDR-Regimes. Auch wenn er keine spektakulären Aktionen gegen den „real existierenden Sozialismus“ unternahm, so war er doch kritisch und ordnete sich nicht unbedingt dem Staatswillen unter. Dieses Verhalten musste als besonders provokativ gelten, da Hilbig durch seine proletarische Herkunft ideologischen Kriterien entsprach: er war ein Arbeiter-Autor. Und so wurde er selbst vom Ministerium für Staatssicherheit beobachtet:

Ein Brief des Wehrpflichtigen an die Mitglieder eines Sportvereins führt am 19.12.1962 [...] zu einem ersten „Ermittlungsauftrag“ des Ministeriums für Staatssicherheit, hier nimmt die jahrzehntelange Überwachung Hilbigs ihren Anfang. Einmal aufmerksam geworden, sammeln verschiedene Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit ab da Material gegen den als politisch unzuverlässig Eingeschätzten.[22]

Und an anderer Stelle ist in Dahlkes Biographie – im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden des Autors im Westen – Folgendes zu lesen: „Die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter, die angeworben werden, um ihn zu bespitzeln, steigt. Unter ihnen sind Arbeitskollegen, Nachbarn und Angestellte der Kirchenverwaltung Altenburg.“[23] Wolfgang Hilbig kennt also die Situation, die er beschreibt, aus der Perspektive des Bespitzelten und projiziert im Roman die Perspektive des Spitzels.

Hilbig lebt bis Ende der Siebziger Jahre zwischen Meuselwitz und Leipzig. Er fühlt sich aber nie der lokalen Literaturszene zugehörig. Auch wenn er in Leipzig anfangs zumindest Gleichgesinnte findet und sich auf Grund seines Literaturhungers nicht mehr so abnormal fühlt, wie im provinziellen Meuselwitz, bleibt er dennoch Außenseiter. Nachdem die Stadt Meuselwitz endgültig zu klein geworden ist und die Literatur schaffenden Kreise Hilbig dort nicht integrieren wollen, da er in keiner Weise den Vorgaben im Sinne des sozialistischen Realismus – einzige vom Staat vorgegebene vertretbare Stilrichtung – noch den Bitterfelder Vorgaben[24] folgen will, zieht er nach Leipzig. Ab 1978 lebt Hilbig in Ost-Berlin und arbeitet dort als Heizer, schreibt aber weiter in seiner freien Zeit.[25] Auch in Berlin überwindet Hilbig sein Einsiedlertum nicht:

Zwar wird Hilbig oft in einem Atemzug mit den jüngeren Autoren der inoffiziellen Zeitschriftenszene in Leipzig und Berlin genannt, auch in den Akten der Staatssicherheit wird er dem `politischen Untergrund´ zugeordnet und entsprechend beobachtet, er selbst bleibt der Szenekultur gegenüber jedoch distanziert.[26]

Birgit Dahlke zitiert folgenden Ausschnitt aus Versuch über Katzen, in dem Hilbig über seine Zeit in Leipzig schreibt:

Wir bewohnten den Dachstuhl des Gebäudes illegal und unentgeltlich, einigen von uns war der Aufenthalt in der Stadt L. gar von behördlicher Seite untersagt worden, was uns mit nicht geringerem Stolz erfüllte. Wir galten samt und sonders als negativ-feindliche, zumindest aber unnütze und parasitäre Mitglieder der Gesellschaft, denn wir hatten uns allesamt den nebelhaften Gestirnen von Kunst und Literatur verschrieben.[27]

Autobiographisches Schreiben ist also für Hilbig kein Tabu, sondern lässt sich in verschiedenen Werken finden.[28] Im Roman „Ich“, der hier im Zentrum der Betrachtung steht, erzählt Hilbig aber nicht sein Leben, sondern lässt wirklich Erlebtes in die Fiktion einfließen, bettet diese in die Atmosphäre, an welche er sich erinnert, so dass diese Fiktion realistische Züge annimmt. Diese Fiktionalisierung der Wirklichkeit macht die Atmosphäre spürbar und gibt der Handlung einen wirklichkeitsnahen Rahmen. Die Hauptfigur des Romans kommt aus der Stadt „M.“. „Natürlich ist der in die Literatur eingegangene Ort „M.“ nicht mit der Stadt Meuselwitz an der Schnauder mit ihren 12000 Einwohnern zu verwechseln. Ebenso wenig ist er beliebig austauschbar“[29]. Durch die Abkürzung wird „M.“ zu einer Stadt von unzähligen anderen Städten, behält aber die Charakteristik der Stadt „M.“, die Hilbig erlebt hat. Gleichzeitig zeigt die Abkürzung eine Funktionsweise der Stasi, die Ihre Beobachtungsobjekte und deren Aufenthaltsorte auf ähnliche Weise kodierte, so dass Namen verändert oder abgekürzt Eingang in die Stasi-Akten fanden.[30]

Schwierig ist für den Leser zu unterscheiden, was Fiktion und was Erinnerung ist. Wer die DDR nicht erlebt hat – von innen oder von außen –, wird schwerlich den Unterschied feststellen. Der Roman „Ich“ ist genau durch diesen Ansatz der Mischung von Erlebtem und Erfundenem, durch die bildhafte Darstellung einer spezifischen Stimmung, so gut geeignet, um die Atmosphäre der damaligen DDR und damit das Erleben der DDR-Bürger nachempfinden zu können. Nach seinem Erscheinen diskutierten Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und Ruth Klüger über den Roman und seinen Autor in der Sendung Das Literarisches Quartett vom 21. Oktober 1993. Hellmuth Karasek, der das Buch vorstellte, qualifizierte es wie folgt:

Das erste umfassende Portrait, das die DDR in ihrer ganzen Abscheulichkeit, Tristesse, Nischenseeligkeit, Versoffenheit [...] Verzweiflung zeigt. Es ist zweitens ein Roman, der ganz deutlich zeigt, dass ein Staat durch diese Grenze, [die] natürlich längst weggefallen ist, geradezu krampfhaft und krankhaft definiert war: Will er fliehen? Will er wegreisen? Will er hier bleiben? Es geht nur um dieses Wegreisen – Hier-Bleiben und so.

Das dritte große Element ist, dass der Autor am Schluss erkennt, dass dieser Staat nur durch den Hass auf die Stasi, der sich in alle Seelen eingenistet hat, zusammen gehalten wurde und jetzt erklärt mir dieser Roman auch ein Phänomen der Nach-DDR-Zeit: Warum dieser Hass so gegenstandslos wird. - Weil dieses Buch auch beschreibt, dass diese Wühlarbeit, dieses Aufschreiben gar nicht so viel Schaden anrichtete, sondern nur den Hass der ohnmächtigen Opfer [schürte] – wenn der Druck der Stasi wegfällt, fragt man sich: was haben die eigentlich getan? Sie haben schlechte Literatur geschaffen.[31]

Genau diese drei Aspekte, die Portraitierung der DDR, die thematisierte Problematik der Republikflucht und schließlich die wichtige Rolle der Stasi, machen den Roman für den fremdsprachlichen Unterricht interessant. Er befasst sich mit der Vergangenheit der deutsch-deutschen Teilung und zeigt dabei ein Portrait der DDR, das sich durch eine unbestreitbare Wirklichkeitsnähe ohne lagertypische Wertung, wie man sie in den Jahren des Kalten Krieges oder im Wiedervereinigungs-Wahlkampf (1990) kannte, auszeichnet. Zudem lässt er durch diese „ungeschminkte“ Darstellung das heutige Deutschland besser verstehen, da es zeigt, wo die Bundesrepublik von heute herkommt und was deren Bewohner vor der Wiedervereinigung erlebt haben: Der Osten als Alltag und der Westen von außen. Auf beiden Seiten bleibt ein bestimmtes Bild des anderen, welches das deutsch-deutsche Verhältnis auch nach der Wiedervereinigung noch prägt.

Im Roman „Ich“ vermischt Hilbig Wirklichkeit mit Fiktion, er „fiktionalisiert“ Erlebtes, vielleicht auch Gehörtes mit Erfundenem und gibt dieser Mischung zusätzlich eine humorvolle Note. Dadurch wird der Roman nicht zur bloßen Dokumentation, sondern erlaubt dem Leser, eine klare Vorstellung vom Alltag in einem Überwachungsstaat zu erhalten. Wolfgang Hilbig kann also ohne Bedenken zum Thema im fremdsprachlichen Deutschunterricht gemacht werden. Als Vertreter der Literatur der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, der Zeit nach der Wende (für das hier ausgewählte Werk), und gleichzeitig als Zeitzeuge des „real existierenden Sozialismus“ und eines Teils des tatsächlichen Alltags der DDR.

Im Folgenden sollen nun die verschiedenen inhaltlichen Aspekte des Romans „Ich“ betrachtet werden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die autobiographischen und landeskundlichen Inhalte gelegt wird.

3. Der Roman „Ich“

Hilbig thematisiert in seinem Roman die Unfähigkeit der DDR-Bürger, sich frei auszudrücken. Sie sind nicht in der Lage, „die untere Gesichtshälfte“[32] frei zu bewegen. Er behandelt vor allem die Überwachung der Bürger durch den Staat – die Staatssicherheit. Hilbig zeigt dies am Beispiel von Autoren, die überwacht werden. Er beschreibt somit auch die inoffizielle Kulturszene, die in der DDR tatsächlich existiert hatte. Inoffiziell, da vom eigenen Staat nicht anerkannt – oft jedoch im Westen veröffentlicht. Die Lesungen wurden im Osten in Kellern oder Privatwohnungen abgehalten und hatten dadurch ein begrenztes Publikum, dem der Autor vertraute, in dem aber auch Stasi-Mitarbeiter vertreten waren, welche die Lesungen minutiös protokollierten[33]. So erzählt W. im Roman, ohne bisher namentlich vorgestellt worden zu sein:

Man wusste, dass Reader, der Verfasser dieses Textes [...] inzwischen über ein ständig wachsendes Publikum verfügte, dessen Gemeinden in vielen Vierteln der Stadt nisteten, ja dass Readers Ruf seit einiger Zeit sogar über die Stadtgrenze hinweg reichte, dass er es aber strikt vermied, eine über seine Leseveranstaltungen hinausgehende Öffentlichkeit in Anspruch zu nehmen, wiewohl er dazu beste Chancen gehabt hätte. Freilich war es geschehen, dass irgendein Radiosender von drüben den Bandmitschnitt eines seiner Vorträge ins Programm nahm, da Reader jedoch nicht zu bewegen schien, sich mit den Rundfunkredaktionen oder den Journalisten über sich und seine Absichten näher einzulassen, erlosch deren Interesse bald wieder; es gab bereitwilligere Figuren in jener Szene, die man als die inoffizielle Kulturszene im Ostteil Berlins bezeichnen mochte, und es gab genug bereitwilligere Figuren in jener Szene, die spektakulärer aussahen.[34]

Im zitierten Ausschnitt kommen verschiedene Aspekte zur Sprache. Zum einen wird gezeigt, dass die Anhänger der inoffiziellen Autoren eher als unerwünscht bezeichnet werden können. Dies drückt Hilbig mit dem Verb „nisten“ aus, das eigentlich Vögeln vorbehalten ist, jedoch auch für Ungeziefer benutzt werden kann, das sich in einem Haus einnistet, so wie für Nagetiere oder Insekten, die sich im Kornspeicher einnisten und die Ernte fressen, die eigentlich als Vorrat dort eingelagert wurde. Nisten bedeutet „ein Nest bauen“ und so kann man im Deutschen auch von einem „Verbrechernest“ sprechen. Die Andeutung ist schwach, jedoch im Kontext und durch den Ton des Textes klar spürbar.

„Reader“ wird im weiteren allein durch seinen vermutlich aus dem englischen Verb „read“ (lesen) abgeleiteten Namen als Stellvertreter für Autoren, die Lesungen abhalten, qualifiziert. Hilbig beschreibt die Tatsache, dass jener „Reader“ keine Erklärungen über seine „Absichten“ abgibt. Hier wird klar Bezug auf den Überwachungsstaat und die Begrenzung der Rede- und Meinungsfreiheit genommen – Reader kann natürlich auch vom deutschen Verb „reden“ abgeleitet worden sein. Dass der Name symbolisch zu verstehen ist, wird klar, da es kein typischer deutscher Name ist und Hilbig im Roman sehr sorgfältig mit Namen umgeht – meist nennt er nur Vornamen, nur den Nachnamen oder gar nur ein Akronym beziehungsweise Initialen. Dies ist vor allem für den Roman „Ich“ interessant, da auch die Stasi in ihren Akten Decknamen und Initialen verwendet hat.

Reader vermeidet eine Öffentlichkeit jenseits der Lesungen und scheint nicht dazu zu bewegen, über sich zu sprechen. Das bedeutet, er hat die bewusste Entscheidung getroffen, nicht zu sprechen, und hat dafür offensichtlich gute Gründe. Doch ist dies gleichzeitig wie immer mit Fiktion gemischt, auch ein autobiographischer Aspekt des Romans:

Wie man aus vergleichbaren Fällen etwa um Jürgen Fuchs oder Gerulf Pannach weiß, funktionierte die mediale Aufmerksamkeit im Westen als Schutz für im Osten kriminalisierte Künstler und Intellektuelle. Dennoch wurde auf die Weigerung, mit der Staatsicherheit zusammenzuarbeiten, mitunter auch mit körperlichen Überfällen reagiert. Laut Corino wurde Hilbig unmittelbar nach seiner Haftentlassung nachts überfallen und in eine Schaufensterscheibe geworfen. Das Vernehmungsprotokoll mehrerer Verhöre Hilbigs lässt nur ahnen, unter welchen Bedingungen der Untersuchungshäftling jede Zusammenarbeit mit der Stasi abgelehnt hatte.[35]

Hilbig nimmt also selbst Erlebtes auf, ohne in Details zu gehen, lässt die Brutalität, die ihm zu Teil wurde, implizit, macht sie aber dennoch spürbar. Dies wäre also eine Öffentlichkeit, die aus der Sicht des Spitzels zu begrüßen wäre. Der Autor soll sich gegenüber der Stasi äußern, mit der Stasi zusammenarbeiten. Es ist weniger die mediale Öffentlichkeit in Ostdeutschland gemeint, da die Medien der DDR vom Staat kontrolliert wurden. Welches Interesse hätte ein Autor, der nicht linientreu ist, sich zu äußern, wohl wissend, dass seine gegebenenfalls kritischen Worte nicht in dieser Form veröffentlicht werden?

Dies ist eine interessante Gegenüberstellung: Die Stasi wird als Öffentlichkeit auf eine Ebene mit den Westmedien gesetzt. Die Pressefreiheit des Westens wird der Überwachung im Osten gegenübergestellt. Wer Öffentlichkeit sucht, findet diese im Westen in den Medien und im Osten in der Stasi. Die Macht über die Bekanntheit eines Autors hat im Osten die Stasi und im Westen die Presse.

Gleichzeitig kritisiert Hilbig die Oberflächlichkeit der Westmedien, die an einem solchen „stummen“ Autor, welcher sich nicht äußert, schnell das Interesse verlieren, auch wenn sie zuvor einen Mitschnitt der Lesung im Westradio senden. Die Worte „Freilich war es geschehen“ zeigen, wie selbstverständlich es offensichtlich ist, dass diese „underground“-Kunst des Ostens im Westen publiziert wird. Natürlich war dies nicht so selbstverständlich. Hilbig verwendet hier Ironie. Es war schwierig, Aufzeichnungen der von der Stasi beobachteten Lesungen in den Westen zu bringen, ohne an der Grenze abgefangen zu werden. Und nicht jeder Künstler fand das Interesse des Westens. Hier wird ein sensibles deutsch-deutsches Thema angesprochen. Warum wurden manche Künstler vom Westen unterstützt und andere nicht? Darauf kann hier aber nicht eingegangen werden. Hilbig selbst wurde zuerst im Westen veröffentlicht und niemals unzensiert im Osten. Er spielt hier auf die Sensationslust der Westmedien an, die ohne spektakuläre Aussagen einen Autor sehr schnell fallen lassen. Dieser kleine Ausschnitt zeigt, wie subtil Hilbig Informationen über die ehemalige DDR aber auch die BRD im Roman versteckt. Es zeigt, dass für ein tiefgehendes Verständnis sehr gute Deutsch-Kenntnisse notwendig sind, aber auch landeskundlich-historisches Hintergrundwissen.

Der Roman „Ich“ situiert sich im Bereich der sogenannten Prenzlauer Berg-Connection, benannt nach dem damals Ostberliner Stadtteil sowie der netzwerkartigen Verbindung der Mitglieder – der Anglizismus „Connection“ kann als regimekritischer Aspekt (den man auch im Namen „Reader“ sehen kann) betrachtet werden. Ebenso kann er als Merkmal für Erneuerung, Modernität und Jugendlichkeit angesehen werden. Bekannte Namen wie Wolf Biermann oder Rainer Schedlinski waren Mitglieder, aber auch andere Schriftsteller, alle mit einer Gemeinsamkeit: kein Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR zu sein. Diese subkulturellen Künstlergemeinschaften entstanden vor dem Hintergrund der auch in der DDR nicht ohne Echo gebliebenen Ereignisse der Liberalisierung in den siebziger Jahren einerseits und der wirtschaftlichen Entwicklung andererseits. Im Vorfeld hatte die brutale Beendigung des Volksaufstandes des 17. Juni 1953, 1961 der Bau des „anti-imperialistischen Schutzwalls“, wie die Mauer im Osten offiziell genannt und begründet wurde, und die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 den Bürgern im Osten klargemacht, dass dieser sozialistische Staat, die sogenannte „Demokratische Republik“ und das von Moskau dominierte sozialistische System, nicht sehr viel von Freiheiten seiner Bürger hielt, soweit diese über die Freiheiten hinausgingen, die vom Staat zugestanden und von der Stasi überwacht wurden.

Am Ende der siebziger Jahre wurde evident, dass die ökonomische, kulturelle, gesamtgesellschaftliche Entwicklung in der DDR in eine tiefgreifende Krise geriet: Sichtbare Symptome dafür waren die Verschlechterung der Versorgungslage, der Zerfall der Innenstädte, die überall sichtlichen Verheerungen der natürlichen Umwelt. Die Biermann-Ausbürgerung zerschlug die in den frühen siebziger Jahren gekeimten Hoffnungen auf eine allmähliche Liberalisierung und Demokratisierung des kulturellen und politischen Lebens. In dieser Situation waren immer mehr „Hineingeborene“ (Uwe Kolbe), die nie etwas anderes kennengelernt hatten als den DDR-Sozialismus, nicht mehr bereit, die stillschweigenden und stillstellenden Agreements zwischen Staat und Bevölkerung weiter ungefragt zu akzeptieren. Ende der siebziger Jahre entstanden urbane Jugendkulturen in den größeren Städten, in Leipzig, Dresden und vor allem in Berlin, die ihre eigenen Strukturen abseits staatlicher Bevormundung zu entwickeln versuchten, wiewohl die Staatssicherheit von Anfang an informelle Mitarbeiter zu platzieren wusste.[36]

Hilbig schreibt über ein brisantes Thema. Er dokumentiert eine historische Situation durch die Darstellung von Alltag und konfrontiert seinen Leser mit genau der im obigen Zitat beschriebenen Stimmung. Kaum ein Intellektueller glaubt mehr richtig an das Ideal des Sozialismus, aber trotzdem wird blind weitergemacht und alles, was nach Veränderung sucht, sich Gedanken macht, wie eine Alternative aussehen könnte, wird überwacht und im Zweifelsfall eingesperrt, mundtot gemacht oder ausgewiesen. Es wäre gefährlich für die Sicherheit des Staates, diese Leute nicht zum Schweigen zu bringen, da sie das Volk aufhetzen könnten. Diese Gefahr ist real, wie die Ereignisse von 1989 zeigen. Im Gegensatz zu den Beziehungen zwischen Untertanen bzw. Bürgern in früheren Staatskonzeptionen, in denen vor allem in Zeiten des Feudalismus der Staat – repräsentiert durch den Fürst – für die Sicherheit der Untertanen sorgt und im Gegenzug den Untertanen ihre Souveränität sowie Steuergelder abnimmt, sucht die DDR den eigenen Staat vor Staatsfeinden unter den Untertanen, den Bürgern, zu schützen und dreht somit diese Beziehung um. Der Beschützer wird zum Beschützten, der Schutzbedürftige zur Gefahr.

Ebenso wechselt der Protagonist die Seiten oder besser gesagt: Er ist gefangen zwischen zwei Seiten: er ist selbst Autor und wird zum Spitzel, um Autoren zu überwachen. Jedoch sieht er die Tätigkeit des Bericht-Schreibens als literarische Tätigkeit und wird somit wieder zum Autor – und so beginnt er sich im Kreis zu drehen und „W.“ verliert sich. Er ist kein Autor und ist dennoch ein Autor. Er ist ein Spitzel und ist dennoch kein Spitzel. Er schreibt, um zu beobachten, er beobachtet, um zu schreiben, immer den Vorgesetzten im Nacken. Ein Autor wird zum Überwacher von Autoren der „inoffiziellen Kulurszene“, er ist einer von ihnen und damit ideal getarnt. Dies ist eine fundamentale Funktionsweise der Stasi, welche Hilbig porträtiert. Eine gelungene Überwachung ist nur garantiert, solange der Spitzel unerkannt bleibt. Und ein totalitärer Staat versucht, seine Daseinsberechtigung durch die Abwesenheit von Kritik zu belegen. Diese Abwesenheit von Kritik wird aber nicht erreicht, weil dieser Staat perfekt wäre und es keine Kritik zu üben gäbe, sondern durch die Unterdrückung und Verdrängung der Kritik durch Überwachung und Zensur.

Gleichzeitig weist der Protagonist aber auch einen weiteren Zwiespalt auf, welcher wiederum autobiographisch ist. W. ist eigentlich Heizer von Beruf, ebenso wie Hilbig es war, und W. schreibt nachts, genau wie Hilbig. In verschiedenen Werken erscheinen (schreibende) Heizer und sind damit eine „Figur, in der Hilbig dem Widerspruch zwischen Arbeiter- und Schriftstellerexistenz Ausdruck verleiht.“[37] Der Autor schreibt von seinem eigenen Dilemma – er, der ja eigentlich ein Vorbild des Arbeiter- und Bauernstaates wäre, der intellektuelle Arbeiter und gleichzeitig der arbeitende Intellektuelle, wird von der offiziellen Öffentlichkeit abgelehnt, sowohl im Roman, als auch in der Wirklichkeit. Der Protagonist „W.“ ist nicht erfolgreich, wird in der fiktiven Wirklichkeit der DDR des Romans nicht veröffentlicht. Dieser Ansatz spiegelt eine frühkindliche Prägung wider: die fehlende Anerkennung des literarischen Interesses und Talents des jungen Wolfgang Hilbig in dessen (Groß-)Elternhaus. Dahlke erklärt dies wie folgt:

Nie ist Autorschaft selbstverständlich, immer wieder werden Hand- und Kopfarbeit gegeneinandergestellt. In sämtlichen Prosatexten steht der Schreibende unter Rechtfertigungsdruck: In Die Weiber (1987) ist er Voyeur, in Die alte Abdeckerei (1991) Zeuge der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und im Roman Ich (1993) ist er dem Verfassen von Spitzelberichten für die Staatssicherheit nicht abgeneigt.“[38]

Im Roman „Ich“ wird die schreibende Tätigkeit durch den Zweck der Überwachung zum Wohle des Staates gerechtfertigt und sie wird, soweit als bloße Kunst ausgeübt, als verdächtig und überwachungswürdig dargestellt. Damit dreht Hilbig einen intuitiven Zusammenhang um. A priori scheint einem die Literatur als Kunst gerechtfertigt, während das Schreiben eines Spitzels entschieden nicht als künstlerische Tätigkeit beschrieben werden kann. Nicht so im Roman „Ich“, der die Perspektive des Stasispitzels zeigt und die Frage nach der Rechtfertigung dieser Wertungen stellt.

Hilbig zeigt im Roman aber auch, dass es Möglichkeiten gibt, die Überwachung zu umgehen oder zu ignorieren. Er zeigt, dass es in der fiktiven DDR-Bevölkerung Bereitschaft gibt, bis zu einem gewissen Punkt etwas zu riskieren. So beschreibt er diesen subversiven Wunsch, wenn „W.“ im Büro seines Vorgesetzten in einer für ihn eigentlich nicht zugänglichen Akte stöbert:

Ich wusste, ich war im Auge der Kamera... und doch hatte ich die Unverschämtheit besessen, mir schnell ein paar Zeilen zu notieren: ... Festlegung der durchzuführenden Zersetzungsmaßnahmen auf der Grundlage der exakten Einschätzung der erreichten Ergebnisse der Bearbeitung des jeweiligen operativen Vorgangs...

Irgendwann, dachte ich, wird ein solcher Text an die Öffentlichkeit gelangen ... und niemand wird, wieder einmal, etwas davon gewußt haben wollen, - der Minister hat seine Verschlußsachen nur für sich selber geschrieben. Und alle Geheimdienste der Welt arbeiten mit solchen Mitteln, wird man sagen. – Sehr richtig, nur zu wahr!

Was mich daran interessierte war eigentlich nur die Monstrosität der Abstraktionsreihe, die ich vor mir hatte. Ich werde solchen Sprachgebrauch bis in alle Ewigkeit wiedererkennen, dachte ich, auch in mir selber ... er wird für mich künftig ein Signal sein. An ihren wuchernden Genitiven werde ich sie erkennen. An bis zur Unkenntlichkeit des Ausgangspunkts fortgesetzten Aneinanderreihungen von Genitiven, an der Maßlosigkeit des zweiten Falls ... als ob der sich immer wieder zum ersten Fall aufwürfe, zum Ernstfall. Es war im Grunde ein den Realismus zerstörender Sprachgebrauch ... einer ungewollt surrealistischen Methode ähnlich, die einen psychotischen Automatismus erzeugte. Vielleicht haben die wirklichen Surrealisten davon bloß phantasieren können ... von ihnen stammt das berühmte Bild des Würfels aus dem Würfel, in dem wieder ein Würfel steckt, und darin wieder einer und so fort. – Die Maschine der Genitive macht damit Ernst, dachte ich. Sie unterwandert mit diesem Trugbilde die Wirklichkeit ... sie ist also eine Simulation einer unendlichen Konsequenz.[39]

Dieser Ausschnitt aus dem Roman zeigt vor allem zwei Dinge: die innere Zerrissenheit des Protagonisten und die wirklichkeitsferne Realität der DDR. Er zeigt aber auch eine Funktionsweise, die durch den Gedankenfluss des Protagonisten dargelegt wird.

Zuerst notiert „W“ ein paar Zeilen, obwohl er weiß, dass die Überwachungskamera ihn filmt. Ist das nicht ein hohes Risiko? Offensichtlich ist es nicht sehr bedrohlich, er ist ja bereits durch eine sehr geschickte Manipulation zum inoffiziellen Mitarbeiter, zum IM, geworden – auch wenn das erst später im Roman erzählt wird. Er ist also „einer von ihnen“ und die eigenen Leute wird die Stasi ja wohl nicht zu hart angehen. Dies scheint der Hintergedanke der Handlung zu sein. Dennoch macht er schnell, vielleicht in der Hoffnung, trotzdem unentdeckt zu bleiben. Dadurch wird eine gewisse Gefahr für den Protagonisten vermittelt. Hilbig nimmt außerdem voraus, dass die Stasi-Akten zugänglich gemacht werden. Dies ist nach der Wende tatsächlich geschehen und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans „Ich“ hatte Hilbig seine eigenen Akten bereits in der späteren Gauckbehörde, welche die Stasi-Akten verwaltet, eingesehen – den Antrag zur Einsichtnahme in die ihn betreffenden Akten stellte er am 22. März 1992[40].

[...]


[1] vgl. Birgit DAHLKE, Wolfgang Hilbig, S. 12

[2] ibid., S.12f

[3] ibid., S. 17

[4] ibid., S. 21

[5] ibid., S. 21

[6] ibid., S. 21f

[7] ibid., S. 36

[8] http://www.perlentaucher.de/autor/wolfgang-hilbig.html (28/04/2014)

[9] Birgit DAHLKE, S.142

[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hilbig (27/04/2014)

[11] vgl. Birgit DAHLKE

[12] http://www.perlentaucher.de/autor/wolfgang-hilbig.html

[13] vgl. Birgit DAHLKE

[14] http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hilbig

[15] 1983 Brüder-Grimm-Preis, 1985 Förderpreis der Akademie der Künste, Berlin, 1987 Kranichsteiner Literaturpreis, 1989 Ingeborg-Bachmann-Preis, 1992 Berliner Literaturpreis, 1993 Brandenburgischer Literaturpreis, 1994 Bremer Literaturpreis, 1996 Literaturpreis der Deutschen Schillerstiftung, Dresden , 1997 Lessingpreis des Freistaates Sachsen, 1997 Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste, 1997 Hans-Erich-Nossack-Preis (Kulturkreis d. dt. Wirtschaft), 2001 Stadtschreiberpreis von Frankfurt-Bergen-Enkheim, 2002 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik, 2002 Georg-Büchner-Preis, 2002 Walter-Bauer-Literaturpreis der Stadt Merseburg, 2007 Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg

(vgl.: http://www.fischerverlage.de/autor/wolfgang_hilbig/2322 am 28/04/2014)

[16] vgl. Birgit DAHLKE

[17] ibid., S. 118

[18] zit. ibid.

[19] ibid.

[20] ibid., S. 23

[21] ibid., S. 18

[22] ibid., S. 35

[23] ibid., S. 67

[24] Seit 1932 vom Zentralkomitee der KPdSU festgelegt, galt der sozialistische Realismus als die einzige literarische Stilrichtung, die dem sozialistischen Ideal entsprach. (vgl. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Sozialistischer_Realismus.html ). Spätestens ab den Bitterfelder Konferenzen von 1959 und 1964, welche Arbeiterschaft und Kultur näher zusammen bringen sollten, wurde in der DDR sehr genau darauf geachtet, von wem und auf welche Art geschrieben wurde, denn die Literaturschaffenden waren in Bitterfeld aufgerufen worden, den Sozialismus mit aufzubauen und dies natürlich im Sinne der vom Staat vorgegebenen sozialistischen Ideologie. „Am 24. und 25. April 1964 fand die zweite Bitterfelder Konferenz statt. Künstlern und Autoren wurde nahegelegt, mit ihren Werken die "Bildung des sozialistischen Bewusstseins" und der "sozialistischen Persönlichkeit" zu fördern” (vgl. http://www.zeitklicks.de/ddr/zeitklicks/zeit/kultur/literatur-2/der-bitterfelder-weg/) am 28/04/2014. Man konnte also nicht schreiben, was man wollte, bzw. stand unter Beobachtung, falls man es tat.

[25] vgl. Birgit DAHLKE, S. 43f

[26] ibid., S. 83f

[27] zit. in ibid., S. 44

[28] vgl. ibid., 9ff; S. 12ff; S. 21ff;

[29] ibid., S. 54

[30] vgl. ibid., S. 67

[31] http://www.youtube.com/watch?v=kKiIzlP58rA am 27/04/2014; 00:27:05 – 00:28:45

[32] Wolfang HILBIG, Ich, S.7

[33] vgl. Birgit DAHLKE, S.72

[34] Wolfgang HILBIG, S.14f

[35] Birgit DAHLKE, 2011, S. 68

[36] http://petergeist.homepage.t-online.de/prenzlauerberg.htm am 14/05/2014

[37] Birgit DAHLKE, S. 61

[38] ibid., S. 60

[39] Wolfgang HILBIG, S. 23f

[40] vgl. Birgit DAHLKE, S.67

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Der Roman „Ich“ von Wolfgang Hilbig im Deutschunterricht in Frankreich
Veranstaltung
Master Métiers de l'Education, de l'Enseignement et de la Formation
Note
16/20
Autor
Jahr
2014
Seiten
70
Katalognummer
V310449
ISBN (eBook)
9783668089129
ISBN (Buch)
9783668089136
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
roman, wolfgang, hilbig, deutschunterricht, frankreich
Arbeit zitieren
Erik Lautenschlager (Autor), 2014, Der Roman „Ich“ von Wolfgang Hilbig im Deutschunterricht in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310449

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