Il Fondaco dei Turchi. Das Handelshaus der osmanischen Händler in Venedig


Hausarbeit, 2015
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
Zur Quellen- und Forschungslage

II. Der fondaco als Institution
Zur Definition des Begriffes
Der fondaco als Architekturtypus in Venedig
Zu den Vorteilen und Nachteilen der Handelsposten
Vorgeschichte

III. Der fondaco dei turchi
Beschreibung
Nutzungsgeschichte

IV. Zur Stilistik und der Hypothese islamischer Vorbilder
Beispiele der Übernahme islamischer Motive am fondaco dei turchi

V. Kritische Überlegungen

VII. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Venedig – über Jahrhunderte hinweg das „Tor zum Osten“ genannt – pflegte, trotz häufiger kriegerischer Auseinandersetzungen um die Vormachtstellung im östlichen Mittelmeerraum, sehr gute Handelsbeziehungen mit dem osmanischen Reich. Gehandelt wurden seit dem 9. Jahrhundert in beide Richtungen Sklaven sowie Konsum- und Luxusgüter.1

Die konstante Abwehr der Bedrohung durch die schnelle Expansion des osmanischen Reiches bedingte einen unvermeidbaren wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen sowie künstlerischen Austausch zwischen Venedig und Konstantinopel, nach der Eroberung durch die Türken 1453 Istanbul genannt. Macht und Reichtum der Lagunenstadt erwuchsen aus der jahrhundertlangen Monopolstellung im Orienthandel, der geschickten Politik sowie aus den umfangreichen Handelsprivilegien in der Levante.2 Der Erfolg der venezianischen Händlern begründete sich in der Akkumulation von Wissen in Venedig: die zahlreichen Diplomaten und Händler aus aller Welt trugen sehr viele Informationen in die Stadt und durch das fortschrittliche Verlagswesen wurden Reiseliteratur und Pilgerfahrtenberichte weit verbreitet.3 Die Toleranz gegenüber allen religiösen Gruppen und die Offenheit gegenüber Reisenden machten die Stadt für Landfremde sehr attraktiv.

Der intensive Handel in der Levante bedingte auch eine gewisse Durchlässigkeit in Bezug auf die Grenzen zwischen den einzelnen Ländern: besonders nach dem Friedensabkommen im Jahr 1479 verliefen die Grenzen der Handelspartner immer mehr ineinander, wodurch Künstler, Diplomaten und Handelsreisende zunehmend willkommener wurden. Die Wahrnehmung aller Beteiligten änderte sich wodurch ortsfremde Händler weniger als Fremde, sondern vielmehr als Besucher wahrgenommen wurden.

Entsprechend der bedeutsamen wirtschaftlichen und politischen Beziehung hat die Übernahme orientalischer Motive in der venezianischen Kunst eine lange Tradition. Transferiert wurden nicht nur materielle Güter, sondern auch Technologien. Die fortschrittlichere Glaskunst der nordafrikanischen Mameluken bot beispielsweise den venezianischen Glaskünstler Anregungen, mithilfe derer die venezianische Glaskunst bald im ganzen Abend- und Morgenland bekannt wurde.4 Besonders durch die mitgebrachten künstlerischen Studien und Skizzen Gentile Bellinis, der zwischen 1479 und 1481 am Bosporus am Hof des Sultans als Maler tätig war, erfuhr die venezianische Malerei einen gewaltigen Aufschwung.5 Bellini, der sich mit detaillierten Stadtansichten in Venedig als Künstler einen Namen machte, fertigte während seiner Zeit in Istanbul viele Skizzen von Personen und Gewändern an, die vielen Künstlern in der Republik und darüber hinaus als Vorbild dienten.6 Das große Interesse an der fremden Kultur offenbarte sich in der Verwendung orientalischer Motive und Zitate in vielen Kunstwerken.7

Der Einfluss der Kontakte mit der muslimischen Welt beschränkte sich aber nicht nur auf Handelsgüter, Kunsttechniken und Sprachkenntnisse, sondern hinterließ architektonische Spuren, die auch noch heute erkennbar sind. Mit anderen Städten kann Venedig aufgrund ihres Grenzcharakters und ihres kosmopolitischen Selbstverständnisses nicht verglichen werden. Die Venezianer pflegten zwar durchgehend Beziehungen mit dem byzantinischen und dem osmanischen Reich, sie standen jedoch nie unter fremder Herrschaft, wie beispielsweise Sevilla oder Granada – Städte, in welchen man auch architektonische Zeugnisse der Osmanen finden kann. Der byzantinische bzw. islamische Einfluss ist daher in Venedig nicht als Prozess in einem genauen Zeitraum zu sehen, sondern als ununterbrochener Vorgang zu verstehen.

Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des islamischen Ostens auf die Architektur des venezianischen fondaco dei turchi – des Handelsposten osmanischer Händler in Venedig. Als Umschlagplatz für Handel mit diversen Luxusgütern und als Ort des Informations- sowie sprachlichen Austauschs, entwickelte sich die Institution fondaco in der westlichen Welt zur Verkörperung des kulturellen Transfers.8 Ein Bestreben dieser Arbeit ist ferner das Aufzeigen der grundlegenden Schwierigkeiten in Bezug auf die Benennung exakter architektonischer Vorbilder – anhand eines konkreten Beispiels und einer anschließenden Forschungsdiskussion wird dies anschaulich dargestellt.

Um die islamischen Einflüsse in der Architektur untersuchen zu können, ist es zuerst notwendig die Besonderheiten der venezianischen Baukunst zu analysieren, da Bauvorhaben in der Lagunenstadt aufgrund des sandigen Untergrundes einmalige charakteristische Züge entwickelten.

Zur Quellen- und Forschungslage

Die uns heute zur Verfügung stehenden Informationen über den Kulturtransfer im 13. Jahrhundert entstammen zum größten Teil Reise-, Pilgerfahrten- oder Diplomatenberichten.9 Venezianische Diplomaten, die den heutigen Nahen Osten in der Zeit zwischen dem 10. und dem 17. Jahrhundert bereisten, berichteten ihrem Auftraggeber – dem Dogen – über Veränderungen oder von Ereignissen in den Städten der Handelspartner. Die engen Handelsbeziehungen bewirkten eine große Reiselust, sodass sich Reiseberichte von Diplomaten bis heute noch zahlreich erhalten haben. Der Nachteil an diesen Berichten ist jedoch die stark politische Sichtweise, die uns wenige Informationen über das kulturelle, soziale oder künstlerische Leben liefern.

Sehr früh erkannte man, dass der Handel mit dem osmanischen Reich, vor allem der mit Textilien und kunsthandwerklichen Arbeiten, einen besonderen Einfluss auf die venezianische Kunst gehabt hat. Eine sehr ausführliche Publikation zum Spektrum der gehandelten Objekte lieferte im Jahr 2001 Rosamond Mack mit ihrer Studie Bazaar to piazza. Islamic Trade and Italian Renaissance 1300-1600.10 Die Autorin fokussiert sich in diesem reich bebilderten Buch auf die Sparte kunsthandwerklicher Arbeiten sowie Luxusgüter, analysiert systematisch deren stilistische und technische Entwicklung und hebt die Bedeutung der importierten Objekte für die italienische Kultur hervor, indem sie aufzeigt, welche Rolle diese Güter in der venezianischen Malerei spielen können.11

Die Mittelalterforscherin Olivia Remie Constable erforscht in ihren Publikationen die Wechselbeziehungen zwischen Christen, Muslimen und Juden im Mittelmeerraum aus wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Sicht. In ihrer monumentalen Studie Housing the stranger in the Mediterranean world: lodging, trade, and travel in late antiquity and the Middle Ages zeichnet Constable die Evolution des pandocheion im antiken Griechenland nach, beschreibt seine Transformation in den funduq während der Zeit der muslimischen Herrschaft im Mittelalter und seine Weiterentwicklung zu einem fondaco ortsfremder Händler in Italien und auf der iberischen Halbinsel.12 Constable beantwortet in dieser Studie in welchem Zusammenhang die jeweilige Einrichtung mit der wirtschaftlichen Lage der Region steht, welche Faktoren das Aussehen dieser Handelshäuser beeinflusst haben und zeigt an einem anschaulichen Beispiel, dem fondaco dei tedeschi in Venedig, dass auch in der Frühen Neuzeit ein Handelsposten sehr erfolgreich bestehen konnte. In einem weiteren Aufsatz legt Constable die konkreten Unterschiede zwischen fondaco, funduq und khan in Abgrenzung zum griechischen pandocheion dar.13

Der venezianische fondaco als visuell erkennbare Schnittstelle zwischen Handel treibenden Nationen und als Ausdruck künstlerischer Arbeit stellt ein interessantes und oft behandeltes Forschungsobjekt dar. Vor der Jahrtausendwende veröffentlichte Ennio Concina seine Forschungsergebnisse zum Thema fondachi im Zusammenhang mit dem Handel, der Kunst und der Architektur.14 Die Publikationsliste Concinas zeugt von seinem enormen Interesse an der Geschichte und Kunst Venedigs – mit besonderem Schwerpunkt auf die Architektur in der Lagunenstadt – auch abseits der sehr bekannten Bauten wie der Markuskirche oder dem Dogenpalast. Uwe Israel vergleicht in seinem Aufsatz Mikrokosmen für Fremde den fondaco dei tedeschi mit anderen italienischen fondachi und ähnlichen Bauten im osmanischen Reich, vor allem aber mit denen in Alexandria.15 Er veranschaulicht anhand der Anlaufstelle für Kaufleute aus dem nordalpinen Raum sehr interessant die Funktion, Wirkung und die Entwicklung dieser Einrichtungen für ortsfremde Händler in der einer Stadt. Donatella Calabis The market and the city untersucht den Einfluss der Institution „Markt“ auf die städtebauliche und architektonische Struktur frühneuzeitlicher europäischer Handelsstädte – vom architektonischen Gefüge Venedigs über Sevilla bis nach Lübeck.16 In zwei weiteren Aufsätzen analysieren Calabi und Derek Keene anhand öffentlicher Märkte, Plätze und für ortsfremde Händler eingerichtete Handelshäuser die Strukturen des sozialen Austausches und kulturellen Transfers in europäischen Städten.17

Die Architekturhistorikerin Deborah Howard unternimmt in ihren Forschungen häufig den Versuch die Herkunft der vielen orientalisch anmutenden Motive in venezianischen Architekturzitaten zu bestimmen.18 Anhand genauer Beispiele aus Damaskus, Kairo und Aleppo stellt sie fest, dass der islamische Einfluss auf das venezianische Leben und auf die Architektur dem Orienthandel entsprang – hierbei sind Reiseberichte und visuelle Impressionen der Händler entscheidend.19 Das Ergebnis ihrer Recherchen ist, dass die Venezianer sich von islamischen Architekturmotiven inspirieren ließen, sie jedoch nicht kopierten, sondern in eigene Motive umwandelten. Der Grund hierfür wäre das kosmopolitische Verständnis und die Offenheit der Stadt gewesen – Werte, die sowohl künstlerisch und architektonisch als auch im Städtebau präsentiert werden mussten. Howard, die selbst nach Kairo und Aleppo reiste und den Versuch unternahm, sich die Stadt aus der Sicht eines Reisenden im 15. und 16. Jahrhundert vorzustellen, geht in einem Kapitel ihres Buchs Venice and the East auf die Frage ein, wie das Wissen von Architektur in eine andere Stadt gelangte und resultiert, dass Pilgerberichte und schriftliche Auszeichnungen von mündlichen Reiseimpressionen als Primärquellen dienten.20

Der fondaco dei turchi per se findet in vielen Publikationen Erwähnung, wobei sich viele jedoch nur peripher mit dem geschichtsträchtigen Palast beschäftigen. Sehr intensiv setzte sich Jürgen Schulz mit der venezianischen Palastarchitektur und besonders mit diesem Bau auseinander und lieferte neue Erkenntnisse in Bezug auf den historischen Grundriss und die Raumaufteilung.21 Weiterhin fasste er in seinem Buch The new medieval palaces in Venice schriftliche und bildliche Quellen zum fondaco dei turchi zusammen. Aus dieser Sammlung geht hervor, welche Personen im Laufe der Jahrhunderte den Palast bewohnten und wie die Zimmer ausgestattet waren.22 Dank seiner Studien ist es heute möglich sowohl das ursprüngliche Aussehen der frühesten Paläste in Venedig zu rekonstruieren, als auch deren Veränderungen und Umbauten und somit die Veränderungen des gesamten Stadtbildes.

Eine Publikation, welche die betreffende Zeit im Mittelalter nicht aus eurozentrischer Sicht behandelt, ist die Veröffentlichung Bernard Lewis. Dieser blickt in seinem Buch The Muslim Discovery of Europe aus der Sicht islamischer Reisender und Eroberer auf die historischen Ereignisse im 15. Jahrhundert zurück.23

Bevor jedoch die hier vorgestellten Thesen um den fondaco dei turchi im Kapitel V diskutiert werden, wird zuerst auf die historische Situation der Handelshäuser für die osmanischen Händler vor dieser endgültigen Einrichtung sowie auf den Palast selbst in allen Details eingegangen.

II. Der fondaco als Institution

Zur Definition des Begriffes

Der venezianische Begriff fondaco leitet sich vom arabischen Wort funduq ab, welches im Nahen Osten eine weit verbreitete Einrichtung beschreibt, die funktional einem Handelsposten inklusive einer Unterkunft entspricht.24 Diese Unterkünfte wurden in verschiedenen Regionen des Nahen Ostens in einem Abstand von einem Reisetag errichtet, um männlichen Reisenden – meist in der Nacht – eine Unterkunft und Verpflegung für sich und ihre Tiere sowie ein sicheres Lager für ihre Waren zu bieten.25 Der Ursprung dieser Einrichtung kann bis in das fünfte Jahrhundert vor Christus zurückverfolgt werden.26

Diese allgemein bekannte Form der Unterkunft und Warenlagerung in einer Stadt und auch auf Landwegen ist je nach nahöstlicher Region unter einem anderen Begriff bekannt: das in Nordafrika verwendete Wort funduq, wird in Ägypten parallel zu den Begriffen wakala oder khan verwendet; die Bezeichnung khan findet man auch in Syrien, auf türkischem Boden ist allerdings han geläufiger und caravanserais sind auf Landwegen zwischen den Ländern zu finden.27 Den Ursprungsort dieser Einrichtungen stellt jedoch das antike Griechenland dar – die griechische Bezeichnung pandacheion konnte jedoch für ein Gasthaus, eine Taverne oder auch ein Bordell verwendet werden.28 Je nach geographischer Region sind einige Unterschiede zwischen den einzelnen Einrichtungen festzustellen, jedoch folgen alle – da sie die gleiche Funktion erfüllen – architektonisch einer einfachen standardisierten Formel: ein zentraler Innenhof umrundet von einer bis zu dreigeschossigen Anlage mit schattenspendenden Arkaden, die viele Lagerräume und Unterkünfte in Form von Schlafmöglichkeiten anbietet.29

Der fondaco als Architekturtypus in Venedig

In Venedig wurde der Begriff fondaco für die Beschreibung fremdländischer Handelsstützpunkte in der Stadt sowie für die eigenen Lager der importierten Güter gebraucht.30 Die fondachi hatten, wie ihre nahöstlichen Vorbilder, die Funktion ortsfremde Händler und ihre Waren zu beherbergen, jedoch nicht nur für eine Nacht, sondern auch für längere Zeitabschnitte. Im mittelalterlichen Venedig lassen sich viele Warenlager ausmachen, allerdings sind zwei von besonderer Wichtigkeit: der fondaco dei tedeschi und der fondaco dei turchi. Der fondaco dei tedeschi war bis ins 19. Jahrhundert die Anlaufstelle für Kaufleute aus dem nordalpinen Raum, der fondaco dei turchi stellte ab 1621 die Niederlassung der osmanischen Händler dar. Alle in Venedig tätigen Händler durften sich während des Tages frei in der Stadt bewegen, in der Nacht mussten sie sich auf ihren jeweiligen fondaco beschränken – ein Gesetz, das auch die Venezianer in der Levante befolgen mussten, sofern es nicht anders ausgehandelt wurde.31

Auch die venezianischen fondachi folgten dem nahöstlichen standardisierten architektonischen Vorbild, jedoch wurden diese in der Lagunenstadt – bedingt durch die eigene einzigartige Bautradition – leicht verändert. Aufgrund des sandigen und folglich unberechenbaren Untergrundes entwickelte die venezianische Baukunst einmalige charakteristische Züge. Die Bauherren mussten in ihren Konstruktionsplänen stets bedenken, dass der Druck auf den Fundamenten gering bleiben musste, weswegen nur mit Holz und Ziegeln gearbeitet werden konnte; das Gewicht der Häuser musste gleichmäßig verteilt werden und zudem mussten alle Gebäude flexibel sein, damit ein Absinken der Fundamente in den weichen Untergrund nicht die Stabilität des Bauwerks beeinträchtigte.32 Darüber hinaus etablierten sich weitere Charakteristika die Fassade betreffend: um das Gewicht der Fassaden zu minimieren, wurde möglichst viel Glas, das in der Lagune selbst produziert wurde und folglich günstig war, verwendet.33 Außerdem wurden – je nach Reichtum der jeweiligen Auftraggebers – die Fassaden mit importiertem Marmor eingekleidet.34

Der Grundriss eines typisch venezianischen Palastes zeichnet sich durch je einen Wasser- und einen Landeingang aus und zeigt ein, vom Hauptportal der Kanalseite aus, in Längsrichtung dreigeteiltes Gebäude mit mittig durchlaufender Haupthalle, ein Schema das sich im piano nobile und gegebenenfalls auch im zweiten Obergeschoss wiederholt.35 Von der Wasserseite aus betritt man über den Portikus den obligatorischen Eingangsbereich im Erdgeschoss, genannt androne, der sowohl von Kanal- als auch von Landseite betretbar ist, sich bis zum Innenhof erstreckt und der schnellen Warenannahme und -auslieferung dient.36 Im androne wurden die Geschäfte abgewickelt sowie Waffen und Rüstungen präsentiert. Rechts und links des androne erstreckten sich die Vorratskammern und eine Küche.37 Die Wohnräume befanden sich im ersten Stock zusammen mit dem salone oder portego – einem großen Zentralraum über dem androne – dem Festsaal.38

Zu den Vorteilen und Nachteilen der Handelsposten

Handelsposten waren aus vielfältigen Gründen sehr wichtig für die Wirtschaft Venedigs: zum einen wollte man auf andere fremdländische Händler und auf die Bewohner der Stadt anziehend wirken, um den Wohlstand der Stadt zu steigern;39 zum anderen versuchte die venezianische Regierung den Warenaustausch mit anderen italienischen Kaufleuten, vor allem im Hinblick auf die Interessen der einheimischen Händler, im Blick zu behalten. Weiterhin was es für die Steuereintreiber bei klaren Verhältnissen leichter ihrer Arbeit nachzugehen.40 Insbesondere die soziale Gruppe der muslimischen Händler betreffend, mussten einige Vorkehrungen getroffen werden, um den christlichen Venezianern das Gefühl der Sicherheit zu geben. Aus diesem Grund sollten die Muslimen – besonders nachts – örtlich lokalisierbar sowie identifizierbar sein und überwacht werden.41

Für die Osmanen bedeutete ein eigenes Handelshaus Sicherheit – für sich selbst und ihre Waren – in einer potentiell gefährlichen Stadt.42 Zudem bot man ihnen einen Ort an, an den sie sich zurückziehen konnten, ihre Muttersprache sprechen konnten und sich mit Angehörigen der gleichen Religion ein bisschen wie im eigenen Land zu fühlen – ein Privileg, das auch den Venezianern in der Levante zugesprochen wurde. Letzteres wurde zusätzlich durch gelockerte Gesetze verstärkt: mit den Händlern aus dem Orient wurden oft, aufgrund der besonders hohen kulturellen Diskrepanz, Abmachungen getroffen, wie beispielsweise die Erlaubnis Konflikte selbst zu lösen (ohne, dass diese an das venezianische Gericht gemeldet wurden) oder verschiedene Möglichkeiten zur Immunität bezogen auf die städtische Rechtssprechung.43 Calabi und Keene zufolge legte die venezianische Regierung viel Wert auf die Wahrung der Identität und Privatsphäre sowie auf die Sauberkeit der muslimischen Händler: die Fenster waren abgeschirmt, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen und es wurde ihnen immer reichlich sauberes Wasser für ihre Gebetsrituale bereitgestellt.44

[...]


1 Mack, Rosamond E.: Bazaar to piazza: Islamic trade and Italian art, 1300-1600, Berkeley 2001. Aus Venedig exportiert wurden Fisch, Salz, Gläser, Holz, baltischer Bernstein, verarbeitete Wollstoffe, Waffen und Rüstungen. Gewürze aller Art, Korn und Getreide, unverarbeitete Wolle, Keramiken, Lederwaren, Teppiche, Perlen, Edelmetalle und kostbare Stoffe wie Seide erreichten Venedig aus dem Osten.

2 Günther, Erika: Die Faszination des Fremden. Der malerische Orientalismus in Deutschland. Münster 1990, S. 14. Venedig war die einzige Stadt die in Alexandria über zwei Handelshäusern und einem dauerhaft in Konstantinopel lebenden Botschafters (bailo) verfügte, vgl.: Howard 2000, S. 123 und Dursteler, Eric R: Venetians in Constantinople. Nation, Identity, and Coexistence in the Early Modern Mediterranean, Baltimore 2006, S. 23.

3 Howard, Deborah: The Status of the oriental traveller in renaissance venice, S.29-49, hier S. 29 und S. 32, in: MacLean, Gerald M. (Hrsg.): Re-orienting the Renaissance. Cultural exchanges with the East. Basingstroke 2005.

4 Am Kunsthandwerk lässt sich der islamische Einfluss gut feststellen: die Venezianer lernten Glas zu emaillieren, Metallarbeiten mit Intarsien zu versehen und Lacke zu verwenden, vgl.: Raby 1982, S. 17.

5 Schmidt Arcangeli, Catarina: “Orientalist” Painting in Venice 15th-17th centuries, S. 120-139, in: Kat. Ausst. Venice and the Islamic World. 828 – 1797. Paris, Institut du Monde Arabe (2006 – 2007) & New York, The Metropolitan Museum of Art (2007), New York 2007,

6 Raby, Julian: Venice, Dürer and the oriental mode. London 1982, S. 22. Ein besonders oft verwendetes Motiv waren die „Heiligen Drei Könige“, da es Malern erlaubte, kostbare Gewänder sowie orientalische Attribute in einem Bild darzustellen, vgl.: Günther 1990, S. 13.

7 Raby 1982, S.17. Gentile Bellini stellte in seinen Bildwerken ab 1490 venezianische Architektur vermischt mit islamischen Elementen dar.

8 Calabi, Donatella/ Keene, Derek: Exchanges and Cultural Transfer in European Cities, c. 1500–1700, S. 286–314, in: Calabi, Donatella /Christensen, Stephen Turk: Cities and Cultural Exchange in Europe, 1400–1700, Cambridge 2007, S. 286.

9 Ortega, Stephen: Negotiating Transcultural Relations in the Early Modern Mediterranean. Ottoman-Venetians Encounters, Dorchester 2014, S.13.

10 Mack, Rosamond E.: Bazaar to piazza: Islamic trade and Italian art, 1300-1600, Berkeley 2001.

11 Grabar, Oleg: Review, in: The Art Bulletin, Vol. 85, No. 1 (2003), S. 189-192, hier S. 190.

12 Constable, Olivia Remie: Housing the stranger in the Mediterranean world: lodging, trade, and travel in late antiquity and the Middle Ages, Cambridge 2003.

13 Remie Constable, Olivia: Funduq, Fondaco, and Khan in the Wake of Christian Commerce and Crusade, in: The Crusades from the Perspective of Byzantium and the Muslim World, hg. v. Laiou, Angeliki E. and Mottahedeh, Roy Parviz, Washington 2001, S. 145-156.

14 Concina, Ennio: Fondaci: architettura, arte e mercatura tra Levante, Venezia e Alemagna, Venezia 1997.

15 Israel, Uwe: Fondaci: Mikrokosmen für Fremde, in: Fremde in der Stadt: Ordnungen, Repräsentationen und soziale Praktiken (13. - 15. Jahrhundert), hg. v. Peter Bell/Dirk Suckow/Gerhard Wolf, Frankfurt am Main 2010, S. 119-141.

16 Calabi, Donatella: The Market and the City. Square, street and architecture in early modern Europe, (trans. Marlene Klein), Aldershot 2004.

17 Calabi, Donatella/ Keene, Derek: Exchanges and Cultural Transfer in European Cities, c. 1500–1700, S. 286–314, und Calabi, Donatella/ Keene, Derek: Merchants’ Lodgings and Cultural Exchange, S. 315–348, beide in: Calabi, Donatella /Christensen, Stephen Turk: Cities and Cultural Exchange in Europe, 1400–1700, Cambridge 2007.

18 Howard, Deborah: Venice and Islam in the middle ages: some observations on the question of architectural influence, in: Architectural history, 34 (1991), S. 59-74 und Howard, Deborah: Venice and the East. The Impact of the Islamic World on Venetian Architecture 1100 – 1500, New Haven and London 2000.

19 Howard, Deborah: Venice and the East. The Impact of the Islamic World on Venetian Architecture 1100 – 1500, New Haven and London 2000.

20 Grabar 2003, S. 191.

21 Schulz, Jürgen: Early plans of the Fondaco dei Turchi, in: Memoirs of the American Academy in Rome 42 (1997), S. 149-159.

22 Schulz, Jürgen: The new palaces in Medieval Venice. University Park, PA, 2004.

23 Lewis, Bernhard: The Muslim Discovery of Europe. New York (1982) 2001.

24 Constable 2001, S. 145.

25 Constable 2001, S. 145.

26 Howard 2000, S. 120.

27 Howard 2000, S. 121. Die Namenvarietät reflektiert die linguistische Tradition und den Impact kultureller Modelle, vgl.: Calabi/Keene 2007, S. 316.

28 Constable 2001, S. 146. Im Zuge der muslimischen Herrschaftsexpansion nahmen die Osmanen viele byzantinische Einrichtungen auf und veränderten deren Aussehen und Funktionen nach ihren eigenen Vorstellungen, vgl.: Constable 2003, S. 40.

29 Howard 2000, S. 121. In den nahöstlichen gebiete sind eingeschossige Komplexe verbreiteter, in Venedig hingegen zweigeschossige – aufgrund des Platzmangels: http://www.unesco.org/culture/dialogue/eastwest/caravan [aufgerufen am 10.09.2015]

30 Howard 1991, S. 68 und Calabi 2004, S.189. Es existierten weitere fondachi für Mehl, Korn und Hirse.

31 Calabi/ Keene 2007, S. 319.

32 Goy, Richard: Venice: The City and Its Architecture, London 1997, S. 49.

33 Goy 1997, S. 52f.

34 Goy 1997, S. 52f.

35 Lauritzen/Zielcke 1979, S. 26.

36 Howard 1980, S. 40 und Lauritzen, Peter/ Zielcke, Alexander: Venezianische Paläste. München 1979, S. 27.

37 Howard 1980, S. 40 und Lauritzen/Zielcke 1979, S. 27.

38 Lauritzen/Zielcke 1979, S. 27.

39 Calabi/ Keene 2007, S. 315.

40 Calabi/ Keene 2007, S. 315.

41 Ortega, S. 23.

42 Calabi/ Keene 2007, S. 315.

43 Calabi/ Keene 2007, S. 315.

44 Calabi/ Keene 2007, S. 326.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Il Fondaco dei Turchi. Das Handelshaus der osmanischen Händler in Venedig
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V311114
ISBN (eBook)
9783668193307
ISBN (Buch)
9783668193314
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fondaco, turchi, handelshaus, händler, venedig
Arbeit zitieren
Irina Antoniu (Autor), 2015, Il Fondaco dei Turchi. Das Handelshaus der osmanischen Händler in Venedig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311114

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Il Fondaco dei Turchi. Das Handelshaus der osmanischen Händler in Venedig


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden