Adorno, die Negative Dialektik und der Jazz


Referat (Ausarbeitung), 2004
18 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

„Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“

Dafür gibt es nach Adorno verschieden Gründe.

a) Auch die Kultur hat vor Auschwitz versagt.

„Dass es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, dass diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber haust die Unwahrheit“. (359)

b) Die Kultur vor Auschwitz ist nicht wieder belebbar.

„Indem sie sich restaurierte ist sie zu der Ideologie geworden, die sie potenziell war “ „Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer “. (360)

c) Auch eine Verweigerungshaltung ist nicht möglich. „während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert “. (360)

d) Auch das Schweigen ist keine Alternative. „Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“ (360)

Brecht sah dies ähnlich „was sind dies für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, da es das Schweigen über so viele Untaten beinhaltet“. Auch an anderer Stelle drückt es Adorno drastisch aus: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“ (GS 10 Seite 30).

Wenn ein Weiterführend der Kultur ausgeschlossen, ein sich Verweigern der Kultur unmöglich und ein Schweigen sinnlos ist, jeder Lösungsversuch des Problems für Adorno ein Positivismus ist, der durch seine Diskussion der in Auschwitz begangenen Taten sich als Frevel darstellt, bleibt für Theodor Adorno nur die Haltung des „Aushaltens“.

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: Ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole nicht ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen, ihn diskursiv zu behandeln wäre Frevel“. (358) (Kategorischer Imperativ: „So zu handeln, dass die Maxime des Handelns zum allgemeinen Gesetz werden könne“).

Jede „Lösung“ des Problems wäre für Adornos dialektisches Denken ein Positivismus. „Dialektik will bereits bei Platon, dass durch das Denkmittel der Negation ein Positives sich herstelle das Buch möchte Dialektik von derlei affirmativem Wesen befreien “ (9). „Dass die Negation der Negation die Positivität zeigt, kann nur verfechten, wer Positivität als Allbegrifflichkeit schon im Ausgang präsupponiert“. Es „wird das Positive an sich fetischisiert die Negation der Negation macht dies nicht rückgängig “. (162)

Es bleibt ein Rest, der nicht im herkömmlichen Sinne „aufhebbar“ ist.

Das Nichtaufhebbare ist das Nichtidentische.

Das Nichtidentische, das das „Negative“ in der negativen Dialektik ausmacht (nach Lutz), kann aber nicht mit dem Ganzen versöhnt werden („Das Ganze ist das Unwahre“).

„Der Versöhnung dient Dialektik“ (18) gilt für die hegelsche Dialektik.

„Das negierte ist negativ bis es verging“ und „die Negation der Negation macht diese nicht rückgängig “ (162) gilt für Adornos negative Dialektik.

Da das Nichtidentische nicht versöhnt werden kann, aber dennoch in der Welt ist, nicht totgeschwiegen werden kann und man es auch nicht durch Enthaltung vom Thema aus der Welt bringen kann, bleibt nach Adorno nur es auszuhalten.

Widersprüche sollen also nicht abgetan werden oder durch Logik bereinigt werden, sondern nachvollzogen werden, ihre Differenzen sollen mittels immanenter Kritik herausgearbeitet werden und ihre Widersprüche ausgehalten werden.

Dieses Auszuhaltende, das Nichtidentische, das nicht weggeschnitten werden darf um die Kontinuität und Vollständigkeit einer Betrachtung zu ermöglichen, zu retten, ist das Anliegen der negativen Dialektik, die negativ ist, weil sie einen Widerspruch (eben nicht eine Lösung) aufdecken und festhalten möchte und sie ist dialektisch, weil ja gilt „der Nerv der Dialektik als Methode, ist die bestimmte Negation“ (GS 5 Seite 318). Dieser wissenschaftliche Grundsatz wird beibehalten. Und sie bleibt auch deshalb Dialektik, weil sie gesellschaftlich-historische Zusammenhänge versucht begrifflich zu vermitteln und Gegensätze darzustellen, statt sie zu mythischen Seinsverhältnissen zu stilisieren (Heidegger nach Lutz)“.

Aushalten als einzige mögliche Reaktion auf Auschwitz ist eine Auffassung, die sich beispielsweise auch bei Giorgio Agamben in seinem Buch „Was von Auschwitz bleibt“ findet (Seite 8).

Die Aporie von Auschwitz ist die Aporie historischer Erkenntnisse. Die Nicht-Koinzidenz von Fakten und Wahrheit von Konstatieren und Verstehen.

„Manche wollen zu viel und zu schnell verstehen, sie haben für alles Erklärungen; andere weigern sich zu verstehen und betreiben eine wohlfeile Sakralisierung. In dieser Kluft zu verweilen, erschien mir der einzig gangbare Weg“.

Aber gibt es wirklich keine Möglichkeit für die Kultur und ihre Weiterfürbarkeit nach Auschwitz zwischen dem positiv Aufgehobenen - was nach Adorno nicht akzeptabel ist und dem negativ Ausgehaltenen - was keinen Hinweis liefert auf die Möglichkeit weiterer Kultur?

Selbst wenn Adorno recht hätte mit seiner Bemerkung, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne (GS 10 1 Seite 230), so muss man sich fragen, wer kein Gedicht mehr schreiben könne. Dass er es sich und anderen Kulturschaffenden, die nicht selbst in den Lagern waren verbieten will, es nicht fassen kann wenn sie es tun, oder es für zu schwierig hält, dem nötigen Diskurs zu entkommen, mag ja noch angehen. Dass er es aber den ehemaligen Lagerinsassen mit diesem Satz verweigern zu können glaubt, kann so kaum akzeptiert werden.

Gibt es denn vielleicht eine Möglichkeit außer affirmativer Positivität und steckenbleibender, aushaltender Negation?

Um eine solche innerhalb des Kulturbetriebes entdecken zu können, sollte sie

a) real existiert haben,
b) möglichst von Adorno wahrgenommen worden sein,
c) die Adorno sehr bewegenden Themen Antisemitismus, Kulturindustrie und Auschwitz berühren.

Ich denke, dass ein solcher Kulturbereich doch gefunden werden kann.

Bei näherer Betrachtung kann man ihn dort finden, wo man ihn zunächst vielleicht nicht suchen würde - nämlich im „Abseits“ (die Gedanken zu diesem Referat entstanden während der Fußballeuropameisterschaft).

Ins Abseits gestellt hat Adorno ihn selbst, wie ich glaube jedoch zu Unrecht. Er findet sich überraschenderweise in einem weiteren speziellen Interessengebiet von Adorno, nämlich der Musik.

Es ist der Jazz.

Zu betrachten sind:

a) Der musikalische Gehalt
b) Die Protagonisten
c) Die Kulturindustrie und ihre ideologische Bedeutung
d) Auschwitz und der Antisemitismus

Zum Jazz gibt es einige sehr prägnante Bemerkungen und Urteile Adornos:

Einige Beispiele seien hier genannt:

a) Zum musikalischen Gehalt:

1. Improvisation und Blues:

- „In der Kulturindustrie ist das Individuum illusionär nicht bloß wegen der Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit geduldet wie seine rückhaltlose Identität mit dem allgemeinen außer Frage steht. Von der genormten Improvisation im Jazz bis zur originellen Filmpersönlichkeit herrscht Pseudoindividualität“ (Dialektik der Aufklärung 163).

Zum Blues: „Dass der Blues jazzgerecht sei, lässt sich beim besten Willen nicht sagen. Die Rhythmik mit ihren sehr bescheidenen Scheintakten ist zu primitiv. Die veristisch erotische Atmosphäre der Harmonik will sich zur schnöden Synkope nicht schicken (GS 19 Seite 314). Dies konnte er sagen, obwohl man nach Adorno „mit den Ohren denken“ soll.

Die Antwort hierauf gibt in seinem Jazzbuch Joachim E. Behrendt

„Der Jazzmusiker improvisiert über gegebene Harmonien“, genau dies tat Johann Sebastian Bach und seine Söhne, wenn sie etwa einen Chaconne oder eine Air spielten Generalbass, Organum und Cantus firmus der alten Musik entstanden zunächst einmal um der Improvisation Struktur zu geben und sie zu erleichtern - in dem gleichen Sinne, in dem heute die Jazzmusiker die Bluesakkorde und die Bluesform benutzen um ihren Improvisationen Struktur zu geben.

„Vor 150 Jahren gingen unsere Vorfahren ins Konzert um Beethoven, Talberg und Clementi grandios und glanzvoll improvisieren zu hören wir Heutigen müssten für die gleiche Art eines musikalischen Genusses zu Lionel Hampton Duke Ellington und Louis Armstrong gehen. „Ich möchte es ihnen überlassen, die Schlüsse zu ziehen, die aus diesem seltsamen Sachverhalt gezogen werden können ...“.

Auch die Synkope scheint hier missgedeutet zu werden.

2. Synkope:

- Ein Jazzmusiker, der ein Stück ernster Musik das einfachste Menuett Beethovens zu spielen hat, synkopiert es unwillkürlich und lässt nur souverän lächelnd sich dazu bewegen, mit dem Taktteil einzusetzen“. (DDA 136)
- Er geht noch weiter: „Jeder muss zeigen, dass er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. Das liegt im Prinzip der Synkope des Jazz, der das Stolpern zugleich verhöhnt und zur Norm erhebt“. (DDA 162)

Ferner gehört zu Swing die Mehrschichtigkeit der Rhythmen und die Spannung zwischen ihnen - die Verlagerung rhythmischer Akzente diese Verlagerung nennt man in der europäischen Musik Synkope. Aber es verrät ein grundsätzliches Missverständnis der Jazzmäßigkeit, wenn man dieses Wort auf den Jazz anwendet. Synkopen können nur dort entstehen, wo die synkopische Verlagerung einer Note etwas unregelmäßiges ist. Im Jazz ist sie etwas regelmäßiges - so weit gehend, dass die Abwesenheit von Synkopen ihrerseits auch wieder synkopisch (wenn dieses Wort im Jazz irgendeinen Sinn hätte) wirken kann (Berendt)“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Adorno, die Negative Dialektik und der Jazz
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V310963
ISBN (eBook)
9783668097278
ISBN (Buch)
9783668097285
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jazz, Adorno, Negative Dialektik, Kulturkritik, Affirmation, Negation
Arbeit zitieren
Gregor Pollach (Autor), 2004, Adorno, die Negative Dialektik und der Jazz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310963

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