Aggression in der Pflege. Aggressionsformen auf einer psychiatrischen Station und ihre Ursachen


Hausarbeit, 1999

32 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffe
2.1 Aggression
2.2 Gewalt
2.3 Ärger, Wut, Zorn und Haß

3 Falldarstellung

4 Aggressionstheorien
4.1 Triebtheorien
4.1.1 Psychoanalytische Triebtheorien
4.1.2 Ethologische Triebtheorie
4.2 Frustrations-Aggressions-Theorie
4.3 Lerntheorien
4.3.1 Klassisches Konditionieren
4.3.2 Operantes Konditionieren
4.3.3 Kognitive Lerntheorie
4.3.4 Psychoanalyse

5 Aspekte zur Entwicklung aggressiven Verhaltens

6 Theoretische Bewertung der Falldarstellung

7 Aspekte zur Pflege im Umgang mit aggressiven Patienten

8 Schlußbemerkungen

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein Blick in das Herkunftswörterbuch (vgl. Duden Band 7 1989, S. 23 f.) verrät Aggression als „kriegerischen Angriff“. Aggression ist gleichbedeutend mit dem lateinischen aggressio aus dem 18. Jh., welches sich wiederum aus dem lateinischen aggredi „heranschreiten; angreifen“ ableitet, wobei das lateinische ad für „heran, hinzu“ und das lateinische gradi für „schreiten, gehen“ steht. Während der Aggressor „Angreifer“ dem 17. Jh. zuzuordnen ist, entstammt aggressiv „angriffslustig, herausfordernd“ dem 19. Jh. als neulateinische Bildung.

Der Verfasser (d.Verf.) muß gestehen, daß er erst ausreichend persönliche Erfahrungen im Umgang mit der Aggression einfangen mußte, um den Versuch einer gezielteren Annährung an dieses so komplexe Thema zu unternehmen.

Seit 1980 haben Aggressionen in der stationären psychiatrischen Arbeit mehr und weniger zum Alltag gehört. Doch vieles davon ist unreflektiert geblieben, so daß der Begriff Aggression unscharf und emotional eher negativ besetzt geblieben ist.

Doch muß dies so bleiben? Was verbirgt sich hinter diesem Begriff eigentlich, was ist der Sinn? Ist nur der psychisch kranke Mensch aggressiv oder sind es nicht auch die psychiatrisch Tätigen? Kommt es nicht häufig zu Mißverständnissen? Wird Aggression zu oft mit Ärger oder Wut verwechselt? Ist Aggression mit der Gewalt gleichzusetzen? Fragen, die mich seit Jahren begleiten und beschäftigen!

Zunächst sollen einige Begriffe erläutert werden. Es folgen eine persönlich erlebte Fallgeschichte sowie ein Kapitel über Aggressionstheorien. Anschließend möchte d. Verf. eine Bewertung der Falldarstellung versuchen. Den Aspekten zur Pflege im Umgang mit aggressiven Patienten soll abschließend eine Schlußbetrachtung zum Thema folgen.

2 begriffe

2.1 Aggression

Die Aggression stellt sich als ein Problem dar, solange es Menschen gibt. Schon das alte Testament gibt zahlreiche Schilderungen und Beispiele von indirekten und direkten Aggressionen bis hin zum Brudermord von Kain an Abel (vgl. SELG et al. 1997, S. 1 f.).

Immer wieder haben Wissenschaftler Aggression unterschiedlich bewertet und gewichtet, so daß der Terminus eine immer weitere Ausdehnung erfahren hat.

In der Sportberichterstattung, z.B. über Fußball und Boxen erfährt man oft nur relativ wenig über menschliche Fähigkeiten eines einzelnen Sportlers, sondern meist nur Ausschnitte darüber, wer wen im Strafraum aggressiv gefoult hat oder in den ersten Runden zu Boden geschlagen hat. Der Sieger siegt, weil er halt gehörig aggressiv aufgetreten ist.

Die Rockmusik der 70er Jahre hinterließ bei den Eltern d. Verf. stets einen wüsten und aggressiven Eindruck.

Aber reicht das für eine Beschreibung aus?

Es wird oft behauptet, auch in der Aggressionsforschung gebe es keine befriedigende Definition von Aggression (vgl. SEL et al. 1997, S. 3 f.).

Sicherlich wird Forschung und Wissenschaft aber immer wieder der Situation ausgesetzt sein, nie zu jeder Zeit auf relevante Begriffe so zu antworten, daß jeweils ein Höchstmaß an Befriedigung und „endgültiger“ Definition herauskäme. Begriffe und deren Definitionen sind immer auch Konstrukte, die weiter entwickelbar bleiben müssen. Denn was gestern noch brauchbar und nützlich gewesen ist, kann morgen schon wieder neu oder anders gestellten Fragen nicht mehr genügen. Wissenschaft und Forschung sollten nicht durch Dogma und Starre charakteristisch sein, sondern sich offen, aber präzise, durchlässig und doch grenzenaufzeigend darstellen.

Von den meisten Begriffen darf man wohl auch nicht die Definition erwarten, sondern meistens den Stand derzeitiger Forschung.

Selg hält an seiner bereits 1968 formulierten Umschreibung von Aggression fest:

„Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize; eine Aggression kann offen oder verdeckt, sie kann positiv oder negativ sein.“ (vgl. Selg et al. 1997, S. 4 f.)

Selg möchte die Aggression als einen Beurteilungs- und nicht als Beschreibungsbegriff verstanden wissen (vgl. Selg et al. 1997, S. 15 f.).

Für ihn kann Aggression körperlich und/oder verbal, aber auch phantasiert, von der Kultur ge- und mißbilligt in Erscheinung treten. Aggression umschreibt auch Ärger erregende Verhaltensweisen wie beleidigende und Schmerz zufügende.

Mit Aggression ist kein Affekt gemeint, sondern ein Verhalten ohne Spekulationen über mögliche Ursachen.

Danach paßt es nicht, zu sagen, der Patient X habe Aggressionen, wo er Zorn oder Wut verspüre, um daraufhin zu joggen. Patient Z reagiere Aggressionen ab, wäre in diesem Sinne ebenfalls unpassend. Es paßt aber zu sagen, Patient Z reagiere konkret seinen Ärger ab (vgl. Selg et al. 1997, S. 4 f.).

Wenn d. Verf. einen Teil der letzten Urlaubsfotos (zu verstehen als Organismussurrogat) zerreißt, geschieht dies nicht in einer aggressiven Handlung, sondern er hält die Bilder für nicht aufhebenswert.

Als gestern der Stadtbus in der Kurve scharf bremsen mußte, wurden einige Fahrgäste mit Stehplatz unangenehm von dahinterstehenden angerempelt. Dies geschah nicht zielgerichtet in aggressiver Weise, obwohl dies zunächst von einigen betroffenen Fahrgästen so erlebt wurde.

Aggressives Verhalten sollte also nur als solches bezeichnet werden, wenn schädigende Reize auf einen Organismus bzw. ein Organismussurrogat einwirken und das Verhalten als (wissenschaftlich begründet) zielgerichtet interpretiert werden kann: nicht jedoch vom Opfer oder Täter (vgl. Selg et al. 1997, S. 7 f.).

2.2 Gewalt

Die Begriffe Gewalt und Aggression werden oft in enger Verbindung miteinander genannt. Auch in der psychiatrischen Arbeit hat d. Verf. wenig saubere begriffliche Trennung erleben können.

In Verbindung mit Aggression rezipieren wir fast täglich über Gewalt aus den Medien.

Das Herkunftswörterbuch beschreibt das Wort Gewalt u.a. als abgeleitet von gewaltig „mächtig, außerordentlich groß oder stark“, dem mhd. gewaltec und dem ahd. giwaltig entsprechend (vgl. Duden Band 7 1989, S. 239 f.).

Die Begriffe Gewalt und Aggression teilen miteinander, daß viele jeweils vieles darunter verstehen. So hat Galtung („strukturelle Gewalt“) Gewalt zum Gegenspieler für Frieden aufgebaut und Voraussetzungen beschrieben. Gewalt wird weiterhin in Verbindung zu physischer Gewalt gebracht. Und als gewalttätig wird ein Vater gegenüber seinem kleinen Sohn gesehen – nicht umgekehrt. Attentate z.B. gegen herrschaftliche Despoten waren gewalttätig, werden aber im Nachhinein als nicht ausreichend gewalttätig genug begriffen – jedoch toleriert.

Die Begriffe Aggression und Gewalt bedürfen auch der Befreiung vom Beigeschmack des Unrechtmäßigen und Bösen (vgl. Selg et al. 1997, S. 8 f.).

2.3 Ärger, Wut, Zorn und Haß

Aggresssions-affine Gefühle sind Ärger, Wut und Zorn, die im direkten Umfeld von Aggressionen anzutreffen sind.

Sogenannte kalte Aggressionen sind aber auch ohne diese Emotionen denkbar (vgl. Selg et al. 1997, S. 8 f.). Man kann seinen Ärger auch „runterschlucken“, weil man sich, stets objektbezogen, über etwas oder wen, ärgert.

Da jetzt schon ein neuer Tag angebrochen ist, ärgert sich d. Verf. darüber, daß er mit Telefonaten am vorangegangenen Abend Zeit für die Hausarbeit verschenkt hat.

Aggression als Hindernisbeseitigung ist in dieser Situation fehlangebracht; eine Problemlösung ist angezeigt. Die Zeit (Hindernis) ist vergangen und es muß künftig aufgepaßt werden, die zur Verfügung stehende Zeit so einzuteilen, damit sich aus dem Ärger keine Bedrohung mit sich anschließend ergebener Furcht entwickelt. Dann wäre die Motivation zur Flucht (vor der Aufgabe) gegeben.

Ärger zählt wie Freude oder Überraschung zu den Primäremotionen. Ärger ist mehr als ein unangenehmes Gefühl. Ärger ist sogar nützlich, wenn über deren Auslöser (Motiv) reflektiert wird. Wenn z.B. anschließend darüber gesprochen und damit möglicherweise der Ärger „bereinigt“ wird. Denn dann entsteht über den erlebten Ärger und dessen Motiv Handlung und damit auch problemlösendes Handeln und die Chance für Veränderung.

Die Reaktion auf Ärger und Aggression ist sowohl angeboren angelegt als auch auslösbar durch Behinderung oder Blockierung. Wir können damit konstruktiv wie destruktiv umzugehen lernen (vgl. Selg et al. 1997, S. 8 f. und Heinemann 1996, S. 34 f.).

Ärger und Wut sind eng miteinander verbunden. Wut ist spontaner, weniger begleitet von Kognition und Reflexivität. Der Erregungsgrad ist höher, die Aggression näher. Wir reden über und hören von „blinder Wut“.

Wird die Wut auch Tieren zugesprochen, erweist sich der Zorn als überaus menschlich: z.B. bei Normverletzungen muß der Zornige nicht Opfer der verletzten Norm sein (vgl. Selg et al. 1997, S. 10 f.).

Haß hingegen wird als intensive und langandauernde Einstellung beschrieben.

Haß etwa zwischen Fangruppen in einem Fußballstadion kann die gegenseitige Vernichtung zum Ziel haben; dann wird das personale Objekt gesichtslos.

3 Falldarstellung

Es ist Anfang Dezember und der Winter scheint noch nicht in Sicht. Ein ganz normaler Spätdienst, an einem ganz normalen Wochentag.

Heute kam bislang noch kein Patient zur Aufnahme und hausintern ist auch niemand zur Verlegung auf die offene allgemeinpsychiatrische Station angekündigt. Während der Dienstübergabe wird nichts wesentlich Neues geschildert.

Besorgnis wird allerdings, wie in den Tagen zuvor, über Herrn G. geäußert: er sei komisch und gereizt. Das Pflegeteam nimmt dies zur Kenntnis. Primär eine medikamentöse Frage?

Herr G. ist vor knapp 1,5 Jahrzehnten erstmalig an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Bevor dies jedoch eruiert wurde, befand er sich schon in Untersuchungshaft. Die Polizei hatte ihn seinerzeit mit einem Messer in der Hand fuchtelnd in der belebten Fußgängerzone einer niedersächsischen Kleinstadt festgenommen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Aggression in der Pflege. Aggressionsformen auf einer psychiatrischen Station und ihre Ursachen
Hochschule
Hochschule Hannover  (Studiengang Pflegemanagement)
Veranstaltung
Umgang mit Gefühlen
Note
gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
32
Katalognummer
V3113
ISBN (eBook)
9783638118811
ISBN (Buch)
9783638638012
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggression, Pflege, Welche, Aggressionsformen, Station, Ursachen, Umgang, Gefühlen
Arbeit zitieren
Dipl.-Pflegew. (FH) Peter Harms (Autor), 1999, Aggression in der Pflege. Aggressionsformen auf einer psychiatrischen Station und ihre Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3113

Kommentare

  • Gast am 14.7.2004

    Prävention Handlungskompetenz Deeskalation.

    In der heutigen Zeit in einem Krankenhaus zu arbeiten, bedeutet oftmals mit einem Maximum an verschiedensten Belastungen konfrontiert zu werden. Dies gilt in besonderem Maße für alle in der Psychiatrie Tätigen. Schwierige Krankheitsbilder, leere Kassen und eine kontinuierliche Überbelegung der Stationen sind an der Tagesordnung. Kürzere Verweildauern und eine damit einhergehende stärkere Frequentierung bewirken ein Übriges, um die Streßbelastung der Mitarbeiter in die Höhe zu treiben. Dem gegenüber steht zumeist eine hohe Erwartungshaltung seitens der Patienten, ihrer Angehörigen und der Kostenträger an die Behandler. Kommt es dann zu Situationen mit hohem Eskalationspotential, so fehlt es häufig an der angemessenen Handlungskompetenz. Viele Handlungsrezepte oder so. Präventivtechniken greifen nicht, weil sie nicht ressourcenorientiert, d.h. auf die Einzelperson bezogen angelegt sind, sondern lediglich Verhaltensvorschläge beinhalten. Diese mögen objektiv anwendbar erscheinen, sind jedoch subjektiv nicht umsetzbar. Gerade in der Behandlung / Pflege psychisch kranker Menschen ist der Interaktionsstil von zentraler Bedeutung um Eskalationen oder Übergriffe zu verhindern. Umso wichtiger ist es, die eigenen Impulse steuern zu können um handlungsfähig zu bleiben, denn Gewalt ist nicht kontrollierbar, Sie selbst aber schon!
    Unseres Erachtens nach ist es wichtig, die Behandler in den Bereichen Fachkompetenz, Handlungskompetenz und Sozialkompenz der Gewaltprävention zu sensibilisieren. Dies bedeutet konsequenterweise einen Handlungsplan v o r der Krise zu entwickeln. Krisenmanagement trägt immer nur die Spitze des Eisberges ab.
    Gewalt entsteht seltenst aus dem "Nichts" heraus. Sie ist immer ein multifaktorielles Zusammenspiel von emotionalen und rationalen Bewertungssystemen. Neueste Untersuchungen belegen eindeutig : In den meisten Fällen geht der Eskalation ( und damit häufig dem Übergriff) ein Konflikt mit dem Personal der betreffenden Station voraus. Dies bedeutet dass wir als Personal immer mitbeteiligt sind an Konfliktentstehungen und -verläufen. Was liegt da näher als den eigenen Interaktionsstil hinsichtlich deeskalativer Kompetenzen zu hinterfragen oder upzugraden? Da Eskalationen / potentielle Patientenübergriffe nicht zu unserem Berufsalltag gehören sondern Ausnahme- oder spezielle Situationen darstellen, benötigen wir eben auch spezielle Instrumente um diesen Anforderungen begegnen zu können. Hier bietet unseres Erachtens nach das Modell der ESUS effiziente Ansätze. Der Ansatz entstand in Abstimmung mit dem Max-Planck-Institut München, dort Herrn Prof.Dr.mult. J.J. Brengelmann und setzt auf die frühstmögliche Reflexion und Bewertung eigener Verhaltensweisen und Betroffenheit in solchen Situationen. Laufende Untersuchungen dieses Modells belegen einen hohen Transfergehalt sowie die besondere Geeignetheit als umsetzbare Praxislösung. Wir beantworten gerne Fragen zu diesem Themenkomplex - fr

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