Kants Auffassung vom Schönen in der 'Kritik der Urteilskraft' im Vergleich zur 'Anthropologie in pragmatischer Hinsicht'


Seminararbeit, 2002
14 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sinn und die Vernunft

3. Die Frage nach dem unterschiedlichen Geschmack

4. Die andere Bedeutung von Langeweile

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Auf die Frage nach der Funktion des Schönen läßt sich mit dem Gefühl beim Anblick desselben antworten: Lust. Lust trägt dazu bei, sich mit etwas zu unterhalten. Wenn ein Gegenstand oder eine Beschäftigung keine Lust entstehen läßt, legt man diesen für gewöhnlich zur Seite und beschäftigt sich mit unterhaltenden Dingen. Je mehr etwas gefällt, desto kürzer wird die Zeit, in der man sich damit befaßt und umgekehrt. Man darf demnach, ganz im Sinne von Kants ‘Anthropologie’, davon ausgehen, daß der Zweck von Schönheit die Verkürzung der Zeit aber auch die Vergemeinschaftung ist. Denn Kant zielt ja in seiner ‘Anthropologie in pragmatischer Hinsicht’ in erster Linie nicht darauf ab, Schönheit zu definieren sondern klarzustellen, wohin die schöne, fortschreitende Kultur die Menschheit führen soll: die Menschen sollen, als „vernünftige Wesen” das Übel, daß sie sich selber antun, spüren und erkennen, daß sie „den Privatsinn (einzelner) dem Gemeinsinn (aller vereinigt)” opfern müssen.1 Die Schönheit, insbesondere die schöne Kunst, hat in dieser Philosophie eindeutig einen ganz bestimmten Zweck.

Allerdings ist die ‘Anthropologie’ bekanntermaßen nicht Kants einzige Abhandlung über das Thema Schönheit. Hält man die ‘Kritik der Urteilskraft’ entgegen, so stellt man fest, daß hier ganz entscheidende Unterschiede auftreten: an der Schönheit darf kein Interesse bestehen, und außerdem darf die Schönheit keinen konkreten Zweck erfüllen, man darf diesen Zweck nur ahnen: „Geschmack ist ein Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön” und „Schönheit ist die Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie ohne Vorstellung eines Zwecks an ihm wahrgenommen wird.”2

Der folgende Text erläutert die Folgen dieses Unterschiedes Interesse/Zweck - Interesselosigkeit/Zwecklosigkeit auf das weitgefächerte Thema der Unterhaltung mit Künsten.

2. Der Sinn und die Vernunft

Schon hierbei sieht man einen Unterschied des Ansatzes: während auf der einen Seite „das Geschmacksurtheil sowohl ein ästhetisches, als ein Verstandesurtheil, aber in beider Vereinigung” ist,3 haben auf der anderen Seite das durch die Vernunft gegebene Gute und das durch den Sinn gegebene Angenehme „beide eine Beziehung auf das Begehrungsvermögen”.4 Daß die Bedeutung von Vernunft kaum von der des Verstandes abweicht, braucht nicht extra bewiesen zu werden. Kant widerspricht sich demnach in diesem Punkt, da er ja in der Anthropologie auf die Seelengüte als „die reine Form, unter der alle Zwecke sich vereinigen lassen müssen” hinauswill.5 Die Seelengüte ist für ihn Inbegriff der schönen Seele, die auf der einen Seite intuitiv gemeinschaftlich handelt, andererseits die freie Wahl hat, so zu handeln. Das Intuitive hat ihren Ursprung im Sinn, die freie Wahl in der Vernunft: „diese Seelengüte ist doch der Mittelpunkt, um welchen das Geschmacksurtheil alle seine Urtheile der mit der Freiheit des Verstandes vereinbaren sinnlichen Lust versammelt.” 6 Das Interesse, daß hier die Vernunft und der Sinn haben, ist das „Vergnügen” und das „Schätzen”.

Soviel erst einmal zur schönen Seele, denn in diesem Aufsatz soll es gar nicht so sehr auf das Endziel von Kants Anthropologie ankommen sondern nur auf den Bezug zur Unterhaltung mit schönen Künsten. Verläßt man vorerst den Punkt der schönen Seele und sucht eine Kunstform, die, entsprechend der Anforderungen der KdU ohne Begriff, ohne Interesse und ohne Zweck schön ist, und bei der man kein Vergnügen empfinden und sie nicht schätzen darf, so stellt man fest, daß gar nicht mehr so viele Kunstformen übrig bleiben: nämlich nur die bildende Kunst und die Musik, letztere aber ohne Gesang, denn in einem gesungenen oder gesprochenen Text wird etwas ausgesagt, daß man nur nach der Reflexion darüber als schön - und dann auch nicht als allgemein schön - befinden kann.

Man sagt zum Beispiel: ‘Der Text ist schön, weil...’, wobei nach dem ‘Weil’ ein Begriff des Schönen auftreten muß, zum Beispiel: ‘weil er mir aus der Seele spricht’. Der schöne Liedtext hat demnach die Funktion - den Zweck - daß sich der Hörer damit identifiziert, was gegen das - zusammenfassend gesagt - ‘Abstandsprinzip’ der KdU verstößt. Aber was hat man denn für Alternativen, wenn man dem Gegenstand ohne Begierde und Interesse gegenübersteht? Die Antwort lautet: Raum und Zeit, „die subjektive Bedingung, die Objekte nach ihrem Gesetz zu koordinieren”7, was nichts anderes heißt, als sich den Gegenstand anzusehen und die Vielfalt der einzelnen Objekte in das Bild eines einzigen Objekts zusammenzuordnen. Aber das funktioniert auch „für alles Häßliche und alles, was weder schön noch häßlich ist, etwa logische und mathematische Formeln”.8 Kant scheint schon 1769 zu merken, daß die „reine Anschauung”, nicht ganz ausreicht, um die Allgemeingültigkeit von Schönheit zu garantieren.9 Er kommt auf einen Schluß, den er verwirrenderweise in der KdU wieder aufgreift: daß nämlich die Schönheit eine Beziehung zwischen Anschauung und Verstand sein muß. In der KdU formuliert er es folgendermaßen: „Hieraus folgt aber, daß das höchste Muster, das Urbild des Geschmacks eine bloße Idee sei, die jeder in sich selbst hervorbringen muß...” und weiter: „Idee bedeutet eigentlich einen Vernunftbegriff,...” 10

Was ist denn die Idee, die jeder in sich selbst hervorbringen muß? Diese Idee könnte etwas sein, womit man ständig konfrontiert wird: wenn heutzutage das Schlankheitsideal in den Medien hervorgehoben wird, kann man sich nicht verweigern, beim Anblick eines Bildes, auf dem ein Mensch dargestellt ist, zuerst einmal auf die Figur dieses Menschen zu achten.

Ist die dargestellte Person dick, so ist sie von vornherein uninteressanter als die Darstellung einer schlanken Person. Das Urbild des Geschmacks (die Vernunft) könnte also demnach das sein, was einem eingebleut wird, obwohl fraglich ist, ob man dies wirklich unter dem Vernunftbegriff einordnen kann und sollte.

Die reine Anschauung (Raum und Zeit) ist die Zusammenordnung der Proportionen zu einem Bild. Wenn die dargestellte Person insgesamt etwas molliger ist, so stimmen die Proportionen und ordnen sich unbemerkt in das Gemüt des Betrachters ein. Würden die Proportionen nicht stimmen, würden sie nicht unbemerkt bleiben, denn man würde aufmerksam auf das, was nicht übereinstimmt.

Die „Erleichterung, die sich durch die Form für die Tätigkeit des Verstandes ergibt” bliebe aus.11 Aber auch hier stößt man wieder auf einen Unterschied zur ‘Anthropologie’: diese fordert schließlich immer etwas Neues, wenn eine ‘Erleichterung’ eintritt, ist das immer nur eine Bestätigung dessen, was die Vernunft von einem Gegenstand erwartet, also immer etwas Altes. Aber genau das ist doch die Ursache für Langeweile: wenn man sich jeden Tag das gleiche Bild ansieht, wird es - obwohl es immer wieder den Regeln der Vernunft entspricht und somit erleichtert - irgendwann langweilig. Doch Langeweile entsteht nach der ‘Anthropologie’ nur dann, wenn der Zyklus Schmerz - Vergnügen - Schmerz - Vergnügen nicht mehr eintritt, wenn also kein neuartiges Vergnügen mehr aufkommt: „Der Schmerz ist der Stachel der Thätigkeit, und in dieser fühlen wir allererst unser Leben; ohne diesen würde Leblosigkeit eintreten.”12 Das heißt, wenn man nur noch Freude empfindet, wird diese zur Gewohnheit und schließlich zur Langeweile. Aber wenn man genügend Abstand zu dem Bild behält, was man immer wieder sieht - um bei diesem Beispiel zu bleiben - , dann empfindet man weder Schmerz noch Vergnügen, die Zeit wird weder verkürzt noch verlängert, man langweilt und kurzweilt sich nicht.

[...]


[1].Oelmüller, Willi: Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). In: Grundkurs philosophische Anthropologie. München (Fink) 1996; S. 114

[2]. Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft [im folgenden: KdU]. Herausgegeben von Karl Vorländer. 6. Auflage, Reprint von 1924 (Philosophische Bibliothek, Band 39a). Hamburg (Meiner) 1959; S. 48 u. 77

[3]. Immanuel Kant’s Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. (Philosophische Bibliothek Band 14). Herausgegeben und erläutert von J. H. von Kirchmann. Berlin (L. Heimann) 1869; § 65, S. 152

[4]. KdU; § 5, S. 46

[5]. Immanuel Kant’s Anthropologie; § 65, S. 153

[6]. ebd.

[7]. Juchem, H. G.: Die Entwicklung des Begriffs des Schönen bei Kant. Unter besonderer Berücksichtigung des Begriffes der verworrenen Erkenntnis. Bonn (H. Bouvier & Co.)1970; S.57

[8]. ebd.; S. 65

[9]. ebd.; S. 50: „So bleibt für die Zeit der Wandlung Kants zur Auffassung von der subjektiven Begründung von Raum und Zeit nur das Jahr 1769 übrig In diesem Jahre muß Kant das Problem in aller Gründlichkeit durchdacht haben, um dann mit der ‘Dissertation’ von 1770 eine neue Epoche der Philosophie einzuleiten.”

[10]. KdU; § 17, S. 73

[11]. Juchem, H. G.: Entwicklung des Begriffs des Schönen bei Kant; S. 68

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Details

Titel
Kants Auffassung vom Schönen in der 'Kritik der Urteilskraft' im Vergleich zur 'Anthropologie in pragmatischer Hinsicht'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar
Note
Gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V3106
ISBN (eBook)
9783638118767
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kants, Auffassung, Schönen, Kritik, Urteilskraft, Vergleich, Anthropologie, Hinsicht, Proseminar
Arbeit zitieren
Björn Germek (Autor), 2002, Kants Auffassung vom Schönen in der 'Kritik der Urteilskraft' im Vergleich zur 'Anthropologie in pragmatischer Hinsicht', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3106

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