Der Krieg als Vater aller Dinge. Die Folgen der Militärreformen Peters I. für die russische Zivilbevölkerung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

15 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1) Gegenstand
1.2) Materiallage
1.3) Methodischer Zugang

II. Die Kopfsteuer
2.1) Einführung des neuen Steuersystems
2.2) Die Erfassung der Bevölkerung und ihre Probleme

III. Die Einquartierungspflicht
3.1) Rechtliche Rahmenbedingungen
3.2) Flucht und Aufstände

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

Quelle:

Literatur:

I. Einleitung

1.1) Gegenstand

Peter I. wird bis heute als Öffner Russlands Richtung Westen gefeiert.[1]Hierbei spielen zwei Bereiche seines Lebens eine besondere Rolle: Die Kriege, die er führte und die Reformen, die er angestoßen hat, um diese zu ermöglichen. Edgar Hösch benannte hierbei beispielsweise „Den Krieg als Vater aller Dinge“[2]Besonders der Große Nordische der Krieg, der über zwei Jahrzehnte seiner Regentschaft in Anspruch nahm formten, beeinflusste Peters Pläne. Russland griff in diesen am 19Jul. /30Greg. August mit dem Angriff auf die Stadt Narva ein.[3]Bei diesem Angriff erlitt Peter eine Niederlage gegen Schweden, bei der die russische Armee etwa 6.000 Mann, darunter fast alle Offiziere, und zwischen 145 und 180 Geschütze verlor.[4]Nach dieser Schlacht wurden eine Reihe von Reformprojekten angestoßen, die, laut Edgar Hösch, den Untertanen enorme Anstrengungen und Opfer abverlangt haben sollen.[5]Durch diese Reformen sollten mehr Ressourcen generiert werden, um effektiv gegen Schweden vorgehen zu können. Der Grund all dieser Reformpläne war demnach die Auffüllung des Militärbudgets. So ginge es Peter beim Einzug des Kirchenvermögens, bei der Kopfsteuer sowie bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Erschließung der Rohstoffe im Ural und die Bildung neuer Manufakturen immer auch um die Errichtung eines großen Militärapparats.[6]Auch wenn die bloße Betrachtung Peters Erneuerungen unter dem militärischen Aspekt recht einseitig zu seien scheint, zeigt sie doch den Stellenwert, den dieser im Staat des Zaren einnahm. Durch diese ganzen Vorhaben zur Verbesserung des Militärs stellt sich die Frage, wie sich der Aufbau einer modernen Armee fiskalisch auf die Zivilbevölkerung Russlands auswirkte? Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dieser Frage. Dabei soll die neu eingeführte Kopfsteuer untersucht werden, die ein wesentlicher Bestandteil war, um höhere Steuereinnahmen zu generieren. Dies wurde von staatlicher Seite als Notwendigkeit empfunden, um das Militär zu finanzieren.[7]Hierbei soll dann im ersten Teil kurz auf die Probleme des vorpetrinischen Steuersystems und anschließend auf die Reform von eben diesem eingegangen werden. Anschließend soll im zweiten Teil der Widerstand der Bevölkerung gegen dieses neue Steuergesetz und die damit einhergehenden Probleme für den Staat behandelt werden.

Im zweiten Abschnitt wird dann die Einquartierungspflicht der Bevölkerung betrachtet. Diese wurde eingeführt, da Peter, nach dem Sieg im Nordischen Krieg, den von ihm geschaffen Militäraperrat nicht reduzieren wollte. Dies führte dazu, dass die Soldaten bei der Zivilbevölkerung einquartiert wurden.[8]Hierbei soll es im ersten Teil um die Aufteilung der Armee auf die Bevölkerung gehen sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen für diese. Anschließend soll auf Konflikte eingegangen werden, die sich hieraus ergaben. Besonders, weil die Soldaten während ihrer Einquartierung bei der dörflichen Bevölkerung gerne zum Eintreiben der Steuern verwendet wurden, führte dies zu Konflikten mit der Zivilbevölkerung.[9]

1.2) Materiallage

Diese Fragen sollen anhand des „PSZ“ (polnoe sobranie zakonov Rossijskoj Imperii)[10]erarbeitet werden. Dabei handelt es sich um eine Sammlung russischer Gesetzestexte über die Zeit der Zarenherrschaft in Russland. Diese liegen in digitaler Form vor und werden von der Bayrischen Staatsbibliothek zur Verfügung gestellt. Der Zugang zum Thema erfolgt in dieser Arbeit im Kern durch Peter Hoffmans „Peter der Große als Militärreformer und Feldherr“.[11]In diesem geht Hoffmann auf die Folgen der Militärreformen für den russischen Staat ein und bezieht sich dabei ebenso auf die Folgen für die russische Zivilbevölkerung. Darüber hinaus soll Michael Schippans „Die Einrichtung der Kollegien in Russland zur Zeit Peters I.“ mit einbezogen werden.[12]Hier wird zwar mehr der Blick auf die Errichtung der Kollegien gerichtet, jedoch geht der Autor darüber hinaus auch auf die Folgen der Militärreformen ein.

1.3) Methodischer Zugang

Anhand der oben genannten Gesetzestexte soll dann ein Blick auf die Zivilbevölkerung ermöglicht werden. Diese Ukaze können jedoch nur einen begrenzten Einblick in die Situation der Bevölkerung liefern, da diese aus staatlicher Sicht und aus einem staatlichen Interesse verfasst wurden. Probleme, die sich für den Staat ergaben, bzw. die der Staat glaubte zu haben, werden durch diese geregelt. Durch darauffolgende Ukaze ist es dann möglich, Schwierigkeiten oder Probleme herauszuarbeiten, die sich möglicherweise durch die alten Verordnungen ergeben haben. Hieraus ergibt sich, dass diese Gesetzestexte primär erst einmal die Probleme des Staates beleuchten können, da sie aus dem staatlichen Interesse entstanden sind, Probleme zu beseitigen. Darüber hinaus ist mit ihnen jedoch auch der Blick auf die Situation der Bevölkerung Russlands möglich, gerade da diese Gesetze sowie darauf folgenden Gesetze einen Ausblick auf den Umgang der Menschen mit Neuerungen ermöglicht.

II. Die Kopfsteuer

2.1) Einführung des neuen Steuersystems

Im Folgenden soll nun auf die Einführung der Kopfsteuer eingegangen werden. Das Bedürfnis für diese Reform ergab sich aus sinkenden Einnahmen durch die direkten Steuern. Diese wurden seit 1679 von den Bauernöfen im Reich erhoben. Demnach leistete keine einzelne Person die Steuerlast, sondern der gesamte Hof. Hierbei spielte es keine Rolle, wie viele Menschen in diesem lebten. Zu Beginn der Zeit Peters versuchte der russische Staat diesem Problem zum einen durch die Erhöhung der Steuerlast pro Bauernhof und zum andern mit Senkungen der Ausgaben Herr zu werden. Gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts spitzte sich jedoch das Problem der fehlenden Einnahmen zu. In den zentralen und in den westlichen Gebieten des Reiches verringerte sich die Anzahl der Bauernhöfe um 1/5 bei einer nahezu gleichen Bevölkerungsanzahl. Die Ursache hierfür lag darin, dass immer mehr Bauernhöfe aufgegeben wurden und die Bewohner sich zu einem Bauernhof zusammenschlossen, um so die Steuerlast der einzelnen Bewohner zu reduzieren, da der Hof eine Gesamtsumme zu entrichten hatte, die unabhängig von der Anzahl der darin lebenden Personen war. Die geschah häufig im Sinne der Gutsbesitzer, da diese nun mehr Kapital für sich rausziehen konnten, statt diese an den Staat zu verlieren.[13]Im Angesichts der fehlenden Einnahmen, die das Reich benötigte, um das Militär zu finanzieren, sah man die Lösung in der Reform des Steuersystems. Diese Notwendigkeit wird deutlich, wenn man betrachtet, dass 83% der Ausgaben des russländischen Reiches im Jahr 1710 für das Militär verwendet wurden.[14]Auf Grund dieses Problems erging mit dem Ukaz vom 26.11.1728 der Befehl, die Kopfsteuer einzuführen, bei der jede männliche „Steuerseele“ erfasst und besteuert werden sollte.[15]Um diese zu beschreiben wird in der russischen Sprache der Begriff „Duscha“ verwendet, der im russischen für die Seele sowie für eine Peron verwendet werden kann. Diese Doppeldeutigkeit ist im Deutschen nicht wiederzugegeben.[16]Mit diesem Vorhaben sollten dann die Mittel für das russische Militär eingenommen werden. Dabei trat schon zu Beginn die tiefe Verbindung zwischen der Steuer und der Armee auf.[17]Traditionell wurden im zaristischen Russland Ausgaben unmittelbar an die dafür notwendigen Einnahmen gekoppelt. Häufig wurde so auf der einen Seite schon im Erlas erläutert, wofür das jeweilige Geld verwendet werden sollte, während auf der anderen Seite die Quelle der Ausgaben klar geregelt wird.[18]Jedoch sollte, anders als es der Name vermuten lässt, nicht die einzelne Person an sich besteuert werden. Durch Revisionen sollte die Anzahl dieser „Steuerseelen“ in der jeweiligen Gemeinde ermittelt werden. Hieraus ergab sich dann der gesamte Betrag, den eine Gemeinde an Steuern zu entrichten hatte. Somit wurde die erfasste Person zur „Verrechnungseinheit“ für die Festlegung der Steuerhöhe. Hieraus ergab sich, dass nicht jeder Bewohner den gleichen Betrag zu entrichten hatte. Gerade ärmere Bevölkerungsschichten, die ihren vollen Steuerbetrag nicht entrichten konnten, bezahlten nur für eine halbe oder viertel „Steuerseele“, während wohlhabenderere Bewohner der Gemeinde für mehrere „Steuerseelen“ aufzukommen hatten. Daraus ergab sich das Bedürfnis der Gemeinden, wohlhabende Kaufläute an den sich zu binden, woraus sich wiederum eine Abhängigkeit eben dieser von den Kaufläuten entwickelte.[19]Als unentbehrliche Garanten für die Zahlungen der verlangten Abgaben hatten bestimmte Kaufleute einen hohen Einfluss auf Versammlungen des Posads und kontrollierten sie zum Teil. Laut Manfred Hildmeier trug dieses „Institut der Solidarhaft“ zu einer Entwicklung von Strukturen nach oligarchischen Muster in den russischen Städten des 18. Jahrhunderts bei.[20]Diese Steuern wurden dann meistens in Geldform erhoben. Jedoch wurden unter anderem fällige Abgaben in Form von Naturalien erbracht, sofern die von staatlicher Seite verlangt wurde. Wurden diese gefordert, waren sie entsprechend ihrem Geldwert anzurechnen.[21]

[...]


[1]Kusber, Jan: Ein Zar auf dem Weg nach Westen. In: Damals 35 (2003) Hft. 6, S. 14.

[2]Vgl. Hösch, Edgar: Geschichte Rußlands. Vom Kiever Reich bis zum Zerfall des Sowjetimperiums. Stuttgart; Berlin; Köln 1996, S. 139.

[3]Hoffmann, Peter: Peter der Große als Militärreformer und Feldherr. Frankfurt a. M. 2010, S. 58.

[4]Ebenda, S. 60.

[5]Hösch: Geschichte Rußlands, S. 151.

[6]Ebenda.

[7]Vgl. Kamenskii, Alexandr, B.: The Russian Empire in the Eighteenth Century. Übersetzt von David Griffiths. Armmonk, London 1997, S. 107.

[8]Hoffmann: Peter der Große, S. 213.

[9]Vgl. Schippan, Michael: Die Einrichtung der Kollegien in Russland zur Zeit Peter I. Wiesbaden 1996, S. 109.

[10]PSZ. St. Petersburg 1830-1916. URL: https://opacplus.bsb-muenchen.de/metaopac/search.do?methodToCall=parentSearch&dbIdentifier=100&forward=success&catKey=5824645. (12.09.15; 14:43)

[11]Hoffman, Peter: Peter der Große als Militärreformer und Feldherr. Frankfurt a. M. 2010.

[12]Schippan, Michael: Die Einrichtung der Kollegien in Russland zur Zeit Peter I. Wiesbaden 1996.

[13]Hoffman: Peter der Große, S. 210.

[14]Davis, Brian: Empire and Military Revolution in Eastern Europe. Russia´s Turkish Wars in the Eighteenth Century. Bloomsbury 2011, S. 159.

[15]PSZ. V. 3.245, S. 597. URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10519300_00605.html (10.9.15;8:33 Uhr).

S. 27.

[16]Hoffman: Peter der Große, S. 212.

[17]Ebenda.

[18]Hoffmann, Peter: Rußland im Zeitalter des Absolutismus. Berlin 1988, S. 118.

[19]Heller, Klaus: Rechtliche Rahmenbedingungen für gewerbliche Tätigkeit in Rußland von Peter dem Großen bis zu Paul I. (1689 - 1801). Berlin 1998, S. 27-28.

[20]Hildmeier, Manfred: Bürgertum und Stadt in Rußland 1760-1870. Köln; Wien 1986, S. 38.

[21]Anisimov, E.V.: Petr Velikij. Ličnost’ i reformy. Moskau; St. Petersburg [u.a.] 2009, S. 238.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Krieg als Vater aller Dinge. Die Folgen der Militärreformen Peters I. für die russische Zivilbevölkerung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Peter der Große. Die Formierung des Russländischen Imperiums 1672-1725
Note
13
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V310508
ISBN (eBook)
9783668092464
ISBN (Buch)
9783668092471
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
krieg, vater, dinge, folgen, militärreformen, peters, zivilbevölkerung
Arbeit zitieren
Dennis Müller (Autor), 2015, Der Krieg als Vater aller Dinge. Die Folgen der Militärreformen Peters I. für die russische Zivilbevölkerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310508

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