Armenischer Genozid? Eine Begriffsdebatte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Genese der Genozidforschung

2 Der Genozid-Begriff
2.1 Die Genozid-Konvention der Vereinten Nationen und ihre Problematik
2.2 Genozid-Theorien
2.2.1 Rudolph J. Rummel
2.2.2 Boris Barth
2.2.3 Helen Fein
2.3 Angewandtes Analyseraster

3 Der Armenische Genozid

4 Genozid in Gegenwart und Zukunft

5 Literaturverzeichnis

1 Die Genese der Genozidforschung

Bereits 1933 warf der polnische Jurist Raphael Lemkin auf der fünften internationalen Konferenz zur Vereinheitlichung des Kriminalrechts unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes die Frage auf, „ob die Souveränität eines Staates nicht an ihre Grenzen stoße, wenn eine Regierung beginne, in großem Stil ihre eigenen Bürger zu ermorden.“[1] Zu jenem Zeitpunkt noch ein rein theoretisches Problem ohne juristische Konsequenzen, prägte Lemkin noch während des Zweiten Weltkrieges den Begriff ludobójstwo, zusammengesetzt aus lud und zabójstwo, den polnischen Wörtern für „Volk“ und „Mord“. 1944 übersetzt er ihn als genocide ins Englische, vom griechischen genos für „Volk“ und dem lateinischen caedere für „töten“, und als Völkermord ins Deutsche.[2] Seine und damit die erste Definition des Genozid-Begriffs lautete „the coordinated and planned destruction of a national, religious, racial or ethnic group by different actions through the destruction of the essential foundations of the life of the group with the aim of annihilating it physically and culturally.“[3] Obwohl also die Debatte darüber, die Vernichtung derartiger Gruppen als Verbrechen unter internationale Strafe zu stellen, nachweislich vor dem Zweiten Weltkrieg angeregt wurde, bildete sich die Genozidforschung erst als die sogenannten „post-holocaust-studies“[4] aus der Holocaustforschung heraus.

Die These von der Einzigartigkeit des Holocaust forderte wiederholt Gegenargumente heraus, die auch auf andere Genozide in der Geschichte verwiesen, so beispielsweise „die weitgehende Ausrottung der Ureinwohner Nordamerikas und den Massenmord an den Armeniern im Verlauf des Ersten Weltkrieges.“[5] Um einer Trivialisierung der welthistorischen Bedeutung der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten entgegenzuwirken, entwickelte sich die komparative Genozidforschung, um Strukturmerkmale und mögliche Gemeinsamkeiten zwischen genozidalen Ereignissen im Vergleich herauszuarbeiten. Diese Forschung wird jedoch durch den Mangel an einer gemeinsamen wissenschaftlichen Grundlage zum Teil erschwert, da die Debatte um eine präzise Definition des Genozidbegriffs sich bis dato reger Beteiligung erfreut.[6]

Zum ersten Mal wurde im Zuge der Nürnberger Prozesse versucht, „völkerrechtlich verbindliche Kriterien zu definieren, nach denen die absolute Souveränität des Staates über seine Untertanen begrenzt werden konnte.“[7] Desweiteren kam es im Zuge der Verhandlungen, die zur Gründung der Vereinten Nationen führten, zu intensiven Diskussionen bezüglich der Entwicklung eines neuartigen juristischen Instrumentariums zur Verhinderung zukünftiger Völkermorde, welche in der Festschreibung der sogenannten Genozidkonvention der UNO[8] gipfelten.[9] Diese Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, welche am 9. Dezember 1948 einstimmig von der UNO-Vollversammlung angenommen wurde, ging aus einem Gesetzesentwurf Raphael Lemkins hervor und basiert auf dessen ursprünglicher Genoziddefinition von 1933.[10]

Ein Massaker oder die Vernichtung größerer Menschengruppen als Genozid zu bezeichnen, hat nach der Entwicklung des Genozidbegriffs teilweise fast trendartige Ausmaße angenommen[11] und besitzt doch oft nicht die ausreichende Berechtigung. In der vorliegenden Arbeit soll deshalb analysiert werden, ob das oben bereits erwähnte Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als Genozid eingestuft werden kann, oder nicht. Zu diesem Zweck wird es anfangs um den Genozidbegriff selbst, seine Entwicklung innerhalb der Singularitätsdebatte und verschiedene diesbezügliche Theorien, sowie die UNGC und deren Problematik gehen. Nach einer Darstellung der Begriffsdebatte um den Genozidbegriff wird anhand der Thesen von Rudolph J. Rummel, Boris Barth und Helen Fein ein Analyseraster festgesetzt, welches im zweiten Teil der Arbeit auf besagte Vorfälle im Osmanischen Reich angewandt wird. Nach dieser Diskussion, ob tatsächlich von einem Genozid an den Armeniern gesprochen werden kann, soll abschließend die Bedeutung des Genozidbegriffs in Gegenwart und Zukunft aufgezeigt werden.

2 Der Genozid-Begriff

In Deutschland konnte sich die vergleichende Genozidforschung erst seit den späten 1990er Jahren herausbilden. Bis dahin wurde diese Wissenschaftsdisziplin noch von Historikern dominiert, die mit sehr engen Begriffsdefinitionen arbeiteten, „weil die Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg als der ultimative Fall von „wirklichem“ Genozid angesehen wurde.“[12] Wer international vergleichende Genozidforschung anstellen wollte, war dem Generalverdacht ausgesetzt, die Bedeutung des Holocaust relativieren zu wollen. Diese Haltung resultierte zum einen aus der intensiven Vergangenheitsbewältigung, die die deutsche Öffentlichkeit für mehrere Jahrzehnte beschäftigt hatte und noch bis heute beschäftigt. Zum anderen löste Ernst Nolte mit seiner These vom kausalen Nexus 1986 den sogenannten Historikerstreit um die Singularitätsdebatte aus, innerhalb dessen sich auch vermehrt Geschichtsrevisionisten zu Wort meldeten. Nolte postulierte, dass der Holocaust kein der Geschichte enthobenes Ereignis oder Werk eines absoluten Bösen war, sondern aus einem identifizierbaren historischen Kontext hervorging. So deutete er zum Beispiel die Arbeitslager Stalins als unmittelbare Vorbilder der nationalsozialistischen Konzentrationslager.[13] Im Zuge dieser Debatte gab es immer wieder revisionistische und nationalistische Historiker, die Noltes Thesen aufgriffen, um den Holocaust als gewöhnlichen, nicht qualitativ von anderen Großverbrechen unterscheidbaren Massenmord herunterzuspielen.[14]

Obwohl die vergleichende Genozidforschung die Singularität als Unvergleichbarkeit ablehnt, weil die einmaligen Besonderheiten des Holocaust erst im Vergleich mit anderen Völkermorden feststellbar seien, gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung hervorheben. So entwirft beispielsweise Daniel Jonah Goldhagen ein Konzept, mit dem er jegliche Art von eliminatorischen Angriffen in eine von vier Kategorien einordnet: Beherrschung und Transformation im Inland, Wahnhaftes Wüten im Ausland, Imperialismus im Inland und Imperialismus im Ausland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eliminatorische Ergebnisse

Goldhagen grenzt in dieser Klassifikation die Vernichtungsbestrebungen der Nationalsozialisten an den Juden, Sinti und Roma in einer eigenen Kategorie Wahnhaftes Wüten im Ausland ab und begründet dies damit, dass „[n]ur eine seltene, hochwirksame und krankhafte Ideologie (…) eine derart bizarre Politik hervorbringen [konnte] (…), die sich historisch von der aller anderen Masseneliminierungen unterscheidet.“[15] Laut Goldhagen komme den Juden, Sinti und Roma eine beinahe einzigartige Opferrolle zuteil, da an ihnen ein Massenmord an einem rein imaginären Feind außerhalb des eigenen Landes verübt wurde.[16]

Stefan Friedrich bezeichnet den Historikerstreit als kritische Prüfung des Genozidbegriffs selbst und seiner Anwendung und fasst die Problematik der Singularitätsdebatte auf drei Ebenen zusammen: Zum einen besteht in der Rede von der Einzigartigkeit des Holocaust in Abgrenzung zu anderen kollektiven Gewaltverbrechen die Gefahr einer Trivialisierung und Sakralisierung. Mit der Einzigartigkeit gehe laut Friedrich eine Nicht-Erklärbarkeit und Nicht-Verstehbarkeit einher, die den Holocaust sowohl aus seinen historischen Kontexten als auch aus der Geschichte selbst herauslöse und dadurch zu einer Art Mystifizierung und Sakralisierung führe. Damit sei gleichzeitig eine Trivialisierung verbunden, da diese Einmaligkeit und Unerklärbarkeit die Beschäftigung mit dem Holocaust erübrige.[17] Ein weiteres Problem an der Singularität sieht Friedrich in den Worten Georg Iggers, dass „Geschichte das Reich des Einmaligen darstelle und sich daher jedwede Orientierung an allgemeinen und generalisierenden, vom konkreten Ereignis(-zusammenhang) abstrahierenden Erklärungsmustern und –modellen verbiete.“[18] Auch hier tritt die Gefahr der Relativierung zu Tage, wenn die Einzigartigkeit eines Ereignisses darin fußt, dass es vergangen ist und nicht noch einmal in der gleichen Art und Weise geschehen kann. Formeln wie „Nie wieder Ausschwitz“ oder „Erinnern“, die die deutsche Vergangenheitsbewältigung nach dem Holocaust und die Politische Bildungsarbeit bis heute prägten und prägen, würden demnach ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft verlieren.[19] An dritter Stelle lenkt Friedrich seinen Blick auf die Thesen Steven T. Katz‘, der die Singularität auf phänomenologisch-historischer Ebene begründet sieht. Laut Katz unterscheidet sich der Holocaust darin von anderen, von der vergleichenden Genozidforschung herangezogenen Fällen, dass die Intention der Nationalsozialisten in einer ihnen eigenen Form des Antisemitismus wurzelte und auf die Vernichtung ausnahmslos aller Juden abzielte, wobei die Erfüllung dieser welthistorischen Aufgabe die Erlösung von sämtlichen Problemen der Welt bedeutete. Um Gegenargumenten der komparativen Völkermordforschung vorzugreifen, zieht Katz die im Folgenden noch näher zu behandelnde UNGC heran und deutet diese dahingehend um, „dass – unabhängig vom Erfolg – allein die intendierte Vernichtung ausnahmslos aller Individuen einer vom Täter definierten Gruppe als Genozid bezeichnet werden kann.“[20] Obwohl er für den Nachweis seiner Behauptung, dass demnach die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten der einzige Genozid in der Geschichte sei, selbst die Methode des Vergleichs anwendet, verbietet sich für ihn ein jeglicher Vergleich mit anderen potenziellen Fällen, da auch er darin eine Trivialisierung der Bedeutung des Holocaust sieht.[21]

Auch Helen Fein nimmt in ihrem Aufsatz „Definition and Discontent: Labelling, Detecting, and Explaining Genocide in the Twentieth Century“ Bezug auf Katz‘ These: „The narrowest and radically unique definition is that of Steven Katz, who defines only the attempted total annihilation of a people as genocide and considers the annihilation of the Jews during the Holocaust as the only case of genocide in history.“[22] Für Fein wirft dieses Kriterium der Totalität der Vernichtungsabsicht die Frage auf, wie man einen gerade vonstattengehenden Genozid als solchen erkennen solle, ohne dass das Verbrechen beendet würde.[23] „It is clear that Katz’s definition, which radically departs from international law, does not enable us to detect genocide-in-the-making in a timely way, including that of the Jews during (rather than after) the Holocaust.“[24]

Diese Debatte um die, vorwiegend von Historikern verfochtene, Singularität des Holocaust, brachte die sozialwissenschaftlich orientierte Genozidforschung nicht davon ab, in der Methode des Vergleichs die Möglichkeit zu sehen, gemeinsame Elemente, aber auch Unterschiede zwischen Genoziden herausarbeiten zu können.[25] Die Kritik Helen Feins an der These von Steven T. Katz zeigt, dass es dabei nicht nur um die Berechtigung geht, ein Ereignis als Genozid klassifizieren und analysieren zu dürfen, sondern vor allem auch um einen präventiven Mehrwert, also darum, mögliche Genozide in Zukunft frühzeitig erkennen und verhindern zu können. Gerade unter diesem Aspekt kann der Holocaust aufgrund seiner unzweifelhaft besonderen Charakteristika nicht als Maßstab des Vergleichs dienen.[26]

2.1 Die Genozid-Konvention der Vereinten Nationen und ihre Problematik

Nach dem Zweiten Weltkrieg „war für alle Mitglieder der Vereinten Nationen klar, dass der nationalsozialistische Völkermord einen völlig neuen Typus von Verbrechen darstellte, der von einem Staat begangen worden war und der mit ebenso neuartigen Methoden von der internationalen Gemeinschaft bestraft werden musste.“[27] Deshalb wurde bereits am 9. Dezember 1948 die UNGC einstimmig beschlossen, die am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Dass sich das in diesem Zuge von Raphael Lemkin geschaffene Kunstwort genocide schnell in allen Sprachen durchsetzte, zeigt, dass „international ein starkes Bedürfnis [bestand], die neuartigen Staatsverbrechen der nationalsozialistischen Führung auch terminologisch neu zu fassen.“[28]

[...]


[1] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, Version 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, http://docupedia.de/zg/Genozid_und_Genozidforschung, Stand: 27.07.2015, S. 4.

[2] Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde, Reinbek 1998, S. 236.

[3] Lemkin, Raphael: Axis Rule in Occupied Europe, Washington D.C. 1944, S. 79.

[4] Horowitz, Irving Louis: Taking Lives. Genocide and state power, London 1980, S. 240.

[5] Förster, Stig; Hirschfeld, Gerhard: Einleitung, in: Förster, Stig; Hirschfeld, Gerhard [Hrsg.]: Jahrbuch für historische Friedensforschung (7), Genozid in der modernen Geschichte, Münster 1999, S. 5f.

[6] Vgl. ebd., S. 6f.

[7] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 5.

[8] Im Folgenden als UNGC (United Nations Genocide Convention) bezeichnet.

[9] Vgl. Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 5.

[10] Vgl. Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde, S. 236.

[11] Vgl. Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 8.

[12] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 9.

[13] Vgl. Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. FAZ, 6. Juni 1986, in: Reinhard-Piper, Ernst [Hrsg.]: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 39-46.

[14] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 9.

[15] Goldhagen, Daniel Jonah: Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist, München 2009, S. 314.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Friedrich, Stefan: Soziologie des Genozids, Grenzen und Möglichkeiten einer Forschungsperspektive, erschienen in der Schriftenreihe „Genozid und Gedächtnis“, hrsg. vom Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum, München 2012, S. 209f.

[18] Ebd., S. 211.

[19] Vgl. ebd.

[20] Katz, Steven T.: The Holocaust in Historical Context, Band 1: The Holocaust and mass death before modern age, New York 1994, S. 128f.

[21] Vgl. Friedrich, Stefan: Soziologie des Genozids, S. 212f.

[22] Fein, Helen: Definition and Discontent: Labelling, Detecting, and Explaining Genocide in the Twentieth Century, in: Förster, Stig; Hirschfeld, Gerhard [Hrsg.]: Jahrbuch für historische Friedensforschung (7), Genozid in der modernen Geschichte, Münster 1999, S. 15.

[23] Vgl. ebd.

[24] Ebd., S. 16.

[25] Vgl. Friedrich, Stefan: Soziologie des Genozids, S. 213.

[26] Vgl. Friedrich, Stefan: Soziologie des Genozids, S. 213.

[27] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung, S. 5.

[28] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Armenischer Genozid? Eine Begriffsdebatte
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V311860
ISBN (eBook)
9783668108066
ISBN (Buch)
9783668108073
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genozid, Armenier, Genozidkonvention, Politik, Rummel, Barth, Fein
Arbeit zitieren
Selina Winkler (Autor), 2015, Armenischer Genozid? Eine Begriffsdebatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311860

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