Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist geprägt durch den voranschreitenden Zerfall der Donaumonarchie und die Veränderung des Alltags der Menschen: Durch technische und kulturelle Entwicklungen verändert sich das Lebensgefühl nachhaltig.
Das fin de siècle ist bestimmt durch Zukunftsangst, Resignation, Untergangsstimmung, Melancholie, aber auch Euphorie, Dekadenz und Lebenslust. Aufgrund der Industrialisierung können nun auch Frauen arbeiten; sie emanzipieren sich zunehmend, fordern ihr Recht auf Bildung, Selbstbestimmung und bürgerliche und politische Mitbestimmung ein und stoßen damit auf starken männlichen Widerstand. Diese Zeit wird auch „Krise des Patriarchats“ oder „männliche Identitätskrise“ genannt (Ackerl 1999:18). Die Frauen werden als Bedrohung gesehen: Otto Weininger, ein österreichischer Philosoph, behauptet in seinem Buch Geschlecht und Charakter (1903), dass Frauen geistliche, charakterlose und amoralische Wesen seien; dies unterstellt er auch Juden und Homosexuellen (Haupt et al. 2008:249). Die Frauen wollen aber nicht nur hübsch anzusehen sein, sondern auch selbstständig tätig werden. Doch Frauen, die kreativ sind, werden als Gefahr In der Literatur werden sie zu „sexuellen Geschöpfen reduziert“ (Ackerl 1999:19).
Die Frauenbilder um 1900 teilen sich hauptsächlich in zwei Figuren: Die Femme fatale bezeichnet die sexuell attraktive, dämonische Verführerin, die die Männer beherrscht und sie zu ihren Opfern macht. Der Mann scheint wehrlos gegenüber der Dominanz und Ausstrahlung der Frau, die sich ebenfalls im Zwiespalt zwischen Vernunft und Verlangen befindet. Lassen sie sich auf die Reize der Femme fatale ein, so wird sie dies ins Verderben stürzen. Doch nicht nur die Männer leiden unter den verhängnisvollen Folgen, auch die Frau selbst stürzt sich ins Unglück.
Ihr Gegenstück, Femme fragile, wird als rein, schwach und zerbrechlich beschrieben. Der Mann empfindet keinerlei sexuelle Pflichten und verspürt keinen Leistungsdruck. Doch dadurch wirkt sie noch attraktiver ihn. Diese Frauentypen entsprechen nicht der Realität, sondern entspringen der männlichen Phantasie und stellen „die Angst vor der sinnlichen Liebe einerseits, andererseits aber auch das Verlangen nach Erotik und Sexualität“ (Trösch 2011:25) dar. Im Folgenden werden diverse Dramen von Arthur Schnitzler im Hinblick auf Frauenbilder untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Arthur Schnitzler
3. Dramen von Arthur Schnitzler
3.1 Anatol
3.2 Liebelei
3.3 Reigen
3.4 Der einsame Weg
3.5 Das weite Land
4. Frauenbilder in Schnitzlers Dramen
4.1 Das „süße Mädel“
4.2 Die „Ehebrecherin“
4.3 Die „Künstlerin“
4.4 Die „Dirne“
5. Schluss
Zielsetzung und thematischer Fokus
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Entwicklung weiblicher Rollenbilder in ausgewählten Dramen von Arthur Schnitzler vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche der Wiener Moderne um 1900, um aufzuzeigen, wie der Autor die vorherrschende männliche Doppelmoral und die patriarchalen Strukturen seiner Zeit kritisch reflektiert.
- Analyse der prägenden Frauentypen „süßes Mädel“, „Ehebrecherin“, „Künstlerin“ und „Dirne“.
- Untersuchung der Wechselwirkung zwischen geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen und gesellschaftlichen Normen.
- Kritische Beleuchtung der zeitgenössischen männlichen Identitätskrise und der Krise des Patriarchats.
- Vergleich der literarischen Frauenfiguren mit den soziokulturellen Realitäten des Fin de Siècle.
- Interpretation von Schnitzlers Kritik an den geltenden Moralvorstellungen bezüglich vorehelicher und außerehelicher Sexualität.
Auszug aus dem Buch
3.1 Anatol
Das Drama Anatol ist zwischen 1888 und 1891 entstanden und enthält einen Prolog von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), den er unter dem Pseudonym „Loris“ verfasst hat. Der Einakter-Zyklus hängt zeitlich nicht zusammen, nur der Protagonist Anatol und dessen Freund und Ratgeber Max spielen in jedem Akt eine Rolle; die weibliche Figur wird stetig ausgewechselt (Schlicht 2013:72).
Der im Juni 1888 entstandene Akt Anatols Hochzeitsmorgen schildert, wie dieser sich von seiner Geliebten Ilona losreißen muss, um noch am gleichen Tag eine andere Frau zu heiraten und damit sein Junggesellendasein zu beenden. Trotz der Hochzeit wird er nicht monogam leben; sein Freund Max macht Ilona Hoffnungen auf eine Weiterführung ihrer Beziehung („Zu ihnen kann er zurückkehren, jene kann man verlassen!“, Schnitzler „Anatol“:88). In Episode (Ende 1888) bittet Anatol Max, seine Erinnerungen an vergangene Liebschaften bei sich zu verwahren. In dessen Anwesenheit öffnet er ein Paket mit Erinnerungsstücken an die Zirkustänzerin Bianca, von der er glaubt, dass sie ihn innig liebte. Als sie zufällig in der Stadt ist und Max besucht, erkennt sie Anatol nicht. Im Sommer 1889 schreibt Schnitzler den Akt Frage an das Schicksal. Hier hat der eifersüchtige Anatol die Möglichkeit seine Geliebte Cora zu hypnotisieren, um ihr ein Treuebekenntnis zu entlocken. Aufgrund seiner Angst vor der Wahrheit, flüchtet er sich lieber in die Illusion ihrer Liebe. Im Juni 1890 folgt Denksteine: Anatol durchwühlt den Schreibtisch von Emilie und findet zwei Edelsteine, die sie von vergangenen Liebhabern bekommen hat. Als Anatol fordert, die Steine wegzuwerfen, weigert sich Emilie, da sie diese aufgrund ihres Wertes und nicht wegen der Erinnerung behalten möchte. Für ihn macht sie sich dadurch zu einer „Dirne“ (Schnitzler „Anatol“:48).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet die Arbeit im historischen Kontext des Fin de Siècle und skizziert die Krise des Patriarchats sowie die damaligen negativen Frauenbilder in der Literatur.
2. Arthur Schnitzler: Eine biographische Skizze, die den Lebensweg des Autors von seiner medizinischen Ausbildung bis hin zu seiner literarischen Etablierung im Zirkel „Jung Wien“ nachzeichnet.
3. Dramen von Arthur Schnitzler: Eine detaillierte Inhaltsanalyse der wichtigsten Dramen wie Anatol, Liebelei, Reigen, Der einsame Weg und Das weite Land mit Fokus auf die jeweilige Handlung.
4. Frauenbilder in Schnitzlers Dramen: Die zentrale Analyse, in der weibliche Figuren in die Kategorien „süßes Mädel“, „Ehebrecherin“, „Künstlerin“ und „Dirne“ eingeordnet und ihre spezifischen Eigenschaften untersucht werden.
5. Schluss: Eine Synthese der Ergebnisse, in der die Funktion der Frauenfiguren als Mittel zur Gesellschaftskritik und zur Demaskierung männlicher Doppelmoral zusammengefasst wird.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Fin de Siècle, Wiener Moderne, Frauenbilder, süßes Mädel, Ehebrecherin, Künstlerin, Dirne, Patriarchat, Doppelmoral, Liebesbeziehungen, Anatol, Reigen, Liebelei, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Arthur Schnitzler in seinen Dramen weibliche Rollenbilder konstruiert und nutzt, um die sozialen und moralischen Spannungsfelder der Wiener Moderne zu kritisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Kategorisierung weiblicher Figuren, die männliche Identitätskrise um 1900, das Verhältnis von bürgerlicher Moral zu außerehelicher Sexualität sowie die Darstellung von Machtdynamiken in Liebesbeziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Schnitzler durch seine spezifische Figurenzeichnung die patriarchalen Vorurteile und die Doppelmoral seiner Zeit demaskiert und hinterfragt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf der Untersuchung von Primärtexten Schnitzlers sowie der Einbeziehung zeitgenössischer und aktueller Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Zusammenfassung der wichtigsten Dramen und eine systematische Untersuchung der vier zentralen Frauenbilder „süßes Mädel“, „Ehebrecherin“, „Künstlerin“ und „Dirne“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über Begriffe wie „Wiener Moderne“, „Geschlechterrollen“, „Doppelmoral“ und die spezifischen Schnitzler-Typologien definieren.
Inwiefern beeinflusste das damalige Frauenbild die Literatur Schnitzlers?
Die Literatur reagierte auf die zunehmende Emanzipation der Frau und die damit einhergehende Verunsicherung des Mannes, was sich bei Schnitzler in einer differenzierten Darstellung der Rollenerwartungen widerspiegelt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „süßen Mädels“?
Schnitzler zeigt das „süße Mädel“ als Figur, die von Männern instrumentalisiert und entmenschlicht wird, weist dabei aber zugleich auf die tragische soziale Stellung und die mangelnden Perspektiven dieser Frauen hin.
- Citar trabajo
- Sarah Lux (Autor), 2014, Frauenbilder in Arthur Schnitzlers Dramen. Eine Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310499