Wilhelm Lehmbruck und Egon Schiele. Die Rekonstruktion der Ausstellung im Hagener Folkwang Museum 1912 und weiterführende Überlegungen


Wissenschaftliche Studie, 2015

46 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Die Rekonstruktion der „Lehmbruck und Schiele“-Ausstellung im Hagener Folkwang Museum im April 1912
II.1. Lehmbrucks Werke in Hagen 1912
II.2. Schieles Werke in Hagen 1912
II.3. Inszenierung und Rezeption der Ausstellung in Hagen 1912

III. Wilhelm Lehmbruck und Eugen Schiele – Brüder im Geiste?

Abbildungen

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkungen

2011 stieß ich im Zuge meiner Recherchen für die große Jubiläumsausstellung „100 Jahre Kniende. Lehmbruck in Paris 1911“ im Duisburger Lehmbruck Museum in der Forschungsliteratur auf verschiedene Hinweise zu einer 1912 im Hagener Folkwang Museum organisierten „Lehmbruck und Schiele“-Ausstellung. Dieses Thema weckte meine Neugier, zumal weitere Nachforschungen ergaben, dass sich bislang niemand intensiver damit auseinandergesetzt hatte.

Gerhard Händler begnügte sich 1969 in seiner Untersuchung „Wilhelm Lehmbruck in den Ausstellungen und der Kritik seiner Zeit“ mit einer Erwähnung der „am 1. April 1912 im Museum Folkwang, Hagen, eröffnete Ausstellung“, die er – ohne tiefer in die Thematik einzusteigen – wie folgt resümierte: „Sie enthält in einer seltsam frühen und zugleich treffenden Kombination Werke des heute neben Kokoschka als Hauptmeister des österreichischen Expressionismus angesehenen Wiener Malers Egon Schiele, […] und dazu Arbeiten […] des […] Plastikers Lehmbruck.“[1]

Zwölf Jahre später befasste sich Andreas Thielemann in seinem Artikel „Lehmbruck im Dialog“ etwas eingehender mit der Verwandtschaften zwischen Lehmbrucks und Schieles Werken; er kam diesbezüglich allerdings nur ganz allgemein, ohne konkrete Benennung von vergleichbaren Kunstwerken, zu folgendem Ergebnis: „Werke Schieles und Lehmbrucks wurden bereits 1912 zu einer gemeinsamen Ausstellung im Folkwangmuseum [sic!] in Hagen vereint. Lehmbruck selbst hatte K. E. Osthaus auf Schiele aufmerksam gemacht. Schieles psychologische Eindringlichkeit und starke Selbstbildnishaftigkeit macht ihn Lehmbruck vergleichbar, wie auch die Sensivität seiner meist ausgezehrten Figuren. Die betonte Linearität des brüchigen Konturs wurzelt in Schieles psychosomatischer Grunddisposition, die ihn – ähnlich Lehmbruck – eine Kluft zwischen Körper und Geist schmerzlich empfinden lässt.“[2]

Im gleichen Jahr publizierte Dietrich Schubert in seiner ersten Lehmbruck-Monogra-phie erstmals eine – noch summarisch anmutende – Liste von Lehmbrucks Kunstwerken, die im April 1912 in Hagen ausgestellt waren: „Schiele und Lehmbruck, Folkwang-Museum Hagen: von L. Ölskizzen, Cartons, Pastelle, Gemälde, Radierungen, die Bronze ‚Kleine Sinnende‘, der kleine Torso (Hagener), die Büste Frau L. und zwei große Frauentorsi (Stehende und Kniende).“[3] Schieles Werke berücksichtigte Schubert nicht.

Aus dieser Liste schloss ich 2011, wobei sich der Fokus auf Lehmbrucks Kniende und den in ihr erstmals umgesetzten ‚gotisierenden‘ Stil richtete, dass Lehmbruck „[…] die Gemeinschaftsausstellung mit dem Maler Eugen Schiele nicht dazu nutzen [konnte], die Modernität der vom Publikum kritisierten schlanken Figurenproportionen künstlerisch zu bekräftigen, sondern […] mit dem Torso eine Variante der Knienden zeigen [musste], die dieses Charakteristikum gerade nicht besaß.“[4] Dies war bemerkenswert.

1997 differenzierte Margarita C. Lahusen in ihrer Dissertation über Lehmbrucks „Gemälde und großformatige Zeichnungen“ schließlich, welche Arbeiten Lehmbruck neben seinen Plastiken in Hagen ausgestellt hatte – abermals jedoch ohne Berücksichtigung der zeitgleich ausgestellten Schiele-Werke: „[…] welche und wieviele Radierungen gezeigt wurden, ist […] nicht bekannt. […] Alle fünf in Hagen gezeigten Bilder waren schon in Paris ausgestellt worden: der Frauenfries und die Drei Frauen im ‚Salon d’Automne‘ 1910, der Pilger und der Liegende weibliche Akt im Herbstsalon des folgenden Jahres, ebenso wie die Kleine Komposition, vierfigurig, die Lehmbruck in Hagen zum dritten Mal vorstellte.“[5]

2006 bewerteten Natter und Trummer die Tatsache, dass Osthaus Schieles Gemälde Tote Stadt VI im Spätsommer 1912 für das Hagener Folkwang Museum erwarb, als „Meilenstein in der Schiele-Rezeption: […] Es ist das erste Bild Schieles in einem Museum.“[6] Die vorausgegangene Ausstellung in Hagen erwähnten sie jedoch nicht.

Aus diesem Forschungsstand resultierten vier zentrale Fragen:

1. Wie sah – soweit rekonstruierbar – Lehmbrucks Ausstellung in Hagen 1912 in der Gesamtschau aus?
2. Welche Arbeiten waren 1912 von Eugen Schiele in Hagen zu sehen?
3. Wie hat Karl Ernst Osthaus, der Gründungsdirektor des Hagener Folkwang Museums, die Ausstellung „Lehmbruck und Schiele“ 1912 inszeniert?
4. Wie wurde die Ausstellung in Deutschland rezipiert?

So entstand schon 2012 der kuratorische Wunsch, die Werke dieser beiden Künstler nach hundert Jahren wieder einmal gemeinsam in einer Ausstellung zu zeigen. Erste Vergleiche ergaben nämlich höchst spannende formale Bezüge, die nun auf ihre Inhalte zu prüfen waren. Leider erlaubten bislang jedoch weder die heutigen konservatorischen Erfordernisse noch die aktuellen Versicherungswerte der Kunstwerke von Schiele eine Realisierung dieses Wunsches in Duisburg.[7] Daher lege ich die Ergebnisse meiner bisherigen Recherchen nun in Form dieses Aufsatzes vor, der erste Einsichten in dieses Thema zu liefern vermag.

Meine Untersuchung gliedert sich in zwei große Teile. Erstens ist zum Verständnis der zeitgenössischen Rezeption der beiden Künstler die historische Ausstellung im Folkwang Museum in Hagen zu rekonstruieren. Und zweitens ist durch einen Vergleich von zusätzlich in den Blick zu nehmenden Kunstwerken zu überlegen, was Lehmbruck und Schiele darüber hinaus künstlerisch verbunden haben könnte.

II. Die Rekonstruktion der „Lehmbruck und Schiele“-Ausstellung im Hagener Folkwang Museum im April 1912

II.1. Lehmbrucks Werke in Hagen 1912

Karl Ernst Osthaus (Hagen 1874–1921 Meran) stand als Gründungsdirektor des 1902 eröffneten Hagener Folkwang Museums in intensivem persönlichen und schriftlichen Austausch mit Künstlern, Galeristen und Kunstkritikern seiner Zeit.[8] Seine umfangreiche Korrespondenz ist in diversen europäischen Archiven überliefert; den besten Einblick bietet jedoch das KEO-Archiv in Hagen, das neben den bei Osthaus eingegangenen Schriftstücken auch Durchschläge seiner eigenen Briefe enthält.[9] Auch mit Wilhelm Lehmbruck (Duisburg 1881–1919 Berlin), dessen Werke er sehr schätzte, stand Osthaus in regem Kontakt. Lehmbruck beriet Osthaus in diversen Fällen sowohl in Bezug auf ausstellungswürdige Künstlerkollegen – so empfahl er ihm beispielsweise Alexander Archipenko (Kiew 1887–1964 New York), dem Osthaus 1912 die erste Ausstellung in Deutschland widmete[10] – als auch in Bezug auf Kunstankäufe für das Folkwang Museum.[11] Als Lehmbruck 1911 in der avantgardistischen Kunstmetropole Paris mit seiner Knienden einen seiner größten künstlerischen Erfolge feierte,[12] beschloss Osthaus, die Werke des jetzt international etablierten deutschen Künstlers möglichst rasch auch in Hagen zu zeigen. Aus der überlieferten Korrespondenz zwischen Lehmbruck und Osthaus sowie aus einem Abgleich mit den Werken, die Lehmbruck bis dato geschaffen hatte, lässt sich rekonstruieren, wie die Lehmbruck-Ausstellung 1912 in Hagen zustande kam, und welche Werke dort vermutlich zu sehen waren.

Zur Konkretisierung seiner Ausstellungspläne schrieb Osthaus am 11. September 1911 an Lehmbruck in Paris, dass er als Ausstellungstermin „den Januar oder Februar in Aussicht genommen“ habe und dass er möglichst bald eine Liste der Werke erbitte, die Lehmbruck auszustellen gedenke; „da der Platz im Museum sehr knapp“ sei, seien jedoch „Gipsfiguren und alzu [sic!] umfangreiche Gegenstände“ zu vermeiden.[13]

Osthaus hat Lehmbruck bezüglich der Auswahl seiner Exponate also gewisse Vorgaben gemacht, die er zum einen mit der fragilen Materialbeschaffenheit der Kunstwerke und zum anderen mit der begrenzten Größe seiner Ausstellungsräume begründete.[14] Demnach dürfte also bereits im September 1911 festgestanden haben, das Lehmbruck seine beiden bis zu diesem Zeitpunkt lediglich in Gips ausgeführten Hauptwerke, die Große Stehende von 1910 und die Kniende von 1911, nicht in Hagen würde zeigen können.[15] Folglich entschied sich Lehmbruck, den Gips der Knienden ein weiteres Mal in Paris im zeitgleich zur Hagener Ausstellung stattfindenden Salon des Indépendants auszustellen.[16] Es war also offenbar nicht die Entscheidung des Künstlers, auf die Präsentation seiner Hauptwerke in Hagen zu verzichten, sondern diejenige des Museumsdirektors, der auch die Ausstellung kuratierte. Lehmbruck wird diese Tatsache im Nachklang zu seiner Hagener Ausstellung in einem Brief an Osthaus am 23. November 1912 noch einmal betonen, als es zu Auseinandersetzungen bezüglich der Frachtkosten kam, die Osthaus Lehmbruck alleine aufbürden wollte; Lehmbruck drückte seinen Ärger darüber mit folgenden Worten aus: „Es war Ihnen bekannt, daß ich keine Kleinplastiken mache, und hatte ich auf Ihren Wunsch hin, nicht zu umfangreiche Stücke senden, meine größeren Hauptplastiken nicht ausgestellt.“[17]

Auf Osthaus‘ Schreiben mit den Terminvorschlägen für die Hagener Ausstellung antwortete Lehmbruck am 17. September 1911, er bevorzuge den Februar; außerdem wolle er in Kürze selbst einmal „nach Hagen kommen“.[18] Einen Monat später, im Oktober 1911, bekräftigte er beides erneut in einem Brief an Osthaus.[19] Ob Lehmbrucks Besuch in Hagen tatsächlich zustande gekommen ist, wie Hans-Dieter Mück 2014 behauptete, bleibt mangels entsprechender Dokumente offen.[20] Gesichert ist jedoch, dass Ende 1911 oder Anfang 1912 Osthaus‘ Frau Gertrud in Begleitung ihres Sohnes Manfred nach Paris gereist ist, um Lehmbruck in seinem Atelier zu besuchen[21] – möglicherweise um für die Hagener Ausstellung in Frage kommende Arbeiten zu sichten, oder auch um über potenzielle Ankäufe für die Osthaus’sche Kunstsammlung zu sprechen. Lehmbruck nutzte die Gelegenheit, um ein Porträtbildnis von Manfred Osthaus in Gips anzufertigen,[22] mit dem er sich wohl einen finanziell lohnenswerten Auftrag von Karl Ernst Osthaus für eine Übertragung in Bronze erhofft hatte. Diese Hoffnung sollte sich allerdings nicht erfüllen, denn der Gips, der sich heute im Besitz des Duisburger Lehmbruck Museums befindet, ist ein Unikat geblieben.[23] Erworben hat Gertrud Osthaus aus Lehmbrucks Atelier aber den Gips des Kleinen weiblichen Torsos, der später als Bestandteil der Folkwang-Sammlung unter dem Namen Hagener Torso bekannt wurde.[24]

Den mit Osthaus für Hagen vereinbarten Ausstellungstermin im Februar 1912 konnte Lehmbruck allerdings nicht einhalten, vermutlich aufgrund seiner Vorbereitungen für die Ausstellungsbeteiligung am Pariser „Salon des Artistes Indépendants“ (März bis Mai 1912).[25] Erst am 29. Februar trafen „3 Figuren“ aus Paris in Hagen ein,[26] und die Lieferung der übrigen Exponate erreichte Hagen schließlich Anfang März.[27] Entsprechend hatte Osthaus schnell reagieren müssen und zwischenzeitlich für März eine größere Emil Nolde-Ausstellung im Folkwang Museum organisiert.[28] So schrieb er am 9. März 1912 an Lehmbruck, dass er dessen Ausstellung am 1. April 1912 eröffnen werde.[29]

Ein detailliertes Verzeichnis der Arbeiten, die Lehmbruck für diese Ausstellung nach Hagen gesandt hat, ist nicht überliefert. Es existiert lediglich eine Preisliste mit einer vagen Nennung der betreffenden Arbeiten, die Anita Lehmbruck in Wilhelms Namen am 24. April 1912 an Osthaus geschickt hat.[30] Sie enthält folgende Angaben: „lebensgroßer Frauentorso M. 2000.-, weibl. Büste 1200.-, kl. Frauentorso 700.-, Bronce Sinnende 800.-, Oelskizze Composition 600.-, lebensgroß. Frauentorso Cementweiß 1800.-, groß. Carton, lieg. Weib 2000.-, Pilger 1800.-, große Pastellzeichg. Fries m. Frauen (früh. Sendung) 2000.-, Gemälde 3 Frauen (frühere Sendung) M. 2000.-, Radierungen, große Blätter à 60.-, Radierungen, kl. Blätter à 40.-.“

Mithilfe der eingangs zitierten Forschungsergebnisse von Schubert und Lahusen sowie unter Berücksichtigung weiterer Primärquellen lässt sich jedoch sehr genau bestimmen, welche Plastiken und Gemälde Lehmbruck in Hagen ausgestellt hat.[31] Ausgestellt waren die folgenden fünf Plastiken: die Kleine Sinnende in Bronze („Bronce Sinnende“) [ Abb. 1 ],[32] der Hagener Torso in Steinguss („kl. Frauentorso“), der nach Ausstellungsende in die Sammlung des Folkwang Museums einging [ Abb. 2 ],[33] die Büste Frau L. („weibl. Büste“) in Steinguss [ Abb. 3 ],[34] der Torso der Großen Stehenden („lebensgroßer Frauentorso“) in Bronze [ Abb. 4 ], der anschließend in der Sonderbundausstellung in Köln (25. Mai bis 30. September 1912) gezeigt wurde,[35] und der Torso der Knienden in Steinguss mit Gipsüberzug („lebensgroß. Frauentorso Cementweiß“) [ Abb. 5 ].[36] Die beiden letzten Plastiken standen stellvertretend für Lehmbrucks bis dato entstandene Hauptwerke. Ergänzend zeigte Lehmbruck ebenfalls fünf malerische Arbeiten: Pilger, Liegender weiblicher Akt, Frauenfries, Drei Frauen und Kleine Komposition, vierfigurig [ Abb. 610].[37]

Mit diesen Arbeiten hatte Lehmbruck eine hochkarätige Ausstellung seiner besten verfügbaren Werke zusammengestellt, die zugleich den Vorgaben von Osthaus entsprachen (keine Gipse, keine Großformate). Die ältesten ausgestellten Arbeiten waren gerade einmal zwei Jahre alt. In den Plastiken zeigte Lehmbruck eindrücklich die Entwicklung seines bildhauerischen Hauptthemas der Sinnenden, die den schönen Geist im schönen Körper – oder schlicht die Inkarnation der Schönheit ­ vorstellt; ausgehend vom Torso der Großen Stehenden [ Abb. 4 ] und der Büste Frau L. [ Abb. 3 ] von 1910 über die Kleine Sinnende [ Abb. 1 ] und den Hagener Torso [ Abb. 2 ] bis hin zum Torso der Knienden [ Abb. 5 ] von 1911. Darüber hinaus präsentierte Lehmbruck den Torso als avantgardistisches Bildhauersujet. Die ausgestellten Plastiken gaben einen hervorragenden Überblick: Erstens über die Kohärenz und Entwicklung in Lehmbrucks Werk seit seiner Übersiedelung nach Paris im Jahr 1910, zweitens über die für Sammler wie Osthaus interessanten kleineren Plastiken aus seinem Repertoire, welche formal und inhaltlich eng mit seinen beiden Hauptwerken Große Stehende und Kniende verwandt waren, und drittens über die ästhetische Wirkung der verschiedenen Materialien Bronze, Steinguss – und auch Gips (‚Haut‘ des Torsos der Knienden). Die begleitend ausgestellten Gemälde und Pastelle variierten mit ihren antikisierenden Akten und knienden bzw. liegenden Figuren ebenfalls die Themen von Lehmbrucks plastischen Hauptwerken. So erscheint die Große Stehende abgewandelt, aus verschiedenen Ansichten gesehen und in Gruppen arrangiert in Frauenfries, Drei Frauen und Kleine Komposition, vierfigurig [ Abb. 810 ], und die Kniende variiert der Pilger als männliche Figur [ Abb. 6 ] sowie der Liegende weibliche Akt als eine ins Querformat gekippte Figur [ Abb. 7 ], die im Hochformat ebenfalls eine Kniende zeigen würde.[38] Es ist davon auszugehen, dass auch die ausgestellten Radierungen Lehmbrucks plastisches Werk sinnfällig ergänzten. Wie diese exquisite Ausstellung von den Zeitgenossen aufgenommen wurde, wird später zu erörtern sein.

II.2. Schieles Werke in Hagen 1912

Mit Egon Schiele (Tulln 1890–1918 Wien) stand Karl Ernst Osthaus ebenfalls in Kontakt. Im Herbst 1910 besuchte Osthaus Schiele in Wien,[39] und von 1911 bis zu Schieles frühem Tod 1918 korrespondierten die beiden.[40] Dass Lehmbruck allerdings derjenige gewesen sei, der „Osthaus auf Schiele aufmerksam gemacht“ hatte, wie Thielemann 1981 in seinem eingangs zitierten Essay behauptete,[41] ist nicht nachweisbar. Vielmehr war es wohl Arthur Roessler (Wien 1877–1955 Wien), der seit 1905 als Kunstkritiker, Galeriedirektor, Verlagsleiter und Redakteur in Wien tätig war und Schiele seit 1909 durch die Vermittlung von Kontakten zu Sammlern, Galerien und Verlegern maßgeblich unterstützte.[42] Neben Schieles eigener Korrespondenz mit Osthaus, in der er den deutschen Musemsdirektor vornehmlich um Ankäufe seiner Bilder ersuchte,[43] belegt dies auch ein Brief von Schieles Galeristen Hans Goltz (Elbing 1873–1927 Baden-Baden) aus München, der Osthaus am 30. Oktober 1911 folgendes eröffnete: „Herr Arthur Roessler teilte mir mit, dass Sie beabsichtigen, eine Kollektiv Ausstellung [sic!] von Schiele zu arrangieren. Da ich die Vertretung dieses Künstlers für Deutschland ausübe, beehre ich mich[,] Ihnen folgenden Vorschlag zu machen. Ich sende Ihnen für den Monat Dezember eine Kollektion von ca. 50 Blättern Zeichnungen und Aquarellen und etwa 12 Gemälde. […] Sollte Ihnen der Dezember nicht zusagen, so wollen Sie mir bitte einen anderen Vorschlag machen.“[44] Osthaus antwortete Goltz bereits am Folgetag, dass er „im Prinzip geneigt“ sei, „eine Ausstellung von Werken Schieles zu veranstalten“; seine Ausstellungsplanung sei aber „bis einschließlich März bereits abgeschlossen“, so dass Schiele „frühestens im April in Betracht“ käme.[45] Er setze dabei aber voraus, „dass es sich nicht um allzu grosse und schwere Bilder handelt.“[46]

[...]


[1] Händler 1969, S. 40.

[2] Thielemann 1981, o. S.

[3] Schubert 1990 [11981], S. 318.

[4] Bornscheuer 2011, S. 24.

[5] Lahusen 1997, S. 98.

[6] Natter/Trummer 2006, S. 30.

[7] Dies ergab eine am 28.4.2015 an das Leopold Museum in Wien gestellte Leihanfrage. Den dortigen Kollegen Mag. Hans-Peter Wipplinger und Dr. Franz Smola sei dennoch herzlich für ihre große Hilfsbereitschaft gedankt.

[8] Dazu vgl. Erben 1971, S. 15f.

[9] An dieser Stelle danke ich Kornelia Kröber vom KEO-Archiv in Hagen herzlich für Ihre Unterstützung.

[10] Bornscheuer 2011, S. 20.

[11] Bornscheuer 2011, S. 47-48.

[12] Bornscheuer 2011, S. 21.

[13] KEO-Archiv, F2 994/3.

[14] In demselben Schreiben an Lehmbruck erwähnte Osthaus auch, dass ihm von der Großen Kunstausstellung aus Düsseldorf eine „zerbrochene Figur“ - vermutlich aus Gips – von Lehmbruck nach Hagen angeliefert worden sei, die schon in diesem Zustand aus Paris in Düsseldorf eingetroffen sei. Er schrieb Lehmbruck: „Ich weiss nun allerdings nicht recht, was ich mit der zerbrochenen Figur machen soll und bitte Sie, da der Platz im Museum sehr knapp ist, recht alsbald darüber zu verfügen.“ KEO-Archiv, Dokument F2 994/3.

[15] Die Große Stehende stellte Lehmbruck offenbar bis zur Kölner Sonderbund -Ausstellung, auf der sie erstmals in einer „Kunststein“-Version präsentiert wurde, in Gips aus (dieser befindet sich heute nach Schubert in einer New Yorker Privatsammlung); vgl. Schubert 2001, S. 192, Nr. 51. Dasselbe gilt für die Kniende; vgl. ebd., S. 237, Nr. 59.

[16] Bornscheuer 2011, S. 24.

[17] Brief vom 23.11.1912 von Lehmbruck aus Paris an Osthaus in Hagen, KEO-Archiv, F2 994/20.

[18] Vgl. den Brief von Osthaus an Lehmbruck vom 21.10.1911, KEO-Archiv, F2 994/5.

[19] Brief vom 25.10.1911 von Lehmbruck aus Paris an Osthaus in Hagen, KEO-Archiv, F2 994/6.

[20] Mück 2014, S. 130. Ebd. ist zu lesen, dass Lehmbruck und Osthaus bei einem Treffen „[…] zwischen dem 12. November und dem 13. Dezember 1911 […]“ Lehmbrucks Ausstellung „auf Februar 1912 terminiert“ hätten. Tatsächlich fand diese Terminierung aber nicht bei einem Treffen, sondern auf postalischem Wege statt, wie oben dargelegt wurde. Zur Hagener Ausstellung selbst wusste Mück überhaupt nichts zu berichten.

[21] Lahusen 1997, S. 98.

[22] Lahusen 1997, S. 98: „Lehmbruck war […] von diesem zarten, blonden Knaben so entzückt, dass er bat, sein Porträt machen zu dürfen. Er nahm den Knaben für einen Tag mit in sein Atelier und dort entstand das reizvolle Werk.‘“

[23] Weder in der Sammlung des Museums Folkwang in Essen (Auskunft von Dr. Jürgen Lechtreck, 31.5.2012) noch in derjenigen des Osthaus-Museums in Hagen (Auskunft von Dr. Birgit Schulte, 12.7.2012) ist eine Bronzeversion dieses Stückes überliefert.

[24] Siehe dazu unten, Anm. 33.

[25] Vgl. Schubert 1990 [11981], S. 318.

[26] KEO-Archiv, F2 994/19.

[27] KEO-Archiv, F2 994/13.

[28] Siehe dazu Stamm 2010, S. 38-39; ebd. ist eine historische Fotografie der Ausstellung abgebildet.

[29] KEO-Archiv, F 2 994/13.

[30] KEO-Archiv, F2 994/16.

[31] Siehe oben, S. 4.

[32] Schubert 2001, S. 208, Nr. 55. Möglicherweise handelte es sich um die heute in Halle befindliche Bronze; gelistet in Schubert 2001, S. 212, B. a. 1.

[33] Schubert 2001, S. 220, Nr. 56, Abb. 189. Den bereits in ihrem Besitz befindlichen Gips des Hagener Torsos wollte Gertrud Osthaus anlässlich der Auflösung von Lehmbrucks Ausstellung in Hagen gegen den - weniger fragilen - Steinguss tauschen, vgl. KEO-Archiv, F2 994/17.

[34] Lehmbruck präzisierte dies in einer Postkarte aus Rom vom 7.5.1912 an Osthaus; KEO-Archiv, F2 994/20. In ihrer Rekonstruktion der Sonderbundausstellung 1912 listete Schäfer 2012 hingegen den Marmor auf, vgl. ebd., S. 612, Nr. 601A.

[35] Am 2.3.1912 schreibt Osthaus aus Hagen an Lehmbruck in Paris, dass „die Broncen“ noch nicht eingetroffen wären; KEO-Archiv, F2 994/12. Also dürfte neben der Bronze der Kleinen Sinnenden mindestens noch eine weitere Bronze für die Ausstellung vorgesehen gewesen sein. Für die Hagener Ausstellung käme nach dem Ausschlusskriterium nur noch der Torso der Großen Stehenden in Frage, von dem knapp drei Wochen später auch die Bronzeversion in der Kölner Sonderbundausstellung gezeigt wurde; vgl. Schäfer 2012, S. 612, Nr. 601. Entsprechend schrieb Lehmbruck am 7.5.1912 aus Rom an Osthaus in Hagen, dass seine Plastiken – bis auf wenige Ausnahmen – nach Ausstellungsende in Hagen weiter nach Köln zur Sonderbundausstellung geschickt werden sollen; KEO-Archiv, F 2 994/20.

[36] Schubert 2001, S. 241, Nr. 60, Abb. 247.

[37] Lahusen 1997, S. 98.

[38] Siehe dazu Bornscheuer 2011, S. 41.

[39] Undatierter Brief von Schiele aus Wien an Osthaus in Hagen, inhaltlich auf März 1910 datiert; vgl. Egon Schiele Datenbank der Autographen, Wien 2010, ID 165.

[40] Hesse-Frielinghaus 1971, S. 217.

[41] Siehe oben, S. 3.

[42] Bisanz 1992, S. 178.

[43] Hesse-Frielinghaus 1971, S. 217.

[44] KEO-Archiv, F1 685/1. Roessler hatte Goltz am 26.10.1911 angeschrieben und informiert, dass Osthaus „in seinem Museum eine Kollektivausstellung von Schiele zu arrangieren beabsichtige.“ Roessler empfahl: „[…] setzen Sie sich wegen dieser Angelegenheit mit Herrn Osthaus direkt in Verbindung“, und lockte Goltz mit folgender Überlegung: „Damit wäre der Anfang der Vertretung Schieles durch Sie für Deutschland gemacht.“ Verbleib des Briefes unbekannt, zitiert nach: Egon Schiele Datenbank der Autographen, Wien 2010, ID: 400. „Kollektiv-Ausstellung“ meinte damals lediglich die Ausstellung mehrerer Gemälde und wurde auch als Begriff für monographische Ausstellung verwendet, wie beispielsweise für Schieles Einzelausstellung in der Galerie Goltz in München 1913; vgl. dazu Smola 2011, S. 41.

[45] KEO-Archiv, F1 685/2.

[46] KEO-Archiv, F1 685/2.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Lehmbruck und Egon Schiele. Die Rekonstruktion der Ausstellung im Hagener Folkwang Museum 1912 und weiterführende Überlegungen
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V311206
ISBN (eBook)
9783668099531
ISBN (Buch)
9783668099548
Dateigröße
4090 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wilhelm, lehmbruck, egon, schiele, rekonstruktion, ausstellung, hagener, folkwang, museum, überlegungen
Arbeit zitieren
Dr. Marion Bornscheuer (Autor), 2015, Wilhelm Lehmbruck und Egon Schiele. Die Rekonstruktion der Ausstellung im Hagener Folkwang Museum 1912 und weiterführende Überlegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311206

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wilhelm Lehmbruck und Egon Schiele. Die Rekonstruktion der Ausstellung im Hagener Folkwang Museum 1912 und weiterführende Überlegungen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden