Zur Funktion des Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano

"Das Haschen nach Wolken"


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Brief in der Romantik – ein hybrides Format

3. Die verschiedenen Liebeskonzeptionen
3.1. Poetisches Dasein
3.2. Liebe als Pseudo-Religion
3.3. Liebe als Pharmakon für Melancholie und Qual

4. Fazit

1. Einleitung

Denkt man heute an Begriffe wie „Romantik“ und „romantisch“, fallen einem vielleicht Kerzen, Rosenblätter und kitschige Hollywoodfilme ein. Betrachtet man aber die Epoche der Romantik, die in Deutschland um 1770 - 1830 ihre Hochphase erlebt,1 sieht man eventuell Ursprünge der heute durch Massenkonsum geprägten Liebeswaren, doch im Kern hat unser Alltagsverständnis wenig mit dem Liebesverständnis von damals gemein. Warum sich diese Divergenz auftut, wäre eher in einer kulturwissenschaftlichen Arbeit zu klären, zentrales und genuin literaturwissenschaftliches Thema ist aber die Inszenierung und Fiktionalisierung von Liebe durch literarische Verfahren.

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich den Briefwechsel der Dichter*innen und Geliebten Sophie Mereau und Clemens Brentano bezüglich der Liebeskonzeptionen und ihrer Funktionen. Auf die empirischen Personen und ihre Beziehung außerhalb der Briefe werde ich dabei nicht eingehen, da dies irrelevant für meine Arbeit ist; hier zählt nur der Text, nicht eine mögliche Autor*inintention, wie man spätestens seit Roland Barthes‘ „Tod des Autors“2 konstatieren muss. Weiterhin kann ich aus Platzgründen natürlich nicht den gesamten Briefwechsel darstellen, sondern konzentriere mich auf den Brief Brentanos vom 9. September 1803 und andere Stellen, die prägnant sind. Dabei sollen zentrale Motive untersucht werden, die charakteristisch für den Briefwechsel sind.

Meine vorläufige These lautet, dass Liebe im vorliegenden Briefwechsel als literarisch überhöhte Fiktion fungiert, die den Liebenden ein verwandeltes Leben verspricht. Dazu werde ich mir drei ausgewählte Aspekte von Liebe anschauen – Katalysator eines poetisches Daseins, Pseudo-Religion und Pharmakon für Melancholie – die dann illustrieren sollen, welche Rolle und Funktion die Liebe hier einnimmt.

2. Der Brief in der Romantik – ein hybrides Format

Vor der eigentlichen Untersuchung gilt es erst einmal, sich dem Genre des romantischen Briefes klärend zu nähern.

Rein formal lassen sich Briefe klar von anderen Texten durch Elemente wie die Anrede oder eine Grußformel abgrenzen.3 Was den Inhalt angeht, so ist der Brief laut Julia Augart ein „unreine[s] Genre“4, „nimmt eine Mittelstellung zwischen Monolog, Alltagskommunikation, Gespräch, philosophischer Reflexion sowie Literatur ein und changiert zwischen […] Künstlichkeit und Natürlichkeit […]“5. Doch selbst diese Natürlichkeit wird durch literarische Mittel erzeugt, denn, so Augart:

Zwar ist ein Briefwechsel in seiner hybriden Form zwischen persönlichem Dokument und literarischem Produkt kein rein fiktionaler Text, doch das Briefkorpus Mereaus und Brentanos zeichnet sich durch einen hohen Grad an Literarizität und poetisch inszenierter Wirklichkeit aus.6

Karl Heinz Bohrer spricht in diesem Kontext auch von „hochgradig ästhetisch konstruierten Briefe[n]“7 und weist jede „naturalistische Mimesiserwartung“8 zurück.

Diese inszenierte Wirklichkeit werde ich im Folgenden untersuchen.

Außerdem wird im Lauf des 18. Jahrhunderts aus dem an der Standardisierung orientierten Brief dann ein „individuell verfaßte[r] Privatbrief“9, in dem individuelle Emotionen und Ansichten geschildert werden.

Ein weiteres Charakteristikum des romantischen Briefs ist das „gesteigerte (Selbst-) Gefühl“10, das der Brief in der Romantik annimmt. Folglich werden Topoi wie die „ewige Liebe“11 dann auch hier existent.12 Durch Sprache verführen und die Liebe ergründen ist dabei das Programm des romantischen Briefs.13

3. Die verschiedenen Liebeskonzeptionen

Betrachtet man den vorliegenden Briefwechsel, so fällt auf, „wie vielfältig und komplex“14 dieser ist. Daher kann im Folgenden nur eine Auswahl von Aspekten dargestellt werden. Neben dem Aspekt der Eheschließung, der keine unwichtige Rolle spielt, ist doch vor allem eine konsensuale Liebeskonzeption als romantische Liebe leitend für den Briefwechsel.15 Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Topoi zu sehen.

3.1. Poetisches Dasein

Nun glaube ich aber kann man sehr leicht in der Liebe, da Alles doch nur aus zweien besteht die Eins sind, ein Leben hervorbringen, in welchem nur Poesie das Element ist, oder vielmehr in dem das Element Poetisch ist, und das ist es eigentlich, was ich mit Dir vorhabe, wozu du alle mögliche Anlage hast, und was Dir dann schon ganz wird gelungen sein, wenn du mich allein liebst, und auf alle Seiten deines Lebens nichts als die Natur und mich einwirken läßt.16

Dieses Zitat verdeutlicht den Anspruch, den Clemens Brentano an Sophie Mereau und seine Beziehung mit ihr formuliert. Hier wird eine Utopie kreiert, die Leben mit schöpfender Poesie identifiziert: Liebe, Leben und Poesie sollen eins werden.

Doch was heißt das eigentlich, wenn das Leben, das in einer räumlich-zeitlichen Lebenswelt stattfindet, qua Liebe verdichtet werden soll? Es könnte der Versuch sein, ihm eine ästhetisch-artifizielle Prägung zu geben, etwas Zeitloses, das nicht von Verlust und Verfall betroffen ist.17 Wenn Gersdorff sagt: „In seinen Briefen wird Poesie ins Leben gebracht, und Leben wird zur Poesie“18, dann weist das darauf hin, dass hier zwei Vorgänge passieren: Zuerst wird das Leben, hier speziell die Liebe zwischen den Figuren Mereau und Brentano, durch literarische Verfahren und semantische Wortfelder verklärt. So spricht Brentano z.B. vom „poetischen Bund“19 oder vom „romantischere[n] Dasein“ (188). Gerade dies erinnert an Novalis‘ „Die Welt muß romantisirt werden“20, in dem die romantische Verklärung und Verwandlung der Welt zum Ausdruck kommt. Geht es um die literarisch inszenierte Liebe zwischen Mereau und Brentano, so ist sie zuerst natürlich eine individuelle Angelegenheit, jedoch auch eine generelle romantische Programmatik, die nicht nur den Einzelnen betrifft, sondern das ganze Dasein umspannen soll.21

Aus mehreren Passagen in verschiedensten Briefen wird auch Brentanos Poetologie deutlich, dass es sein Ziel ist, sich und andere als Kunstwerk zu verklären.22

Aber auch Mereau soll zu Wort kommen:

Ich habe jezt [sic] Wochenlang einer freien, poetischen Stimmung genoßen; mancher Reim ist aus meiner Feder gefloßen, und manchen glücklichen Nachmittag habe ich in meiner Einsamkeit verlebt, bis bei dem kalten Hauch der Nothwendigkeit alle die süßen Blumen meines Herzens erstarrt sind.23

[...]


1 Vgl. Lieb, Claudia : Einleitung, in: Romantik. Das große Lesebuch. Hrsg. v. Detlef Kremer u. Claudia Lieb. Frankfurt/M.: S. Fischer 2010. S. 9-34, hier: S. 9.

2 Vgl. Barthes, Roland: Der Tod des Autors. Texte zur Theorie der Autorschaft. Hrsg. und komm. v. Fotis Jannidis, Gerhard Laue, Matias Martinez, Simone Winko. Stuttgart: Reclam 2000, S. 185-193.

3 Vgl. Augart, Julia: Eine romantische Liebe in Briefen. Zur Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006 (= Würzburger Wissenschaftliche Schriften, Reihe Literaturwissenschaft Band 541). S. 27.

4 Hahn, Barbara: Vergessene Briefe. Erkundungen am Rand des literarischen Kanons, in: Kanon, Macht, Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildungen. Hrsg. v. Renate von Heydebrand. Stuttgart: Metzler 1998, S. 132-147, hier: S. 132.

5 Augart: Eine romantische Liebe. S. 27.

6 Ebd. S. 14.

7 Bohrer, Karl Heinz: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. München: Carl Hanser 1987. S. 13.

8 Ebd.

9 Bürgel, Peter: Der Privatbrief. Entwurf eines heuristischen Modells, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 50, 1976. S. 281-297, hier S. 281.

10 Wegmann, Nikolaus: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler 1988. S. 74.

11 Brüggemann, Diethelm: Vom Herzen direkt in die Feder. Die Deutschen in ihren Briefstellern. München: Deutscher Taschenbuchverlag 1982. S. 87.

Das Motiv der ewigen Liebe ist eins, das auch unser heutiges Alltagsverständnis prägt.

12 Vgl. Augart: Eine romantische Liebe. S. 29.

13 Ebd.

14 Augart: Eine romantische Liebe. S. 16.

15 Vgl. Kremer, Detlef: Prosa der Romantik. Stuttgart: J.B. Metzler 1997 (= Sammlung Metzler Band 298). S. 103.

16 Gersdorff, Dagmar von: Lebe der Liebe und liebe das Leben. Der Briefwechsel von Clemens Brentano und Sophie Mereau. Frankfurt/M.: Insel 1981. S. 190. Brief vom 09.09.1803, Clemens Brentano, im Weiteren „CB“ (Sophie Mereau als „SM“).

17 Vgl. dazu Brentano, in: Gersdorff, Lebe der Liebe, z.B. S. 190:„[E]twas Ewiges, was eben darum nur eine poetische oder religieuse Realität haben darf, denn alles Historische ist vergänglich, und nur Materie.“

18 Gersdorff: Lebe der Liebe. S. 48.

19 Ebd. S. 188.

20 „So findet man den urspr[ünglichen] Sinn wieder. Romantisiren ist nichts, als eine qualit[ative] Potenzirung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identificirt.“ Novalis (Georg Philipp Friedrich von Hardenberg): Schriften in 4 Bänden und einem Begleitband. Hrsg. v. Paul Kluckhohn u. Richard Samuel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1960. Band 2. S. 93.

21 Vgl. dazu z.B. Friedrich von Schlegel: Kritische-Friedrich-Schlegel-Ausgabe (KA). Hrsg. von Ernst Behler unter Mitwirkung von Jean-Jacques Anstett und Hans Eichner. Paderborn: Schöningh 1962 (=Band 5). S. 67: „Alles, was wir sonst liebten, lieben wir nun noch wärmer. Der Sinn für die Welt ist uns erst recht aufgegangen.“ Es wird hier kein romantischer Eskapismus in eine Traumwelt beschrieben, sondern eine Welt universal erschlossen.

22 Vgl. z.B. Brief an Philipp Otto Runge, Januar 1810: „[U]nd wenn gleich mein ganzes Leben aus einer beständigen Reflexion und Beschauung bestanden, so war leider ihr Gegenstand kein besseres Kunstwerk, als meine eigne arme Person“. In: Clemens Brentano, Philipp Otto Runge: Briefwechsel. Hrsg. u. komm. von Konrad Feilchenfeldt. Frankfurt/M.: Insel 1974. S. 19.

23 Gersdorff: Lebe der Liebe. S. 84: Brief von Ende November 1799, Sophie Mereau. In dieser Arbeit wird Brentano der Vorzug vor Mereau gegeben. Dies geschieht ohne Wertung, sondern ist einfach der Tatsache geschuldet, dass Brentano wesentlich mehr und längere Briefe verfasst hat, deren reflektierende/konzeptuelle Teile für mein Anliegen repräsentativ sind.

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Details

Titel
Zur Funktion des Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano
Untertitel
"Das Haschen nach Wolken"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V310569
ISBN (eBook)
9783668092662
ISBN (Buch)
9783668092679
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romantik, Brief, Mereau, Sophie, Clemens, Brentano, Liebeskonzeption, Liebe
Arbeit zitieren
Holger Nikutta (Autor), 2015, Zur Funktion des Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310569

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