Das Motiv der Abbildung in Diderots „Mystification ou l'histoire des portraits (1768)“


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Hauptteil

1. Diderot als Aufklärer und Verklärer

2. Zur Gattungsfrage

3. Die Figuren in Mystification als Abbildungen Diderots Zeitgenossen

4. Das Porträt und die Büsten als Motiv der Abbildung

5. Die „Netzhautmetapher“ als Motiv der Abbildung

6. Schrift als Abbild des Gesprochenen

7. Exkurs: die zweite Patrone

Fazit und Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im September 1768 berichtet Diderot erstmals in einem seiner zahlreichen Briefe an Sophie Volland von der Arbeit an seiner Mystification: „Vous savez bien, ces portraits du prince qu’on me chargeait de retirer, cela est devenu une mystification dont il y a déjà un demi- volume d’écrit. Je réserve cela pour les mortes saisons. L’histoire des portraits, que je les obtienne ou non, vous fera dire que je suis quelquefois un grand scélérat.“1 Mystification macht seinem Namen alle Ehre. Soviel sei vorweggenommen, Diderot hat den Text weder zu Lebzeiten veröffentlich noch fand er einen Platz in der „Mémoire sur la vie et les œuvres de Diderot“, welche knapp ein halbes Jahrhundert nach Diderots Tod veröffentlich wurden.

Die besagten „mortes saison“ sind wohl nie eingetreten, einhundertsechsundachtzig Jahre mussten nämlich erst vorübergehen ehe der Text in Druck gehen konnte. Diderot vermachte nach seinem Tod 1784 einen Teil seiner Werke seiner Tochter, wo sie lange Zeit unbeachtet und unentdeckt blieben. Schließlich wurde der Text als Teil des Fonds Vandeul im Jahre 1954 von Yves Benot in der Zeitschrift „Les Lettres françaises“ veröffentlicht2. Warum der Text nicht zu Lebzeiten veröffentlich wurde, soll nicht sein einziges Geheimnis bleiben.

Erzählt wird die Geschichte eines russischen Fürsten der „après son mariage, regretta deux ou trois portraits qu’il avait laissé a cette fille“.3 Diese gilt es nun mit Hilfe einer geschickt eingefädelten Täuschung wiederzuerlangen.

Der Zusatz „ou l’histoire des portraits“ stammt übrigens nicht aus Diderots Feder, sondern wurde erst im Nachhinein hinzugefügt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich, wie der Titel bereits vermuten lässt, dem Motiv der Abbildung in Diderots Mystification und konzentriert sich dabei vor allem auf die Figuren und ihre Abbilder in der realen Welt, das Porträt als Abbildung einer Person, sowie Schrift als Abbildung einer inszenierten Welt sowie gesprochener Sprache. Zuvor soll in den folgenden beiden Kapiteln der Autor, dem es wohl keiner weiteren Vorstellung bedarf, kurz unter dem Gesichtspunkt der Verschleierung dargestellt werden und die Textsorte diskutiert werden.

1. Diderot als Aufklärer und Verklärer

Denis Diderot ist einer der wichtigsten und markantesten aufgeklärten Literaten und Philosophen seiner Zeit gewesen. Dieser Abschnitt soll jedoch lediglich kurz darstellen, wie Elemente eines aufgeklärten Geistes und Elemente der persiflage und mystification déjouée (Vgl. Chartier) korrelieren.

In der Mystification wird deutlich wie ein aufgeklärter Mensch durch seine geistige Überlegenheit in der Lage ist einen unaufgeklärten Menschen zu täuschen und hinters Licht zu führen. Zwar triumphiert das aufgeklärte männliche Dreigespann aus Philosoph, Fürst und „bürgerlichem Gauner“ nicht über die Naivität der „belle Dame“, jedoch wird diese stark verunsichert und als leichtgläubige Marionette stigmatisiert.

Merkmale der Aufklärung zeigt der Text in der anatomischen Beschreibung der Netzhaut, sowie dem ausgeklügelten Täuschungsversuch mit Hilfe einer chemischen Reaktion und der generellen Vorgehensweise der Täuschung des Charlatan1 im Dienste der Wiederbeschaffung der Porträts.

Opfer ist jeweils die Leichtgläubigkeit der Mademoiselle Dornet, die spätestens bei der Verwechslung von „rétine“ und „tétine“2 als einfältig und ungebildet „comme une danceuse d’Opéra“3 charakterisiert wird. Pierre Chartier schreibt über die mystification littéraire Diderots, dass „Il [Diderot] infléchit de manière décisive le thème du charlatanisme médical dans le sens de la „philosophie“ des lumières.“4

Zur damaligen Zeit war ein intelligenter Streich jedoch auch ein schlichter Zeitvertreib und Demonstration des eigenen Scharfsinns und Raffinesse. Und so wirkt das geplante Finale der Täuschung, auch wenn es nie stattgefunden hat und in dieser Form die damaligen Möglichkeiten sicherlich auch bei Weiten überstiegen hätte, wie eine Demonstration der ungeahnten Möglichkeiten von (natur)wissenschaftlichen Phänomenen. Über die Elemente der Täuschung, ins Besondere über das Motiv der Abbildung soll nun in den folgenden Kapiteln aufgeklärt werden.

2. Zur Gattungsfrage

Der Text um den sich diese Arbeit dreht wurde aus Coulet’s Nouvelles du XVIIIe siècle entnommen und im Rahmen des Seminars „Novellen des 18. Jahrhunderts“ erörtert. Die Gattungsfrage scheint aber nur auf den ersten Blick hinfällig. Zwar ist die „unerhörte Begebenheit“ (Göthe), die relative Kürze und lineare wie singuläre Handlung nicht zu bestreiten, jedoch fällt sofort auf, dass Diderot die Dialogform für seinen Text gewählt hat. Bei der Recherche zur Mystification fällt auf, dass der Text eher selten als Novelle, dafür umso häufiger als Dialogstück bezeichnet wird. Die französische Wikipedia1 oder Pierre Chartier2 bezeichnet es schlicht als comédien, wobei komische als auch ironische Elemente durchaus vorhanden sind. Alexandra Kleihues (2002) konstatiert, dass „[w]ährend das Drama als Struktur klar abgegrenzt bleibt, werden Erzählung, Roman und „pensée“ derart mit der Dialogform verwoben, dass die Suche nach Grenzlinien müßig erscheint.“3 Tatsächlich lässt sich der Text in keiner Weise, als klassisches Drama bezeichnen, jedoch weist es zumindest dramatische Züge auf.

Kleihues unterteilt Diderots literarisches Werk in vier Kategorien gemäß ihrer Haupttendenzen und Verknüpfungen. Der „Dialog“ bleibt damit immer Hauptattribut, dem lediglich „ pensée “, „Drama“, „ conte “ oder „Roman“ hinzugefügt wird. Die Mystification ordnet Kleihues in die Kategorie „Dialog und „conte“, zusammen mit u.a. Entretien d’un père avec ses enfants (1770) und Ceci n’est pas un conte (1772) ein . Problematisch erscheint hier, das conte noch immer recht wage formuliert bleibt und nicht viel mehr als Erzählung bedeutet. Ein conte de fées lässt sich zweifelsfrei ausschließen, da der Erzähler direkt auf den Wahrheitsgehalt der Erzählung verweist und sich keinerlei fantastischen Merkmale eines Märchens ausfindig machen lassen. Zudem ist auch nicht klar erkennbar ob es sich um Fiktion oder Realität handelt. Zwar beteuert der Erzähler „la chose comme elle s’est passée“4, jedoch erscheint die Erzählung in mancherlei Hinsicht wenig glaubwürdig.5

Zur damaligen Zeit erfreuten sich auch die contes moraux zunehmender Beliebtheit, jedoch lassen sich kaum Hinweise für diese Gattung finden. Es erscheint sinnvoll, bei der Suche nach einer Moral an das Textende zu sehen wo der Suizid des „Scharlatan“ Debrosses verordnet ist. Julia Abramson (2005) erkennt, dass „The logic of a moral tale might suggest that because Desbrosses is a charlatan, it is only right that he meet with a bad end. However, Mystification is not framed as a moral tale, and it is difficult in any case to make this connection with authority and without imposing a moral on the text.“1 Diderot selbst beschreibt die Gattungsfrage in Le fils naturel (1757) wie folgt: „Une piece ne se renferme jamais à la rigueur dans un genre. Il n’y a point d’ouvrages dans les genres tragique ou comique, où l’on ne trouvât des morceaux qui ne seroient point déplacés dans le genre sérieux; & il y en a aura réciproquement dans celui-ci qui porteront l’empreinte de l’un & l’autre genre.“2 Bereits im Titel seiner Erzählung „Ceci n’est pas un Conte“ paradoxiert Diderot die Gattungsbezeichnung (Vgl. Kalmbach)

Auch wenn sich über die Gattungsfrage noch intensiver diskutieren lassen würde, scheint sie für die Fragestellung nicht unbedingt relevant und so lässt sich abschließend lediglich behaupten, dass bereits die Gattungszugehörigkeit eine erste kleine Verschleierung darstellt und nicht eindeutig geklärt werden kann und soll.

3. Die Figuren in Mystification als Abbildungen Diderots Zeitgenossen

Es ist auffällig, dass Diderot in Mystification ausschließlich real existierende Personen auftreten lässt und sogar der Ich-Erzähler unter dem Namen Diderot am Geschehen teilnimmt. Dieser Abschnitt soll untersuchen, welche Bedeutung die dargestellten Figuren zu Lebzeiten hatten und wie sie im Verhältnis zu Diderot standen. Immerhin verspricht uns der Erzähler zu Beginn, dass es sich um eine wahre Begebenheit handele.

Da über den als Diderot auftretende Erzähler wohl in diesem Kontext keine weitere Erläuterung folgen muss, soll näher auf die Besonderheiten des Erzählens eingegangen werden. Für die These dieser Arbeit ist außerdem interessant, dass Autor und Erzähler unter selben Namen auftreten. Natürlich lässt sich nicht behaupten oder gar beweisen, dass der Autor Diderot und der Erzähler Diderot die gleiche Person sind, aber von einer Form der Abbildung kann sicherlich die Rede sein. Zudem ist die Rolle des Erzählers äußerst vielschichtig. Die Erzählperspektive variiert zwischen Außen- und Innenperspektive und die Erzählsituation (Nach F.K. Stanzel) gerät von einer auktorialen Erzählsituation in eine personale Erzählsituation um mit dem Auftritt des Erzählers Diderots in eine Ich- Erzählsituation zu verlaufen.

[...]


1 Diderot, Denis : Correspondance. In: Laurent Versini (Hrsg.)(1997) DIDEROT. Paris: Robert Lafront S. 891

2 Chartier, Pierre (2012) : Vies de Diderot Volume 2 Prestige du représentable. Paris: Hermann Éditeurs

3 Diderot, Denis (1768) : Mystification. In: Henri Coulet (Hrsg.)(2002): Nouvelles du XVIIIe siècle. Paris: Gallimard. S.661

1 Diderot, Denis [u.a.] (1966) : Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. 3. 1. Texte. Ch - Cons. Stuttgart-Bad Cannstatt : Frommann S.208 : C’est cette espece d’hommes, qui sans avoir d’études & de principes, & sans avoir pris de degrés dans aucune université, exercent la Medecine [...]

2 Diderot, Denis: Mystification S.676

3 Diderot, Denis: Mystification S.661

4 Chartier, Pierre (2012) : Vies de Diderot Volume 2 Prestige du représentable. Paris: Hermann Éditeurs S. 326

1 http://fr.wikipedia.org/wiki/Mystification_(Diderot) (aufgerufen am 13.4.2015)

2 Chartier, Pierre (2012) : Vies de Diderot Volume 2 Prestige du représentable. Paris: Hermann Éditeurs S. 313

3 Kleihues, Alexandra (2002) : Der Dialog als Form : Analysen zu Shaftesbury, Diderot, Madame D’Épinay und Voltaire. Würzburg: Königshausen & Neumann S. 112

4 Diderot, Denis: Mystification. S. 661

5 Wie konnte die Figurenrede wortwörtlich dokumentiert werden? Wie sollte ein türkischer Arzt akzentfrei Französisch sprechen? Wie sollte ein vakuumähnlicher Raum für die Büsten geschaffen werden?

1 Abramson, Julia (2005) : Learning from Lying: Paradoxes of tthe Literary Mystification. Newark, DE: U of Delaware P S. 62

2 Diderot, Denis (1757) : Le fils naturel. Dorval et moi. (1772) Oxford, M.M. Rey S. 237

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Abbildung in Diderots „Mystification ou l'histoire des portraits (1768)“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Novellen des 18. Jahrhunderts
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V311782
ISBN (eBook)
9783668105287
ISBN (Buch)
9783668105294
Dateigröße
1047 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, abbildung, diderots, mystification
Arbeit zitieren
Lionel Billan (Autor), 2015, Das Motiv der Abbildung in Diderots „Mystification ou l'histoire des portraits (1768)“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311782

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Motiv der Abbildung in Diderots „Mystification ou l'histoire des portraits (1768)“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden