Das Konflikthandeln deutscher Gewerkschaften nach 1945


Seminararbeit, 2004
18 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Selbstverständnis deutscher Gewerkschaften

III. Der Arbeitskampf als Bereich gewerkschaftlichen Konflikthandelns

IV. Die Mitbestimmung als Bereich gewerkschaftlichen Konflikthandelns

V. Die Gewerkschaften im Kontext Dahrendorfs Theorie des sozialen Konflikts

VI. Schluss

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Entstehung industrieller Arbeitsverhältnisse folgte in der mehr und mehr industriell geprägten Gesellschaft das Herausbilden zweier großer Gruppen: die der Unternehmer, die die industriellen Produktionsmittel besaß und die der Arbeiterschaft, die sich auf Grund ihrer Besitzlosigkeit an industriellen Produktionsmitteln in ein Abhängigkeitsverhältnis zu der Gruppe der Unternehmer begab. Dieses Verhältnis war stets von Konflikten geprägt, die jedoch über die Jahrhunderte in Form und Intensität stark variierten.

Zu Beginn möchte ich den Begriff des Konfliktes und in seiner weiteren Spezifikation den Begriff des sozialen Konfliktes definieren. Dahrendorf äußert sich zum Begriff des Konflikts wie folgt: „Der Begriff des Konfliktes soll zunächst jede Beziehung von Elementen bezeichnen, die sich durch objektive (latente) oder subjektive (manifeste) Gegensätzlichkeiten kennzeichnen lässt.“ Ein Konflikt ist laut Dahrendorf nur dann sozial, „wenn er sich aus der Struktur sozialer Einheiten ableiten lässt, also überindividuell ist.“ Konflikte treffen wir überall dort an, wo menschliche Gesellschaften bestehen. Gesellschaften sind somit ein Austragungsort zahlreicher sozialer Konflikte.

Eine Art von sozialem Konflikt sind, wie bereits angesprochen, die Auseinandersetzungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften.[1] Der Zusammenschluss von Arbeitnehmern zu Gewerkschaften, um mittels dieser höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, führt zu Interessensgegensätzen mit den betroffenen Arbeitgebern. Dieser entstandene Konflikt ist nicht antagonistisch, da beide Seiten an der Vermeidung von Arbeitskämpfen interessiert sind, da diese die betroffenen Unternehmen ruinieren könnten. Mittels Tarifverhandlungen, bei denen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften gegenüberstehen, wird sodann ein Konsens gesucht. Der Prozess der Konsensfindung kann jedoch mitunter auch von Arbeitskämpfen begleitet sein.[2]

Die große Bedeutung des Konflikts zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern für die deutsche Gesellschaft wird an Hand einer Studie von Euromodul aus den Jahren 1999 und 2000 deutlich bei der 1000-2000 Personen in Ost- und Westdeutschland nach ihrer Wahrnehmung von sozialen Konflikten befragt wurden. 38% der Westdeutschen Befragten und 49% der Ostdeutschen Befragten gaben hierbei starke oder sehr starke Konflikte zwischen Management und Arbeitern an.[3]

Mit meiner Arbeit möchte ich die Austragungsmuster des sozialen Konflikts zwischen „Kapital und Arbeit“, d.h. zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften in Form von Arbeitskampf und betrieblicher Mitbestimmung aus der Sicht der Gewerkschaften näher untersuchen. Da die Tarifautonomie erst ab 1949 gesetzlich festgeschrieben wurde und die Gewerkschaften auch erst ab diesem Zeitraum ihr Interesse der betrieblichen Mitbestimmung zuwandten[4], werde ich den Untersuchungszeitraum auf die Zeit nach 1949 beschränken. Zuvor werde ich jedoch auf das Selbstverständnis der Gewerkschaften und auf ihre ideologische Sichtweise eingehen. Danach möchte ich das gewerkschaftliche Konflikthandeln am Beispiel der Mitbestimmung und des Arbeitskampfs näher untersuchen. Abschließend, bevor ich zur Zusammenfassung komme, werde ich noch die Gewerkschaften im Kontext Dahrendorfs Theorie des sozialen Konflikts betrachten.

II. Das Selbstverständnis deutscher Gewerkschaften

Dieses Kapitel wird sich mit der näheren Betrachtung des Selbstverständnisses und der politischen Orientierung der Gewerkschaften beschäftigen. Dies ist in sofern von Bedeutung, da das Selbstverständnis und die politische Orientierung der Gewerkschaften ihr Konflikthandeln determinieren. Vor diesem Hintergrund sind meine späteren Ausführungen besser verständlich.

Anlässlich der Gründung des DGB 1949 wurde ein Grundsatzprogramm mit folgenden Kernforderungen verabschiedet: zentrale wirtschaftliche Planung, Mitbestimmung der organisierten Arbeitnehmer, Überführung des Schlüsselindustrien in Gemeineigentum und soziale Gerechtigkeit durch angemessene Beteiligung aller Arbeitnehmer am volkswirtschaftlichen Gesamtertrag. Diese programmatischen Aussagen bekräftigten auch in der neu gegründeten BRD das enge Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie. Viele sahen und einige wenige Traditionalisten sehen auch heute noch die Sozialdemokratie als den parteipolitischen und den DGB als den sozialpolitischen Arm der Arbeiterbewegung.[5] Über die Jahre wurde dieses Bündnis jedoch beiderseits schrittweise gelockert. Die SPD begann sich weiter zur Mitte hin zu orientieren um neue Wählerschichten zu erschließen und die Gewerkschaften begannen ihrerseits von alten Positionen abzuweichen um neue Mitglieder, die sich vor allem aus dem Kreis der Angestellten rekrutierten, zu gewinnen. An der Nähe der Gewerkschaften zur SPD zeigt sich jedoch auch die in der BRD weitaus größer ausgeprägte Ablehnung der Gewerkschaften gegenüber marxistischem und klassenkämpferischen Gedankengut als z.B. in Italien oder Frankreich.

Genauso wie das Verhältnis der Gewerkschaften zur Soziademokratie nach dem zweiten Weltkrieg das selbe war, erfolgte nach dem Krieg auch kein großer Wandel im Bewußtsein der Gewerkschaften. Von der Vorstellung der Notwendigkeit einer Revolution und der damit einhergehenden Beseitigung der bestehenden Machtverhältnisse war man schon vor dem ersten Weltkrieg abgekommen und, wie oben bereits angesprochen, lebten solche Vorstellungen auch in der BRD nicht wieder auf. Die Gewerkschaften sahen schon lange vor 1945 die Demokratie als Grundstein ihrer Politik an und kreierten die Idee von der Demokratisierung der Wirtschaft, d.h. sie forderten die Übertragung parlamentarischer Methoden auf die Wirtschaft. „Der demokratische Staat war für sie die notwendige Voraussetzung für eine Demokratisierung der Gesellschaft.“[6] Die Geschichte hatte die Gewerkschaften gelehrt, dass politische Demokratisierung auch ohne die Erhebung der Arbeiterschaft zur herrschenden Klasse möglich ist und zugleich aber auch, dass politische Demokratie für die Arbeiterschaft keineswegs Befreiung aus der wirtschaftlichen Unfreiheit bedeutet. In der Vorstellung der Gewerkschaften sollte somit die politische Demokratie durch wirtschaftliche Demokratie ergänzt werden. Das Grundsatzprogramm des DGB von 1949 war im Grunde genommen ein Postulat für die Wirtschaftsdemokratie. Mit dem Gewerkschaftsprogramm von 1963 fand jedoch eine Abkehr von der Idee der Wirtschaftsdemokratie statt. Man wollte nun nicht mehr die Demokratie im Sinne der Arbeiterschaft transformieren, sondern man strebte die Beseitigung der vorhandenen Ungleichheiten der Machtverteilung im bereits bestehenden demokratischen Rahmen an.[7] In diesem Sinne verstehen sich die Gewerkschaften als Integrationsfaktor der Demokratie, denn „ohne die Integrierung der Arbeitnehmer ist eine lebendige demokratische Ordnung nicht denkbar.“[8]

Neben dem Verhältnis zur Sozialdemokratie und der wirtschaftspolitischen Einstellung der Gewerkschaften gibt es einen dritten wichtigen Bereich des Selbstverständnisses der Gewerkschaften, nämlich die politische Haltung ihrer Mitglieder. Bei einer Untersuchung zu der politischen Einstellung von Gewerkschaftsmitgliedern konnte Klaus Armigeon das Bild des klassenkämpferischen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiters der 70 Jahre und das des Gewerkschaftsmitglieds der 90er, das sich nicht mehr von seinen unorganisierten Kollegen unterscheidet, als einen Mythos entlarven. Die Selbstverortung von gewerkschaftlich organisierten und nicht organisierten Arbeitern auf einer zehnpoligen Links-Rechts-Skala zeigte in den 70er Jahren ein ähnliches Bild, wie bei Untersuchungen von Klaus Armigeon in den 90er Jahren. In den 70er Jahren erreichten bei dieser Untersuchung organisierte Arbeiter einen Mittelwert von 4,7, nicht organisierte Arbeiter einen Mittelwert von 5,2. In den 90ern ergab sich ein ähnliches Bild. Diese Untersuchung zeigt, dass sich die politische Verortung der Gewerkschaften in den letzten dreißig Jahren kaum verändert hat. Überdies wird deutlich, dass gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und somit auch die Gewerkschaften selbst nicht als besonders links einzustufen waren und es auch heute nicht sind.[9]

III. Der Arbeitskampf als Bereich gewerkschaftlichen Konflikthandelns

Neben der Mitbestimmung ist die Tarifpolitik das zweite große Aktionsfeld der Gewerkschaften. Mittels Gesetz wurde in der BRD die Tarifautonomie der Tarifpartner - Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände - festgeschrieben. Dies bedeutet, dass allein die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände ohne Zutun des Staates mittels Tarifverträge die Arbeitsbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln.[10]

Das Mittel des Arbeitskampfs ist die stärkste Waffe der Gewerkschaften zur Durchsetzung ihrer Interessen während Tarifverhandlungen. Als Arbeitskampf bezeichnet man „eine von Arbeitnehmer- oder Arbeitgeberseite gezielt vorgenommene Störung des regulären, vertraglich vereinbarten Arbeits- und Wirtschaftsablaufs, um v.a. bei Tarifverhandlungen auf die jeweils andere Seite Druck auszuüben“. Streik, Aussperrung und Boykott sind die möglichen Erscheinungsformen des Arbeitskampfs. Das Streikrecht ist im Rahmen der Tarifautonomie verfassungsrechtlich garantiert. Für die Dauer eines Streiks sind sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber von ihren aus den Arbeitsverträgen resultierenden Rechten und Pflichten entbunden. Der Streik ist jedoch auch gewissen gesetzlichen Voraussetzungen unterworfen: So muss er von einer Gewerkschaft geführt werden, er muss gegen den Tarifpartner gerichtet sein, er muss ein tariflich regelbares Ziel haben, ausserdem muss er dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz entsprechen und er darf nur als sogenannte Ultima Ratio eingesetzt werden.[11]

[...]


[1] Vgl. Dahrendorf, Ralf; Elemente einer Theorie des sozialen Konflikts. In: Ders. Konflikt und Freiheit. München 1972. S.21-24.

[2] Reinhold, Gerd (Hrsg.), Soziologie-Lexikon, 4.Aufl., München; Wien; Oldenbourg 2000.

[3] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.); Datenreport 2002, Zahlen und Fakten über die BRD; 2.Auflage; Bonn 2002. S.624 f

[4] Vgl. Schlaffke, Winfried (Hrsg.); Gewerkschaft und Gesellschaft; Köln 1982. S.13

[5] Vgl. Schlaffke, Winfried (Hrsg.); Gewerkschaft und Gesellschaft; Köln 1982. S. 57-60.

[6] Vgl. Leminsky, Gerhard; Wandel gewerkschaftlicher Strategien nach dem 2. Weltkrieg; In: IG Metall Vorstand (Hrsg.); Vereinbarung über Zusammenarbeit - Ringvorlesung 1980/81 Funktion und Probleme der Gewerkschaften in der Industriegesellschaft; Frankfurt a.M., 1981. S.21

[7] Vgl. Thomssen, Wike; Wirtschaftliche Mitbestimmung und sozialer Konflikt; Neuwied, Berlin 1970. S.13-16

[8] DGB Bundesvorstand (Hrsg.); Grundsatzprogramm des DGB von 1963. S.4

[9] Armigeon, Klaus; Auf dem Weg zur entpolitisierten Gewerkschaft? In: Gewerkschaftliche Monatshefte 1/98. S.18-25

[10] Vgl. Schmidt, Manfred G., Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995.

[11] Hohlstein, Michael; Pflugmann, Barbara; Sperber, Herbert; Sprink, Joachim; Lexikon der Volkswirtschaft, 2. Auflage, München 2003.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Konflikthandeln deutscher Gewerkschaften nach 1945
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Soziologisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar "Sozialer Konflikt"
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V31137
ISBN (eBook)
9783638322287
ISBN (Buch)
9783638748636
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikthandeln, Gewerkschaften, Proseminar, Sozialer, Konflikt
Arbeit zitieren
Marco Sonnberger (Autor), 2004, Das Konflikthandeln deutscher Gewerkschaften nach 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31137

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