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Die Mathematisierung des Menschen und seiner Lebenswelt. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik aus Perspektive des 21. Jahrhunderts

Titel: Die Mathematisierung des Menschen und seiner Lebenswelt. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik aus Perspektive des 21. Jahrhunderts

Masterarbeit , 2015 , 83 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Lara Krumnikl (Autor:in)

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Mein Ziel ist es in dieser Arbeit, die in dem Roman "Corpus delicti" von Juli Zeh beschriebene Sinnkrise unter philosophischer Perspektive genauer zu untersuchen. Juli Zehs erschaffene Gesellschaft ist geprägt von einer extrem rationalistischen Denkweise, die die Individualität des einzelnen Menschen und seine geistigen Qualitäten vernachlässigt, geradezu wortwörtlich wegrationalisiert. Der Mensch wird betrachtet als eine Summe seiner Werte, seiner Leistung; die Summe eines messbaren, mathematisierten Status. Sämtliche lebensweltliche Phänomene werden einzig und allein aus naturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet.

Ich werde mich vor allem auf die Ursachen und Symptome der sogenannten „Krise“ konzentrieren, weswegen das übergeordnete Thema „Die Mathematisierung des Menschen und der Lebenswelt“ lautet. Der Roman repräsentiert in etwa den Fokus, den ich bei meiner Untersuchung wähle, nämlich den der Mathematisierung im Sinne eines zunehmenden Einflusses physikalistischer Reduktionsprozesse der modernen Naturwissenschaften auf unser Menschen- und Weltverständnis.

Doch diese Thematik ist keines Falles eine Neue. Die behandelte Thematik im Roman bildet nur einen kleinen Ausschnitt einer Denkweise einer traditionellen Kritik an der Mathematisierung unserer Lebenswelt. Einer der Begründer dieser Strömung ist der Philosoph Edmund Husserl. Auch der Phänomenologe sprach in seiner „Krisis der europäischen Wissenschaften“ von 1935 von einer Sinnkrise, ausgelöst durch eine Mathematisierung und Objektivierung der Lebenswelt.

Mein Hauptanliegen wird es sein, aufzuzeigen, welche auffälligen Parallelen sich in seiner phänomenologischen Wissenschafts- und Kulturkritik und aktuellen kritischen Untersuchungen und Publikationen finden. Ich möchte zeigen, dass beispielsweise aktuelle Kritiker wie Juli Zeh, letztendlich von nahezu identischen gesellschaftlichen Entwicklungen und ideologischen Tendenzen sprechen, wie bereits vor knapp einem Jahrhundert Edmund Husserl. So wird sich meine Arbeit sowohl klassischen, philosophischen Schriften widmen, die dieses Thema behandeln, als auch aktuellen, modernen Untersuchungen und Auseinandersetzungen und schließlich möchte ich auch selbst, ohne Grundlage von Texten, Symptome und mögliche Konsequenzen der prognostizierten Sinnkrise in unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aufzeigen.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik

1.1. „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ von Husserl

1.1.1. Wandel der Wissenschaften

1.1.2. Mathematisierung der Füllen

1.1.3. Vergessen der Lebenswelt

1.1.4. Das Dogma der Naturwissenschaften und die Philosophie

1.2. Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen von Löwith

1.2.1. Umwelt als „ent-objektivierte“ Mitwelt

1.2.2. Nicht-Objektivität von Objekten

1.3. Die Henrysche Barbarei – eine phänomenologische Kulturkritik

1.4. Zwischenfazit I

2. Einfluss der Naturwissenschaft auf unser Welt- und Menschenverständnis im 21. Jahrhundert

2.1. Thesen

2.2. Das Verhältnis der Geistes- und Naturwissenschaften

2.3. Die Debatte um Gehirn und Geist

2.4. Mathematisierung unseres Weltverständnisses

2.5. Zwischenfazit II

3. Der vermessene Mensch

3.1. Der Mensch als Zahlenkolonne

3.2. Die gesellschaftlichen Folgen und ein neu entstehendes Menschenbild

3.3. Ökonomisierung durch Mathematisierung

3.4. Zwischenfazit III

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht kritisch den zunehmenden Einfluss naturwissenschaftlicher, reduktionistischer Methoden auf das Verständnis des Menschen und seiner Lebenswelt. Ziel ist es, die philosophischen Ursachen und gesellschaftlichen Folgen dieses Mathematisierungsprozesses aufzuzeigen und die Aktualität phänomenologischer Kulturkritik im 21. Jahrhundert zu belegen.

  • Phänomenologische Kritik an Objektivierung und Mathematisierung
  • Einfluss des reduktionistischen Naturalismus auf das Menschenbild
  • Die Debatte um Gehirn und Geist im Kontext des Neuro-Determinisums
  • Gesellschaftliche Auswirkungen von Quantified-Self-Bewegung und Selbstvermessung
  • Die Ökonomisierung privater Daten im digitalen Zeitalter

Auszug aus dem Buch

3.1. Der Mensch als Zahlenkolonne

Für die deutsche Juristin und Schriftstellerin, stellen jedoch nicht nur die potenziell falsch gedeuteten Ergebnisse der Selbstvermessungstechniken ein Problem dar. Für sie stellt Quantified Self eine Art „männliche Magersucht“ dar („männlich“, weil hauptsächlich Männer im Bereich Sport zum Messen ihrer Fortschritte neigen). Sie beschreibt das Streben nach Selbstkontrolle als „Selbstermächtigung durch Selbstversklavung“. Ähnlich wie Menschen mit Magersucht sieht sie in diesem Ehrgeiz einen Kampf gegen den eigenen Körper.

„Letztlich wirkt da die religiöse Vorstellung fort, der Weg zur Freiheit des Geistes führe über die Kasteiung des Fleisches. Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht. Als frommer Gläubiger nimmt sich der Selbstvermesser jede Möglichkeit zum Selbstbetrug. Die Datenbank ist der Beichtstuhl, der Dienst an der Technik sein tägliches Gebet. ‚Selbst, selbst, selbst’, lautet das Credo einer Religion ohne Gott, die den Einzelnen zum Schöpfer, zum Designer der eigenen Person erhebt. ‚Vermessen’ ist nicht nur der Körper des Selbstquantfizierers, sondern auch der Anspruch die totale Konzentration auf sich selbst müsse eines Tages zu Wohlbefinden führen. Egozentrik als Biozentrik.“

Natürlich gilt es hier zu relativieren; nicht jeder, der beim Joggen sein Handy nutzt, um zu kalkulieren, wie weit er gelaufen ist und wie viel Kalorien er dabei verbrannt hat, ist gleich ein chronischer Selbstvermesser. Jedoch stellt Juli Zeh kritisch eine extreme Ausweitung der Idee des Selbstvermessens in unserer Gesellschaft fest, wie vor allem Ideale der Selbstoptimierung und Egozentrik. Vor allem der Gedanke, physische Perfektion sei das höchste Gut, werde immer stärker vermittelt und nicht zuletzt durch unsere Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie genährt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik: Diese Einleitung in die phänomenologische Perspektive zeigt auf, wie Husserl, Löwith und Henry eine Kritik an der Objektivierung der Lebenswelt begründeten.

2. Einfluss der Naturwissenschaft auf unser Welt- und Menschenverständnis im 21. Jahrhundert: Hier werden aktuelle naturwissenschaftliche Trends kritisch hinterfragt und mit den phänomenologischen Thesen verknüpft.

3. Der vermessene Mensch: Das abschließende Kapitel analysiert die konkrete Manifestation der Mathematisierung im digitalen Alltag und durch die Ökonomisierung von Daten.

Schlüsselwörter

Mathematisierung, Phänomenologie, Lebenswelt, Edmund Husserl, Reduktionismus, Naturalismus, Selbstvermessung, Quantified Self, Geist-Gehirn-Debatte, Sinnkrise, Digitalisierung, Ökonomisierung, Juli Zeh, Objektivierung, Selbstoptimierung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert kritisch, wie moderne naturwissenschaftliche Methoden zunehmend alle Lebensbereiche erfassen, den Menschen auf messbare Daten reduzieren und somit eine philosophische "Sinnkrise" sowie eine Veränderung unseres Selbstbildes verursachen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen umfassen die phänomenologische Wissenschaftskritik, das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften, die Hirnforschung im Kontext des Determinismus sowie die digitale Vermessung des Menschen.

Welche Forschungsfrage wird verfolgt?

Die Autorin geht der Frage nach, inwiefern die moderne Mathematisierung von Mensch und Lebenswelt real existierende gesellschaftliche Probleme widerspiegelt und welche Konsequenzen dies für die menschliche Freiheit und Identität hat.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die methodische Grundlage bildet die phänomenologische Analyse, die durch eine philosophisch-reflektierte Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen ergänzt wird.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch klassische Philosophen (Husserl, Löwith, Henry) und eine aktuelle Analyse anhand moderner Kritiker und Phänomene wie "Quantified Self" und "Big Data".

Was charakterisiert die Arbeit?

Charakteristisch ist die Verbindung von tiefgründiger phänomenologischer Theorie mit lebensnahen, modernen Beispielen, um die philosophische Relevanz aktueller technologischer Trends aufzuzeigen.

Was bedeutet die "Mathematisierung der Füllen"?

Dieser Begriff nach Husserl beschreibt den Vorgang, in dem qualitative Sinneserfahrungen (wie Wärme oder Farbe) in quantitative, mathematisch erfassbare Modelle übersetzt werden, wodurch ihre ursprüngliche subjektive Bedeutung verloren geht.

Wie bewertet die Autorin die Selbstvermessungs-Bewegung?

Die Autorin sieht darin ein "totalitäres Potenzial" und eine "egozentrische Selbstversklavung", da das Streben nach Perfektion und die Reduzierung des Menschen auf Daten das Verständnis für geistige Werte und zwischenmenschliche Solidarität gefährdet.

Welche Rolle spielt der Roman "Corpus Delicti" von Juli Zeh?

Der Roman dient als plakatives, dystopisches Fallbeispiel, das drastisch vorführt, wohin eine Gesellschaft steuert, die den Menschen rein als ein durch Daten und Gesundheitskontrollen optimierbares Objekt betrachtet.

Warum wird von einer "vierten Kränkung" gesprochen?

In Anlehnung an Freud wird die Digitalisierung als "digitale Kränkung" bezeichnet, da sie den Glauben des Menschen an seine Freiheit und Mündigkeit durch die Vorhersagbarkeit und Manipulierbarkeit seines Verhaltens infrage stellt.

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Details

Titel
Die Mathematisierung des Menschen und seiner Lebenswelt. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik aus Perspektive des 21. Jahrhunderts
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Lara Krumnikl (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2015
Seiten
83
Katalognummer
V311911
ISBN (eBook)
9783668109070
ISBN (Buch)
9783668109087
Sprache
Deutsch
Schlagworte
husserl phänomenologie kulturkritik wissenschaftskritik mathematisierung lebenswelt juli zeh gehirn und geist löwith henry physikalismus reduktionismus
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Lara Krumnikl (Autor:in), 2015, Die Mathematisierung des Menschen und seiner Lebenswelt. Phänomenologische Wissenschafts- und Kulturkritik aus Perspektive des 21. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311911
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Leseprobe aus  83  Seiten
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