Ursachen und Folgen der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Europäischen Währungsunion


Masterarbeit, 2014
82 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Abbildungs- und Quellenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen

3 Empirische Entwicklung der Leistungsbilanzungleichgewichte

4 Ursachen der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Europäischen Währungsunion im Zeitraum 1996 - 2007
4.1 Realer Wechselkurs als Treiber der Wettbewerbsfähigkeit
4.2 Kapitalströme als Einflussfaktor der Leistungsbilanz
4.3 Ursachen und Auswirkungen der unterschiedlichen Realzinsen
4.4 Übersicht der Einflussfaktoren und die Rolle positiver Erwartungen
4.5 Bezug zur Holländischen Krankheit

5 Die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone ab 2008 und die Wechselwirkung mit der Leistungsbilanz
5.1 Die Beziehung zwischen Leistungsbilanzen und Eurokrise sowie die Folgen für die betroffenen Staaten
5.2 Einflussfaktoren der Leistungsbilanzentwicklung im Zeitraum nach der globalen Finanzkrise

6 Die Entwicklung der Target2-Salden – Eine Folge der Leistungsbilanzungleichgewichte im Euroraum?
6.1 Die Entstehung und der Verlauf der Target2-Salden
6.2 Die Ursachen der Target2-Salden-Entwicklung
6.3 Die Konsequenzen der Target2-Salden

7 Zusammenfassung und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Quellenverzeichnis

Abb. 1: Leistungsbilanzsalden[1] (% des BIP), Quelle: OECD

Abb. 2: Handelsbilanzsalden gegenüber der Europäischen Währungsunion (% des BIP), Quellen: Importe und Exporte von/in Eurozone (in aktuellen Preisen, US-$): IMF, Direction of Trade Statistics, BIP (in aktuellen Preisen, US-$): Weltbank .

Abb. 3: Preisänderungen ausgewählter Länder der Europäischen Währungsunion (1996 – 2007), berechnet über den BIP-Deflator, Quelle: Eurostat

Abb. 4: Reale Auf- und Abwertungen im Euroraum von 1996 bis 2007. Als zugrunde liegender Preisindex wird erneut der GDP-Deflator gewählt. Quelle: eigene Berechnungen über die effektiven realen Wechselkurse mit Daten der Europäischen Komission

Abb. 5: Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten ausgewählter Eurozonen-Länder im Zeitraum von 1996 – 2007. Quelle: Ameco, Europäische Komission

Abb. 6: Reales Wirtschaftswachstum im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: eigene Berechnung über prozentuale Veränderung zum Vorjahr mit Daten von Eurostat

Abb. 7: Bruttoinvestitionen in Relation zum BIP im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: Weltbank

Abb. 8: Realzinsen im Euroraum. Quelle: Ameco, Europäische Komission

Abb. 9: Zinssatz zehnjähriger Staatspapiere im Zeitverlauf. Quelle: Ameco, Europäische Komission

Abb. 10: Entwicklung der nominalen Ausgaben des Staates für seine Angestellten im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: Ameco-Datenbank, Europäische Komission

Abb. 11: Veränderung des realen privaten Konsums in den Jahren 1996 – 2007. Quelle: Eigene Berechnungen mit Daten der Ameco-Datenbank, Europäische Komission

Abb. 12: Veränderung der Industrieproduktion ohne Baugewerbe und des privaten Konsums in den Jahren 1996 – 2007 (beides real). Quelle: Ameco-Datenbank, Europäische Komission

Abb. 13: Indexbasierte (nominale) Immobilienpreise (1996 = 100) im Zeitraum 1996 – 2007. Quellen: für Griechenland: Bank of Greece. Für alle anderen Länder: Europäische Zentralbank

Abb. 14: Veränderung der Angestellten im Bau- und verarbeitenden Gewerbe. Quelle: Ameco-Datenbank, Europäische Komission

Abb. 15: Ausstehende Kredite des Privatsektors in Relation zum BIP für die Jahre 1996 und 2007. Quelle: Weltbank

Abb. 16: Veränderung der inländischen Kredite an den Privatsektor und den Staat (letzteres netto) in Relation zum BIP, sowie Veränderung des Anteils des verarbeitenden Gewerbes im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: Weltbank, Veränderung nach eigener Berechnung.

Abb. 17: Nettoauslandsposition der Eurozonen-Länder in Relation zum BIP im Jahr 2009. Quelle: eigene Berechnung mit Daten des BIP, sowie des Nettoauslandsvermögens von Eurostat.

Abb. 18: Rendite 10-jähriger Staatsanleihen verschiedener Länder der Eurozone im Zeitraum nach der globalen Finanzkrise (monatliche Daten). Quelle: Eurostat

Abb. 19: Veränderung des realen Wirtschaftswachstums zwischen 2008 und 2013. Quelle: eigene Berechnung über prozentuale Veränderung zum Vorjahr mit Daten von Eurostat.

Abb. 20: Veränderung der realen Inlandsnachfrage zwischen 2008 und 2013 ohne Veränderung der Lagerbestände. Quelle: eigene Berechnungen. Daten der Inlandsnachfrage sind der Ameco-Datenbank entnommen, Preisänderungen wurden über den GDP-Deflator (Eurostat) berücksichtigt.

Abb. 21: Reale Auf- und Abwertungen im Euroraum von 2008 bis 2013. Quelle: eigene Berechnungen mit Daten des effektiven realen Wechselkurses der Europäischen Komission. Anmerkung: Bei der Berechnung der effektiven Wechselkurse werden handelsgewichtige Effekte berücksichtigt.

Abb. 22: Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten (2008 = 100) im Zeitraum 2008 bis 2013 im Euroraum. Quelle: Ameco-Datenbank, Europäische Komission.

Abb. 23: Schematische Darstellung des Bankensystems im Euroraum. Eigene Darstellung

Abb. 24 : Entwicklung der Target2-Salden. Quelle: Euro Crisis Monitor - Institute of Empirical Economic Research - Osnabrück University

Abb. 25: Monatliche Veränderung des Target2-Saldos und die entsprechende monatliche Handelsbilanz mit den Ländern der Eurozone für Griechenland im Zeitraum Januar 2008 bis März 2014. Quelle: Handelsbilanzen: IMF, Direction of Trade Statistics. Veränderung des Target2-Saldos: eigene Berechnung mit Daten des Euro Crisis Monitors- Institute of Empirical Economic Research - Osnabrück University

Abb. 26: Rendite griechischer Anleihen, sowie Target2-Saldo der griechischen Zentralbank ab dem Jahr 2008. Monatliche Daten: Target2-Saldo: Crisis Monitors- Institute of Empirical Economic Research - Osnabrück University, Rendite der Anleihen: Eurostat

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Korrelationskoeffizienten (nach Pearson). Quelle: eigene Berechnungen mit Daten der Europäischen Kommission

Tabelle 2: Darstellung der Auswirkungen einer Überweisung von 100 € einer italienischen Privatperson an eine deutsche Privatperson auf die Konten der beteiligten Parteien.

Tabelle 3: Nettoauswirkungen einer Überweisung von 100 € einer italienischen Privatperson I an eine deutsche Privatperson D bei gleichzeitiger Kreditaufnahme der UniCredit von 100 € bei der Deutschen Bank.

Tabelle 4: Auswirkung von Kapitalflucht und Leistungsbilanz auf die Target2‑Salden. Eigene Berechnungen, Korrelationskoeffizient nach Pearson.

1 Einleitung

Die Europäische Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre ist entscheidend von der Eurokrise geprägt. Zu deren Entstehung haben die Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen der am Euro teilnehmenden Länder maßgeblich beigetragen. Diese Leistungsbilanzungleichgewichte werden in der vorliegenden Arbeit untersucht.

Zunächst werden die Grundlagen, die zum Verständnis der vorliegenden Arbeit wesentlich sind, erläutert. Hierzu zählt vor allem das Aufzeigen der Komponenten der Leistungsbilanz. Die empirische Entwicklung der Leistungsbilanzen verschiedener Länder der Eurozone wird dargestellt. Dem Zeitraum vor dem Beginn der globalen Finanzkrise 2007 kommt eine besondere Bedeutung zu, da hier die wirtschaftliche Entwicklung stattfand, die schließlich zu den unterschiedlichen Verläufen der Leistungsbilanzen geführt hat. Aus diesem Grund stellt die Beantwortung der Frage, welche Faktoren für die divergente Entwicklung der Leistungsbilanzen im Zeitraum vor der globalen Finanzkrise verantwortlich sind, den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar. Anschließend wird gezeigt, wie die Entwicklung der Leistungsbilanzen mit der Eurokrise zusammenhängt und welche Konsequenzen sich für die betreffenden Länder ergeben. Der Verlauf der Leistungsbilanzen im Zeitraum nach der globalen Finanzkrise wird analysiert. Ein Überblick über die Target2-Debatte[2] wird gegeben, da dieser sowohl in der öffentlich-politischen, als auch in der akademischen Diskussion der Eurokrise bedeutende Rolle beigemessen wird. Im Wesentlichen wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Leistungsbilanzen zur Entwicklung der Target2-Salden beigetragen haben. Im Schlussteil werden die wichtigen Resultate rekapituliert und bewertet, sowie Möglichkeiten zu weiterführenden Analyse aufgezeigt.

Um eine übersichtliche Darstellung zu ermöglichen beschränkt sich die empirische Analyse auf lediglich 12 der aktuell 18 zum Euro gehörenden Länder.[3] Diese 12 Länder werden dabei ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und Größe wegen ausgewählt. Um die Konsequenzen der Euro-Einführung besser beurteilen zu können, beginnt die empirische Darstellung der zu untersuchenden Größen im Zeitraum vor der globalen Finanzkrise, soweit nicht anders begründet, mit dem Jahr 1996.

2 Grundlagen

Ziel dieses Kapitels ist es, einige grundlegende Begriffe zu klären, die für das Verständnis der vorliegenden Arbeit von Bedeutung sind. Da die Leistungsbilanz den zentralen Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit darstellt, gilt es zunächst, diese zu definieren. Die Leistungsbilanz erfasst alle mit dem Ausland abgewickelten Transaktionen, die mit dem Handel von Waren, Dienstleistungen und Faktorleistungen verbunden sind, sowie ohne Gegenleistung empfangene oder geleistete Zahlungen. Somit lässt sich die Leistungsbilanz in vier Komponenten unterteilen:

1. Handelsbilanz: Bezeichnet die Käufe und Verkäufe von Waren. Dabei werden die Exporte positiv, Importe negativ angerechnet. Hieraus ergibt sich der Handelsbilanzsaldo, der positiv ist, wenn die Exporte die Importe überschreiten.
2. Dienstleistungsbilanz: Diese erfasst alle aus dem Handel mit Dienstleistungen verbundenen Transaktionen. Bucht beispielsweise ein ausländischer Tourist ein Hotelzimmer in Deutschland, so geht dies positiv in die Dienstleistungsbilanz Deutschlands ein. Analog zur Handelsbilanz lässt sich so auch ein Saldo der Dienstleistungsbilanz bestimmen.
3. Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen: Diese Bilanz „erfasst Einkünfte, die Inländer dafür erhalten, dass sie dem Ausland die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zur Verfügung stellen“[4], was als Faktorleistungen bezeichnet wurde. Dazu zählen zum Beispiel Zahlungen an eine in Deutschland wohnende Person, die diese für ihre Arbeit im Ausland erhält. Auch Zinszahlungen, die ein in Deutschland lebender Mensch aufgrund des Besitzes ausländischer Wertpapiere (z.B. Staatsanleihen) erhält, wirken sich positiv auf die (deutsche) Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen aus.
4. Bilanz der laufenden Übertragungen: Wie schon oben beschrieben, gibt es für diese Zahlungen keine Gegenleistung. In die Bilanz der laufenden Übertragungen gehen zum Beispiel Zahlungen ein, die im Inland wohnende Immigranten an ihre im Ausland wohnende Familie zahlen. Auch Entwicklungshilfe-Zahlungen werden diesem Posten der Leistungsbilanz zugerechnet.

Addiert man nun die Salden aller vier Teilbilanzen, so wird die hieraus gebildete Summe als Leistungsbilanzsaldo bezeichnet. Als Beispiel sei die Leistungsbilanz von Deutschland im Jahr 2013 gezeigt, wobei alle Werte in Milliarden Euro angegeben sind:[5]

Handelsbilanzsaldo[6] + 168,7 Dienstleistungsbilanzsaldo + 2,4 Saldo aus Erwerbs- und Vermögenseinkommen + 76,9 Saldo aus Laufende Übertragungen - 42,0 = Leistungsbilanzsaldo 206,0

Eine mögliche Interpretation der Leistungsbilanz wäre, dass eine hohe, positive Leistungsbilanz das Indiz einer starken und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft darstellt, da z.B. die Exporte und somit die in einer Volkswirtschaft hergestellten Waren sich einer hohen Nachfrage auf den Weltmärkten ausgesetzt sehen.

Folgender bilanztechnischer Zusammenhang zeigt jedoch, dass ein positiver Leistungsbilanzsaldo auch eine etwas andere Schlussfolgerung zulässt:[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

CAt steht hierbei für den Saldo der Leistungsbilanz, St für die gesamtwirtschaftliche Ersparnis und It für inländische Investitionen. Der Index t gibt an, dass sich alle Größen auf dieselbe Periode beziehen. Gleichung 2.1 verdeutlicht, dass ein hoher Leistungsbilanzüberschuss mit geringen inländischen Investitionen verbunden sein kann. Dies wiederum könnte dahingehend interpretiert werden, dass Investitionen in anderen Ländern attraktiver erscheinen, was implizit bedeutet, dass dort ein höheres Wachstum erwartet wird. Außerdem sind Investitionen, wozu zum Beispiel die Beschaffung von Maschinen und Anlagen, sowie das Errichten von Produktionsanlagen gehört, eine wichtige Voraussetzung für mittel- und langfristiges Wachstum einer Volkswirtschaft, da sie die Fähigkeit von Firmen zur Produktion erhöhen. So weist Deutschland im Zeitraum nach der Jahrtausendwende eine im europäischen Vergleich geringe Investitionsquote auf (siehe hierzu auch Kapitel 4.2), was durchaus kritisch gesehen wird und Gegenstand zahlreicher Debatten ist.[8]

Das Zustandekommen der Leistungsbilanz wurde aufgezeigt. Im nächsten Schritt soll, für das bessere Verständnis der Relevanz der Leistungsbilanz, diese in den größeren Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eingeordnet werden, wobei die Darstellung nur soweit als hierzu erforderlich erfolgt. Die Leistungsbilanz ist ein Teil der Zahlungsbilanz, welche alle Transaktionen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zwischen In- und Ausland erfasst und in zwei Kategorien unterteilt:[9] Die erste Kategorie bilden alle mit der Leistungsbilanz verbundenen Transaktionen. „Die zweite Kategorie umfasst Transaktionen, welche die Übertragung des Eigentums an Vermögenswerten widerspiegeln“[10], womit meist Ansprüche auf zukünftige Zahlungen verbunden sind, wie dies z.B. bei Aktien (Dividenden) oder Schuldverschreibungen (Zinszahlungen) der Fall ist. Diese zweite Kategorie der Transaktionen wird noch einmal in die Bilanz der Vermögensübertragungen und die Kapitalbilanz unterteilt, wobei die Kapitalbilanz den wesentlich größeren Posten darstellt. Auch von dieser zweiten Kategorie der Transaktionen wird ein Saldo gebildet. Der Leistungsbilanzsaldo (CAt) und der Saldo der Kapitalbilanz, sowie der Saldo der Bilanz der Vermögensübertragungen (letztere sind als KFAt zusammengefasst) weisen die Beziehung auf, dass deren Summe gleich Null ist:[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dies ist der Fall, da bei der Zahlungsbilanz, wie auch bei Bilanzen der betrieblichen Buchführung, jeder Buchung eine Gegenbuchung gegenübersteht. Verkauft z.B. ein deutscher Betrieb Maschinen im Wert von 1 Mio. € an ein griechisches Unternehmen, so erhöht sich der deutsche Leistungsbilanzsaldo um 1 Mio. €. Als Ausgleich erhält der deutsche Betrieb entweder eine direkte Geldzahlung oder aber eine Zahlung in anderer Form, zum Beispiel griechische Staatsanleihen oder auch Aktien des griechischen Unternehmens im Wert von 1 Mio. €, was sich als negativer Wert in der deutschen Kapitalbilanz widerspiegelt. Addiert man beide Bilanzen, so ergibt sich eine Summe von Null. Das (in diesem Fall) negative Vorzeichen der Kapitalbilanz ist rein definitorischer Natur. Das deutsche Unternehmen „importiert“ die griechische Staatsanleihe, was sich genauso negativ auf die Kapitalbilanz auswirkt, wie sich ein Warenimport negativ auf die Leistungsbilanz auswirken würde.

Aus der Zahlungsbilanz lässt sich sodann die Nettoauslandsposition einer Volkswirtschaft , auch Nettoauslandsvermögen genannt, bestimmen. Die Nettoauslandsposition eines Landes gibt den Gesamtbestand allen Vermögens an, das ein Land, also seine Privatpersonen, Unternehmen und auch der Staat, gegenüber anderen Ländern hält. „Darüber hinaus reflektiert die Entwicklung des Netto-Auslandsvermögens aber vor allem den Saldo der Leistungsbilanz: Ein Land, dessen Exporte von Waren, Dienstleistungen und Faktorleistungen über den Importen liegen, baut gegenüber dem Ausland Ansprüche auf zukünftige Zahlungen auf, was sich in einem Anstieg des Nettoauslandsvermögens widerspiegelt.“[12] Dies verdeutlicht, dass dem Nettoauslandsvermögen und insbesondere der Leistungsbilanz eine wichtige Rolle bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Gesamtsituation eines Landes zukommt und insbesondere im Rahmen der Euro-Krise eine vieldiskutierte Einflussgröße darstellt. Um eine Vorstellung der Größenordnung des Nettoauslandsvermögens zu geben, sei erwähnt, dass dieses Ende 2013 für Deutschland 1323,575 Mrd. € beträgt.[13] Bei einer deutschen Staatsverschuldung von Ende 2013 mit 2034,728 Mrd. € ließen sich somit allein durch das Nettoauslandsvermögen 65,05% des Gesamtschuldenstandes sofort tilgen. Dies stellt natürlich nur eine theoretische Überlegung dar, nicht zuletzt aus dem Grund, dass das Auslandsvermögen nicht (in seiner Gänze) liquide ist und nicht dem Staat, sondern hauptsächlich Privatpersonen und Unternehmen gehört.

Da in dieser Arbeit die Leistungsbilanzungleichgewichte innerhalb der europäischen Währungsunion untersucht werden, werden im Folgenden kurz die Vor- und Nachteile des Beitritts einer Währungsunion skizziert.

Entscheidet sich ein Land, einer Währungsunion beizutreten, was gleichbedeutend ist mit dem Verlust der Kontrolle über die eigene Währung, so gibt dieses Land mit der Geldpolitik ein bedeutendes makroökonomisches Steuerungselement seiner Wirtschaft auf. Das beitretende Land ist zum Beispiel nicht mehr in der Lage durch Auf- oder Abwertungen den Preis seiner Währung zu beeinflussen.

Stattdessen gibt es jetzt eine einzige, für alle an der Währungsunion beteiligten Staaten zuständige Zentralbank, die einen einheitlichen kurzfristigen Zinssatz bestimmt. Vor allem aufgrund unterschiedlicher Konjunkturzyklen kann es vorkommen, dass die Entscheidungen der Zentralbank nicht für alle Länder gleichermaßen vorteilhaft oder für manche Länder sogar von Nachteil sind. An späterer Stelle dieser Arbeit wird diese Problematik, vor allem anhand der Konsequenzen unterschiedlicher Realzinsen, noch deutlich werden.

Mit dem Beitritt zur Währungsunion sind für das entsprechende Land jedoch auch Vorteile verbunden. So verschwinden Transaktionskosten, da man Währungen nicht mehr ineinander umtauschen muss. Dies gilt nicht nur für Privatpersonen, die Urlaub in anderen Ländern machen, sondern auch für Betriebe und Banken. Da sich die Preise in anderen Ländern nach dem Wegfallen des Wechselkurses besser mit denen im eigenen Land vergleichen lassen, was einer höheren Preistransparenz (vor allem in Zeiten des Internets) entspricht, sollte dies zu mehr Wettbewerb und somit zu geringeren Preisen führen.

Ein sehr gewichtiges Argument für den Beitritt einer Währungsunion ist die durch das Wegfallen des Wechselkurses reduzierte Wechselkursunsicherheit. So können die beteiligten Länder ihre Währung nicht mehr abwerten, was zu erhöhten grenzüberschreitenden Investitionen führen sollte. Hätte z.B. ein Unternehmen in einem Land investiert und würde dieses Land seine Währung abwerten, bevor die Investition Geldflüsse generiert, so besäßen diese Geldflüsse aufgrund der abgewerteten Währung einen geringeren Wert. Das Wegfallen von Wechselkursen sollte also zu mehr Investitionen zwischen den beteiligten Ländern und somit zu mehr Wachstum führen.[14] Dieses Argument wird in Kapitel 4.2 wiederaufgenommen und genauer untersucht.

3 Empirische Entwicklung der Leistungsbilanzungleichgewichte

Im vorherigen Kapitel wurde die Zusammensetzung der Leistungsbilanzsalden sowie deren Bedeutung im größeren wirtschaftlichen Kontext aufgezeigt. Abb. 1 zeigt die Leistungsbilanzsalden der für die vorliegende Arbeit wichtigsten Länder der Europäischen Währungsunion in Relation zur Wirtschaftsleistung im Zeitraum 1995-2013, wobei eine der Übersichtlichkeit halber gewählte „grobe“ Einteilung in Länder mit negativen und positiven Leistungsbilanzsalden erfolgt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Leistungsbilanzsalden (% des BIP), Quelle: OECD

Vor allem in Bezug auf die Defizit-Länder ist folgender Trend zu erkennen: Bis zum Jahr 2007/2008, welches den Beginn der weltweiten Finanzkrise markiert, steigen die Defizite dieser Länder stark an und beginnen anschließend zu sinken. Ein Ähnliches, wenn auch nicht so ausgeprägtes Muster ist in Bezug auf die Überschuss-Länder auszumachen. Die Leistungsbilanzüberschüsse dieser Länger weisen im Jahr 2008 einen auffallenden „Knick“ auf. Der Unterschied zu den Defizit-Ländern ist, dass das Schrumpfen dieses Überschusses eher temporärer Natur ist. Zumindest für Deutschland, Luxemburg und die Niederlande gilt, dass die Überschüsse nach einem kurzen Abfallen wieder zu steigen beginnen. Belgien und Finnland weisen jedoch fast über den gesamten Zeitraum von 1995-2013 einen abwärts gerichteten Trend auf. Der Leistungsbilanzsaldo in Relation zum Bruttoinlandsprodukt der gesamten Eurozone pendelt um die Nulllinie.

Die in Abb. 1 gezeigten Leistungsbilanzsalden beinhalten die über den „Handel“ mit allen Ländern aggregierten Transaktionen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es jedoch, nur die durch den Handel mit anderen Eurozonen-Länder zustande kommenden Transaktionen („innerhalb der Europäischen Währungsunion“) zu Leistungsbilanzsalden zu aggregieren. Daten der Leistungsbilanzsalden gegenüber den Ländern der Eurozone werden jedoch nicht veröffentlicht, weshalb diese geschätzt werden müssen.[15] Da die Handelsbilanz meist einen sehr großen Posten der Leistungsbilanz darstellt, soll zunächst untersucht werden, ob die Handelsbilanz als Proxy für die Leistungsbilanz verwendet werden kann. Tabelle 1 zeigt die Korrelationskoeffizienten zwischen Leistungsbilanz und Handelsbilanz, berechnet aus den Daten von 1996 – 2013, für die angegebenen Länder der Europäischen Währungsunion.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Korrelationskoeffizienten (nach Pearson). * bedeutet p-Wert ist kleiner 0,1, ** p-Wert < 0,05, *** p-Wert < 0,01. Quelle: eigene Berechnungen mit Daten der Europäischen Kommission

Bis auf Luxemburg, Österreich und Irland weist der Korrelationskoeffizient zwischen Handelsbilanz und Leistungsbilanz einen Wert von über 0,7 auf. In diesen Fällen ist die statistische Signifikanz, ausgedrückt durch den p-Wert, so groß, dass die errechnete oder eine noch größere Korrelation in Bezug auf die Menge an Datenpunkten, bei weniger als einem von 100 Zufallsexperimenten auftreten würde. Auch für Österreich gibt es eine Korrelation zwischen Handelsbilanz und Leistungsbilanz, welche jedoch, ebenso wie die Signifikanz, geringere Ausmaße hat, was auf den hohen Anteil der Dienstleistungen, spezifischer: den Tourismussektor, zurückgeführt wird.[16] Betrachtet man die Leistungsbilanz Irlands, so stellt man fest, dass die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen einen überdurchschnittlich großen Einfluss auf die Leistungsbilanz hat, was die kaum vorhandene Korrelation mit der Handelsbilanz erklärt.[17] Im Fall Luxemburg ist der Handel mit Dienstleistungen der größte Posten der Leistungsbilanz.[18]

Wie oben dargestellt, können die Handelsbilanzdaten stellvertretend für die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden verwendet werden (Irland, Luxemburg und Österreich ausgeschlossen). Abb. 2 zeigt die Handelsbilanzen dieser Länder der europäischen Währungsunion bezüglich der gesamten Währungsunion, mit derselben Anordnung wie in Abb. 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Handelsbilanzsalden gegenüber der Europäischen Währungsunion (% des BIP), Quellen: Importe und Exporte von/in Eurozone (in aktuellen Preisen, US-$): IMF, Direction of Trade Statistics, BIP (in aktuellen Preisen, US-$): Weltbank. Anmerkung: In Bezug auf Belgien stehen die Handelsbilanzdaten erst ab 1997 zur Verfügung.

Die Handelsbilanzen der Überschussländer weisen qualitativ andere Verläufe als die weiter oben gezeigten Leistungsbilanzen auf. Auffallend ist der zunehmend größer werdende Handelsbilanzüberschuss der Niederlande, sowie die, nach anfänglicher Zunahme gegen Ende 2013 verschwindende deutsche Handelsbilanz, was einen markanten Unterschied zu der in Abb. 1 gezeigten Leistungsbilanz darstellt. Die Handelsbilanz von Finnland verschlechtert sich zunehmend, während die von Belgien bis zum Jahr 2007 annähernd um einen konstanten Wert pendelt.

Bei allen im unteren Graphen gezeigten Ländern, außer Frankreich, verschlechtert sich die Handelsbilanz und steigt dann ab 2007/2008, was eine auffallende Parallele zu den in Abb. 1 gezeigten Leistungsbilanzen darstellt. Ein Unterschied besteht darin, dass die Handelsbilanzen gegenüber der Währungsunion bei diesen Ländern gegen Ende 2013 (mit Ausnahme von Spanien) ein Defizit aufweisen, während sich die Leistungsbilanzen zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich im positiven Bereich befinden. Dies deutet darauf hin, dass sich der Handel mit Ländern außerhalb der europäischen Währungsunion noch stärker verbessert hat als bei alleiniger Betrachtung des Handels mit Ländern der Eurozone, was auch für die Diskrepanz der Entwicklung der Leistungs- und Handelsbilanz von Deutschland spricht. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass nach Ausbruch der Eurokrise der Außenwert des Euro gesunken ist, wodurch für Länder außerhalb der Europäischen Währungsunion Waren aus jener billiger wurden, was zu vermehrten Exporten in Länder außerhalb der Währungsunion führt.

4 Ursachen der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Europäischen Währungsunion im Zeitraum 1996 - 2007

Im vorigen Kapitel wurde die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden der Eurozonen-Länder beschrieben, wobei die Zunahme der Defizite der entsprechenden Länder bis zum Jahr der Finanzkrise und die anschließende Abnahme besonders auffallen. In der wissenschaftlichen Literatur werden als Ursache für das „Auseinanderdriften“ der Leistungsbilanzen innerhalb der Europäischen Währungsunion bis zum Jahr 2007 überwiegend zwei Faktoren diskutiert: Der Reale Wechselkurs und Kapitalflüsse.[19] Beide Faktoren sind eng mit der „Realzins-Problematik“ verbunden. Diese drei Triebkräfte werden zunächst genauer untersucht, um im Anschluss ein ganzheitlicheres Erklärungsmodell zu präsentieren.

4.1 Realer Wechselkurs als Treiber der Wettbewerbsfähigkeit

Besitzt ein Land eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, so kann es seine im Inland hergestellten Waren besser am Weltmarkt anbieten, was die (Netto-)Exporte und somit die Leistungsbilanz erhöht. Eine wichtige Einflussgröße der Wettbewerbsfähigkeit ist der (bilaterale) reale Wechselkurs Qt, welcher die Preise im Ausland PtA, multipliziert mit dem nominalen Wechselkurs Et, zu den Preisen im Inland PtI ins Verhältnis setzt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da innerhalb der Währungsunion kein nominaler Wechselkurs existiert, vereinfacht sich (4.1) mit Et = 1 zu:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es spielt also nur das Verhältnis der Preise eine Rolle. Sind z.B. die Preise bestimmter Waren in Deutschland geringer als in Frankreich, so erhöht sich für in Frankreich lebende Personen der Anreiz, Waren aus Deutschland zu importieren, anstatt in Frankreich hergestellte Waren zu beziehen.[20] Es gibt verschiedene Preisindizes, welche die Entwicklung der Preise abbilden. Da im Folgenden die Wettbewerbsfähigkeit untersucht werden soll, bietet es sich an, den BIP-Deflator als zugrunde liegenden Preisindex zu wählen. Denn anders als z.B. beim Konsumentenindex, beziehen sich die im BIP-Deflator dargestellten Preisänderungen nur auf die im Inland hergestellten Güter, weshalb dieser „wie keine andere Größe (…) die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft“[21] misst. Abb. 3 zeigt die Änderung der Preise der in den jeweiligen Eurozonen-Ländern hergestellten Güter im Zeitraum 1996 bis einschließlich 2007.

Die fünf Länder mit den größten Preissteigerungsraten weisen im selben Zeitraum die größten Gefälle in der Handels- bzw. Leistungsbilanz auf (siehe Abb. 1, bzw. Abb. 2), während die sehr geringe Preissteigerung in Deutschland von ca. 4 % mit einer sich bis zum Jahr 2007 verbessernden Leistungsbilanz einhergeht. Dieser Umstand deckt sich mit der These, dass ein geringer werdendes Preisniveau zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und somit zu einer positiven Leistungsbilanz führt. Bei Frankreich und Finnland verhält es sich anders. Trotz der im Vergleich zum Euroraum unterdurchschnittlichen Änderung des Preisniveaus, verschlechtert sich die Leistungsbilanz zunehmend. Für diese Länder kommen die Preisänderungen nicht als Erklärung für die in Abb. 2 gezeigten Verläufe der Handelsbilanzen in Frage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Preisänderungen ausgewählter Länder der Europäischen Währungsunion (1996 – 2007), berechnet über den BIP-Deflator, Quelle: Eurostat Anmerkung: Euroraum bezieht sich hier und im Folgenden immer auf 17 Länder (ohne Lettland)

Wie bereits oben geschildert, ist die entscheidende Größe nicht die absolute, sondern die relative Preisänderung, ausgedrückt durch den (effektiven) relativen Wechselkurs. In diesem Fall sind jedoch nicht bilaterale Wechselkurse, sondern diejenigen relevant, die die Preise gegenüber dem gesamten Euroraum ausdrücken. Solche Daten des effektiven realen Wechselkurses werden von der Europäischen Komission bereitgestellt.[22] Aus der Veränderung des effektiven, relativen Wechselkurses lassen sich die realen Auf- und Abwertungen in der Eurozone bestimmen. Diese werden in Abb. 4 gezeigt. Wie schon in Bezug auf die absoluten Preisänderungen, lassen sich hier dieselben Beziehungen zur Handels- bzw. Leistungsbilanz ablesen: Die Länder mit den höchsten Aufwertungen zeigen im selben Zeitraum die größten Gefälle in der Leistungsbilanz.[23] Der deutschen Abwertung steht ein steigender Leistungsbilanzüberschuss gegenüber. Erneut kann bei Frankreich und Finnland keine Beziehung beider Größen festgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Reale Auf- und Abwertungen im Euroraum von 1996 bis 2007. Als zugrunde liegender Preisindex wird erneut der GDP-Deflator gewählt. Quelle: eigene Berechnungen über die effektiven realen Wechselkurse mit Daten der Europäischen Komission. Anmerkung: Bei der Berechnung der effektiven Wechselkurse werden handelsgewichtige Effekte berücksichtigt.

Warum weisen die Länder der Eurozone so unterschiedliche Preissteigerungsraten auf? Da die Löhne einen großen Einfluss auf die Preise haben, liegt die Vermutung nahe, die Ursache der Preissteigerung in der Entwicklung der Löhne zu suchen. Dazu werden im Folgenden die nominalen Lohnstückkosten untersucht, die sich als Quotient aus Arbeitnehmerentgelt und realem Bruttoinlandsprodukt ergeben. Das Bruttoinlandsprodukt im Nenner soll hierbei die Entwicklung der Produktivität widerspiegeln, da bei einer gestiegenen Produktivität mehr Waren in gleicher Zeit hergestellt werden können, was sich günstig auf die Preise auswirkt. Die Entwicklung der Lohnstückkosten der zuvor betrachteten Eurozonen-Länder ist in Abb. 5 zu sehen. Bei allen gezeigten Ländern außer Deutschland steigen die Lohnstückkosten, was bedeutet, dass die Löhne stärker als die Produktivität gestiegen sind. Der Zusammenhang mit der Auf- bzw. Abwertung ist enorm. Sowohl am unteren als auch am oberen Ende der Skala stimmen die Länder bei der Entwicklung der Lohnstückkosten fast exakt mit denen bei der realen Auf- und Abwertung überein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten ausgewählter Eurozonen-Länder im Zeitraum von 1996 – 2007. Quelle: Ameco, Europäische Komission

Will man den Ursachen der Wettbewerbsfähigkeitsverschiebung noch weiter auf den Grund gehen, so stellt sich die Frage, was zu dieser divergenten Lohnentwicklung geführt hat. Dazu zeigt Abb. 6 das reale Wirtschaftswachstum der zuvor betrachteten Länder im selben Zeitraum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Reales Wirtschaftswachstum im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: eigene Berechnung über prozentuale Veränderung zum Vorjahr mit Daten von Eurostat

Bei der Interpretation von Abb. 6 in Bezug auf die Lohnstückkosten ist Vorsicht geboten, da, wie oben beschrieben, das reale Bruttoinlandsprodukt gerade den Nenner der Lohnstückosten bildet. Trotzdem lassen sich wichtige Schlüsse aus dem Vergleich beider Abbildungen ziehen. Bei gleichbleibenden Löhnen würde ein Anstieg des BIP zu sinkenden nominalen Lohnstückkosten führen. Vergleicht man Abb. 5 und Abb. 6, so stellt man jedoch fest, dass gerade Irland, Spanien und Griechenland sowohl beim BIP, als auch bei den nominalen Lohnstückkosten im Bereich der höchsten Wachstumsraten liegen. Dies deutet darauf hin, dass in diesen Ländern durch den Boom ausgelöste Lohnsteigerungen durchgesetzt wurden, die nicht im nachhaltigen Bereich liegen und so zu einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit geführt haben.[24]

An dieser Stelle ist es sinnvoll, die bisherigen Erkenntnisse zusammenzufassen. Es wurde gezeigt, dass sich durch übermäßige Lohnerhöhungen mancher Länder im Zeitraum von 1996 - 2007 die Preise innerhalb der Währungsunion auseinanderentwickelt haben, was zu Divergenzen der effektiven realen Wechselkurse der Eurozonen-Länder führt. Insbesondere Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Irland haben in Bezug auf die anderen Eurozonen-Länder real aufgewertet, woraus eine gesunkene Wettbewerbsfähigkeit und im Endeffekt eine abnehmende Leistungsbilanz resultiert. In Bezug auf Deutschland ist eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten, da mit dem Anstieg der deutschen Leistungsbilanz eine reale Abwertung gegenüber den anderen Ländern der Eurozone einhergeht. Im Fall von Frankreich kann die Abwärtsentwicklung der Leistungsbilanz nicht über die Preisentwicklung erklärt werden, da Frankreich gegenüber der Eurozone real aufgewertet hat. Der Zunahme der niederländischen Leistungsbilanz steht eine relativ geringe Aufwertung in Bezug auf die Eurozone gegenüber, weshalb auch hier die Preise und somit die Löhne nicht als Ursache der Leistungsbilanzentwicklung in Frage kommen. Die überproportionale Lohnentwicklung in Irland, Spanien und Griechenland wird auf den Boom zurückgeführt, den diese Länder in der Zeit bis 2007 erfahren haben. Auch Italien und Portugal haben an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt; hier können die Aufwertungen gegenüber den anderen Eurozonen-Länder jedoch nicht auf ein überproportional großes Wirtschaftswachstum zurückgeführt werden.

Aufgrund der systematischen Anordnung der Kapitel werden die Ursachen für die unterschiedlichen Wirtschaftswachstumsraten der verschiedenen Euro-Länder und andere potentielle Einflussgrößen auf die Löhne an dieser Stelle nicht weiter herausgearbeitet. In Kapitel 4.3, welches die Entwicklung der Realzinsen behandelt, wird diese Problematik erneut aufgegriffen.

4.2 Kapitalströme als Einflussfaktor der Leistungsbilanz

Eine weitere, viel diskutierte These besagt, dass Kapitalströme innerhalb der europäischen Währungsunion zu der divergenten Entwicklung der Leistungsbilanzen beigetragen haben. Dieser These liegt ein neoklassisches Modell zu Grunde, welches im Folgenden kurz erläutert wird. Ausgangspunkt dieses Modells ist der unterschiedliche Kapitalbestand verschiedener Länder, der sich konkret z.B. darin äußert, dass in einem Land pro Arbeitskraft eine unterschiedliche Menge an Maschinen und/oder Produktionsanlagen zur Verfügung stehen. Besitzt ein Land mehr Maschinen oder Anlagen als ein anderes, so ist davon auszugehen, dass das Land mit dem größeren Kapitalbestand pro Kopf mehr produzieren kann und somit eine höhere Wirtschaftsleistung pro Kopf aufweist. Da aber die Grenzproduktivität des Kapitals abnimmt, kann ein Land mit einem höheren Anfangskapitalbestand mit einer zusätzlichen Einheit an Kapital weniger zusätzlichen Output erzeugen als ein Land mit einem geringeren Anfangskapitalbestand. Das wiederum bedeutet, dass ein Land mit geringem Anfangskapitalbestand überproportional von der Einfuhr von Maschinen profitiert, und mit diesem zusätzlichen Kapital ein größeres Wirtschaftswachstum als das Land mit einem höheren Kapitalbestand generieren kann. Wird nun ein Land mit geringem Anfangskapitalbestand in den internationalen Kapitalmarkt integriert, womit ein Abbau von Investitionsbarrieren einhergeht, so besteht für internationale Investoren ein Anreiz in dieses Land zu investieren, da sie aufgrund des potentiell größeren Wirtschaftswachstums eine höhere Rendite mit ihren eingesetzten Geldmitteln erzielen können.

Im konkreten Fall der Eurozone bedeutet das Folgendes: Durch die Einführung des Euro werden die verschiedenen nationalen Kapitalmärkte integriert. Hierdurch entfallen grenzüberschreitende Investitionsbarrieren, besonders in Form von Wechselkursrisiken.[25] Geht man davon aus, dass die Länder der Eurozone verschiedene Anfangskapitalbestände und somit Grenzproduktivitäten aufweisen, so lohnt es sich aus der Sicht eines Investors in das Land mit niedrigem Anfangskapitalbestand zu investieren, da hier eine höhere Rendite zu erzielen ist.[26] Wenn man davon ausgeht, dass Deutschland einen höheren Anfangskapitalbestand als Griechenland aufweist, dann würde z.B. ein internationaler Investor einem griechischen Unternehmen Geld leihen oder Aktien von diesem erwerben. Das griechische Unternehmen erwirbt mit diesem Geld eine Maschine von einem deutschen Unternehmen. Wenn dies im großen Stil, also aggregiert über alle griechischen Unternehmen, geschieht, so erhöhen sich die Exporte von Deutschland nach Griechenland und umgekehrt fließen Geldmittel von Griechenland nach Deutschland, was die deutsche Leistungsbilanz verbessern und die griechische verschlechtern würde.

Eine Studie, die sich als eine der ersten empirisch mit den oben beschriebenen Effekten im Rahmen der Euro-Einführung auseinandergesetzt hat (diesbezüglich insbesondere mit Portugal und Griechenland), ist die 2002 von O. Blanchard und F. Giavazzi veröffentlichte und in der wissenschaftlichen Literatur häufig zitierte Untersuchung Current Account Deficits in the Euro Area. The End oft the Feldstein-Horioka Puzzle?. In dieser stellen die Autoren fest, dass die Euro-Einführung und die damit verbundenen wegfallenden Wechselkursrisiken es für Griechenland und Portugal einfacher gemacht haben, sich im Ausland Geld zu leihen.[27] Dies führte zu einer Verschlechterung der Leistungsbilanz beider Länder, wobei dieser Umstand mehr auf eine Reduktion der Sparquote denn auf eine Erhöhung der Investitionen zurückgeführt wird.[28] Aufbauend auf dieser Untersuchung wurden weitere Studien durchgeführt, die die Auswirkungen der Investitionen auf die Leistungsbilanzen der Länder der Eurozone untersucht haben und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Da Kapitalausstattungen schwer zu messen sind, verwenden Schmitz, B. und van Hagen, J. in ihrer 2011 veröffentlichten Studie Current account imbalances and financial integration in the euro area das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt als Schätzer für die Kapitalausstattung, was damit begründet wird, dass ein geringes Pro-Kopf-Einkommen für eine geringe Produktivität und somit eine geringe Kapitalausstattung steht.[29] Schmitz und van Hagen finden einen positiven Zusammenhang zwischen pro-Kopf Einkommen und Handelsbilanz bei der Betrachtung verschiedener europäischer Länder, was diese als Kapitalströme interpretieren. Dieser positive Zusammenhang verstärkt sich nach Gründung der Währungsunion für die Länder innerhalb der Eurozone, für die außerhalb jedoch nicht, was die Autoren darauf zurückführen, dass die Euro-Einführung tatsächlich als Katalysator für Kapitalströme innerhalb der Währungsunion gewirkt hat.[30]

Zur Überprüfung, ob, bedingt durch die Euro-Einführung, tatsächlich mehr investiert wurde, ist in Abb. 7 die Entwicklung der Bruttoinvestitionen in Relation zum BIP dargestellt. Erneut folgt die Einteilung dem bekannten Muster, bei welchem der obere Graf die Länder mit (eher) positiver, der Untere jene mit negativer Leistungsbilanz zeigt. Bis auf Belgien und Finnland hat bei allen Überschuss-Ländern der Anteil der Bruttoinvestitionen am BIP abgenommen (bei Luxemburg ist der Anteil nahezu identisch geblieben), während die Länder, bei denen die Leistungsbilanz gesunken ist, eine Zunahme der Bruttoinvestitionen am BIP aufweisen. Bei letzteren bildet Portugal die Ausnahme. Zusammen mit der oben beschriebenen Analyse von Schmitz und van Hagen ließe sich somit folgern, dass auch die Kapitalströme zur ungleichmäßigen Entwicklung der Leistungsbilanzsalden beigetragen haben, da die Länder mit niedrigem pro-Kopf Einkommen sowohl eine geringere Leistungs- bzw. Handelsbilanz, als auch eine Zunahme der Bruttoinvestitionen am BIP aufweisen, was beides mit dem oben vorgestellte Modell übereinstimmt. Besonders Finnland lohnt es genauer zu untersuchen. Die Bruttoinvestitionen Finnlands steigen ab dem Jahr 2002 rapide an. Bei erneuter Betrachtung der finnischen Handelsbilanz aus Abb. 2 zeigt sich, dass sich diese ab dem Jahr 2002 zu verschlechtern beginnt. Aufgrund der zeitlichen Übereinstimmung ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um einen kausalen Zusammenhang beider Größen handelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Bruttoinvestitionen in Relation zum BIP im Zeitraum 1996 – 2007. Quelle: Weltbank

Auch das in Abb. 6 gezeigte, relativ große Wirtschaftswachstum Finnlands ist sicherlich zum Teil durch die steigenden Bruttoinvestitionen bedingt. Die kausale Beziehung von Investitionen und Bruttoinlandsprodukt ist jedoch ambivalent. Einerseits erhöhen Investitionen (per Definition) das Bruttoinlandsprodukt, andererseits wird in Phasen höheren Wachstums aufgrund positiver Erwartungen mehr investiert. Somit führt das eine zum anderen und umgekehrt. Dieser Effekt wird vermutlich auch in den südlichen Ländern eine Rolle gespielt haben, die sowohl ein überdurchschnittliches Wachstum der Investitionen, als auch des BIP aufweisen. Interessant ist auch der auffallende Verlauf der portugiesischen Bruttoinvestitionen. Bis zum Jahr 1999 steigen diese stark an und beginnen dann zu sinken, was eine auffällige Übereinstimmung mit dem portugiesischem Wirtschaftswachstum darstellt, da dieses zu Beginn der Jahrtausendwende stark abgenommen hat. So betrug das durchschnittliche Wachstum in Portugal in den 90er Jahren ca. 3,4 % gegenüber 2,4 % in der gesamten (späteren) Eurozone. In den Jahren 2000 – 2007 weist das durchschnittliche portugiesische Wirtschaftswachstum lediglich einen Wert von 1,6 % im Vergleich zu 2,4 % in der gesamten Eurozone auf. Es scheint so, als ob die Investoren das folgende, geringere Wirtschaftswachstum bereits antizipiert hätten.

Die Analyse der Bruttoinvestitionen scheint dafür zu sprechen, dass aufgrund von Aufholeffekten Kapitaleinfuhren zur Divergenz der Leistungsbilanz beigetragen haben.

4.3 Ursachen und Auswirkungen der unterschiedlichen Realzinsen

Bisher wurden Aufwertungseffekte, sowie Kapitalströme als Triebkräfte der divergenten Leistungsbilanzentwicklung identifiziert. In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass es einen engen Zusammenhang zwischen diesen beiden Triebkräften und der Entwicklung der Realzinsen im Euroraum gibt. Anschließend werden weitere Folgen der Realzinsentwicklung, die Auswirkungen auf die Leistungsbilanzen haben, vorgestellt.

Abb. 8 zeigt die durchschnittlichen Realzinsen verschiedener Länder im Euroraum, einmal für die Jahre 1996 – 2001, sowie für den Zeitraum 2002 – 2007. Zwei unterschiedliche Muster sind zu erkennen. Für beide Zeiträume weisen die Länder mit der niedrigeren Leistungsbilanz die durchschnittlich geringeren Realzinsen auf. Dies wird vor allem beim Vergleich mit Abb. 1, bzw. Abb. 2 deutlich. Die Länder, die dort jeweils in der unteren Grafik zu sehen sind, befinden sich in Abb. 8 überwiegend im Bereich relativ niedriger Realzinsen. Eine zweite Auffälligkeit ist das allgemein niedrigere Niveau der Realzinsen im Zeitraum 2002 – 2007, verglichen mit dem der vorangegangen 6 Jahren. So ergibt sich für die Realzinsen in den Jahren 1996 – 2001, gemittelt über alle Länder im Euroraum, ein Durchschnittswert (ohne Gewichtung) von 3,4 %, während der Mittelwert für die folgenden 6 Jahre nur 1,6 % beträgt, was fast eine Halbierung darstellt. Abgesehen davon gibt es kein Land, welches im zweiten Zeitraum höhere Realzinsen als im vorangegangenen aufweist.

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Abb. 8: Realzinsen im Euroraum. Quelle: Ameco, Europäische Komission. Anmerkungen: Als Nominalzinssatz wird zumeist das Zinsniveau 10-jähriger Staatsanleihen verwendet, die Inflation wird über den BIP-Deflator berücksichtigt. Zur genauen Methodik siehe Beschreibung in der Ameco-Datenbank.

Bevor auf die Konsequenzen dieser Entwicklung eingegangen wird, gilt es zunächst deren Ursachen aufzudecken. Dazu sind in Abb. 9 die Zinssätze zehnjähriger Staatsanleihen gezeigt, die üblicherweise eine große Auswirkung auf das allgemeine Zinsniveau eines Landes haben oder dieses zumindest widerspiegeln.

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Abb. 9: Zinssatz zehnjähriger Staatspapiere im Zeitverlauf. Quelle: Ameco, Europäische Komission

Bei der Darstellung wurde der Zeitraum vor Gründung der Währungsunion bewusst größer gewählt als bei früheren Grafiken, da so, aufgrund der unterschiedlichen Ausgangsniveaus, die konvergente Entwicklung der Zinsen besser zu erkennen ist. Ungefähr ab dem Jahr 1998, ein Jahr vor der Einführung des Euro als Buchgeld, erreichen die Zinssätze der verschiedenen Staatspapiere fast exakt dasselbe Niveau. Die Abweichung beträgt nur noch wenige Zehntel Prozent, mit Ausnahme von Luxemburg. Nur Griechenland, das im Jahr 2001 der Währungsunion beitrat, erreicht dieses Zinsniveau wenige Jahre später. Hans- Werner Sinn führt die Zinskonvergenz auf das Wegfallen des Abwertungsrisikos zurück, welches sich, bevor der Euro beschlossen wurde, in den Zinsen widergespiegelt hat.[31] Es ist nicht nur so, dass die Zinsniveaus sich angleichen, sie sinken auch für alle an der Währungsunion beteiligten Länder. So lässt sich auch erklären, dass die in Abb. 8 gezeigten Realzinsen in der zweiten Periode deutlich unter denen in der darauf folgenden liegen. Da die Nominalzinsen für alle Länder fast gleich sind, die (in Abb. 3 gezeigten) Preissteigerungsraten sich jedoch deutlich unterscheiden, ergeben sich die unterschiedlichen Realzinsen. Die Länder mit den größten Preissteigerungen weisen die tendenziell niedrigeren Realzinsen auf. So kann das abnehmende Niveau der Realzinsen im Zeitverlauf, sowie das unterschiedliche Niveau zwischen den verschiedenen Ländern erklärt werden.

Nachdem der Verlauf der Realzinsen gezeigt, sowie dessen Ursachen geklärt wurden, gilt es, die Verbindung zu den vorangegangenen Kapiteln aufzuzeigen.

Eine prägnante Beschreibung der kausalen Beziehung zwischen Realzins und Investitionen aufgrund theoretischer Grundlagen liefert Paul de Grauwe.[32] Dieser schreibt, dass die Gründung der Europäischen Währungsunion zu der Eliminierung von Wechselkursrisiken und somit zu geringeren Realzinsen führt. Dadurch sinkt die von den Investoren geforderte Risikoprämie zur Durchführung einer Investition und zusätzlich werden Investitionen mit einer geringeren Zinsrate diskontiert. Beides führt zu vermehrten Investitionen und einer Anhäufung von Kapital. Dies wiederum hat ein erhöhtes Wirtschaftswachstum zur Folge.[33] Soweit die theoretische Überlegung. Die gezeigten empirischen Ergebnisse bestätigen diese Theorie. Die gesunkenen Wechselkursrisiken spiegeln sich in den niedrigeren Zinssätzen der Staatsanleihen wieder. Es wurde gezeigt, dass der Realzins abgenommen hat und die Investitionen sowie das Bruttoinlandsprodukt gestiegen ist. Die hier dargestellte Kausalkette bezieht sich auf die südeuropäischen Länder, die auch ein Abfallen der Leistungsbilanz aufweisen.

Wie in Abb. 8 und Abb. 9 gezeigt wurde, sind auch in Deutschland und anderen Nordeuropäischen Ländern die Realzinsen, sowie die Zinsen auf Staatsanleihen gesunken, was jedoch nicht in demselben Maß wie bei den südeuropäischen Länder zu einem Anstieg der Bruttoinvestitionen sowie des Wirtschaftswachstums geführt hat. Hans-Werner Sinn bemerkt dies am Beispiel Deutschlands. „Die Beseitigung der Wechselkursunsicherheit war für die peripheren Länder Europas ein Segen, doch für Deutschland ein Problem, weil das Sparkapital in andere Länder floss und statt in Deutschland dort investiert wurde. (…) Überall schien das Gold heller zu glänzen als zu Hause. Die Risiken, die heute im Blickpunkt stehen, sahen die Investoren nicht, nur die etwas höheren Renditen, die man andernorts versprach.“[34] Belegt wird dies mit Zahlen, indem angeführt wird, dass im Zeitraum 2002 – 2007 50 % der gesamtdeutschen Ersparnis entweder als Netto-Direktinvestitionen im Ausland oder als Netto-Finanzkapitalexport abgeführt wurden, was einer Gesamtsumme von 480 Mrd. € entspricht.[35] Erneut spielt hier die Erwartung hoher Renditen in Südeuropa eine wichtige Rolle.

Die Realzinsen haben nicht nur Kapitalströme, sondern sowohl direkt, als auch indirekt die Löhne beeinflusst. Indirekt ist dies z.B. über den Umweg der Investitionen geschehen. Wie im vorangegangen Kapitel beschrieben, hat der Realzins zu vermehrten Investitionen in den südeuropäischen Ländern geführt, was wiederum das Bruttoinlandsprodukt und somit die Preise beeinflusst hat. So ist es für Gewerkschaften leichter Lohnerhöhungen in der Phase des Aufschwungs durchzusetzen.

[...]


[1] Der besseren Lesbarkeit und Übersicht wegen wurden wenige Abbildungsbeschriftungen gekürzt. Die ungekürzte Fassung findet sich im Text.

[2] Vgl. Kapitel 6. Dort wird auch erklärt, was Target2 ist.

[3] Diese 12 Länder sind: Belgien, Deutschland, Griechenland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien.

[4] Harms, Phlipp: Internationale Makroökonomik, Tübingen 2008, S. 17

[5] Deutsche Bundesbank: Monatsbericht März 2014, online verfügbar unter: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichte/2014/2014_03_monatsbericht.pdf?__blob=publicationFile, S.45

[6] Im Handelsbilanzsaldo wurde die „Ergänzung zum Außenhandel“ bereits berücksichtigt, siehe Deutsche Bundesbank, Monatsbericht März 2014

[7] Für die Herleitung siehe zum Beispiel Harms, Phlipp: Internationale Makroökonomik, Tübingen 2008, S. 36 f.

[8] Siehe exemplarisch Dullien, S., Schieritz, M.: Die deutsche Investitionsschwäche: Die Mär von den Standortproblemen, in: Wirtschaftsdienst, 2011 Heft 7, S. 458 – 464. Online verfügbar unter: http://www.wirtschaftsdienst.eu/archiv/jahr/2011/7/investitionsschwaeche-maer-von-standortproblemen/

[9] Zum genaueren Nachlesen sei Harms, Philipp: Internationale Makroökonomie, Tübingen 2008, Kapitel II, empfohlen

[10] Harms, Phlipp: Internationale Makroökonomik, Tübingen 2008, S. 13

[11] Exakt ist dies aufgrund statistischer Ungenauigkeiten, bedingt durch die große Anzahl der Transaktionen, meist nicht der Fall. Aus diesem Grund wird ein sogenannter Restprosten eingeführt, der die genannte Beziehung wiederherstellt.

[12] Harms, Phlipp: Internationale Makroökonomik, Tübingen 2008, S.30

[13] Deutsche Bundesbank: Statistisches Beiheft 3, Zahlungsbilanzstatistik April 2014, online verfügbar unter: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Statistische_Beihefte_3/2014/2014_04_zahlungsbilanzstatistik.pdf?__blob=publicationFile, S. 98

[14] Die Darstellung der Vor- und Nachteile einer Währungsunion wurde bewusst recht knapp gehalten. Für eine ausführlichere Beschreibung siehe zum Beispiel De Grauwe, Paul: economics of monetary union. 9. Auflage Oxford 2012

[15] Vgl. Schmitz, B., von Hagen, J.: Current account imbalances and financial integration in the euro area, in: Journal of International Money and Finance, Vol. 30, 2011, S. 1680

[16] Vgl. Schmitz, B. von Hagen, J.: Current account imbalances and financial integration in the euro area, in: Journal of International Money and Finance, Vol. 30, 2011, S. 1680

[17] Vgl. Kang, J. S. und Shambaugh, J. C.: The Evolution of Current Account Deficits in

the Euro Area Periphery and the Baltics: Many Paths to the Same Endpoint, IMF Working Paper 13/169, 2013, S. 15

[18] Vgl. Europäische Komission: Current Account surpluses in the EU, in: European Economy, 2012, online verfügbar unter: http://ec.europa.eu/economy_finance/publications/european_economy/2012/pdf/ee-2012-9_en.pdf, S. 17

[19] Siehe z.B. Belke, A. und Dreger, C.: Current Account Imbalances in the Euro Area: Catching Up or Competitiveness?, ROME Discussion Paper Series 11-01, Berlin 2011. Online verfügbar unter http://hdl.handle.net/10419/88223.Hier werden beide Faktoren untersucht und verglichen.

[20] Dies ist eine Vereinfachung des Sachverhaltes. So spielt u.A. die Höhe der Transportkosten von Deutschland nach Frankreich eine Rolle, da hierdurch der Endpreis der in Frankreich angebotenen, deutschen Waren noch einmal steigt.

[21] Sinn, Hans-Werner: Die Target-Falle, 3. Auflage, München 2012, S. 105

[22] Siehe z.B.: http://ec.europa.eu/economy_finance/db_indicators/competitiveness/index_en.htm. Hier findet sich auch eine genaue Darstellung der methodologischen Vorgehensweise

[23] Vgl. Arghyrou M. G. und Chortareas G.: Current Account Imbalances and Real Exchange Rates in the Euro Area, Review of International Economics, Vol. 16, 2008, S. 747-764

[24] Vgl. de Grauwe: economics of monetary union. 9. Auflage, Oxford 2012, S.32

[25] Vgl. Kapitel 2

[26] Bei dem hier skizzierten Modell werden andere Faktoren, die eine Auswirkung auf die Investitionen in einem Land haben können, ausgeklammert. Dazu gehören zum Beispiel Humankapitel, sowie der Zustand der Infrastruktur.

[27] Vgl. Blanchard, O. und Giavazzi, F.: Current Account Deficits in the Euro Area. The End of the Feldstein-Horioka Puzzle?, in: Brookings Papers on Economic Activity, 2002,2 , S. 178 f.

[28] Vgl. Ebenda S. 169 ff, S.179

[29] Vgl. Schmitz, B. und van Hagen, J.: Current Account Imbalances and financial integration in the euro area, in: Journal of International Money and Finance, Vol. 30, 2011, S. 1684

[30] Vgl. Ebenda S.1685

[31] Vgl. Sinn, Hans-Werner: Die Target-Falle. 3. Auflage. München 2012, S. 77

[32] De Grauwe, Paul: economics of monetary union. 9. Auflage, Oxford 2012, S. 63. Dieses Zitat bezieht sich auf den folgenden Abschnitt und wird nicht erneut erwähnt.

[33] Wie im Kapitel 4.1 gezeigt wurde, steigen in Phasen wirtschaftlichen Wachstums die Löhne (oft) sehr stark. Dies kann zu Inflation führen und die Realzinsen weiter senken, woraus sich eine Art Kreislauf ergibt.

[34] Sinn, Hans-Werner: Die Target-Falle. 3. Auflage, München 2012, S. 57

[35] Vgl. ebenda, S. 58

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Ursachen und Folgen der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Europäischen Währungsunion
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
82
Katalognummer
V311737
ISBN (eBook)
9783668106253
ISBN (Buch)
9783668106260
Dateigröße
1721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eurokrise, Leitungsbilanzen, Target2, Europäische Währungsunion, Wirtschaftskrise
Arbeit zitieren
Marius Croonenbrock (Autor), 2014, Ursachen und Folgen der Leistungsbilanzungleichgewichte in der Europäischen Währungsunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311737

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