In dem Unterricht, den ich selbst als Schülerin erlebt habe, gab es keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema Tod und Sterben, bzw. mit Sterbehilfe. Von Sterbehilfe habe das erste Mal bewusst gehört, als sich Kommilitonen vor geschätzt vier Jahren darüber unterhalten haben, dass sie eine Dokumentation über einen psychisch kranken Schweizer gesehen haben, der sich mit Hilfe einer Organisation das Leben nehmen wollte und sich dabei hat begleiten lassen. Von der Erzählung schockiert und doch in einer Weise neugierig, habe ich mir diese Dokumentation im Internet angesehen. Da psychische Erkrankungen für geistig Gesunde nur schwer vorstellbar sind und ich in meinem sozialen Umfeld keinerlei Erfahrung mit diesen Erkrankungen habe, war ich sehr schockiert über die Entscheidung des körperlich fast gesunden Mannes im Alter von Mitte 50. Ich habe mir noch lange Zeit Gedanken darum gemacht. Auch wenn ich heute noch darüber nachdenke, fällt es mir schwer, für exakt diesen Fall Verständnis aufzubringen. Dazu kommt, dass vor zwei Jahren ein Bekannter einer guten Freundin aufgrund seiner psychischen Erkrankung Suizid begangen hat. Das hat mich (trotz dass ich ihn nicht persönlich kannte) sehr mitgenommen. Prinzipiell fühle ich mich, wie vermutlich viele Menschen, eher hilflos und ratlos, wenn es um das Thema Tod und Sterben geht.
Kurz vor der Unterrichtsvorbereitung ging der Fall der US-Amerikanerin Brittany Maynard durch die Medien. Die 29-jährige hatte einige Monate zuvor die Diagnose eines tödlichen verlaufenden Gehirntumors bekommen und ihren Plan, mit Hilfe einer Organisation von Sterbehilfe Gebrauch zu machen, öffentlich gemacht. Für ihren Fall kann ich viel Verständnis aufbringen, da sie wenige Wochen oder Monate später an ihrer Krankheit gestorben wäre. Ich weiß nicht, wie ich in einer ähnlichen Situation entscheiden würde.
Entsprechend der kaum vorhandenen Erfahrung mit diesem Thema, ist die Planung und Ausarbeitung dieser Unterrichtseinheit meine erste richtige und theoretisch fundierte Auseinandersetzung mit der Thematik zur Sterbehilfe.
Inhaltsverzeichnis
1. Persönliche Begegnung
2. Analyse des didaktischen Bedingungsfeldes
2.1 Situation der Schule
2.2 Situation der Klasse
2.3 Vorhergehender Unterricht
2.4 Beobachtung zu einzelnen Schüler*innen
3. Theologische Orientierung
4.1 Didaktische Orientierung
4.2 Didaktische Entscheidung / Lernziele
4.3 Methodische Entscheidung
4.4 Verlaufsplan
5. Kritische Reflexion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Hauptseminararbeit zielt darauf ab, angehende Sozialhelfer in der Berufsfachschule für Sozial- und Gesundheitswesen theoretisch und praktisch auf den professionellen Umgang mit dem sensiblen Thema Tod und Sterbehilfe vorzubereiten, insbesondere im Hinblick auf ihre bevorstehenden Praktika in Pflegeeinrichtungen.
- Grundlagen und rechtliche Einordnung verschiedener Sterbehilfeformen
- Ethische und theologische Perspektiven auf das Lebensende
- Didaktische Planung einer Unterrichtseinheit zum Thema Sterbehilfe
- Förderung von Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz im Religionsunterricht
- Praxisbezogene Vorbereitung auf Konfrontationen mit Tod und Trauer
Auszug aus dem Buch
3. Theologische Orientierung
Euthanasie. Das ist der Fachbegriff für Sterbehilfe. Sterbehilfe sind Handlungen, die, je nach Form, von der Unterstützung beim Sterben bis zur aktiven Tötung von Menschen reichen. Der Begriff Euthanasie wird in Deutschland eigentlich konsequent nur als Sterbehilfe bezeichnet, um Assoziationen zum „Euthanasieprogramm“ im nationalsozialistischen Deutschland zu vermeiden. Zur Zeit des zweiten Weltkrieges gab es verschiedene „Aktionen“ (z.B. Aktion T4, Aktion Brandt), die mehr als 100.000 geistig und körperlich behinderte Menschen (auch Kinder) systematisch ermordeten. Daher wird in dieser Arbeit auch weitestgehend auf den Begriff Sterbehilfe zurückgegriffen.
Sterbehilfe ist besonders aus moralischer Sicht problematisch. Die ablehnende Haltung gegenüber der Sterbehilfe ist meist begründet in der zentralen Bedeutung von Lebensschutz in unserer kulturellen Tradition und in unseren moralischen Überzeugungen. Im Gegensatz zu Debatten über beispielsweise Präimplatationsdiagnostik, die nur einen kleinen Teil von Personen betrifft, geht Sterbehilfe jeden an. Die Sterblichkeit des Menschen ist die einzige Gewissheit, die jeder hat und eine vernünftige Lebensplanung kommt nicht ohne eine Beschäftigung mit dem Lebensende aus. Die Frage nach Sterbehilfe ist also immer auch die Frage, wie wir leben und sterben wollen und in welcher Gesellschaft. Diese Debatte ist also nicht bloß eine wissenschaftliche Forschungsfrage oder die Frage nach einer Autobahnnutzungsgebühr. Es geht um einen moralischen und sehr emotionalen Konflikt, der alle Menschen als potentielle Konfliktparteien einbezieht.
Zunächst lassen sich vier Arten von Sterbehilfe unterscheiden: Die aktive Sterbehilfe, die passive Sterbehilfe, die indirekte Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung. Aktive Sterbehilfe ist das gezielte Herbeiführen des Todes eines Menschen, zum Beispiel durch die Injektion einer Überdosis eines Medikaments. Als passive Sterbehilfe bezeichnet man den Verzicht auf Maßnahmen bei einer tödlich verlaufenden Erkrankung, die das Leben künstlich verlängern würden. Ein Beispiel dafür ist das Abschalten eines Beatmungsgerätes. Der Sterbeprozess hat also bereits eingesetzt und wäre durch das Handeln des Arztes entweder gar nicht angefallen oder sogar schneller vorangeschritten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Persönliche Begegnung: Die Autorin reflektiert ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe und begründet ihre Motivation für die Unterrichtsplanung.
2. Analyse des didaktischen Bedingungsfeldes: Es werden die Rahmenbedingungen der Schule, die Situation der Klasse sowie der bisherige Verlauf der Unterrichtsreihe detailliert dargestellt.
3. Theologische Orientierung: Dieses Kapitel definiert die Formen der Sterbehilfe, beleuchtet die aktuelle Rechtslage und erörtert die christliche Perspektive auf Leben und Sterben.
4.1 Didaktische Orientierung: Die didaktische Relevanz des Themas für die gegenwärtige Lebenswelt und die berufliche Zukunft der Schüler wird herausgearbeitet.
4.2 Didaktische Entscheidung / Lernziele: Die Lernziele werden in thematische und kombinierte Bereiche unterteilt und die Kompetenzerwartungen an die Schüler präzisiert.
4.3 Methodische Entscheidung: Es werden die methodischen Schritte wie Gruppenarbeit, Rollenspiel und Plakatgestaltung für die 90-minütige Unterrichtseinheit begründet.
4.4 Verlaufsplan: Eine tabellarische Übersicht strukturiert den zeitlichen Ablauf der Doppelstunde mit Zielen, Inhalten, Medien und Sozialformen.
5. Kritische Reflexion: Die Autorin bewertet den tatsächlichen Unterrichtsverlauf, identifiziert Abweichungen und zieht Schlüsse für zukünftige Unterrichtsplanungen.
Schlüsselwörter
Sterbehilfe, Euthanasie, assistierter Suizid, Sterbeprozess, Patientenverfügung, Religionsunterricht, Ethik, Lebensschutz, Sterbebegleitung, Berufsfachschule, Didaktik, Sozialpädagogik, Hospizbewegung, Moral, Grenzsituation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption und Reflexion einer Unterrichtseinheit zum ethisch anspruchsvollen Thema Sterbehilfe für eine Berufsfachklasse im Bereich Sozial- und Gesundheitswesen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die verschiedenen Formen der Sterbehilfe, die aktuelle rechtliche Lage, die ethische bzw. theologische Bewertung sowie die didaktische Aufbereitung für junge Erwachsene in einem sozialen Ausbildungsberuf.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Schülern durch eine theoriegeleitete und praxisorientierte Unterrichtseinheit ein fundiertes Wissen über Sterbehilfe zu vermitteln, um sie auf ihre zukünftige Arbeit im sozialen Bereich vorzubereiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer didaktischen Analyse, einer Themensachanalyse (theologisch/juristisch) und einer unterrichtspraktischen Hospitations- und Reflexionsphase.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bedingungsanalyse, die theologische Einordnung der Sterbehilfe, die didaktische Begründung, die methodische Planung und die anschließende kritische Reflexion des gehaltenen Unterrichts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sterbehilfe, Ethik, didaktische Planung, Berufsbildung, Sterbebegleitung und Fachkompetenz geprägt.
Wie wurde die methodische Entscheidung für das Rollenspiel getroffen?
Das Rollenspiel wurde gewählt, um unterschiedliche Perspektiven und Argumente zum Thema Sterbehilfe lebendig und erfahrbar zu machen, wobei auf die psychische Vorbelastung einzelner Schüler Rücksicht genommen wurde.
Welche Bedeutung hat die zufällige Gruppeneinteilung laut Reflexion?
Die zufällige Gruppeneinteilung hatte den pädagogischen Nebeneffekt, dass ein störendes Pärchen in der Klasse getrennt wurde, was zu einem konzentrierteren Arbeitsklima in der Gruppenarbeitsphase führte.
- Arbeit zitieren
- Nina Schilling (Autor:in), 2015, Sterbehilfe, Euthanasie und die Würde des Menschen als Themen für den Religionsunterricht in der Berufsfachschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311460